Christentum und Verrat: Von Spitzeln und Whistleblowern

War Judas ein Verräter?
War Judas ein Verräter?

Lisa Rienermann

War Judas ein Verräter?

Er gilt als der große Schuft der Passionsgeschichte. Dabei weiß niemand genau, was damals geschah

Geldgier, Heimtücke, Falschheit, Verrat: Was hat man dem Judas ­alles nachgesagt! Der Judaskuss wurde sprichwörtlich: Der Verräter wirft sich Jesus an den Hals, heuchelt ein letztes Mal Zuneigung – ein Gefühl, zu dem er gar nicht fähig ist. Dabei hat er die feindlichen Schergen selbst hergeführt. Für ein paar ­Silberlinge händigt er den friedlichsten aller Menschen den Mördern aus. Mittelalterliche Darstellungen lassen ihn den Verzweiflungstod am Galgen sterben. Die Gedärme quellen heraus, der Teufel holt sich die verdammte Seele. "Du Judas", die Floskel hat sich ins kollektive Gedächtnis eingebrannt, selbst bei Menschen, die nicht mal die Geschichte dazu kennen. Antisemiten nutzen die Namensähnlichkeit, um die vermeintliche Geldgier, Heimtücke und Falschheit auf alle Juden zu projizieren. Eine fatale Lüge!

Burkhard Weitz

Burkhard Weitz ist als chrismon-Redakteur verantwortlich für die Aboausgabe chrismon plus. Er studierte Theologie und Religionswissenschaften in Bielefeld, Hamburg, Amsterdam (Niederlande) und Philadelphia (USA). Er ist ordinierter Pfarrer und Journalist. Über eine freie Mitarbeit kam er zum "Deutschen Allgemeinen Sonntagsblatt" und war seither mehrfach auf Recherchen in den USA, im Nahen Osten und in Westafrika.
Lena UphoffPortrait Burkhard Weitz, verantwortlicher Redakteur für chrismon plus

Der wahre Kern? Schon die ­früheste Christenheit erinnerte in ­ihren Abendmahlsworten an die "Nacht, in der er (Jesus) verraten wurde" (1. Korinther 11,23). Das griechische Wort pare­dídeto heißt wörtlich übersetzt: "Er wurde übergeben, ausgeliefert". Wer was genau tat und warum, bleibt ­offen. Erst später, mehr als 40 Jahre nach ­Jesu Tod, begann man, die Figur des Judas ­auszuschmücken. Der Evangelist Johannes (12,6) denunzierte Judas als Dieb. Und der Evangelist Matthäus (26,24) ließ Jesus sogar schimpfen: "Es wäre für diesen Menschen besser, wenn er nie geboren wäre."

Zur Ehrenrettung des Judas spekulieren Bibelinterpreten heute: Judas habe Jesus als Revolutionär missverstanden; er habe einen Aufstand provozieren wollen und Jesus irrtümlich ausgeliefert. Fakt ist: Wir wissen nicht, was geschah. Wir wissen nur: Jemand aus dem Kreis der Vertrauten war an Jesu Auslieferung beteiligt – was die anderen gegen ihn einnahm.

Schweigeverpflichtung missachtet

"Verrat" ist, wenn jemand den Interessen einer verschworenen Gemeinschaft zuwiderhandelt. "Verrat" ist das unerträgliche Doppel- und Lügenspiel der informellen Stasimitarbeiter, das erschlichene Vertrauen der Spione im Dienst der feindlichen Macht. Anders, wenn jemand die Omertà, das Schweigegebot der Mafia, durchbricht, den Ehrenkodex einer Neonazigruppe oder einer motorisierten Verbrecherbande. Da schimpfen nur Ex-Kumpane: "Verrat!" Der Rest der Gesellschaft ehrt den mutigen Kronzeugen. Ob "Verrat" oder nicht ist immer eine Frage der Perspektive.

Edward Snowden machte öffentlich, dass britische und US-Geheimdienste die öffentliche Kommunikation weltweit aufzeichnen. Snowden brach die Schweigeverpflichtung ­seiner Arbeitgeberin, der Firma Booz Allen Hamilton – für ein höheres Gut. Er warnte vor Unrecht. Anders als ­autokratische Regime schützen Demokratien Privatheit, oder sie sollten es tun. So gesehen war Snowdens "Verrat" Aufklärung. In einem übertragenen Sinn blies er die Trillerpfeife, weshalb man ihn auch "Whistle­blower" nennt. Snowden aber lebt seit fast zehn Jahren im Exil in Moskau.

