Atommüll: Lehren aus der Schweizer Endlagersuche

Jetzt gefunden, 2060 in Betrieb – vielleicht!
Ein Mädchen fährt auf dem Rad durch die Region, in der das Atomendlager in der vorgesehenen Standortregion Nördlich Lägern in Stadel ZH

Picture Alliance/Keystone/Ennio Leanza

In dieser Landschaft in Nördlich Lägern will die Schweiz radioaktive Abfälle einlagern - wenige Kilometer von der Grenze zu Deutschland entfernt.

Ein Maedchen faehrt auf dem Rad durch die Region in der das Atomendlager in der vorgesehenen Standortregion Noerdlich Laegern in Stadel ZH am Montag, 12. September 2022. Die Nagra (Nationale Genossenschaft fuer die Lagerung radioaktiver Abfaelle) schlaegt nach fast 50-jaehriger Standortsuche die Region Noerdlich Laegern in der Zuercher Gemeinde Stadel fuer das Endlager von radioaktivem Abfall vor. Baustart ist fuer das Jahr 2045 vorgesehen, erste Abfaelle koennten um das Jahr 2050 eingelagert werden. (KEYSTONE/Ennio Leanza)

Die Schweiz hat sich auf einen Standort für ihren Atommüll festgelegt. In Deutschland sind wir noch lange nicht so weit. Was wir von der Schweiz lernen können.

Die Fachleute der Nagra, der Nationalen Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle, haben gesprochen: Der Schweizer Atommüll soll nahe der Grenze zu Deutschland endgelagert werden. Ein Vergleich: Es geht um hoch radioaktiven Abfall, der acht Einfamilienhäuser füllen würde, 9300 Kubikmeter. Hinzu kommt noch deutlich mehr an schwach bis mittel radioaktivem Abfall.

Nils Husmann

Nils Husmann ist Redakteur und interessiert sich besonders für die Themen Umwelt, Klimakrise und Energiewende. Er studierte Politikwissenschaft und Journalistik an der Uni Leipzig und in Växjö, Schweden. Nach dem Volontariat 2003 bis 2005 bei der "Leipziger Volkszeitung" kam er zu chrismon.
Lena Uphoffchrismon Redakteur Nils Husmann, September 2017

Die Suche hatte mehr als ein Jahrzehnt gedauert, der Ansatz gilt als vorbildlich. Denn um die Akzeptanz der Bevölkerung sicherzustellen, sollte allein die Geologie entscheiden. Das ganze Land – ein potenzielles Endlager, eine weiße Landkarte, auf der am Ende aber nur wenige weiße Flecken geblieben waren.

Nach Ansicht der Schweizer Experten hat nun Opalinuston das Rennen gemacht, dieses Gestein ist nördlich von Zürich tief unter der Erde zu finden. Während sich die Landschaft an der Erdoberfläche verändere, bleibe das Tiefenlager am besten geschützt, weil das Gestein dort stabil sei, teilt die Nagra mit.

In Deutschland ist ein vergleichbares Auswahlverfahren angelaufen, es soll 2031 enden. Es war die Lehre aus dem Fiasko im niedersächsischen Gorleben; der Standort war aus politischen, nicht aus wissenschaftlichen Erwägungen ausgewählt worden. Salopp formuliert: Man hatte der DDR den Müll unter den Grenzzaun kippen wollen.

Die Empfehlungen der Schweizer Nagra hält für Deutschland einige interessante Lehren bereit. Denn die Gesteinsschicht aus Opalinuston wird, tief unter der Erde, wohl kaum an der Grenze zu Deutschland Halt gemacht haben. Entweder liegen die Schweizer Geologen falsch mit ihrer Einschätzung – oder in Baden-Württemberg, vielleicht auch in Bayern, sollte man sich wohl klarmachen, das werden zu wollen, was man nie sein wollte: ein Endlagerstandort für Atommüll. In der Schweiz steht die Nagra schon in der Kritik, es ist ein Vorgeschmack auf das, was auch uns erwartet.

Deutschland muss fast viermal mehr Atommüll lagern als die Schweiz

Aber irgendwo muss er ja hin, der Müll, mit 27 000 Kubikmetern geht es in Deutschland um eine fast viermal so große Menge wie in der Schweiz. Dort, bei unseren Nachbarn, rechnet man nicht damit, dass das Endlager vor 2060 in Betrieb gehen könnte, zumal der Schweizer Bundesrat nach weiteren Erkundungen in einigen Jahren noch zustimmen muss und das Ergebnis unter dem Vorbehalt eines Volksentscheides steht. Weil wir in Deutschland zehn Jahre hinterherhinken, kann man sich vorstellen, dass um die Jahrtausendwende geborene Menschen das Endlager bei uns vielleicht als Greise erleben werden.

Eine Million Jahre muss ein Endlager sicher sein. Unvorstellbar, aber wichtig, denn die Gefahr durch alte Brennstäbe ist tödlich, Erkundung und Lagerung sind – wie nun wieder in der Schweiz klar geworden ist – aufwendig und teuer. Eine interessante Lehre in einer Zeit, in der angesichts der Energiekrise der Ruf nach Kernenergie wieder lauter wird. Klar vernehmbar zum Beispiel aus der CSU.

Jede(r) muss für sich die Lehre ziehen, ob wir in Zukunft noch mehr Atommüll produzieren sollten, für das wir noch kein Endlager haben.

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Lesermeinungen

des deutsche Endlager gleich daneben zu bauen. Falls auf deutscher Seite der gleiche Ton ist. Und wenn ja mal Probleme auftreten sollten , wäre nur eine Region belastet.