Arnd Brummer über Sängerrunden und Impfpflicht

Geimpft aus Liebe
Ohne typisch preußische Ordnung den Nächsten begegnen.

"Unser Chor", murmelte Sopranistin Brigitte, "kann es einfach nicht lassen. Nach dem ganzen Weihnachtsstress muss es ein fröhliches Treffen geben." ­Ihre Sangesbrüder und -schwestern grinsten und nickten. Gerade hatte ihnen Kurt, der Wirt des "Adler", in dem sie sich nach den Proben stets noch auf ein Gläschen treffen, mitgeteilt, "dass unser Gasthaus zwischen Weihnachten und Dreikönig wegen Corona geschlossen bleibt".

Arnd Brummer

Arnd Brummer ist  geschäftsführender Herausgeber von chrismon. Von der ersten Ausgabe des Magazins im Oktober 2000 bis Ende 2017 wirkte er als Chefredakteur. Nach einem Tageszeitungsvolontariat beim "Schwarzwälder Boten" arbeitete er als Kultur- und Politikredakteur bei mehreren Tageszeitungen, leitete eine Radiostation und berichtete aus der damaligen Bundeshauptstadt Bonn als Korrespondent über Außen-, Verteidigungs- und Gesellschaftspolitik. Seit seinem Wechsel in die Chefredaktion des "Deutschen Allgemeinen Sonntagsblatts", dem Vorgänger von chrismon im Jahr 1991, widmet er sich zudem grundsätzlichen Fragen zum Verhältnis Kirche-Staat sowie Kirche-Gesellschaft. Seine besondere Aufmerksamkeit gilt kulturwissenschaftlichen und religionssoziologischen Themen. Brummer schrieb ein Buch über die Reform des Gesundheitswesens und ist Herausgeber mehrerer Bücher zur Reform von Kirche und Diakonie. 
Lena Uphoff

Brigittes Reaktion war rasch und klar: "Kommt in zehn Tagen zu uns. Christoph und ich werden ein kleines Bufett vorbereiten und Getränke bringt ihr mit!" Christoph, Ehemann und Bariton, ergänzte: "Nicht nur das Gesöff, auch eure 2- oder 3-G-Bescheinigungen." Eine Impfpflicht, wie sie seit Wochen diskutiert würde, sei im Vorfeld dieses Treffens ­genauso ­wenig erforderlich wie heute zur ­Probe am vierten Advent.

Der kurze Dialog zwischen den Einladenden ließ mich in der Sängerrunde ein kontroverses Mienenspiel erkennen. In freundlichem Ton fragte der Arzt Willi, ob denn alle, die hier säßen, auch ohne Zwang "ordentlich geimpft" seien.

Lehrerin Susanne antwortete: "Na klar! Ich finde einen gesetzlichen Erlass zwar wieder mal eine typisch deutsche, nein, typisch preußische Übertreibung. Alles muss schriftlich und behördlich abgestempelt sein! Und wer gegen die angeordnete ­Regel verstößt, kriegt einen Straf­zettel. Aber für den täglichen Umgang mit Schulkindern brauche ich keine Impfpflicht, um mich in reiner Sorge ­ordentlich und fair zu verhalten."

Dass Corona unser Leben tief­gehend beeinflussen würde, galt vor 24 Monaten als "Panikmache"

Wer ab und zu die Texte auf ­dieser Seite liest, weiß, dass ich im Frühjahr 2020 selbst "Menschsein in ­Grenzen" erlebt habe, als ich mich bei einer Geburtstagsfeier mit dem ­Virus ­infizierte. Mediziner und andere ­Experten kommentierten Corona als eine rasch vergehende Infektion. Dass sie das alltägliche Miteinander nach mehreren Jahren noch immer umgeben und unsere Lebenspraxis tief­gehend beeinflussen würde, galt vor 24 Monaten in vielen Kommentaren als "Panikmache".

Susanne beschrieb in dem Gespräch einen persönlichen Umgang mit den ihr anvertrauten Schülerinnen und Schülern, der fester Bestandteil unserer Alltagskultur sein muss. Und es ist eine erfreuliche Nebenwirkung der grassierenden Infektion, dass immer mehr ­Leute in unserer Welt dies in ihrem ­eigenen Leben als selbst­verständlich ­erkennen lernen.

