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Zitat: "Was haben meine Eltern, Großeltern, Onkels, Tanten zur Zeit der Nationalsozialismus gemacht? Waren sie verstrickt in das Nazisystem? .... Sie spüren: Da ist was nicht erledigt."

Verstrickt waren sie (nahezu) alle. Allein damals zu leben hat gereicht. Alles im Detail wissen zu wollen, bedeutet noch lange nicht, dass etwas erledigt ist. Erledigen ist in diesem Zusammenhange eine hohle Phrase. Wir kennen alle das Unheil. Auch mit einer Permanent-Geißelung der gesamten Bevölkerung (sich körperlich und geistig blutig schlagen) kann man nichts erledigen. Was aber nicht ins allgemeine Bewußtsein (im Sinne von erledigen) gedrungen ist, ist das Versagen der damaligen Eliten in Adel, Militär, Kunst, Justiz, Journalismus, Manager, Geistes- und Naturwissenschaften, Verwaltungen und Religionen. Das sind auch jetzt alle unsere mahnenden Eliten, die immer noch Vorbilder sein möchten.

Wir sind hier in einem kirchlichen Portal.
Wo waren die Religionen 1914 und in der Fortsetzung 1933? Sie haben von den Kanzeln ebenfalls HURRAH gepredigt, Gottes Segen für den Sieg erfleht und die Waffen gesegnet. Was haben die Nazis zuerst getan? Bereits im Sommer 1933 haben sie mit beiden Kirchen Konkordatsverträge abgeschlossen. Diese schon seit Jahrhunderten üblichen und dann ab 14/18 immer wieder angemahnten Verträge versprachen den Kirchen bis dahin unerreichbare Sicherheiten. Damit wurden beide Kirchen ruhiggestellt. Denn schon spätestens 1938 (Pogromnacht) muss ihnen unmissverständlich klar geworden sein, dass das System die bis dahin gültigen religiösen Werte verleugnet. Aber bis zum Kriegsende hat keine der beiden Kirchen Ihre Gläubigen von der Kanzel über das System und seine Ziele informiert, zu einem gemeinsamen Widerstand aufgerufen oder doch zumindest die Geistlichen dazu aufgefordert. Das Konkordat war ihnen heiliger. Sie haben sich die 10 Gebote abkaufen lassen.

Beide Organisationen verfügten bis 1945 nicht nur über noch weitgehend „hörige“ Gläubige, sie waren die Einzigen, die neben dem Staat auch über eigene unabhängige Organisationen verfügten, die aus allen Teilen des Reiches und der Republik Nachrichten erhielten, diese bündeln konnten und dadurch einen Gesamtüberblick bekamen. Damals hatten beide Kirchen noch eine lückenlose Kenntnis davon, welche behinderten Gemeindemitglieder unter ihrer Obhut lebten. Auch wussten sie zuverlässig, ob auch Juden in ihrem Einzugsbereich zu Hause waren. Über den Leumund der Bewohner waren sie informiert. Wurde jemand „abgeholt“, dann wurden sie sogar von amtswegen (Änderung der Kirchenbücher) davon informiert. Auch über das Schicksal der Verschleppten hätten sie informiert sein können, wenn sie es denn gewollt hätten. Aber sie haben es im Zweifel bereitwillig nicht gewollt. Denn die Lager waren auch den Kirchen bekannt. Ihre Organisationen waren an diesen Orten wissend oder zumindest leichtfertig nichtsahnend. Wenn sie es hätten wissen wollen, hätten sie den ganzen Umfang der Unmenschlichkeit gewusst. Es bestand bis zuletzt (zumindet bis 1943) eine weitgehend lückenlose Informationskaskade und? Die Beichte! Mit dem Segnen der Waffen konnte nur der Teufel einverstanden sein.

Da hilft auch nicht, dass Einzelne des Klerus aufgemuckt haben. Mit diesem sehr vereinzelten persönlichen Widerstand kann sich keine der beiden Amtskirchen zu Recht als Gesamtheit. schmücken. Sie tun es trotzdem um sich hinterher mit fremden Federn zu schmücken. Zu allem Überfluss war ihnen auch die unheilvolle Konkurrenzsituation zwischen Staat und Religion bekannt. Denn der Nationalsozialismus verstand sich quasi als eine irdische politische „Religion“ mit einem absoluten Macht- und Ethik-Anspruch, dem sich auch die Kirchen mit ihren irdischen Ansprüchen und Werten unterzuordnen hatten. Mit einem Wort: Beide Kirchen waren käuflich und bigott.

Ich kenne von den Kirchen hierzu kein grundsätzliches „MEA CULPA“, keine akzeptierte Führungs-Verantwortung. Aber von den „armen Sündern“ wollen sie unablässig deren Vergehen bestätigt erhalten. Bis in die folgenden Generationen. Um ihres Glaubens und ihrer christlichen Werte willen hätten beide Kirchen wie Märtyrer reagieren müssen. Aber die Aussicht auf Macht und Geld war stärker als das Gewissen. Mit den höchsten Ansprüchen sind sie am tiefsten gefallen. Sie spüren: DA IST WAS NICHT ERLEDIGT! Alle „kleinen Sünder“ zum Schuldbekenntnis aufzufordern ist bequemer als die eigene verantwortliche Größe zu akzeptieren. Immer noch und immer wieder.