Rechtsextreme und Querdenker beschimpfen demokratisch ­gewählte Abgeordnete als "Volksverräter". Wie einst die Nazis insinuieren sie: Wer nicht ihrer Meinung ist, "verrate" das Volk. Das Gerede dient nur dazu, ­irrationalen Zorn zu schüren. Richtig ist: Wenn Abgeordnete irgendeiner Sache treu sein sollten, dann der, für die eine Mehrheit sie gewählt hat.

Verbal abrüsten!

Im Freundeskreis mag sich "hinter­gangen" fühlen, wessen Vertrauen missbraucht wurde, etwa um den Freund oder die Freundin auszu­spannen. Wer hier von "Verrat" spricht, gibt seiner berechtigten Enttäuschung rhetorisch Luft. Das Wort ist Ausdruck der eigenen Unversöhnlichkeit.

Es ist an der Zeit, verbal ­abzurüs­ten, zum Beispiel am Sonntag, wenn im Gottesdienst das Abendmahl ausgeteilt wird. Nicht: "Der Herr Jesus, in der Nacht, da Jesus verraten wurde", sondern "da er überantwortet wurde, nahm er das Brot, dankte, brach’s und sprach: Das ist mein Leib für euch; das tut zu meinem Gedächtnis."

Judas bereute seine Tat, berichtet Matthäus 27,3. Er habe die Silberlinge zurückgebracht und gesagt: "Ich habe gesündigt, unschuldiges Blut habe ich ausgeliefert." Es sei nie zu spät, ­Fehler zu bereuen, hat Jesus gelehrt, man ­finde immer Gottes Gnade. Judas gewiss auch.

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Burkhard Weitz
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Lesermeinungen

"Verbal abrüsten!
Im Freundeskreis mag sich "hinter­gangen" fühlen, wessen Vertrauen missbraucht wurde, etwa um den Freund oder die Freundin auszu­spannen. Wer hier von "Verrat" spricht, gibt seiner berechtigten Enttäuschung rhetorisch Luft. Das Wort ist Ausdruck der eigenen Unversöhnlichkeit."

Das ist eine Verharmlosung des schlimmsten Verrats, des Verrats durch einen Freund und die Partnerin.
Es geht nicht um Enttäuschung und Unversöhnlichkeit, es geht um Verletzung und Schmerz. Der verratene wird massiv verletzt. Eine äußerlich nicht sichtbare seelische Verletzung ist nicht weniger schmerzhaft als ein gebrochenes Bein.

Guten Tag,

der Text offenbart ein eigentümliches Demokratieverständnis. Es ist keineswegs richtig, dass Abgeordnete der Sache "treu" sein sollen, für die eine Mehrheit sie gewählt hat.

Der Abgeordnete als Träger des freien Mandats ist nämlich an keine Aufträge der Wähler, seiner Partei oder seiner Fraktion gebunden, sondern nur an sein Gewissen. Sonst hätten die Abgeordneten nämlich imperative Mandate.

MfG

Das Demokratieverständnis, das hier zum Ausdruck kommt, ist keineswegs eigentümlich. Es ist das landläufige und erwünschte. Der Bürger soll sich den Kopf vollklatschen mit lauter Wünschen an die Regierung oder die Opposition oder den Bundespräsidenten oder die Abgeordneten, was die tun sollten. Gleichzeitig mit dem Wunsch ist allerdings das Wissen auf der Welt, dass die Wünsche nicht erfüllt werden. Deswegen ja auch der Konjunktiv "sollte".

Eigentümlich ist nicht das Verständnis von der Sache, sondern die Sache selber, also die Demokratie. Sie ist eine stinknormale Herrschaftsform. Es wird wie immer über das Volk geherrscht. Worüber soll denn sonst geherrscht werden können? Das Volk selber soll es aber sein, das hier die Herrschaft ausübt. Dieser Widersinn findet dann seinen ideologischen Niederschlag in den Debatten zu den Mandatsformen imperativ und frei.

Der praktische Nutzen: Der Bürger soll sich ganz viel den Kopf zerbrechen und irre wichtig vorkommen, wenn er zum Kreuzchenmalen bei der Wahl antritt. Und wenn dann wenig überraschend die Hoffnungen, die er mit der Wahl verbindet, nicht eintreffen, dann soll er sich bei der nächsten Wahl erneut ganz viel den Kopf zerbrechen und irre wichtig vorkommen. Oder zum Nichtwähler mutieren.

