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Ihr Artikel "Danke, Viktor! Soldaten der Roten Armee befreiten Deutschland - und zahlten einen hohen Preis dafür" verschweigt leider schamhaft die dunkle Kehrseite der Medaille.
Unbestritten: NS-Deutschland führte einen Vernichtungs- und Versklavungskrieg gegen die Sowjetunion.
Unbestritten: Angehörige der Wehrmacht und der Waffen-SS verübten diverse Kriegsverbrechen.
Die genannten Zahlen über militärische und zivile Opfer der Sowjetunion stimmen, auch das, was Sie über die Behandlung der sowjetischen Kriegsgefangenen in Deutschland schreiben. Ich verneige mich vor den sowjeti- schen Opfern dieses schrecklichen Krieges.
Zur Wahrheit gehört aber auch der hohe Preis, den die deutsche Zivilbevölkerung in den von der Roten Armee eroberten Gebiete bei ihrer "Befreiung" zu zahlen hatte. Diesen Preis verstecken Sie hinter der verharm- losenden Formulierung: "Das Kriegsende war nicht schön für die meisten Deutschen."  "Nicht schön" für Plünderungen, Massen-Vergewaltigungen, willkürliche Erschießungen von Zivilisten, sinnlose Zerstörungswut!
Soll sich meine Schwiegermutter, die 1945 als 19-Jährige mehrere Tage von sowjetischen Soldaten verschleppt und vergewaltigt wurde, bei ihren "Befreiern" bedanken? Sie ist kein Einzelfall, sondern eine von ca. 2 Millionen Frauen und Mädchen, die ihre "Befreiung" ähnlich erlebten.
Es ehrt den sowjetischen Veteranen Victor Maximow, dass er sich zu seinen Rachegefühlen gegen die Deutschen während des Krieges bekennt: 
"Ich weiß nicht, was ich alles getan hätte, wäre ich nach Deutschland gekommen."
Interessant wäre es gewesen, die sowjetischen Veteranen auch nach diesen Gewalt-Exzessen zu fragen: Wie denken sie heute darüber?
Objektiv gesehen "befreiten" die sowjetischen Soldaten (nicht zu vergessen die britischen, US-amerikanischen und französischen) Deutschland 1945 von einem menschenverachtenden System. Aber Soldaten wie Victor Maximow sind nicht mit der hehren Idee, die Deutschen vom NS-System zu befreien, in den Krieg gezogen, sondern um ihr Vaterland zu verteidigen und dann zum Gegenangriff überzugehen. Im ideologischen Selbstverständnis der Sowjetunion war der Nationalsozialismus eine Form des Kapitalismus, der vernichtet werden sollte. Dabei schob die Sowjetunion ihr System so weit wie möglich nach Westen vor. Die Entnazifizierung in der sowjetisch besetzten Zone bestand dann auch in Maßnahmen zur Beseitigung kapitalistischer Wirtschafts- strukturen (Enteigung von Großgrundbesitz, Sozialisierung von Betrieben) und diente der Vorbereitung auf das sozialistische System der DDR, hinter dem nur ca. ein Viertel der Bevölkerung stand und das dank sowjetischer Hilfe bis 1989 Bestand hatte. Kann man da von "Befreiung" sprechen?

 

Jürgen
Scheuerer