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Brauchen wir einen 53-jährigen Experten, um zu erfahren, was die Jugendlichen heute bewegt? Der Artikel „Glücklich auf der sicheren Seite“ aus der chrismon 08/13 hat mich ziemlich aufgeregt und ich sträube mich dagegen, als Teil einer Generation „Biedermeier“ betrachtet zu werden, die sich laut Stephan Grünewald vor allem nach Stabilität sehnt und „pragmatisch statt politisch“ ist. Bitte hört die Stimme einer 19-jährigen Studentin aus der Generation, um die es geht!

Generell halte ich nichts von Generationenbegriffen. Der Versuch alle Einstellungen von Menschen in einer Altersspanne von 8 Jahren, also etwa 7 Millionen Menschen auf einen einzigen Begriff zu reduzieren, muss zu einer starken Verallgemeinerung führen. Wer würde schon zustimmen, dass die meisten Menschen zwischen 42 und 50 Jahren Ähnliches denken und die gleichen Träume haben?

Als typisch für die Biedermeier-Zeit gilt Flucht in die Idyll und ins Private. Doch gerade viele Jugendliche geben den Traum einer besseren Welt nicht auf, hinterfragen aktuelle Systeme kritisch, wünschen sich einen Auf- und Umbruch und sind bereit sich dafür aktiv einzusetzen. Nie zuvor gab es so viele Freiwillige und Ehrenamtliche in dieser Altersgruppe! Mit der Pluralisierung werden auch Protestbewegungen vielseitiger und  da es immer mehr verschiedene Protestthemen, -gruppierungen, und -kanäle gibt, wird die Rebellion vielleicht nicht immer in dem Ausmaß wahrgenommen, in dem sie stattfindet. Als zwei Beispiele seien nur die Occupy-Bewegung genannt, die auch in Deutschland zahlreiche junge UnterstützerInnen und AktivistenInnen fand und der Zeit-Artikel von Alina Blasberg, der im April 2013 große Diskussionen auslöste, die zu Tage brachten, dass der Generationenkonflikt heutzutage genauso existiert, aber eben anders ausgetragen wird, als beispielsweise in den 60er-Jahren.

Facebook ist meiner Meinung kein soziales Sicherheitsnetz, keine Flucht in eine Parallelwelt, wie Grünebergs Ansicht nach, sondern im Gegensatz eine Möglichkeit zur Vernetzung und kann Menschen über weite Entfernungen, die dieselben Träume haben verbinden und mobilisieren. Beobachten Sie einmal, wie viele ermutigende Veränderungsgeschichten, Aufrufe zu Petitionen oder Demonstrationen unter jungen Menschen über facebook verbreitet wird. Gerade dadurch, dass ich hautnah miterleben kann, wie Menschen z.B. in arabischen Ländern unterdrückt werden, bleibt für mich keine Ausrede übrig, mich nicht aktiv einzumischen.

Schön, dass auch junge Menschen auf den Interviewseiten zu Wort kommen, aber der Zusammenhang mit dem Thema fehlt meiner Meinung nach völlig. Dass für viele junge Menschen soziale Beziehungen sehr wichtig sind, und „heilige Tage“ oft mit Partnern, Freunden und Familie in Verbindung stehen, beweist doch keinesfalls, dass Jugendliche sich nichts außer Stabilität wünschen, keine Frei- und Traumräume mehr haben können und nicht gegen bestehende Gesellschaftsverhältnisse rebellieren! Nachdem viele Tabuthemen enttabuisiert worden sind, sind Rebellionen gegen bestehende Verhältnisse eben in andere Sektoren, z.B. soziale Gerechtigkeit, globale Ungleichverhältnisse, Klimawandel, Konsumgesellschaft etc. verlagert worden. Fragt man jedoch Menschen zwischen 35 und 42 oder 57 und 65, welcher Tag ihnen heilig ist, werden sich die Antworten sicherlich nicht grundlegend unterscheiden. Dass zahlreiche der Befragten im Ausland studieren oder arbeiten, zeigt doch aber auch gerade, dass viele Jugendlichen einen Aufbruch wagen, neugierig sind, über den Tellerrand schauen wollen und sich selbst ausprobieren.

Zuletzt möchte ich noch sagen, dass ich nicht glaube, dass ich mit meiner Meinung alleine dastehe, in meinem Umfeld und darüber hinaus finden sich mit Sicherheit ähnliche Ansichten. Zu guter Letzt: Wer kennt eine/n 18-25-Jährige/r, der oder die in seiner/ihrer Studentenbude oder gar der ersten eigenen Wohnung eine Schrankwand stehen hat?!