Seit der Begriff "Impfpflicht" von ihren Gegnern als "Schimpfpflicht" mit Polemik und Aggression abgewertet wird, zeigt sich einmal mehr die Notwendigkeit klar formulierter Regeln für eine demokratische Gesellschaft. Auf dem Weg aus dem Gemeindehaus fragte ich Susanne, ob ihre Kolleginnen und Kollegen es gegenüber Schülerinnen und Schüler und untereinander genauso hielten wie sie.

Nach kurzer Pause mit herabgezogenen Mundwinkeln kam die Antwort: "Rhetorisch ja. Tatsächlich befinden sich die meisten aber noch in einer Lernphase. Ich würde die Note ,befriedigend bis ausreichend, also 3 bis 4‘ aussprechen. Ein gutes Jahr 2022 wünsche ich uns!"

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Lesermeinungen

Sehr geehrter Herr Brummer,
ich lese Ihre o. g. Kolumne und stutze an einigen Stellen, an denen Sie sich ausdrücklich oder in Gestalt der auftretenden Personen für eine Impfpflicht aussprechen. Der Arzt erwartet, dass alle „ordentlich geimpft“ seien, die Lehrerin bestätigt das mit einem „Na klar!“, und Sie selbst positionieren sich mit dem Satz: „Seit der Begriff ‚Impfpflicht‘ von ihren Gegnern als ‚Schimpfpflicht‘ mit Polemik und Aggression abgewertet wird, zeigt sich einmal mehr die Notwendigkeit klar formulierter Regeln für eine demokratische Gesellschaft.“

Die Polemik und Aggression, die Sie offenbar wahrgenommen haben, kenne ich nicht; andererseits wäre sie zu erklären durch den Ausfall der Debatte seit über 20 Monaten. Der Philosoph Matthias Burchardt spricht von einer „Monopolisierung der Expertise“ (Drosten), beklagt die „Vergiftung des diskursiven Raumes“ (z. B. über die Diffamierung und Delegitimierung von Personen durch Etikettierung als Verschwörungstheoretiker o. ä.); sieht die Presse als „Exekutivorgan der Mächtigen“ und spricht aufgrund der ausfallenden Debatte von einem „kompletten Organversagen“ unseres demokratischen Systems, dem offenbar die „Immunabwehr“ abhandengekommen sei.
Es gibt sehr gute Gründe gegen eine Impfpflicht, die Polemik und Aggression nicht nötig haben. Und was die Regeln für eine demokratische Gesellschaft betrifft: Haben wir nicht unser wunderbares Grundgesetz, das aber nun seit Monaten eher ein Nebengesetz ist, dessen Regeln - immerhin MENSCHENrechte - mal so eben außer Kraft gesetzt werden?

Ich vermute, Ihre Überlegungen fußen auf dem Narrativ „Killervirus plus Rettungsimpfung“. Beide Elemente dieses Narrativs sind aber seit Langem dekonstruiert.

Wir haben eine Sterblichkeit von unter 0,2 Prozent, hatten 2020 keine Übersterblichkeit, eine Unterauslastung der Krankenhausbetten und Schmu bei den Intensivbetten. Im letzten Jahr wurden 20.000 Krankenhausbetten abgebaut, in diesem Jahr 4.500 Intensivbetten. Der Pflegenotstand ist seit Jahren bekannt und offenbar politisch auch so gewollt bzw. wird billigend in Kauf genommen. Die wiederholt angekündigte Überlastung des Gesundheitssystems hat es in den letzten 21 Monaten nicht gegeben und die derzeit polit-medial gehandelten Befürchtungen in diese Richtung dürften als solche nur benutzt werden, wenn gleichzeitig auf den politisch erfolgten Abbau der Kapazitäten hingewiesen würde.

Auf der anderen Seite ist die Impfung nicht der game changer, als der sie lange angekündigt wurde. Über die Nebenwirkungen (einschl. Todesfolge) wird nur am Rande, in Nischenmedien gesprochen. Dabei sind die Zahlen des PEI keine Kleinigkeit. Was als Impfung annonciert wurde und wird, ist im Grunde eine „Zell- und Gentherapie“, wie wir mittlerweile auch aus berufenem Munde des Herrn Oelrich von der Bayer AG wissen. Am meisten sollte aber zu denken geben, dass es mit gentechnischen Stoffen im Humanbereich so gut wie keine Erfahrungen gibt; Herr Kekulé spricht von einem Weltexperiment – zu Recht. Klassische Impfstoffe haben eine Erprobungszeit von acht bis zwölf Jahren, nicht Monaten. Viele von ihnen kommen gar nicht zum Zuge, weil sich nach 18 oder 30 Monaten adverse Effekte einstellen. Dann sind aber nur etwa 20.000 oder 60.000 Probanden betroffen, nicht vier Milliarden. Wir kennen das Pandemrix-Desaster, und auch Contergan war „geprüft und zugelassen“. Wer diese Bedenken schon allein aus einer allgemeinen, nicht coronaspezifischen Risikoabschätzung für gewichtig hält, wird zusätzlich bestärkt durch den völligen Haftungsausschluss, den sich die Hersteller der Stoffe von den nationalen Regierungen vertraglich haben zusichern lassen.

