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Johannes Schmidt schrieb am 26. Juni 2014 um 17:59: "Aber wenn es schon zu einem Gespräch über das Thema kommt (so wie hier), dann habe ich kein Problem damit, meine Moralvorstellungen zu äußern" Das begrüße ich sehr. Wir wollen offenbar beide zur Sache diskutieren. Sie bewegt das Thema der Schuld. Da nicht juristische Schuld gemeint ist, sondern moralische, ist auch die Bezeichnung Verantwortung üblich und angemessen.___________________________________
Zitat: "Ich stimme Ihnen insoweit zu, als Moral wohl nicht in der Lage ist, ökologische Probleme in nennenswertem Ausmaß zu verringern." Sie stimmen etwas zu, was nicht meine Position ist. Das ist nicht Ihr Fehler, sondern liegt daran, dass meine Position nicht in den Kanon der üblichen Debatten fällt. Erstens: Ich bin nicht der Meinung, dass die sogenannten ökologischen Probleme überhaupt Probleme sind. Probleme sind Schwierigkeiten, die sich bei Verfolgung eines Zieles stellen. Das angebliche Problem des Klimawandels ist aber ein knallharter Interessengegensatz. Das Kapital will sich vermehren und haut jede Menge Klimagase in die Atmosphäre. Der Normalmensch will bloß von der Straßenbahnhaltestelle nach Hause und dabei fliegt ihm wegen der Zunahme der extremen Wettersituationen ein Trumm um die Ohren und er sitzt fortan im Rollstuhl. Das Interesse des Normalo an einem intakten Klima steht im Widerspruch mit dem Interesse des Kapitals. Dieser Interessengegensatz ist nicht eine Schwierigkeit, deren Lösung noch aussteht, sondern ein Interessengegensatz, der sehr eindeutig ausgeht, siehe Rollstuhl und prächtige Firmenbilanz. Zweitens: Ich bin nicht der Meinung, dass Moral in diesem als Problem verschleiertem Interessengegensatz eine unzureichende Rolle spielt. Im Gegenteil. Die Rolle der Moral ist eine ziemlich massive. Blöderweise hilft allerdings genau die Ökomoral der Kapitalseite. Wie das?__________________________________
Zitat: "Das kann zum Beispiel durch Ökosteuern ..... geschehen." Genau so wird es gemacht. Steuern, Abgaben, Änderungen von Erlaubnissen und Verboten durch Modifizierung technischer Normen und das ganze Arsenal, mit dem der Staat die Wirtschaft betreut. Was betreut er da eigentlich? Will er die Wirtschaft daran hindern, das Klima massiv zu verändern? Nicht die Bohne! Da müsste er diese Produktionsweise aus dem Verkehr ziehen. Der Staat hat entdeckt, dass ohne seine Aufsicht das Kapital tatsächlich den Meeresspiegel so schnell ansteigen lassen würde, dass Hamburg demnächst absäuft. Das wäre aber gar nicht gut für weiteres Kapitalwachstum. Also geht er den CO2-Ausstoß begrenzen, damit die Schädigungen des Klimas nicht zu einer Schädigung des Kapitalstandortes Deutschland werden. Er betreibt also langfristigen Renditeschutz und nennt das praktischerweise Klimaschutz. Die Kosten werden nach kapitalistischer Gesetzmäßigkeit dem Verbraucher draufgehauen. Die Stromrechnung für Privathaushalte steigt schon jetzt deutlich. Und genau an der Stelle kommt die Ökomoral zu ihrem großen Auftritt. Die Moral predigt den Verzicht. Und tatsächlich schlucken die verehrten Bürger diese an sie weitergereichten Kosten des Renditeschutzes im Bewusstsein, etwas Edles zu tun.________________________________

Zitat: "Bei Ihren Beiträgen habe ich das Gefühl, dass Sie Kapitalismus als von außen vorgebene Struktur empfinden, die destruktiv wirkt." Ihr Gefühl wirkt selektiv. Der Kapitalismus ist sowohl sehr konstruktiv wie auch destruktiv. Ausgeprägt konstruktiv wirkt er für die Vermehrung des Kapitals. Daher hat er seinen Namen. Destruktiv wirkt er für den ganzen Rest. Wobei man statt destruktiv auch etwas kräftigere Ausdrücke wählen könnte._____________________________
Zitat: "Also, der Mensch ist nicht schlechthin machtlos im Kapitalismus." Das wäre schön, wenn der Kapitalismus die gewöhnlichen Leute nur machtlos machen würde! So simpel ist der Bursche leider nicht gestrickt. Er zwingt seine gewöhnlichen Insassen dazu, laufend an ihrer eigenen Schädigung mitzuwirken. Das gilt in der Ökonomie ebenso wie in Gesundheitsangelegenheiten und all dem, was unter dem Begriff Ökologie abgehandelt wird. Damit ist allerdings noch nicht das Ende der Fahnenstange erreicht. Insbesondere verleitet - als erfreulich aufmerksamem Leser fällt Ihnen auf, dass ich jetzt nicht von Zwingen schreibe - er sein Menschenmaterial dazu, sich grundverkehrte Gedanken zu machen über ihn, den werten Kapitalismus selbst, wie auch die Rollen, die die gesellschaftlich unterschiedenen Zweibeiner in ihm spielen. Vieles von dem, was mir verkehrt erscheint, finde ich in Ihrem erfreulich sachgemäß aufgebauten Beitrag wieder. Um meinen Beitrag nicht von der Länge her ausufern zu lassen, gebe ich jetzt gleich den Ball wieder an Sie ab.______________________
Zitat: "so ähnlich geht es wohl auch vielen Vegetariern." Die Verwendung des Wortes Vegetarier beschwört die Gefahr herauf, dass die zahlenmäßig gut bestückte Leserbrief-Sturmabteilung der Fleischverächter jetzt hier einfällt und tausendmal dasselbe schreibt. Mal sehen!