Neue Lesermeinung schreiben

Erstmal freue ich mich, dass sie hier auf Lesermeinungen direkt eingehen. Mehr als der Artikel selbst ärgert mich, dass die EKD sich die Genderideologie zu eigen gemacht hat. Die Themenauswahl von Chrismon ist ja bloß ein Ausdruck davon. Ob man sich dabei im Mainstream bewegt, lässt sich nicht unbedingt an den Reaktionen der Leser auf dieser Seite ablesen, da es sich vermutlich um ein explizit christlich orientiertes Publikum handelt, also keinen repräsentativen Querschnitt darstellt. Der Trend scheint mir jedenfalls in diese Richtung zu gehen.
"In seiner Eröffnungsrede (des Studienzentrum für Genderfragen in Hannover) betonte der Vorsitzende des Rates der EKD, Nikolaus Schneider, dass die Gestaltung einer gerechten Gemeinschaft von Frauen und Männern eine bedeutsame Aufgabe für die evangelische Kirche ist. In dieser Gemeinschaft sollten alle ihre individuellen Gaben und Fähigkeiten unabhängig vom Geschlecht gleichberechtigt entfalten können". Ich glaube diesem Ansinnen würde wohl kaum jemand widersprechen wollen. Nun bin ich mir aber nicht sicher, ob das wirklich den Kern dessen trifft, was "Gender" meint. Wikipedia sagt "Gender bezeichnet ein von sozialen und kulturellen Umständen abhängiges Geschlecht und damit eine soziokulturelle Konstruktion, die jeweilige Herrschaftsstrukturen im Geschlechterverhältnis widerspiegeln". Die Gender Theoretikerin Judith Butler behauptet, dass "Geschlecht" sowohl als auch "sexuelle Orientierung" erst durch den Prozess gesellschaftlicher Prägung hergestellt würden. Also entweder benutzt die EKD den Terminus "Gender", ohne sich über dessen Implikationen klar zu sein, oder ich habe etwas nicht richtig verstanden. Die dritte Möglichkeit wäre, dass man bei der EKD tatsächlich derartige Auffassungen vertritt. Dann hätte man sich meiner Meinung nach allerdings sehr weit von einem christlichen Welt- und Menschenbild entfernt.

Was den Artikel betrifft, gut, hier geht es nur um Geschlechterrollen. Geschlechterrollen sind erst einmal gesellschaftliche Vorgaben. Allerdings sind auch diese nicht in einem Vakuum entstanden, sondern basieren zunächst auf natürlichen Unterschieden, können diese aber verstärken, verfestigen und zu Geschlechtsstereotypen führen. Wenn die weibliche Rolle ein höheres Maß an Emotionalität beinhaltet, hat das sicherlich auch mit einer durchschnittlich höheren Empathiefähigkeit von Frauen zu tun, weil das für eine Mutter, die sich in ihr Kind einfühlen muss, eine ganz wichtige Voraussetzung ist. Allerdings gibt es auch viele Männer und Frauen, die sich mit den Rollenklischees unwohl fühlen. Deswegen finde ich es grundsätzlich nicht falsch, wenn man das hinterfragt und lockert. Allerdings sollte man dann bestimmte Eigenschaften gerade nicht als "typisch männlich" definieren und Frauen sollten nicht versuchen sich "wie Männer" zu verhalten, sondern auf ihre weiblichen Stärken setzen und sich eben nicht in Rollenklischees zwängen lassen. Weibliche Stärke wird immer eine andere Färbung haben als männliche Stärke, und das ist auch gut so, weil wir als Männer und Frauen geschaffen wurden. Das macht auch einen Teil der Anziehung zwischen den Geschlechtern aus. Grundsätzlich denke ich, dass sich jeder Mensch so annehmen sollte wie er ist, und dass man seine Identität nicht wechseln kann wie seine Schuhe. Vor diesem Hintergrund finde es gefährlich, wenn man beispielsweise Geschlecht als eine Frage der persönlichen Wahl erscheinen lässt. Auch das gibt es ja, und hier sollte der Glauben den Menschen Mut dazu machen, zu sich selber zu stehen.

Ich glaube es gibt sehr viel Verwirrung über diese Fragen in der Gesellschaft und auch bei vielen Gläubigen. Deswegen ist ein offener Diskurs darüber ganz wichtig. Wenn ich auch über das Artikelthema im engeren Sinne hinaus greife, hoffe ich dass es dazu beitragen kann einige Irritationen besser zu verstehen, die es im Kontext Gender und EKD gibt, wenn ich einmal etwas systematischer darauf eingehe. Herzliche Grüße!