Neue Lesermeinung schreiben

Mit Interesse habe ich Ihren Leitartikel “Die Soldaten der Roten Armee” gelesen. Der Beitrag ist meines Erachtens keine Grundlage für eine Versöhnung zwischen zwei Völkern und zwar aus folgenden Gründen:
1. Es wird in keiner Weise auf die Aggressionen der Roten Armee und ihre Eroberungen in den Nachbarländern eingegangen. Es fehlt z. B. der Überfall auf Finnland am 30.11.1939 mit der Vertreibung von 20 Prozent der Finnen und die Annexion des von ihnen bewohnten Landes. Auch die Annexion der drei baltischen Staaten am 20.07.1940 mit der Deportation hunderttausender Balten bei Ansiedlung russischer Bevölkerungsteile bleiben unerwähnt, ebenso der Überfall auf Polen am 17.09.1939 mit der Deportation von fast einer Million Polen. Kein Thema ist auch die Annexion der zu Rumänien gehörenden Provinzen Bessarabien und der Nordbukowina.  Weitere Ansprüche hatte der Außenminister Molotow bei seinem Besuch am 12.11.1940 in Berlin vorgetragen. Es ließen sich noch viele völkerrechtswidrige Akte auflisten. Die inneren Vertreibungen, u. a. der Tschetschenen, Krimtataren und der Deutschen in der Sowjetunion sind Beispiele für weitere verbrecherische Akte. Es ist ein falsches Bild, wenn die Rote Armee nur als Verteidigungsinstrument dargestellt wird.
 
2. Die schrecklichen Grausamkeiten der Roten Armee bei ihrem Einmarsch in Deutschland, die hunderttausenden ermordeten Zivilpersonen, die Deportationen von 500-600 000 Zivilpersonen in sowjetische Zwangsarbeitslager (überwiegend Frauen, aber auch Kinder) bei einer Todesrate von 50 Prozent, die 1,3 Millionen zu Tode gekommenen deutschen Kriegsgefangenen (Zahl des Lagers Friedland), alles bleibt außen vor.
  
Die russischen Schriftsteller Lew  Kopelew und Alexander Solschenizyn konnten die vielen Massaker und Vergewaltigungen an der deutschen Bevölkerung nicht mehr ertragen und berichteten darüber nach Moskau. Beiden brachte dies Internierung in einem Gulag ein. Wie
 muss es überlebende deutsche Opfer treffen, wenn über all dies hinweggegangen  und nur das Leid der anderen Seite thematisiert wird?
 
3. Es kann nicht bestritten werden, welche Verbrechen auch von Deutschen begangen wurden. Es darf aber nicht der Eindruck erweckt werden, dass die deutsche Wehrmacht ein Hort von Kriminellen gewesen ist. Wieso wurde nicht mehr auf die Einsatzgruppen abgehoben, die insbesondere mit der Ermordung von Juden befasst waren?
 
Ihr Artikel kann deshalb nur Widerspruch, bis hin zu Wut wegen seiner Einseitigkeit hervorrufen, vor allem bei Opfern der Roten Armee. Rechtsradikale können sich in ihrem Weltbild bestärkt fühlen. Wie unter Verantwortung der evangelischen Kirche ein solcher Beitrag erscheinen kann, ist rätselhaft. Während bei Schilderungen über deutsche Opfer stets auf deutsche Taten hingewiesen wird, findet sich dies umgekehrt nicht. Der Beitrag in Chrismon
verklärt die sowjetische Seite, indem deren Soldaten schuldlose Opfer zu sein scheinen und die von ihnen begangenen Verbrechen gegen die Menschlichkeit verschwiegen werden. Versöhnung erfordert aber Bekenntnis auf beiden Seiten. Was ist sonst christlich?     
 
 
Mit freundlichen Grüßen
 
Rudi Pawelka