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Nochmal kurz zum Wesen der Moral (was ich hier aber eher für einen Nebenpunkt halte): Dass Herrschaft wie in Ihren Beispielen durch Moral gestützt werden kann, will ich gar nicht bestreiten. Aber sie wirkt eben nicht durch Zwang, sondern dadurch, dass sie Menschen überzeugt und sich in ihren Köpfen festsetzt. So mussten die Nazis Zwang nur gegen relativ kleine Gruppen der Bevölkerung einsetzen, weil ihnen die Mehrheit sowieso folgte. Das ist ein Unterschied, den ich für relevant halte.
Nun zum Kreuzfahrtpassagier: Ich kann nachvollziehen, dass der nicht behelligt werden will, sondern sich eine schöne Zeit machen will - was ich ihm von Herzen gönne. Aber die Frage ist doch, ob er sich von der Verantwortung für die damit verbundenden Umweltschäden ganz freimachen kann. Das wäre vielleicht der Fall, wenn sich die Anbieter nur aus Raffgier weigern würden, teurere, aber umweltschonendere Schiffe einzusetzen. (Wobei er auch in diesem Fall sagen könnte: Ich suche mir einen Anbieter mit sparsameren Schiffen oder ich warte mit meiner Kreuzfahrt, bis es solche Schiffe gibt.) Aber ich bin davon überzeugt, dass es unmöglich ist, egal mit welchem Wirtschaftssystem, Kreuzfahrten so anzubieten, dass keine nennenswerten Umweltschäden entstehen. Die Klimaforscher sagen uns, dass jeder Mensch ein theoretisches Emissionsbudget von ca. 2 - 3 t CO2/Jahr hat. Selbst wenn alle technischen Verbesserungen ausgereizt werden, ist es ausgeschlossen, mit diesem Budget jedes Jahr eine Flugreise zu unternehmen. Deswegen hatten die Grünen vor einigen Jahren auch mal vorgeschlagen, dass man nur alle fünf Jahre fliegen sollte (wofür sie von G. Schröder sofort eins auf den Deckel bekamen). Es ist also eine Frage der Quantität völlig unabhängig vom Wirtschaftssystem. Deswegen würde ich tatsächlich sagen, dass "unvernünftige Normalmenschen lauter verrückte und überzogene Wünsche haben". Dabei muss man aber auch nicht in das andere Extrem verfallen und sich mit Sauerstoff, Wasser und etwas Nahrung zufriedengeben. Innerhalb des genannten Co2-Budgets ist meiner Meinung nach ein gutes Leben möglich, wenn auch ohne Kreuzfahrten, SUV und Fernreisen.
Was das Wirtschaftssystem angeht, habe ich noch genug DDR mitbekommen, um zu sehen, dass deren Wirtschaftssystem wesentlich mehr Umweltschäden hervorbrachte als der Kapitalismus. Letzterer ist natürlich nicht perfekt, aber er könnte leicht vor den ökologischen Karren gespannt werden, indem Ressourcenverbrauch bezahlt werden muss. Näheres kann man im Buch "Faktur Fünf" von Ernst Ulrich von Weizsäcker et. al. nachlesen.