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Johannes Schmidt schrieb am 29. Juni 2014 um 12:00: "ich habe gerade in meinem Portemonnaie nachgesehen, da wird weder gearbeitet noch werden dort Interessen artikuliert." Tragen Sie Kapital, also Geld, das zur Vermehrung bestimmt ist, in Ihrem Portemonnaie herum? Da rate ich sehr ab! Sie werden am Abend oder auch nach einem Jahr betrüblich feststellen müssen, dass der 50-Euro-Schein keine Jungen bekommen hat. Auch das Zusammenlegen eines Scheines und einer Scheinin, um mich politisch korrekt auszudrücken, bringt keinen Erfolg. Eine bemerkenswerte Eigenschaft von Geldscheinen ist übrigens, dass sie völlig taub sind für die Aufforderung, doch endlich Verantwortung zu übernehmen. In dieser Beziehung halte ich Geldscheine für vorbildlich.__________________________________ Zitat: "Genau so wenig kann Geld arbeiten" Da bin ich völlig Ihrer Meinung. Wissen Sie, woher diese gängige Redeweise vom Geld, das arbeitet, kommt? Aus der Moral. Die sagt, dass es sich nicht gehört, anders als durch ehrliche Arbeit zu Geld zu kommen. Wo Moral herrscht, herrscht zwangsläufig systematische Lüge. Also kann auch das Geld, das eine Geldanlage erbringt, nur aus Arbeit stammen. Und weil dort, wo Moral gepflegt wird, also fast überall, der Verstand einen sehr schweren Stand hat, hat somit plötzlich das Geld gearbeitet und keiner langt sich ans Hirn._______________________________ Zitat: "Ich bestreite allerdings, dass das Kapital Interessen haben kann.....In meinen Augen können immer nur Menschen Interessen haben und verfolgen." Auch da sind wir uns einig. Die auch von mir benutzte Sprechweise des Kapitalinteresses ist allerdings ein unschuldiges Sprachkürzel für das Interesse derer, denen das Kapital gehört. Wenn ich also geschrieben habe, dass das Kapital sich vermehren will, dann wäre die Langform davon: Die Eigentümer des Kapitals wollen, dass ihr Kapital vermehrt wird. Insbesondere will ich durch diese gängige kurze Ausdrucksweise keineswegs ein Auftrittsverbot erteilen dem Ihnen vermutlich auf der Tastatur liegenden Ausruf: "Das Kapital muss Verantwortung zeigen!" Das übersetze ich kostenlos und als Serviceleistung selber in "Die Kapitaleigner müssen Verantwortung zeigen!" Zufrieden?_____________________________________ Zitat: "Trägt auch der Bankkunde, der gern 8% Zinsen pro Jahr auf seine Einlagen bekommen möchte (selbstverständlich risikolos), Verantwortung für schädliche Produktionsprozesse?" Das dürfen Sie nicht mich fragen. Ich moralisiere nicht. Ich versuche zu erklären. Beim Erklären kommt der Begriff Verantwortung mit gutem Grund nicht vor. Verantwortung ist eine moralische Kategorie. Ich erkläre, dass der Bankkunde das Interesse hat, aus seiner Einlage mehr zu machen. Die Bank bedient dieses Interesse. Sie sackelt das Geld mit Vergnügen ein, weil sie selber eben dieses Geld - und übrigens noch viel, viel mehr - als Kredit vergibt, dafür deutlich mehr Zinsen verlangt, als sie selber zahlt und somit das Interesse nach Geldvermehrung derer, denen die Bank gehört, befriedigt. Soweit das klassische Bankgeschäft. So schaut eine Erklärung aus. Dort kommt nirgendwo der Begriff Verantwortung vor. Es kommen auch nirgendwo die Begriffe gut und böse vor. Eine weitere Erklärung könnte die Frage beantworten, warum eine Firma, ja, eine Firma, nicht der Geschäftsführer oder der für die Finanzierung zuständige Mitarbeiter, Kredit haben will. So geht Denken. Und wenn man sehr viele solcher Schritte aneinanderfügt, dabei der Kritik und Selbstkritik Raum gibt, hat man schließlich ein brauchbares Stück Erkenntnis. Dann weiß man, was Kapitalismus ist und wie er geht und was er mit wem anstellt. Insbesondere weiß man, wer welchen Nutzen und wer welchen Schaden von dieser so hoch im Kurs stehenden sozialen Marktwirtschaft hat.________________________________ Völlig entgegengesetzt dazu und hundsgefährlich ist das Moralisieren. Dort werden laufend Schuldige dingfest gemacht, die ihrer angeblichen Verantwortung nicht nachgekommen sind. Daneben gibt es dann freilich auch die moralischen Saubermänner, die sich tüchtig eingeschränkt haben. Wer den Nutzen und wer den Schaden von dieser Moralisiererei hat, darauf wird uns unsere muntere Diskussion wohl noch führen.______________________ Zitat: "Geld oder Kapital ist ein Mittel, ein Werkzeug in den Händen dieser Menschen." Ja, das Kapital ist das Mittel der Kapitaleigner. Dumm nur, dass viele Menschen, die Normalos eben, die einen Job zum (Über)leben brauchen, ein Mittel und Werkzeug des Kapitals sind. Ich glaube, es ist jetzt klar, wie die Langform dieses Satzes ausschaut: Die verehrten Damen und Herren Mitarbeiter sind ein Mittel und Werkzeug derer, denen die Firma gehört. ____________________________________ Zitat: "Mir fehlt bisher die Vorstellungskraft, dass es möglich sein soll, den normalen Bürgern all ihre Konsumwünsche zu erfüllen, ohne dass die Belastungsgrenzen des Klimas überschritten werden." Bürger mit Konsumwünschen haben eben Wünsche. Ob sie die erfüllt bekommen, hängt davon ab, ob sich dadurch Kapital vermehrt. Erwachsene Menschen, die auf die gottlose, unmoralische und verwegene Idee verfallen sollten, die Produktion nicht zur Kapitalvermehrung, sondern für ihre Bedürfnisse laufen zu lassen, könnten die Material- und Energiekreisläufe nach ihren Vorstellungen gestalten. Wenn sie dabei an Ressourcengrenzen stoßen, werden sie ihre Entscheidungen treffen. Wer sollte etwas dagegen haben? Mitten im schönsten Kapitalismus aber denen, die nix zu bestellen und wenig zu lachen haben, auch noch Verzichtmoral zu predigen, ist was anderes. Um unnötige Umwege der Diskussion zu vermeiden: Ich weiß, dass es in der Zone laufend an Zeugs gemangelt hat.