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Johannes Schmidt schrieb am 3. Juli 2014 um 16:45 "Die Feststellung von Kausalitäten ist ja nun aber keine ganz banale Sache". Sie sprechen ein großes Wort gelassen aus. Sie sehen folgende Kausalitätskette: "Die Verbraucher waren am Verschwinden der Tante-Emma-Läden schon auch beteiligt. Sie sind ja der größeren Auswahl und der kleineren Preise wegen lieber 10 km mit dem Auto zum Supermarkt gefahren. Dass die kleinen Läden auf dem Dorf unter diesen Voraussetzungen irgendwann dicht machen, ist klar. Kann man das wirklich der dunklen Macht namens Kapitalismus allein anlasten?" Erst sind die Verbraucher also schuld daran, dass die kleinen Läden Pleite machen. Ordentlich schuldbewusste Verbraucher könnten dann wenigstens in Sack und Asche gehen und Buße tun. Als Sühneleistungen, die wie immer überdies sehr gesund sind, kämen in Frage: Einkäufe sind mit dem Fahrrad zu erledigen. Zu jammern gibt es da bei 10 Kilometern einfacher Entfernung nichts. Schließlich hat Jan Ullrich auch mal die Tour de France gewonnen. In Fällen minderschwerer Schuld darf es als Straferleichterung sogar ein E-Bike sein. Auch Einkauf zu Fuß mit Handkarren ist gesund. Oder sich einen Lastesel halten. Da könnte man der Jugend auch gleich Tierliebe einbimsen und sie sanft auf den Pfad des Vegetariertums bringen. Was machen die reulosen, sündigen Verbraucher statt dessen? Soweit sie sich überhaupt noch ein Auto leisten können, benutzen sie das rotzfrech zum Einkaufen und machen damit das Klima kaputt.__________________________________

Eine Kausalkette ist so schwach wie ihr schwächstes Glied. Ist das erste Glied falsch, kann die ganze Kausalkette getrost in die Tonne getreten werden. Und bitte nicht recyclen! Sie bezeichnen es zu Anfang Ihrer Argumentation als klar, dass unter diesen Voraussetzungen die kleinen Läden Pleite machen. Wenn das angeblich klar ist, dann ist allerdings mindestens genau so klar, dass unter diesen Voraussetzungen die Verbraucher auf das Geld und die Auswahl achten und dort einkaufen, wo es die größere Auswahl zu den kleineren Preisen gibt. Ihre Suche nach Schuldigen kann also genau so gut die Tanten namens Emma zu Verbrecherinnen erklären. Was müssen die auch immerzu die höheren Preise bei kleinerer Auswahl verlangen? Nach derselben Logik erklären wir ganz locker die Supermärkte zu den Übeltätern. Was müssen die auch ständig die größere Auswahl zu kleineren Preisen bieten?________________________________________

Es zeigt sich also zweierlei. Erstens: Die unerschütterliche Suche nach Schuldigen ist zwar landesüblich und sehr beliebt, bringt aber keinen Deut Klarheit in ökonomische, politische und gesellschaftliche Verhältnisse. Zweitens: Alles, was es hier zu erklären gäbe, wird versteckt hinter der Formulierung "ist klar". Offenbar ist überhaupt nichts klar. Sonst wäre klar, dass sowohl die kleinen Tante-Emma-Läden wie auch die Supermärkte nur dazu auf der Welt sind, Gewinne zu machen. Untereinander stehen die Läden in Konkurrenz um die beschränkte Zahlungsfähigkeit der Verbraucher. Wer von der nicht genug auf sich ziehen kann, verschwindet von der Bildfläche. Der Verbraucher ist in diesem durchgeknallten Treiben, das ihn nichts angeht, das Material, nämlich der Kaufkraftbringer. Blöderweise ist er aber angewiesen auf diese Geschäfte. Wie ich bereits früher geschrieben habe, muss er alles, was er braucht oder haben will, diesen Gestalten, die auf sein Geld und sonst nichts scharf sind, abkaufen. Von dem Geld hat er als Normalo nur soviel, wie er als Lohn oder Gehalt bekommt. Der König Kunde ist also das Schwein, das es immer neu zu schlachten gilt, ohne dass es gemästet würde. Dass der anständige Bürger diesen Zustand für das Normalste der Welt hält, ist so selbstschädigend wie Gemeingut aller Kapitalismusfans, glühende und nichtglühende gleichermaßen. Die Prediger der Öko-Verzichtsmoral legen allerdings noch einen ordentlichen Hammer drauf. Das ökonomische Schlachtschwein wird zum moralischen Schwein erklärt, weil es das macht, wozu es gezwungen wird, nämlich sparsam mit seinem Geld umzugehen.