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Leben in einem Seniorenstift.

Wir sind in ein Seniorenstift gezogen. Vor ein paar Monaten. Unsere Kinder haben das, da der Gedanke nicht mehr neu war für sie, ohne große Reaktion zur Kenntnis genommen; haben wir Ihnen doch immer gesagt, dass wir sie damit entlasten und uns von Ihnen genau so wenig abhängig machen, wie sie für unser späteres Wohlergehen verpflichten wollen. In unserem sonstigen Umfeld reichte die Reaktion von" Respekt" über "warum denn, Euch geht's ja noch gut" bis "?".

 

Natürlich kennen wir auch Menschen unserer Altersklasse, die das gar nicht erwägen, da Sie damit rechnen, dass sie schon mit ihrer Situation später einmal zurechtkommen werden, ohne dies selbst konsequent zu durchdenken, oder aber sie planen "Jemanden ins Haus zu nehmen".

 

Nun muss man zugeben, dass nicht jeder in ein Seniorenstift, wie sich das Unsere nennt, gehen kann. Ganz schlicht: weil ihm die Mittel dazu fehlen. Viele aber, vermutlich mehr als es jetzt tun, könnten es jedoch, wenn sie wie wir, bereit wären, ihr Haus oder sonstiges Eigentum zu verkaufen, um die monatlichen Einkünfte auf das notwendige Niveau zu heben.

 

Lebensentwürfe sind eben sehr unterschiedlich. Das Alter wird vielleicht zu sehr als ein "eben weiter machen" angesehen. Es ist jedoch eine Lebensphase, in der man selbstkritisch feststellen kann, dass auch Altgeübtes schwerer fällt, Neues nicht mehr so leicht angenommen wird und für sehr viele Menschen körperliche, und leider auch manchmal spürbare, geistige Einschränkungen auftreten.

 

Wir sind umgezogen und unser Haus ist verkauft. Wir sind in unserer neuen Umgebung sehr, sehr freundlich aufgenommen worden. Ja, es wird hier auch gestorben. Ja, und man erfährt auch von plötzlichen schweren Erkrankungen, von Schlaganfällen und Ähnlichem, in einem Maß, in dem man sonst vielleicht nicht damit konfrontiert werden würde.

 

Rollatoren sind überall und für manche ist der tägliche Gang ins Restaurant zum Mittagessen (obwohl es das auch im Apartment gibt) schon eine Anstrengung und sehr mühsam. Realität des Altwerdens eben! Obwohl alle hier natürlich ihr eigenes Leben mitbringen und weiterhin ihren Vorstellungen gemäß leben, so gibt es doch offenbar viele Gemeinsamkeiten.

 

Alle haben mehr oder weniger freiwillig die Realitäten des Altwerdens anerkannt. Sie haben auf vieles verzichtet, denn im Laufe eines langen Lebens sammeln sich sehr viele Dinge und Gewohnheiten an, die nur noch sehr eingeschränkt in ein Seniorenapartment passen. Daher hat sich jeder hier von Liebgewordenem getrennt, es sozusagen der Realität geopfert.

 

Alle können damit leben, dass erst neu gewonnene Bekanntschaften, Freundschaften, immer wieder bald enden. Wenn man hier viele Jahre lebt, wir haben schon Einige getroffen die das über 20 Jahre tun, dann hat man das oft und immer wieder erfahren. Auch das muss man aushalten.

 

Keiner redet über Krankheiten, obwohl ja eigentlich jeder irgendein Problem hat. Es wird auch niemand auf sichtbare Einschränkungen (z.B.in der Bewegung oder beim Gehen) angesprochen. Das ist sehr angenehm und wohl ein unausgesprochener Konsens, dem wir uns sehr gerne angeschlossen haben.

 

Man lässt sich nicht gehen in der Kleidung, bei den Manieren. Es gibt beim gemeinsamen Essen im Restaurant keine Schlabberhosen oder -hemden etc. Am Sonntag tragen fast alle Männer Jacke und Krawatte oder ähnliches, die Frauen kleiden sich natürlich entsprechend.

 

Ist es das, was wir erwartet haben? Im Großen und Ganzen schon. Wir sind im Seniorenstift angekommen.

 

[Anmerkung der Redaktion: Der Leserbriefschreiber möchte gerne anonym bleiben, Name und Anschrift sind uns aber bekannt.]