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Liebe Frau Holsch, Sie haben es geschafft, Ihre immense Arbeit zu veröffentlichen. Das ist nicht nur großartig, sondern äußerst wichtig für die Vielen, die bis heute zweifeln, oder nicht den Mut haben, die Rolle ihrer Verwandten während der NS-Zeit zu erforschen.
Im Jahr 2000 gründete ich mit einigen jüngeren Menschen in Wuppertal einen Verein, der sich um ehemalige ZwangsarbeiterInnen insofern kümmerte, als sie für die "Entschädigungszahlung" (von Bund und Wirtschaft, EVZ) Bescheinigungen vorlegen mußten, die ihre Arbeit in W'tal belegten.
Wir bearbeiteten mehr als 500 Anfragen aus der Ukraine, Belarus, Rußland und Polen, viele davon auch mit Erfolg.
Zu dem Zeitpunkt wußte ich, dass mein Vater als Kriminalbeamter an einem sog. "Endphasenverbrechen" in Wuppertal beteiligt war und deswegen von der britischen Besatzungsmacht auch verurteilt wurde (1947 in Hamburg).
In meiner Familie galt aber die mündliche Überlieferung "Dein Papa ist zu unrecht verurteilt worden."
Mittlerweile erinnerte ich mich, dass er 1941/1942 in der Ukraine war, in Dnjepropetrowsk und aus gesundheitlichen Gründen in ein Erholungsheim in Zakopane/Polen entlassen wurde.
Aus mühseligen Recherchen erfuhr ich, dass er 1939 in Charlottenburg ausgebildet und zur SS eingeteilt wurde. Am 16.5.1941 (!) wurde er einberufen, u.z. nach Düben und von dort aus in die Ukraine. Seine Rückbeorderung im April 1942 erfolgte aus Kiew. Was er dort machte liegt im Dunkeln. Keine Briefe, keine Dolumente, nichts bei WAST. Seine Personalakte bei der Polizei tauchte erst vor zwei Jahren auf, obwohl sie laut Mitteilung von der hiesiegen Pol.-Präsidentin offiziell fünf Jahre nach dem Tod meines Vaters (1996) vernichtet wurde. Auch in dieser Akte kein Hinweis auf die Tätigkeit meines Vaters dort. In einer eidesstattlichen Erklärung zur Entnazifizierung sagte er, dass er in Dnjepropetrowsk "lediglich" im Erkennungsdienst der Polizei tätig war und nicht von der Wehrmacht angestellt oder besoldet war.
Auch mir bleibt heute nur die Frage, wen und zu welchem Zweck mußte er "erkennen"? Das hat mich sehr belastet und ich kann mich nur sehr langsam innerlich distanzieren, da gab es viele schlaflose Nächte. Mit meinen 72 Jahren nicht immer leicht.
Auf alle Fälle ist es mir aber eine große Hilfe, zu wissen, dass es viele Menschen gibt, die auch keine Ruhe finden. Aber Ihr Bericht und vor allem die Recherche-Anleitungen sind da sehr hilfreich und willkommen.
Ich danke Ihnen für Ihre große Mühe und Ihre Offenheit.