Bernhard Schlink über Ost und West und völkisches Denken

Wir müssen reden
Bernhard Schlink

Daniel Hofer/laif

Der Schriftsteller Bernhard Schlink in Berlin-Mitte

*** SPECIAL FEE *** Bernhard Schlink, deutscher Schriftsteller und Jurist, Kultur, Literatur, Portrait, Einzelportrait, fotografiert anlaesslich der Vorstellung seines neues Buches "Olga" auf dem Bebelplatz in Berlin-Mitte, Europa, Deutschland, 16. Januar 2017 Engl.: Bernhard Schlink, german writer and lawyer, portrait, single portrait, photographed on January 16th 2018 in Berlin-Mitte (Bebelplatz), Germany, Europe

Warum misstrauen so viele Menschen unserem System, verweigern die Impfung, driften in völkische Szenen ab? Der Schriftsteller Bernhard Schlink meint: Es liegt an der politischen Kultur der Westdeutschen.

chrismon: In Ihrem neuen Roman "Die Enkelin" geht es viel um das Verhältnis von Ost- und Westdeutschen. Die Hauptfigur Kaspar studiert in den 60er Jahren in Westberlin, hat eine Freundin im Osten und hilft ihr zu fliehen. Wie autobiografisch sind diese Passagen? Hatten auch Sie eine Freundin in Ostberlin?

Bernhard Schlink: Auch ich habe damals in Westberlin studiert, war 1964 auf dem Pfingsttreffen der deutschen Jugend in Ostberlin, hatte dort Freunde und auch eine Freundin, der ich zu fliehen geholfen habe. Ich habe 5000 DM zusammengeborgt und gefälschte Papiere gekauft. 

Bernhard Schlink

Bernhard Schlink, geboren 1944, ist Jurist und Schrifsteller. Er lehrte Öffentliches Recht, Sozialrecht u. a. in Berlin und war Richter am Verfassungsgerichtshof des Landes Nordrhein-Westfalen. Einer großen Öffentlichkeit wurde er bekannt durch seine Kriminalromane um den Privatdetektiv Selb und 1995 durch den preisgekrönten und verfilmten Roman "Der Vorleser". Weitere Veröffentlichungen sind u. a. die Erzählungssammlungen "Liebesfluchten", "Sommerlügen" und "Abschiedsfarben". Sein jüngster Roman "Die Enkelin" erschien im Oktober 2021 im Verlag Diogenes.
Gaby Gerster/Diogenes Verlag

Claudia Keller

Claudia Keller ist stellvertretende Chefredakteurin von chrismon. Davor war sie viele Jahre Redakteurin beim "Tagesspiegel" in Berlin.
Lena UphoffPortrait Claudia Keller

Sind Sie nach der Flucht ein Paar geblieben?

Nicht lange. Wir taten uns beide schwer, sie sich mit ihrem Wechsel von Ost nach West, den sie nicht bereute, der aber doch ein einschneidender, schmerzhafter Bruch war, ich mich mit meinen Schulden. Und wir schafften nicht, über das, was uns beschäftigte und bedrängte, miteinander zu sprechen. Ich erinnere mich an die Nächte, in denen ich aufwachte, sie am Fenster stand und rauchte, ich sie fragte: was ist, und sie sagte: nichts. Und ich erinnere mich, wie sie sich ein kleines Radio kaufte und ich wütend und sie trotzig war. Weder konnte ich von meiner Angst vor noch mehr Schulden noch sie von dem alten Traum reden, den sie sich mit dem Radio endlich erfüllt hatte. Aber was immer uns nicht gelungen ist – wir sind Freunde geblieben.

Wie wurde Ihre Freundin im Westen behandelt?

Zuerst kam sie, wie alle, ins Aufnahmelager Marienfelde und wurde zwei, drei Tage lang vernommen – die Angst vor Spionen. Danach gab es Gutscheine vom Senat für die Erstausstattung, wir gingen einkaufen, und sie wurde bei Vorlage der Gutscheine schäbig wie ein lästige arme Verwandte behandelt. Als sie studierte, konnte es passieren, dass sie in herablassendem Ton "Ach, das muss doch unsere Kommilitonin aus dem Osten wissen" zu hören bekam. 

"Es wurde erwartet, dass sie alles Ostdeutsche ablegt"

Und wenn sie etwas sagte?

