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Moment, ich möchte darauf hinweisen, dass ich mich hier nicht als glühender Kapitalismus-Fan positioniert habe! Meine Frage "Wer trägt die Verantwortung?" war auch keineswegs rhetorisch gemeint, wie Sie annehmen. Ich denke vielmehr, dass die Anbieter-Seite eine mindestens ebenso große Verantwortung wie der Konsument trägt. Aber das hindert mich nicht daran, nach meiner Verantwortung und nach meinen Handlungsspielräumen zu fragen. Wieso sollte es mich entlasten, wenn mein Vertragspartner ebenso Dreck am Stecken hat? Die Verantwortung wird meiner Meinung nach nicht nach einem Entweder-Oder-Schema verteilt.
Ich stimme Ihnen insoweit zu, als Moral wohl nicht in der Lage ist, ökologische Probleme in nennenswertem Ausmaß zu verringern. Deswegen wäre es wichtig, die Rahmenbedingungen des Wirtschaftens und Konsumierens so zu gestalten, dass die natürlichen Ressourcen nicht übermäßig beansprucht werden. Das kann zum Beispiel durch Ökosteuern und Emissionshandel geschehen. Wenn die Preise die ökologische Wahrheit sagen, kann ich am Gewinnstreben des Unternehmers auch per se nichts Schlechtes erkennen. Ob man das dann Kapitalismus nennt oder anders, ist mir relativ egal. Zur Vermeidung von Missverständnissen: Ich glaube nicht, dass mit der Verteuerung von Naturressourcen alle Probleme gelöst wären (Vermögensverteilung, Wachstumsabhängigkeit, Demografie etc.), aber die ökologischen Probleme sind am dringendsten.
Das von Ihnen beschriebene Procedere versuche ich für mich (!) tatsächlich so ähnlich umzusetzen, das heißt mich unabhängig von meinen finanziellen Spielräumen dem verträglichen CO2-Ausstoß anzunähern. Leider ist es in vielen Bereichen schwierig, genaue Werte zu ermitteln. Daher wäre ich durchaus dafür, im Supermarkt auf jedes Preisschild zu schreiben, wieviel CO2 bei der Herstellung der jeweiligen Ware angefallen sind.
Ich glaube, dass die beiden Bereiche (Veränderungen im Privatleben und Systemumstellungen durch politische Entscheidungen) mehr miteinander zu tun haben als man auf den ersten Blick denkt. Solange der Verzicht auf private Flugreisen nur etwas für Ökofreaks wie mich und Flugphobiker ist, wird sich die Politik schwer tun, durch entsprechende Maßnahmen Flugreisen einen realistischen Preis zuzuweisen. Wenn aber viele einen Politikwechsel einfordern und im Privaten schon leben, dann wird er auch kommen.
Bei Ihren Beiträgen habe ich das Gefühl, dass Sie Kapitalismus als von außen vorgebene Struktur empfinden, die destruktiv wirkt. Das sehe ich anders: Kapitalismus funktoniert nicht ohne Menschen - und damit meine ich nicht nur die in den Vorstandsetagen und den Hauptversammlungen. Meiner Meinung nach ist jeder, der etwas herstellt, verkauft oder kauft, Teil des ganzen Wirtschaftssystems. Deswegen kann ich mich auch nicht zurücklehnen und die Verantwortung auf den Kapitalismus abschieben, sondern muss selbst sehen, was ich ändern kann. Es gibt auch genug Beispiele von Unternehmern, die langfristig denken und aus idealistischen Gründen auf den maximalen Gewinn verzichten. Also, der Mensch ist nicht schlechthin machtlos im Kapitalismus.

P.S.: Noch eine stilistische Anmerkung: Ich würde niemand als "ekligen Kreuzfahrtgesellen" bezeichnen. Mir geht es nicht darum, andere Menschen zu stigmatisieren. Ich rede auch nicht ständig auf andere Leute ein, was sie tun und lassen sollen. Aber wenn es schon zu einem Gespräch über das Thema kommt (so wie hier), dann habe ich kein Problem damit, meine Moralvorstellungen zu äußern - so ähnlich geht es wohl auch vielen Vegetariern.