Die Herrschaft behindern soll er auf keinen Fall. Und das tut er ja auch nicht. Er will schließlich nicht im Knast landen.

Traugott Schweiger

Sehr geehrte Damen und Herrn,
der Artikel „War Judas ein Verräter?“, der eine Religionsinformation für Neugierige sein soll, hat mich zum Widerspruch angeregt. Was sollen Neugierige über die religiöse Aussage der Judas-Geschichte erkennen? Nach Ihrem Text ist Judas immer noch der Böse, der Verräter, der zum Tode Jesu beigetragen hat. So haben ja Mathäus und Johannes auch schon geschrieben: Judas war der Sündenbock.

Ich war lange Zeit Religionslehrer und habe einmal für den Unterricht „20 fiktive Worte biblischer Personen“ formuliert. Darin habe ich auch einen Abschnitt über Judas geschrieben:

19 Abschiedsbrief des JUDAS ISKARIOT
Mein Leben ist sinnlos geworden und ich werde es beenden. Ich habe etwas Gutes gewollt, aber nur Unglück verbreitet.
Freudig bin ich Jesus gefolgt und habe an ihn geglaubt. Er war für mich der erwartete Messias, der die sündhafte Welt in sein himmlisches Reich führen wollte. Immer wieder habe ich darauf gewartet, dass er sich auflehnt gegen die Herrschaft der Römer, gegen die scheinheiligen Pharisäer und die engstirnigen Schriftgelehrten. Aber er hat immer nachgegeben, geschlichtet, um gegenseitiges Verständnis geworben.
Spätestens als wir nach Jerusalem kamen habe ich gemerkt, dass sich eine Stimmung gegen ihn formierte. Da habe ich es nicht mehr ausgehalten. Ich vermutete, Jesus würde wieder leidend alles über sich ergehen lassen und nichts tun. Da musste ich etwas tun, um ihn zu zwingen, endlich seine wahre Bestimmung zu zeigen und sein Reich zu errichten. Wenn es auf Leben und Tod geht musste er sich doch entscheiden. So habe ich dem Hohen Rat einen Tip gegeben, wo man Jesus treffen konnte. Gethsemane sollte der entscheidende Wendepunkt werden.
Und er ist es auch leider geworden. Jesus ist seinen Weg konsequent weiter gegangen – bis in den Tod. Alles war umsonst, meine Jüngerschaft, mein Glaube und meine Hoffnung. Ich habe sogar noch seinen Tod ermöglicht.
So kann ich nicht weiter leben, mein verpfuschtes Leben hat keinen Sinn mehr.

Dieser Text sollte nicht nur die Schüler über die Aussagen, die der Text macht, nachgenken lassen.
Ist Judas nicht der Mensch, der an seinem Glauben zerbricht? Der, der sich immer wieder fragt, warum Gott so viel Ungerechtigkeit und Not mit ansieht, ohne etwas zu tun. Der Mensch, der an seinem Glauben irre wird bis hin zur Gottesleugnung.
Jesu Jünger sind beim Tod ihres Meisters enttäuscht und verstecken sich, um selbst nicht der Mittäterschaft beschuldigt zu weden. Allein Judas handelt, er will ein Zeichen, er will Gott zwingen, auch zu handeln. Aber das geschieht nicht.
Dies ist eines der Grundprobleme des Christentums, was nicht nur Judas betrifft, sondern auch uns heute. Wie können wir an einen Gott glauben, der auf unsere Nöte und Gebete nicht reagiert? Wir wenden uns entweder von Gott ab – oder wir vertrauen weiter auf den Erlösungstod Jesu.

Soviel zu meinen Überlegungen zum Thema Judas. Ich kann Judas nicht als den Verräter, den Bösewicht, den Gottesmörder ansehen.

Mit freundlichen Grüßen
Hansjürgen Schmidt-Rhaesa

Wie kann Judas ein Verräter sein, wenn er doch nur unvermeidlich die Vorhersagen bzw. den Willen "Des Vaters" erfüllt hat. Ohne diesen Judas müßte es ja dann einen anderen geben. Gibt es keinen, gibt es auch keinen Verrat, kein Kreuzigung...... Das wäre dann auch das Ende der Geschichte und "ROM" wäre arbeitslos. Oder kommt jetzt wieder als gewundene Erklärung eine Formulierung, die viel sagt und nichts logisch und verständlich erklärt?