Solche Bemerkungen haben sie nicht zum Reden ­eingeladen. Sie haben sie gelehrt, besser nicht erkennen zu ­lassen, wo sie herkam. Von ihr wurde erwartet, dass sie alles Ostdeutsche ablegt und so ist wie die Westdeutschen. Das war nach der Wiedervereinigung im Großen nicht ­anders als damals im Kleinen. Dass die Ostdeutschen, nachdem doch die Unterdrückung durch das SED-­Regime weg war, nicht waren wie die Westdeutschen, wurde zuerst mit ­Erstaunen, dann mit Befremden und schließlich mit Empörung wahrgenommen.

Zu den Jubiläen von Mauerfall und Wiedervereinigung kommen mittlerweile viele Ostdeutsche zu Wort. Ist das gegenseitige Verständnis gewachsen?

Im Westen findet man jetzt erst recht: Die im Osten sollten sein wie wir. Wie haben wir ihre Städte renoviert, was haben wir ihnen für Straßen gebaut, und immer noch sind sie schwierig! Es wird viel über die im Osten geredet, aber wenig mit ihnen, und vor allem wird ihnen wenig zugehört. Die Feststellung, sie hätten noch nicht die Höhe unseres demokratischen Bewusstseins erreicht, ist töricht. Im Osten nehmen sie das politische System oft anders wahr als wir im Westen, ernsthafter, mit mehr Erwartungen und dann auch Enttäuschungen. Der abgeklärte, ironisch-distanzierte, spielerische Umgang sowohl mit Kultur als auch mit Politik, der sich im Westen entwickelt hat, ist ihnen fremd.

Spielerischer Umgang mit der Politik?

Die sogenannten Sternstunden des Bundestags, in denen Moralisches auf der Tagesordnung steht, pränatales Leben oder Suizid, in denen die Fraktionsdisziplin aufgehoben und ernsthaft diskutiert wird, sind Ausnahmen. Sonst werden die Diskussionen diszipliniert unter Regeln eines strategischen und taktischen Spiels geführt, dessen Sinn sich dem Beobachter nicht leicht erschließt. 

"Man kann sich nur von starken Eltern lösen"

Die AfD wurde in Sachsen und Thüringen stärkste Kraft bei der Bundestagswahl. Auch wenn man sich die Impfquote in Sachsen ansieht, fragt man sich schon, was da los ist . . .

Dass die AfD dort so erfolgreich ist, ist traurig. Aber ich ­habe im Westen Freunde, die mir von ihrem guten Immun­system und den unbekannten Langzeitfolgen erzählen und sich ebenfalls nicht impfen lassen. Im Osten haben viele überdies ein tiefes Misstrauen gegenüber dem Staat entwickelt.

Lässt sich Misstrauen gegen den Staat vererben?

Das Misstrauen gegenüber dem Staat hängt mit dem zusammen, was erlebt und erlitten wurde, und das trägt sich fort. Ich denke, man kann sich nur von starken Eltern lösen. Die Lösung von unseren Eltern, die Wiederaufbau und Wirtschaftswunder geschafft haben, fiel uns leicht. Eltern, deren Lebensläufe sich nach 1989 von den Brüchen der Wende nicht erholten, die sich beruflich und gesellschaftlich nicht mehr zurechtfanden und daran litten, bleibt man als Kind in Empathie verbunden, und man übernimmt vieles von ihnen.

Ihre Romanfigur Kaspar ist Buchhändler in Berlin, steht politisch links, meint es gut mit der Welt, ist aber völlig überfordert, als er mit andersdenkenden, ­rechtsgerichteten Menschen konfrontiert ist. Sie halten mit dem Roman Ihrer Generation der 68er einen Spiegel vor. Was war der Anlass?

Nein, einen Spiegel halte ich nicht vor. Aber ich bin alt, sehe zurück und sehe die Fehler, die meine Generation gemacht hat. Wir haben alte Zöpfe abgeschnitten, die ­abgeschnitten gehörten, aber wir gingen darüber hinaus. Wir haben ­unseren Anteil daran, dass Lehrer, Angehörige des öffent­lichen Dienstes, Institutionen, die, die in ihnen arbeiten, und die Idee, dass wir als Bürger Pflichten haben, nicht mehr geschätzt werden. Das fordert jetzt seinen Preis. Auch die Wiedervereinigung hätten wir besser gestalten müssen. 

