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Vielen Dank für diesen Bericht, bei dem einem das Herz stockt und mich gleichzeitig Lea`s Mut tief berührt, mit dem sie ihre Geschichte öffentlich macht. Vielen Dank, dass Sie darüber schreiben!

Ich bin Körpertherapeutin mit dem Schwerpunkt Prä-und Perinatale Psychologie.
Mit diesem Hintergrund begleite ich Frauen in der Schwangerschaft mit der Bindungsanalyse und bereite sie HypnoBirthing-basiert auf eine weitestgehend angstfreie, natürliche und selbstbestimmte Geburt vor.

Viele meiner Klientinnen kommen nach traumatischen ersten Geburtserfahrungen - entweder von sich aus, oder sie werden von ihrer Hebamme bzw. Gynäkologin zu mir geschickt. Sie haben irrsinnige Ängste vor der meist zweiten Geburt und bei genauerer Nachforschung ergibt sich in einem großen Ausmaß eine frühe sexuelle Gewalterfahrung. Die schwangeren Frauen sind damit vollkommen alleine gelassen. Sie schweigen aus großer Scham, und sind sich der Mechanismen, wie die frühere Missbrauchserfahrung zu ihrer traumatischen Geburtserfahrung führte, nicht bewusst, ebenso wenig wie dies vielen Hebammen und GynäkologInnen bewusst ist.

Auf der Bindungsanalyse-Tagung im Juni 2016 in Köln, hielt ich zu meinen positiven Erfahrungen in der Geburtsvorbereitung mit diesem Thema einen Vortrag. Das machte ich deshalb, da mir niemand etwas dazu erzählen konnte, den ich im Vorfeld befragte. Auch bei den Kolleginnen und Kollegen in der Bindungsanalyse schien das kein Thema zu sein. Bei befragten Hebammen, GynäkologInnen usw. war und ist es ebenso ein Tabuthema. TherapeutInnen wagen sich in der Schwangerschaft ebenfalls nicht daran. Auch Fachliteratur lässt sich nur schwer finden. Das Thema existiert scheinbar nicht...
Und ich werde laufend weiter damit konfrontiert, denn es hat sogar Auswirkungen auf die schwangeren Töchter missbrauchter Mütter, die zu mir in die Bindungsanalyse, bzw. Geburtsvorbereitung kommen. Schwangere, die selber keinen Missbrauch erlebten, dies aber von ihrer Mutter wissen, erfuhren traumatische Geburten.
Vielleicht haben Sie schon von „Roses Revolution“ gehört, das ist eine globale Bewegung gegen Gewalt in der Geburtshilfe. Jedes Jahr am 25. November sind Frauen eingeladen, eine rosa Rose vor die Kreißsaaltür nieder zu legen, hinter der ihr Gewalt angetan wurde. Hier nun ein Zitat aus der aktuellen Auswertung der Roses Revolution Deutschland 2016:
„...41 Briefe vom RosRev-Team an Kliniken, in denen vortraumatisierte Opfer sexueller Gewalt auch unter der Geburt Gewalt erlitten haben.“ Die retraumatisierten Frauen waren selber nicht in der Lage, sich zu dem Ort ihrer Geburtserfahrung zu begeben und die Dunkelziffer traumatisierter Frauen ist sehr wahrscheinlich noch erheblich höher.

Ich will, dass dieses Thema endlich öffentlich angesprochen wird, denn es existiert. Und ich will die schwangeren Frauen unterstützen, damit sie nicht eine erneute traumatisierende Erfahrung machen und die dann an ihr Baby in die nächste Generation weitergeben (Stichwort Weitergabe von transgenerationalen Trauma). Es ist wichtig im Interesse einer guten Geburtserfahrung, das Thema mit aller gebotenen Sensibilität anzugehen.

Aus diesen Gründen beantragte ich die Gründung einer neuen Arbeitsgruppe in der ISPPM Internationale Gesellschaft für Prä- and Perinatale Psychologie und Medizin, die AG "Schwangere Mütter mit frühen Erfahrungen sexueller Gewalt". Vom Vorstand werde ich einhellig zu meiner Initiative unterstützt.

Mein Erfahrungsbericht/Vortrag, „Werdende Mütter mit Missbrauchserfahrungen – Möglichkeiten der Bindungsanalyse“ erschien als Buchbeitrag im Tagungsband. Er ist auch auf meiner Homepage zu lesen.