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Sehr geehrte Frau Kabisch,

erst einmal Danke, dass Sie sich mit unserem Magazin auseinandersetzen, kritisch auseinandersetzen. Ob die Titelzeile wirklich glücklich gewählt ist, darüber kann man diskutieren, das tun wir auch. Wobei eine Titelseite durchaus ein Vorurteil aufgreifen kann, das ist eine Strategie, um Menschen für ein Thema überhaupt zu interessieren. Und daran lag uns: dass sich möglichst viele mit dem Thema Psychiatrie beschäftigen. Das ist ja nicht das Lieblingsthema der meisten Leute, oder?

Zu Ihrer Frage, warum ich nicht auch eine schlechte (mit viel Zwang arbeitende) Station besucht habe: Bei dem beschränkten Platz, den wir in unserem kleinen Heft haben, hielt ich das nicht für zielführend. Ich fand und finde es sinnvoller, zu zeigen, dass man auch auf einer normal ausgestatteten, also sehr spärlich mit Personal ausgestatteten, Station einiges besser machen kann. Und genau das versucht das "Weddinger Modell". Aus diversen Rückmeldungen an mich über eigene Erfahrungen mit Psychiatrien (selbst oder Angehörige) habe ich erfahren, dass LeserInnen das auch genau so verstanden haben: Die Behandlung auf einer psychiatrischen Station ließe sich relativ leicht sehr viel menschenfreundlicher und gesundungsfördernder gestalten.

Man erfährt in der Reportage ja auch durchaus davon, wie es andernorts zugeht: durch die Abgrenzungen, die die Oberärztin zieht. Es sind nur Details, aber sie sind schockierend, und sie zeigen sehr deutlich, wie die Lage vielerorts ist.

Die Debatte um die Urteile der höchsten Gerichte, um die nachfolgenden Gesetzesänderungen auf Bundes- und Länderebene sind mir selbstverständlich bekannt. Ich halte die aktuelle Gesetzeslage nicht für der Weisheit letzten Schluss, hoffe da auf klarstellende, korrigierende Rechtsprechung. Das können Sie aber nicht in einem Magazin mit 1,3 Mio. LeserInnen ausbreiten, da steigen die allermeisten vorzeitig aus dem Text aus, und damit wäre der Sache - einer menschenwürdigen Psychiatrie - nun auch nicht gedient. Interessant fand ich übrigens beim Lesen der Artikel und Stellungnahmen von 2011-2013, dass es auch Angehörigen-Stellungnahmen gab, die sich für die Möglichkeit von Zwangsbehandlungen und Einweisungen ausgesprochen haben.

Die Angehörigen kommen in der Reportage (die sich ja auf einen Ort beschränken muss) aus zweierlei Gründen nicht vor: Ein paar wenige Angehörige habe ich vor Ort gesehen, aber aus Gründen des Datenschutzes konnte ich vieles nicht erzählen; und: Viele PatientInnen hatten BetreuerInnen, interessierte Angehörige gab es nicht. Bitte verstehen Sie: Als Journalistin, die zu Gast auf einer psychiatrischen Station ist, kann ich nicht einfach so Menschen ansprechen. Es ist schließlich ein Krankenhaus, die PatientInnen und ihre Angehörigen sind in einer Krise, da will man nicht auch noch von einer Journalistin ausgefragt werden. Aus Respekt vor den PatientInnen musste ich mich dezent und rücksichtsvoll verhalten. Das sehen Sie sicher genauso.

Für das Hilfedossier auf unserer Homepage habe ich selbstverständlich auch mit dem Vorstand des Psychiatrieerfahrenenverbandes gesprochen, außerdem mehrfach auf den Angehörigen-Verband hingewiesen und seine hilfreichen Infoschriften. Den Text finden Sie hier: http://chrismon.evangelisch.de/psychiatrie

Nun hoffe ich, dass ich Ihnen damit wenigstens einige Ihrer Fragen beantworten konnte.

Mit freundlichen Grüßen
Christine Holch
Chefreporterin
Redaktion chrismon