"Wir wollten die Studenten in die Verantwortung für die Uni einbinden"

Wie hätte es anders laufen können?

Es hätte mehr Begegnungen gebraucht. Einen groß angelegten Schüleraustausch, nicht, wie dies manchmal geschah, für zwei Wochen, sondern für ein halbes Jahr, wie mit den USA oder Kanada. Intensiv gelebte Städtepartnerschaften, wie in der Hochzeit der Städtepartnerschaften mit Frankreich in den 60er und 70er Jahren. Man hätte die Ver­folgung des SED-Unrechts den neuen Ländern überlassen sollen und nicht Staatsanwälten und Richtern aus dem Westen. Die Treuhand hätte behutsamer agieren müssen.

Sie wurden 1990 Juraprofessor an der Humboldt-Uni. Was haben Sie beigetragen, um es besser zu machen?

Außer, dass ich gelehrt und meine Studenten und Studentinnen gelernt haben? Aus manchem, was ich und andere beitragen wollten, ist nichts geworden, vom Entwurf einer neuen Verfassung bis zum Projekt einer anderen Universität. Wir wollten zum Beispiel jeden Studenten und jede ­Studentin in die Verantwortung für die Universität einbinden und Dienste leisten lassen, als Hilfskräfte am Lehrstuhl oder in der Bibliothek, in der Mensa, im Garten oder, wie in der DDR, beim Putzen. Wir wollten, dass die Arbeitsgemeinschaften, die Studenten angeboten und von Assistenten abgehalten werden, im ersten Semester von Professoren übernommen werden, die dann während des Studiums Ansprechpartner der Studenten bleiben. Wir wollten die Einheit von Forschung und Lehre stärken und die außerhalb der Universität Forschenden zu lehren auffordern.

Warum ist das gescheitert?

Weil die Kollegen, die später berufen wurden, nicht ein­sahen, warum die Humboldt-Universität anders sein sollte. Sie wollten gute Arbeitsbedingungen und das Ansehen, das die Professur an der Hauptstadtuniversität versprach. 

"Ich bin hingefahren und habe mich umgesehen"

Der zweite Teil Ihres Romans spielt bei völkischen Siedlern in Mecklenburg. Kaspars Stieftochter hat in diesem Milieu Halt und ein Zuhause gefunden, nachdem sie in einem Jugendwerkhof in der DDR schlimme Erfahrungen gemacht hatte und auf der Straße gelandet war. Wie ­haben Sie recherchiert?

Es gibt Literatur über die Völkischen, und es gibt Texte von Aussteigern. An die Periodika der Völkischen selbst kommt man nicht leicht. Ich habe mich an die Bundes­zentrale für politische Bildung gewandt, an den Ver­fassungsschutz, an die Amadeu-Antonio-Stiftung. Fündig wurde ich erst bei einer kleinen Initiative in Berlin-Kreuzberg, zweites Hinterhaus, fünfter Stock.

Was hat Sie an der völkischen Gemeinschaft interessiert? 

Das rechte Spektrum ist groß – von AfD über NPD, Ludendorffer, Artamanen, Völkische, Kameradschaften, Autonome Nationalisten, Identitäre bis zu rechten Frauen- und Jugendorganisationen. Was ich über die Völkischen gefunden habe, fand ich besonders interessant. Sie wollen in und mit und aus der Natur leben, sie kleiden sich altertümlich, sie vermischen Grünes mit Blut und Boden und Rassismus. Ich bin hingefahren und habe mich umgesehen. Über einen gelegentlichen kleinen Wortwechsel ging es nicht hinaus. Trotzdem war es mir wichtig. Ein Lehrer erzählte mir, dass die Eltern der völkischen Kinder immer bereit sind, wenn es an der Schule etwas zu machen, zu helfen, zu backen gibt. Sie zeigen Engagement für die Gemeinschaft, anders als die Schläger der Kameradschaften in Thüringen.

Die Völkischen sind nicht gewalttätig?

Sie können schon eine Scheune anzünden, wenn sie jemanden aus dem Dorf vertreiben wollen. Aber sie zeigen nicht die Schlägertruppmentalität anderer Rechter. 

