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Johannes Schmidt schrieb am 23. Juni 2014 um 12:05: "Es liegt im Wesen der Moral, dass sie keinen Zwang ausüben kann" Das ist eine gefährliche Unterschätzung der Moral. Im Mittelalter hatten die Feudalherren selbstverständlich das Recht auf ihrer Seite. Bloß mit dem allein hätten sie nie die zahlenmäßig weit überlegenen Hintersassen dazu bringen können, dass die ihnen ein schönes Leben per Fron und Abgaben ermöglichten und selber in Kargheit dahinlebten. Dazu brauchte es eine tief verwurzelte Moral, die vom Glauben gespeist wurde. Bei den Nazis beruhte die Macht keineswegs allein auf Gestapo & Co., sondern auf der Moral des anständigen Volksgenossen. Im verflossenen Reich des Bösen gab es nicht nur Gulag, sondern eine knochenharte sozialistische Moral. Und hier und heute? Keinen Deut anders. Die ganze Armada aus Gefängnissen, Polizisten, Staatsanwälten und umfangreichten Gesetzeswerken könnte ihre alles im Griff haltende Wirkung nicht entfalten, wenn es nicht die Moral des anständigen Bürgers gäbe. Der ist bekanntlich auch noch irre stolz darauf ist, dass man hinter ihn und seinesgleichen nicht einen Polizisten stellen muss. Die Moral ist also keine Zugabe, auf die die Herrscher auch verzichten könnten, sondern eine ganz wesentliche Voraussetzung für dauerhafte Herrschaft, sowohl politische wie auch ökonomische. _______________________________
Zitat: "Wer "braucht" zum Beispiel eine Kreuzfahrt? Eine nette Sache mag es sein, aber man kann wohl kaum sagen, dass die jemand braucht." Deshalb hatte ich ja auch einerseits von "brauchen" und andererseits von "haben wollen" geschrieben, was Sie dankenswerterweise - in Foren wie diesen keineswegs selbstverständlich - genau gelesen und zur Kenntnis genommen haben. Was der Mensch zum Leben braucht, kann man in den Lehrbüchern der Notfallmedizin nachlesen. Sauerstoff, Wasser und spätestens nach ein paar Wochen was zum Futtern. So ein Leben will ich nicht. Ich habe immer noch nicht die Hoffnung aufgegeben, dass auch die Anhänger der Verzichtsmoral sich ein bisschen mehr vom Leben erhoffen als nur das. ____________________________
Zitat: "Die Kreuzfahrtbranche würde verschwinden und die damit verbundenen (erheblichen) Umweltschäden." Vorsicht! Hier liegt ein Denkfehler vor. Der Kreuzfahrtbucher hat nicht Umweltschäden gebucht. Der will ein Vergnügen haben. Das ist der Reederei, dem Reiseveranstalter, der Schiffswerft und wer auch immer daran verdient, piepegal. Für die ist der Wunsch nach Urlaubsvergnügung nur genau in einer Hinsicht von Interesse: Lässt sich genügend Reibach damit machen? Wenn das nicht geht, findet kein Kreuzfahrtwesen statt. Damit es geht, muss alles, was als Kosten in der Kalkulation vorkommt, minimiert werden. Daher rühren die erheblichen Umweltschäden. ________________________________ Verallgemeinerung: Die Umwelt wird nicht deswegen systematisch zur Sau gemacht, weil unvernünftige Normalmenschen lauter verrückte und überzogene Wünsche haben. Klima, Wasser, Luft, Boden und Artenvielfalt gehen vor die Hunde, weil das ganze wirtschaftliche Treiben unter dem Diktat der Kapitalvermehrung steht. Darin sehe ich den Knackpunkt unserer Diskussion. Da ich annehme, dass Sie meine hier nur kurz skizzierte Argumentation nicht überzeugt, würde ich mich freuen, wenn Sie die Diskussion fortsetzten.