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Liebe Chrismon-Redaktion,
„Irre sind menschlich.“ Menschen sind sie freilich nicht, so weit möchte man dann doch nicht gehen. Aber immerhin, sie haben menschliche Züge. Bei genauem Hinsehen kann man erahnen, dass die da doch entfernte Ähnlichkeit haben mit uns, den Normalen. Und Sie haben ganz genau hingesehen. Eine ganze Woche lang haben Sie sich auf eine Vorzeige-Station gewagt und dort mit Menschen gesprochen. Sogar mit den Patienten. Wie mutig von Ihnen. Und jetzt? Was wollen Sie damit sagen?
Es ist gibt Psychiatrie-Erfahrene, die im Nachhinein Einsicht in ausgeübte Zwangsmaßnahmen zeigen. – Alles halb so schlimm also, und über andere Fälle, über Rahmenbedingungen, über die Gesetzeslage, über die Folgen, auch für Angehörige, sprechen wir besser nicht? Es ist möglich, mit Psychiatrie-Patienten freundlich umzugehen. – Wer hätte das gedacht? Und dann soll es sogar Menschen geben, die in der Psychiatrie arbeiten und das Beste für die Patienten wollen. – Welch unerwartete Neuerung?! Und überhaupt: Wenn es eine Station gibt, die weniger düster wirkt, als erwartet, brauchen wir weder über andere heutige Stationen noch über grundlegende Strukturen weiter nachzudenken?
Es ist mein Ernst, ich verstehe es nicht. Bitte erklären Sie es mir. Und dann ist da noch etwas, das ich gerne verstehen möchte. Nach Foucault, nach Goffman, nach „Ich hab dir nie einen Rosengarten versprochen“ und nach „Irren ist menschlich“ – Sie sehen den Unterschied? – sind es immer noch die alten Gleichsetzungen (Psychiatrie-Patienten = Psychotiker = Irre!) und die alten Gegenüberstellungen (arme Irre / freundliche Behandler). Wie kann das sein?
Als ich Ihren Titel gesehen habe, musste ich erst einmal zwei Tage lang meinen Mut zusammennehmen, um den Artikel überhaupt noch zu lesen. Was Sie gut auf den Punkt bringen: „Symptomfreiheit ist keine Garantie für Lebenszufriedenheit.“ (S. 24) Aber wer hat das letzte Wort, wenn es gilt, hierüber abzuwägen? Darüber schreiben Sie nichts. Und ein öffentliches Bewusstsein darüber wäre dringend notwendig!
Was ich mir von Ihnen wünsche: Nehmen Sie bitte Stellung zu meinen Fragen. Bringen Sie am besten eine Gegendarstellung, in der sie nicht nur eine einzige Station und deren Nachbar-Station beschreiben. Lassen Sie bitte auch Angehörige zu Wort kommen. Und vor allem, geben Sie das Titelblatt, das erste und das letzte Wort des Artikels nicht denen, die ohnehin die Deutungshoheit haben, sondern denen, die sonst kaum zu Wort kommen. Von ‚dem evangelischen Magazin‘ hätte ich das erwartet.