"Wir müssen die Defizite sehen"

Ihre Hauptfigur Kaspar möchte seine Enkelin aus diesem Milieu herauslösen und handelt mit den Eltern aus, dass er ihnen Geld zahlt, dafür darf das Mädchen die Ferien bei ihm verbringen. Er macht mit ihr Ausflüge, geht mit ihr in Konzerte, zeigt ihr Bücher. Er setzt auf die Kraft von Bildung, Kultur, Gesprächen. Ist das nicht naiv?

Nur am Rand – der Handel mit den Eltern ist etwas kom­plexer. Naiv? Erwachsene erreicht man oder man erreicht sie nicht. Was mit einem Kind möglich ist, muss man erst einmal ausloten. Das will Kaspar – was wäre die Alter­native zu seinem Versuch, der Enkelin eine andere Welt zu eröffnen?

Das Gespräch abbrechen und klare Grenzen aufzeigen.

Und die Enkelin verlieren. Wir sollten es uns mit dem Gespräch-­Abbrechen nicht leicht machen. Es gibt AfD-­Abgeordnete und -Mitglieder, mit denen nicht zu reden ist. Aber auf der kommunalen Ebene kooperieren Gemeinde­räte der anderen Parteien immer wieder mit denen der AfD – bis es skandalisiert und abgestellt wird. In den neuen Ländern sind nicht 30 Prozent der Bevölkerung gesprächsunzugänglich, weil sie AfD-Wähler sind. Ob zugänglich oder unzugänglich hat auch damit zu tun, wie der Zugang gesucht wird. Dabei bedeutet, im Gespräch zu bleiben nicht den Verzicht auf klare Positionen und Grenzen. 

Sie haben 2019 in der "FAZ" kritisiert, dass sich der Main­stream verengt habe, moralisch rigider geworden sei. Dadurch sei das rechte Spektrum gewachsen. Sie ­forderten, dass sich der Mainstream auf das rechte Spektrum ­"einlassen" müsse, wenn es sich nicht weiter isolieren und etablieren soll. Was meinen Sie mit "einlassen"?

Wir müssen besonders die Defizite sehen und beheben, auf die die Rechten reagieren. Zu den Jugendorganisa­tionen der Rechten schicken Eltern aus dem bürgerlichen Milieu ihre Kinder, damit sie Gemeinschaft, Abenteuer, Lagerfeuer, Führung, Gefolgschaft erleben. Unsere Gesellschaft bleibt den Kindern ein entsprechendes Angebot schuldig – da, wo die Enkelin im Buch lebt, gibt es keine Pfadfinder, keine kirchliche Jugendorganisation, nichts. Ein anderes Beispiel sind die Schulen, die Bundeswehroffiziere nicht zu den Schülerinnen und Schülern sprechen lassen, weil sie Nationalismus und Militarismus ablehnen – und damit die Akzeptanz der Bundeswehr, der Armee unseres freiheitlichen demokratischen Rechtsstaats, den Rechten überlassen. 

"Das Gespräch suchen statt zu mutmaßen"

Michel Friedman sagte vor einem Jahr im chrismon-Inter­view, es muss klare Grenzen geben. Wo Minderheitenrechte angegriffen werden, muss widersprochen werden.

Miteinander sprechen und einander widersprechen ­schließen sich nicht aus, im Gegenteil. Das Gespräch abbrechen bleibt allemal. Aber man muss das Gespräch versuchen, statt zu mutmaßen, der andere komme aus dieser und jener Ecke und das Reden mache keinen Sinn.

Was muss geschehen, damit unsere Gesellschaft sich nicht so polarisiert wie etwa die USA?

Die Schere zwischen Arm und Reich darf nicht weiter aufgehen. Wir dürfen keine migrantischen Neben- und Gegenwelten bekommen. Die Kluft zwischen Ost und West darf nicht tiefer werden. Wir müssen ganz anders in Bildung investieren; die Ganztagsschule muss eine Ganztagsbe­schulung mit vielen Angeboten – von sportlichen bis künstlerischen – sein und nicht nur eine Ganztagsverwahrung. Wir brauchen ein europäisches Dienstjahr, damit sich junge Menschen schichten-, klassen- und nationenüber­greifend und in gemeinsamer Verantwortung begegnen. Das koste zu viel, heißt es. Aber dem wird ­treffend ent­gegnet, dass wir vielleicht die Bankenkrise mit ihren immensen ­Kosten nicht gehabt hätten, wenn Banker in jungen Jahren gelernt hätten, Kinder im Rollstuhl mit der Schnabeltasse zu füttern.

