Neue Lesermeinung schreiben

Sehr geehrte Frau Holch,

die Idee, sich einmal in die Rolle eines Mannes zu versetzen, finde ich gar nicht mal verkehrt. Auch Ihr Anliegen, geschlechtsspezifische Rollenzuschreibungen zu hinterfragen, kann ich nachvollziehen.
Was mich jedoch verletzt und wütend macht ist die Art und Weise, wie Sie in Ihrem Artikel von diesem Seminar berichten. Ich habe trotz mehrmaligen Lesens nicht eine einzige wertschätzende Aussage über „männliches“ Verhalten finden können. Die von Ihnen geschilderten männlichen Klischees sind ausschließlich negativ besetzt:

Ein Mann schaufelt beim Gehen mit den Armen. Er schaut so übbellaunig, dass ihm fast das Gesicht abfällt. Wir Männer lächeln nicht, nicken nicht bestätigend, zeigen keine Gefühle, sind nicht nett, zumindest nicht so nett wie Susanne, 51. Männer sprechen betont langsam, als wäre jedes Wort ein Juwel der Weisheit. In unserem geräumigen Schuhwerk besitzen wir den Boden unter unseren Füßen. Ein Mann merkt nicht einmal, wenn er von einer (mit den Armen schaufelnden?) Frau verfolgt wird, deshalb bohrt er sich auch in aller Öffentlichkeit in der Nase.

Ihr Blick auf rollentypisches männliches Verhalten ist extrem abschätzig, wenn Sie schildern, wie Lars grunzt und laut den Schleim hochzieht. Manche Aussagen sind in polemisierender Weise übertrieben: Leider gibt es Männer, die lauthals Kommentare über Frauen abgeben. Ich hatte in den vergangenen Wochen aber doch den Eindruck, in der Fußgängerzone viele sehr „sommerlich“ gekleidete junge Frauen gesehen zu haben, die zwar eine Sonnenbrille, aber offensichtlich keine Ohrenstöpsel trugen und den Tag sichtlich genossen haben, weil sich die meisten Männer eben doch benehmen können.
Es ist ein ziemlicher Unfug, einen Mann zu schildern, der mit den Absätzen klackt, damit ihm auf der Straße Platz gemacht wird. Klackende Absätze kenne ich bislang nur von High-Heels-Trägerinnen. Vollends absurd wird der Text, wenn ein Mann eine Kellnerin als „Püppie“ bezeichnet und militärisch knappe Befehle erteilt.

Warum haben Ihre mit breiten Pinselstrichen skizzierten Männer nicht auch mal sympathischen Zug? Der Baukasten der Geschlechterrollenklischees kennt doch durchaus auch männliche Tugenden. Ein „echter Kerl“ kann die neuesten elektronischen Geräte bedienen und erklärt diese auch mit einer Engelsgeduld seiner geliebten Mutter. Er trägt alle schweren Gegenstände im Haushalt und hebt für seine Gattin Gegenstände oben auf den Schrank, ohne eine Leiter zu benötigen. Er ist fachlich und körperlich kompetent, einen Bohrhammer, eine Kreissäge und eine Betonmischmaschine zu bedienen. Probleme auf der Arbeit kann er klären, ohne sogleich alles auf der Beziehungsebene zu interpretieren. Seine Dominanz und Stärke setzt er „ritterlich“ ein, um seine Familie zu schützen, um für Gerechtigkeit, beispielsweise an seinem Arbeitsplatz, zu sorgen, oder um belästigten Frauen beizustehen, ganz ohne Hintergedanken. Klar, das sind Klischees. Keine dieser Beschreibungen trifft auf alle Männer zu, noch nicht mal auf die meisten. Ich stelle ja auch nicht „die“ Männer dar, sondern individuelle Männer. Nach dem Motto „Es gibt solche Typen“ oder „Ich kenne so einen“.

Außerdem sind auch nicht alle Männer von Beruf Chef. Wenn Sie "echte Kerle" kennenlernen wollen, die unser aller großen Respekt verdienen, dann hospitieren Sie doch bitte mal einen Tag
- beim Straßenbau,
- bei der Müllabfuhr.
Ich wette ein Fass Bier darauf, dass auch in 10 Jahren noch diese Tätigkeiten ausschließlich von Männern ausgeübt werden.

In Ihren Antworten auf kritische Kommentare argumentieren Sie, Frauen würden sich ja auch über Drag Queens amüsieren, also über Männer, die in überdrehter Manier Frauen darstellen. Dieser Vergleich hinkt. Drag Queens stellen Frauen zwar einseitig, aber durchaus positiv dar. Conchita Wurst ist attraktiv, witzig, perfekt gestylt, ohne den Vollbart sogar begehrenswert. Und wie sprechen im Vergleich hierzu Ihre Damen über die Verkleidungen? „Super. Also grauslich. Also super.“ Wenn das witzig gemeint war, dann bewegt sich dieser Humor auf dem zynischen Niveau eines schlechten Blondinenwitzes.

Ein derartig einseitiger Text, der typisch „weibliches“ Verhalten so verunglimpfend darstellt, wäre niemals veröffentlicht worden. Zusammenfassend möchte ich deutlich machen, dass ich diesen Text als männer- und damit menschenverachtend empfinde und mich auf üble Weise diskriminiert fühle.