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Johannes Schmidt schrieb am 1. Juli 2014 um 13:46: "Einer von uns missversteht die Verzichtsappelle." Das schaut mir nicht so aus. Wir haben schlichtweg gründlich verschiedene Ansichten zur Moral. Ich versuche, diese Unterschiede zu verdeutlichen._____________________________________
Zitat: "Ich bin bisher immer davon ausgegangen, dass sie sich vor allem an die Begüterten richten,..." Nein, ein Kernpunkt ist das gleichmäßige Aufteilen des ideell erlaubten CO2-Gesamtaufkommens auf jeden Erdenwurm. Das ist die Fortschreibung des Gleichheits- und Gerechtigkeitsideals, das dem demokratisch betreuten hiesigen Wirtschaften zugrunde liegt. Es soll sich jeder angesprochen fühlen. Die Verzichtsmoral kommt nicht daher als Aufruf an besser gestellte Kreise mit dem Beiklang, dass die Normalmenschen jetzt weghören dürfen, weil es sie sowieso nichts angeht. Jeder soll sich schämen, der bei dieser Moral nicht dabei ist.___________________________________
Zitat: "Der Empfänger einer kleinen Rente oder einer Sozialleistung muss sich dagegen kaum den Kopf über Einschränkungen zum Zwecke des Klimaschutzes zerbrechen, weil er sein finanzielles Budget ohnehin vollständig zur Befriedigung seiner Grundbedürfnisse einsetzen muss." Das befreit ihn doch gerade nicht von der Verpflichtung, auch beim Kauf von Klopapier seinen virtuellen Bezugsschein herauskramen zu müssen. Dann stellt er fest, dass das billigste Klopapier - nur das kommt für ihn vom Geldbeutel her in Frage - ökologisch unsauber ist. Also darf er es nicht kaufen. Darin zeigt sich die Brutalität dieser Moral. Der Normalmensch hat keinen Pieps zu sagen, was welche Firmen auf welchem Wege herstellen. Als Verbraucherwürstchen vor dem Supermarktregal soll er aber die Folgen tragen und moralisch dafür gerade stehen.________________________
Sie werden sich mutmaßlich auch nicht der Illusion hingeben, dass diese gepredigte ökologische Selbstbeschränkung je über den Status einer teils belächelten, teils bewunderten Marotte von Ökofreaks hinauskommt. Das ist aber auch gar nicht nötig für die verheerende Rolle, die solche Moralvorstellungen spielen. Was kommen wird, sind Verteuerungen, sowohl von sogenannten Luxusartikeln wie auch von Massenprodukten. Soviel von der propagierten Moral bleibt immer hängen, dass jeder das Gefühl hat, er sei schuldig, wenn er das Falsche kauft oder macht. Das kriecht heute schon aus allen Ritzen. Die Armen und Normalos werden sich manches nicht mehr leisten können und sich mit dem guten Gewissen trösten, dass sie ökologisch sauber geblieben sind. Auf diejenigen, die sich das teurere Zeugs leisten können, dürfen sie mit Verachtung blicken. Das juckt die Reicheren nicht. Sie haben ja den Teil der Moral auf ihrer Seite, der ihnen bescheinigt, dass sie mehr geleistet und deshalb auch Anspruch auf die teureren Genüsse haben.____________________________
Zitat: "Jetzt wird es spannend." Keineswegs. Jetzt wird es uninteressant. Was irgendwelche Typen irgendwelcher Gesellschaften machen, von denen niemand weiß, ob es sie jemals geben wird, braucht niemanden zu interessieren. Was hier und heute los ist und welche Rolle dabei die Moral spielt, das ist von höchstem Interesse. Dass die Malediven absaufen und an Bangladesh nur interessant ist, ob das hiesige Kapital noch an deren verzweifelten Gegenmaßnahmen was verdienen kann, das ist das sichere Ergebnis des real existierenden Kapitalismus. Die Ökomoral ändert daran nichts, sondern sorgt dafür, dass die demokratisch betreute Marktwirtschaft auch weiterhin ihr weltweites Werk verrichtet. Millionen von Toten sind die fest eingeplante Folge.