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Lesermeinungen

"Sie können schon eine Scheune anzünden, wenn sie jemanden aus dem Dorf vertreiben wollen. Aber sie zeigen nicht die Schlägertruppmentalität anderer Rechter. "
Wenn es nicht traurig wäre, könnte man darüber lachen. Und jetzt sollen dort Pfadfindergruppen gegründet werden? Und ein halbjähriger Schüleraustausch? Eh dass ich meine Kinder dorthin schicke, wo man andersdenkenden die Scheunen abbrennt, melde ich sie ein halbes Jahr krank.

Die sehr klugen Aussagen des Bernhard Schlink zu den Befindlichkeiten der Bürger in den 'neuen Bundesländern' leiden allerdings unter dem Ausblenden einiger Fakten aus der früheren DDR. Nämlich (ohne Anspruch auf Vollständigkeit): Die Korruption orientalischem Ausmaßes verknüpft mit der Wertlosigkeit der offiziellen Währung, dazu gehörte auch ein lebhafter Tauschhandel, niemand war Mitarbeiter des MfS (Stasi) (im Westen gab es nach 1945 auch keine Gestapo-Leute), niemand war IM, das staatlich organisierte Rauben von Nachlässen und dem Eigentum der sogenannten 'Republikflüchtlinge'. Das Rauben von Privateigentum und auch aus Bibliotheken und Archiven (Schulen, Klöster, usw.), war staatlich organisiert als KoKo in Zusammenarbeit mit dem Finanzministerium, eine vom Staat abhängige Justiz und Rechtsprechung, entsprechend den früheren Volksgerichtshöfen, Diktatur einer korrupten Nomenklatura, und, was Herr Schlink wissen muss: Es gab keine Verfassungsgerichte, keine Sozialgerichte, keine Finanzgerichte. An dem System der Spitzel aller Art waren Hunderttausende beteiligt, wo sind die jetzt? Wer hat noch zum Beispiel Meißner Porzellan im Schrank, das irgendwie 'gefunden' wurde? Warum steht auf dem Silberbesteck AM, die Oma hieß aber Gertrud Heinze? Es ist doch anzunehmen, dass einige dieser so besitzend gewordenen Bürger psychologische Probleme haben? Hat darüber mal jemand geforscht?
Mit freundlichen Grüßen
Werner Heiland

Sehr geehrte Damen und Herren
dieses Heft begeistert mich sehr. Ganz besonders bedanken möchte ich mich für die Interviews mit Herrn Tanner/Frau Jaume-Palasi, Frau Dangarembga und Herrn Schlink sowie den Beitrag von Frau Topcu. Diese Meinungsäußerungen finde ich sehr überzeugend und in den sonstigen Medien kaum anzutreffen. Auch der den Titel abgebende Bericht über die Haltung von Legehennen ist für mich lesenswert, wenn auch nicht so anregend wie die Interviews. Dass dieses Magazin mit vielen Zeitungen unters Volk gebracht wird, freut mich sehr und ich hoffe, dass es von vielen Zeitgenossen intensiv gelesen wird.
Ich weiß nicht, welche Maximen die Redaktion aufgestellt hat, aber was in diesem Heft durchschimmert an weltanschaulicher Prägung, finde ich sehr beeindruckend. Besonders freut mich, dass sehr viel zum Nach- und Weiterdenken angeregt wird und nicht fertige Antworten präsentiert werden.
Ich wünsche Ihnen weiterhin eine so glückliche Hand für Chrismon und freue mich schon auf kommende Hefte.
Herzliche Grüße
Ihr Immanuel Stauch

