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...und Mann entstammt einer Zeit, als die Menschen ihre Lebensweise umstellten. Sie wurden seßhaft und kurbelten die Reproduktion an. Wo Frauen vorher alle vier Jahre ein Kind bekamen, bedingt durch die Lebensumstände, wegen Praktiken zur Empfängnisverhütung konnten sie jetzt nahezu jederzeit schwanger werden und ihre Kinder auch lebensfähig zur Welt bringen und aufziehen. Nämlich mit der Milch ihrer Haustiere. Das setzte große soziale Veränderungen in Gang. Unter Anderem sank der soziale Rang der Frauen und Mädchen deutlich hinter Männer und Jungen zurück. Weibliche Wesen wurden fortan vor Allem als Arbeitskraft und als Objekte, an denen Männer sich sexuell abreagierten und die Nachwuchs gebären angesehen. Die vormals vorhandene, vermutlich komplexe erotische Kultur wandelte sich ebenfalls. Und landete da, wo sie sich seit ein paar Tausend Jahren befindet: etwa auf der Ebene der Viehzucht.
Da die echte und natürliche Liebe zwischen Mann und Frau, Mann und Mann und Frau und Frau schwand und durch ritualisierte heterosexuelle Bande (die Ehe) ersetzt wurde, entwickelte man allerlei Rituale und Mythen, um den entstandenen Verlust zu kompensieren. Die von der "reinen, heiligen" Liebe, davon, dass die Rolle der Frau beim Sex die Hin- und Selbstaufgabe sei, die des Mannes das Nehmen und Überwältigen, Frauen ganz von selbst eher asexuell und auf jeden Fall "mütterlich" seien. Männer dagegen sexgierig und grob. Ehejubiläen werden gefeiert, um davon abzulenken, dass die meisten Menschen sich nach einiger Zeit des Miteinanders auf den Keks gehen und neu verorten oder finden müssen. Usw., usw., usw. Wir kennen das alles zur Genüge.
Seit wenigen Jahrzehnten ist da wieder was im Umbruch.

Und insgesamt ist die Debatte wichtig. Sie sollte unbedingt einen weiteren Teil unsere sexuellen Traditionen berücksichtigen. Nämlich die Tatsache, dass in unserem Land so viele Kinder sexuell ausgebeutet werden, dass der Prozentsatz an Missbrauchsopfern unter den Erwachsenen bei fast 13 liegt. Auch dies eine Folge von Übereinkünften und Gewohnheiten, die im Christentum verankert sind.
Nicht umsonst wurde die Missbrauchsdebatte, die ab 2010 unsere Gesellschaft wieder einmal erfasste, von Opfern der Katholischen Kirche entfacht.

Missbrauch ist in unserer Kultur so verbreitet, dass wir ihn rein rechnerisch als vollkommen normal einstufen müssen.

Angelika Oetken, Berlin-Köpenick, eine von 9 Millionen Erwachsenen in Deutschland, die in ihrer Kindheit und/oder Jugend Opfer schweren sexuellen Missbrauchs wurden