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Der Mensch stammt von niedrigeren Tierarten ab? Stimmt nicht mit der biblischen Lehre überein, stimmt aber trotzdem. Jeder, der lesen kann, weiß was in der biblischen Schöpfungsgeschichte steht, aber deshalb ist es noch lange nicht richtig. Und dass der Mensch nur als Mann und Frau erschaffen wurde, ist eben schon deshalb falsch, weil das Phänomen der Intersexualität vermutlich schon immer existiert hat. Das Interview mit Voss ist leider sehr kurz, so dass man nur einen sehr ungefähren und ungenauen Eindruck von seinen Forschungen erhält. Die meisten LeserInnen werden sich aber ohnehin nicht näher und schon gar nicht vorurteilsfrei damit beschäftigen (können), da stehen irgendwelche Glaubenssätze im Weg. Es ist im Übrigen nicht das erste und nicht das letzte mal, das wissenschaftliche Forschungen, die im Gegensatz zur christlichen Lehre stehen, gegen ziemliche Widerstände ankämpfen müssen. Gegen das Argument, Intersexuelle würden so eine geringe Zahl ausmachen, dass dieses Thema irrelevant sei, ist zu fragen: Wie groß muss eine Minderheit sein, damit sie ein Recht auf Gerechtigkeit und Menschenrechte erhält? Jeder einzelne Mensch hat das Recht darauf, und es wird ihm_ihr dadurch verwehrt, dass die Mehrheit der Menschen - auch durch Erziehung in der Schule - über dieses Thema weder sensibilisiert noch aufgeklärt werden. Menschen Geschlechtsorgane wegzuschneiden, damit sie in ein Zweigeschlechtersystem passen, ist Gewalt. Menschen, die nicht wissen, was es auf der Welt gibt, können auf Intersexualität nicht mit voller Selbstverständlichkeit reagieren. Und ja, wenn man sich auch nur etwas mit einigen älteren Kulturen beschäftigt, kann man feststellen, dass es dort teilweise bis heute die Vorstellung von z.B. einem dritten Geschlecht gibt. Ich sehe hier den Zusammenhang: Wer nicht von dem weiß, was es gibt, oder es nicht wahrhaben will, oder es nicht verstehen will, setzt sich nicht für diejenigen ein, denen Rechte verwehrt werden und die darunter leiden oder schadet aus Unwissenheit oder Ignoranz bis hin zu denjenigen, die wissentlich ablehnen, weil es nicht in ihr christliches Weltbild passt. Wer sich nicht mit aktuellen Debatten und Forschungsergebnissen ernsthaft (auch kritisch!) auseinandersetzen kann, weil sie mit der Bibel im Widerspruch stehen, mit dem ist überhaupt keine sachliche Debatte möglich. Aus den Kommentaren spricht häufig Angst, Angst es könnte etwas verloren gehen, was sie für selbstverständlich halten. Das stimmt auch, und dafür gilt es zu kämpfen und zu streiten: Für eine Gesellschaft, in der es kein "Geschlechts"abweichendes Verhalten mehr gibt, kein Mobbing von geschlechtsnonkonformen Kindern an den Schulen, keine Operationen an Intersexuellen, keine Selbstmorde mehr unter diesen Personengruppen, weil sie ihr Ausgeschlossensein nicht mehr aushalten, keine abwertenden Blicke, keine Prügel, weil jemand angeblich aufs falsche Klo gegangen ist. Es geht hierbei übrigens um Menschenrechte - um den Schutz des Körpers und das Recht auf ein glücklcihes Leben. Dieses ist schwierig in einer Gesellschaft, die so tut, als gäbe es einen nicht, oder aber einen für irrelevant erklärt. Der Schutz auf Leben und psychische Gesundheit, die Menschenrechte bei einer Minderheit zu wahren, mag sie noch so klein sein, zählt immer mehr als die unguten Gefühle einer Mehrheit (nehmen wir an, es gäbe sie), die ihre Selbstverständlichkeiten nicht aufgeben, noch nicht mal hinterfragen kann. Das, was für manche selbstverständlich ist, ist für andere die Ursache für Leiden. Nicht jeder einzelne diskriminiert, aber es entsteht ein gesamtgesellschaftliches Klima, in dem sich als in geschlechtlich oder sexueller Hinsicht von einer Norm (wer hat sie aufgestellt, gilt sie absolut? gilt sie immer und auf alle Zeit, auch dann, wenn wir neue Erkenntnisse gewinnen?) abweichender Mensch nicht gut leben lässt. Über Normen kann man streiten, sie werden aber nicht dadurch wahrer, dass man sie immer wiederholt. Sie werden aus guten Gründen von Menschen infrage gestellt, und diesen Gründen kann man - wenn man denn willens ist, argumentativ begegnen.
Dass sich die Mehrheit der hier Kommentierenden so entrüstet, zeigt übrigens nur, wie viel Aufklärungsarbeit und auch politisches Streiten noch notwendig ist! Natürlich ist der Verweis auf die Bibel kein Argument, sondern lediglich ein Zitat, mit dem nichts über dessen Wahrheitsgehalt ausgesagt ist. Ich mache anders als Voss ein anderes Argument stark: Informieren Sie sich über die Lebenssituation von Transgendern und intersexuellen Menschen, bevor Sie sich eine Meinung bilden. Ich mache immer wieder die Erfahrung, dass Menschen, die nichts darüber wissen, sich nicht im geringsten vorstellen können, unter welchem enormen Leidensdruck sich Menschen befinden (können) - allein aufgrund der Tatsache, dass die Gesellschaft sie nicht akzeptiert, wie sie sind, oder sie einfach unsichtbar gemacht werden, nicht weil etwas mit ihnen nicht stimmen würde. Diskriminierung, auch Gewalt sind kein Einzelfall. Ich finde in diesem Zusammenhang Rawls Gedankenexperiment sinnvoll: Stellen Sie sich vor, alle Menschen würden in einen tiefen Schlaf fallen, und nachdem sie wieder geweckt werden, in einer beliebigen gesellschaftlichen Position (als schwuler Mann, als Hermaphrodit, als Frau, etc.) aufwachen. Niemand weiß vorher, welche gesellschaftliche Position er_sie haben wird. Wie sollte diese Gesellschaft aussehen?

Im Zweifel für den Zweifel.