Verehrte Frau Ott!
Schön, dass ich gerade Ihre Mailadresse entdecke - so kann ich Ihnen und Ihren Mitarbeiter:innen einfach zum Jahresbeginn ein herzliches Dankeschön senden für Ihre Arbeit.
Die aktuelle Ausgabe gefällt mir besonders gut! Viel Differenziertes, Nachdenkenswertes. Was Bernhard Schlink und Canan Topcu schreiben trifft sich m.E. gut mit dem aktuellen Interview mit Juli Zeh unter der Rubrik STREIT in der ZEIT.
Wie könnten wir breit die nur kurzlebige Runde-Tische-Idee von Roman Herzog wieder aktivieren, bei der es ums Zuhören und Anhören unterschiedlicher Meinungen von ganz normalen Bürger:innen geht?? Zu den Themen, die Menschen bewegen? Aktives persönliches Reden und Anhören scheint doch ein so immenses gesellschaftliches Manko zu sein.
Vielleicht entstehen bei chrismon ja praktische Ideen dazu??
Alles Gute!
Fraua Kruse-Zaiss

Ein wunderbares interview. Vor allem die Schlusssätze finde ich hervorragend, denn sie entsprechen meiner Erfahrung. Ich selbst habe nach dem Abitur ein Jahr mit der Aktion Sühnezeichen / Friedensdienste verbracht. Ich fände es wirklich sinnvoll, wenn jeder Jugendliche selbstverständlich ein Jahr dem Allgemeinwohl diente.

Liebes Chrismon-Team,
wir sind aufmerksame Leser Ihrer Zeitschrift, denn jedes Mal entdecken wir hochinteressante Beiträge. Diesmal hat uns der o. g. Artikel von Bernhard Schlink besonders angesprochen. Er hat hier tatsächlich mal die Dinge, die uns als ehemalige "Ossis" (den Begriff mögen wir eigentlich nicht, aber er ist wohl am ehesten zutreffend) sehr bewegen, auf den Punkt gebracht, ohne mit erhobenen Finger auf jemand zu zeigen. Die Veränderungen im Osten seit 1990 (wir waren da 30 und sind geblieben) waren fundamental. Die Meisten mussten sich mindestens beruflich komplett neu orientieren; nicht Wenige sind dabei auch ins Abseits geraten.
Dem gegenüber waren die Auswirkungen im Westen des Landes minimal, bis auf den Zugewinn eines neuen Marktes und Urlaubsorte an der Ostseeküste.

Mit freundlichen Grüßen

Axel Trott

Käse.

Ich bin in der DDR in einer "Blase" aufgewachsen. Unter Anthroposophen.

Als ich 1985 gen Westen verkauft wurde, begab ich mich schnell wieder darein.

"Ossi" ? -"Wessi" ?

In solchen Blasen fällt das gar nicht auf.

Die ganze Waldorf-Szene lebt in dem Vorsatz, "staatsfern" zu sein. Ersatzschulen gibt es NUR infolge der Auffassung, dass Bildung und Erziehung nicht in Staatshand gehöre.

Impfgegner sind diese Leute sowieso.

Links ? Rechts ?

Völkisch ?

Hat doch damit gar nichts zu tun.

Die URSACHE ist der WETTBEWERB und die wettbewerbsbedingte Symptomatik!!!

"Was muss geschehen, damit unsere Gesellschaft sich nicht so polarisiert wie etwa die USA?"

"Polarisiert" - Damit der bewusstseinsbetäubende "Tanz um den heißen Brei" / die heuchlerisch-verlogene Schuld- und Sündenbocksuche beendet wird:

Es muss mit China (den Gewinnern des Wettbewerb) geredet werden, für die Globalisierung eines befriedenden Gemeinschaftseigentums OHNE ..., in einer wirklich-wahrhaftig, zweifelsfrei-eindeutig UNKORRUMPIERBAREN Werteordnung - Dann klappt's auch mit dem Klimawandel!!!

Nichts gehört dem "einzelnen" / " "individualbewussten" Menschen allein, sogar unsere Gedanken nicht, weil diese auch IMMER ABHÄNGIG abhängig von Geist und Gemeinschaft GEPRÄGT WACHSEN.

Vertrauen bedarf einer positiven zwischenmenschlichen Erfahrung in der Erwartung auf ein Gebot der Fairness und gemeinsam verstehens des anderen. Das selbst überzogene "Ich " verdrängt die Gemeinschaft und Solidarität miteinander das Leben positiv für alle perspektivisch sinnvoll zu gestalten.
Reichtum und Armut sind nicht im 21. Jahrhundert beseitigt worden trotz des allgemeinen technischen und medizinischen Fortschritts.
Die politische Kultur in unserer Demokratie schafft keine bessere Welt für alle in Gerechtigkeit.