Ich stelle seit 20 Monaten nicht nur eine extreme Engführung der Debatte fest, sie geht auch einher mit einer massiven Desinformation. Von Paulus kennen wir den Satz: „Prüfet alles, das Gute behaltet.“ (1 Thess 5, 21) Wie aber soll der Normalbürger alles prüfen, wenn ihm nur ein völlig einseitiger polit-medialer Mainstream angeboten wird? Zwei Verse vorher schreibt der Apostel: „Löschet den Geist nicht aus!“ Ich fürchte, dass das zunehmend geschieht.

Im Jahre 1491 verfügte der spanische König Ferdinand II. im Zuge der spanischen Inquisition (Spanien sollte nur spanisch und ganz katholisch werden), dass alle 235.000 Juden sich taufen lassen müssten, andernfalls das Land zu verlassen sei. Also: Taufzwang oder Ausweisung! Ist es völlig abwegig zu denken, dass wir heute die Alternative haben: Impfzwang oder Ausgrenzung?

Und es geht weiter: Noam Chomsky (man denke nur: ein Apostel der linken Solidarität!) forderte vor Kurzem in einem Interview die kategorische Isolierung von Ungeimpften, und auf die Frage, wie sie denn dann versorgt werden sollten, erklärte er lapidar, das sei deren Problem. Als eines der Schiffe, mit denen die o. g. spanischen Juden das Land verlassen wollten, von Piraten überfallen und, völlig ausgenommen, nach Malaga zurückkehrten und um Proviant baten, erklärten Rat und Geistlichkeit, sie hätten die Wahl zwischen Taufe und Hungertod.
Haben wir eigentlich nichts aus der Geschichte gelernt?

Vor diesem geschichtlichen aber auch dem oben geschilderten Sachhintergrund, der Dekonstruktion des Narrativs, ist es mir umso unverständlicher, wie eine große Mehrheit unserer Verantwortlichen in Politik und Gesellschaft von einer Impfpflicht oder gar einem Impfzwang sprechen kann. Auch Sie sprechen sich ja indirekt dafür aus. Soll sich impfen lassen, wer will, aber auch wer nicht will, sollte respektiert werden; er hat immerhin gewichtige Gründe in der Sache und außerdem das Grundgesetz mit seinen ersten beiden Artikeln sowie den Nürnberger Kodex auf seiner Seite. Diese beiden Dokumente zu ignorieren stellt für mich einen Tabu- und Kulturbruch sondergleichen dar. Leider hört man dazu im Mainstream so gut wie nichts.

Ich würde mich freuen, sehr geehrter Herr Brummer, wenn Sie meine Überlegungen nicht in die Schubladen Polemik oder Aggression einsortierten. Gern bin ich auch bereit, Ihnen für Chrismon einen Artikel zu liefern, der die Rückseite des Corona-Mondes beleuchtet. Meine Sichtweise trage ich nicht leichtfertig vor. Seit vor zwanzig Monaten die ersten Unplausibilitäten auftauchten, habe ich das gemacht, wofür ich eigentlich meine Rundfunkgebühren und meine Zeitungsabos bezahle: Ich habe selbst recherchiert. Angefangen habe ich übrigens mit der wiederholten Lektüre der „Nemesis der Medizin“ von Ivan Illich aus den 70er Jahren. Er hat damals schon überaus Treffendes und Kluges gesagt, als er von einem medizinischen Klerus sprach, der die ganze Welt zu einer Krankenstation machen wolle.

Es wird Zeit, die Debatte zu weiten, sonst nimmt nicht nur unsere freie und offene Gesellschaft dauerhaft Schaden, sondern sie verfeindet sich auf Jahr(zehnt)e hin. Das kann erst recht einer Zeitschrift wie Chrismon nicht egal sein.

Mit freundlichen Grüßen

Thomas Polewsky