Corona in Deutschland und der Welt

Geht es uns besser, wenn die anderen es vermasseln?
Die Delta-Variante führt zu steigenden Infektionszahlen in Asien. Das ist kein Grund zur Häme

Woher kommt eigentlich diese Häme? Neuseelands "No Covid"-Strategie sei gescheitert, tönte es aus Presse und Funk nahezu einstimmig, als das Land vor zwei Wochen wieder in den Lockdown ging. Chinas Hafenschließung wegen "einer einzigen Infektion" fanden die Medien bei uns hysterisch; ein "taz"-Autor belehrte die Chinesen, ihr "Katz-und-Maus-Spiel" mit dem Virus müsse nun ein Ende haben. Die Australier würden dafür gestraft, dass sie beim Impfen geschlampt hätten. Und dass in den Discos von Seoul "Gangnam Style" nicht mehr laufen soll – zu atemintensiv –, war der Aufhänger mehrerer Berichte über den Anstieg der Infektionen in Südkorea, Tenor: Was die sich so ausdenken, diese "Corona-Musterländer" in Ostasien!

Sabine Horst

Sabine Horst, gelernte Germanistin, hat als Kulturjournalistin unter anderem für die "Rundschau" und "Journal Frankfurt" gearbeitet und ist seit 2002 Redakteurin bei epd Film. Sie schreibt für die "Zeit" und den "Tagesspiegel", gibt gelegentlich Bücher zu interessanten Themen (Robert De Niro, "Männer - Sex - Kino") heraus und sitzt in der Jury der Evangelischen Filmarbeit. Ins Kino geht sie in Frankfurt - am liebsten mit ihrer Familie.
Lena Uphoff

Oder "ehemalige Corona-Musterländer", wie die Sprachregelung jetzt lautet. Die neuen Corona-Ausbrüche in Staaten, die die Pandemie lange erfolgreich bekämpft haben, scheinen in Deutschland weniger Besorgnis als Erleichterung auszulösen. Aha, die kriegen es also auch nicht hin. Das ist ein bisschen, als würden die Lümmel von der letzten Bank sich freuen, dass der Klassenstreber eine Fünf kassiert hat. Man könnte es kindisch finden. Wenn dieses Kommunikationsmuster nicht eine politische Komponente hätte: Die Vorstellung, eine konsequente Eindämmung des Virus sei nicht möglich oder auch nur wünschenswert, lässt unsere Corona-Strategie nicht ganz so glanzlos aussehen – aktuell eine Mischung aus Impfen und Hoffen, die den Anstieg der Infektionen nicht verhindert.

Dabei wissen wir inzwischen, dass es "eine einzige Infektion" nicht gibt - es wurden in China viel mehr entdeckt. Wir wissen, dass explodierende Fallzahlen, egal wo, das Virus mutieren lassen, irgendwann also auch gefährlicher machen können – und dass Impfstoffe vor schweren Verläufen schützen, aber die Übertragung nicht vollständig verhindern. Die Neuinfektionen in den "Musterländern" werden durch die hochansteckende Delta-Variante verursacht – eingeschleppt aus Regionen, die sie, wie Indien, nicht bekämpfen konnten, oder die zu spät reagiert haben. Jedes Land, das an der Eindämmung des Virus arbeitet, tut nicht nur etwas für sich, sondern es tut etwas für alle, für die Weltgesellschaft – es hilft, die Mutationsspirale auszuhebeln. Und Länder, denen es bisher gelungen ist, ihre Infektionszahlen zu kontrollieren, müssen sich nicht aus der Mitte des Corona-Hotspots Europa mahnen lassen, doch gefälligst den Tourismus oder die "Lieferketten" aufrechtzuerhalten – sie verdienen Respekt.

China hat Masken exportiert, als wir uns noch die Hände mit Klosterfrau Melissengeist desinfizierten

Abgesehen davon, dass China Masken und Medizinmaterial exportiert hat, als wir uns noch die Hände mit Klosterfrau Melissengeist desinfizierten, könnte man nach anderthalb Jahren Corona-Schrecken festhalten: dass ein Land in der Pandemie umso erfolgreicher ist, je weniger Virus es in die Atmosphäre bläst. Das zu ermitteln, ist keine Raketenwissenschaft, es braucht keine komplizierten Rechenoperationen. Man muss die Zahlen nur zur Kenntnis nehmen: Es sind die der Toten. Länder, die sich lange um Infektionskontrolle bemüht haben, also die maskentragenden, quarantäneverhängenden, discoschließenden Streber, beklagen deutlich weniger Opfer. Japan, 126 Millionen Einwohner: rund 16.000 Tote (127 je Million). Vietnam, 98 Millionen: 11.000 (112 je Million). Südkorea, 51 Millionen: 2.300 (45 je Million). In Deutschland sind bisher mehr als 92.000 Menschen an (oder meinetwegen mit) Covid gestorben, das sind um die 1.100 je Million. Man stelle sich vor, China würde sich auf diese Risikoabschätzung ein- und das Virus auf seine 1,4 Milliarden Bürger loslassen.

Also, Deutschland, an der Stelle einfach mal die Klappe halten. Oder noch besser: Sich vor der Leistung anderer Staaten in Demut verneigen und darauf hoffen, dass Korea, Neuseeland, Australien, Thailand und natürlich auch China die aktuellen Delta-Eruptionen in den Griff bekommen, durch Maßnahmen, die sie für richtig halten, und durch beschleunigte Impfkampagnen. Am Montag meldete übrigens der englische "Guardian", die Fälle in Neuseeland seien gesunken – ein "beruhigendes Indiz, dass der Lockdown funktioniert". So kann man es also auch sehen.

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Lesermeinungen

Ich verstehe nicht : Ist diese Pandemie etwa doch erfunden ?

" Also, Deutschland, an der Stelle einfach mal die Klappe halten. "
Ich bin nicht Deutschland. Frau Horst offenbar auch nicht.
Das Scheitern von Strategien anderer Länder , b.z.w. die Berichte darüber empfinde ich nicht als Häme, im Gegenteil, es zeigt mir, dass weder Triumph noch Häme angesagt sind, wenn es um Themen solch globalen Ausmasses geht, wie es eine Pandemie nur sein kann.
Aber das war mir schon immer klar. Nur die Hoffnung lebt und überlebt jedes Disaster, deshalb nimmt man Anteil.

" Klosterfrau Melissengeist " habe ich nie benutzt, aber Reinlichkeit ist / war schon sehr wichtig.
Kaum zu fassen, wie viel Blödsinn offenbar kompetente Journalisten so schreiben können ! Aber wir wissen es ja besser.

" Oder noch besser: Sich vor der Leistung anderer Staaten in Demut verneigen "
Das ist nicht von der Hand zu weisen. Aber, wiederholt, wer ist nun Deutschland ? Sind wir denn alle gleich, weil die Statistik allmählich die Individualität vernichtet ? Sind wir Roboter ?

Was mir allerdings fehlt, ist der Bezug ? Worauf , oder auf welche Berichte bezieht sich der Text konkret ?

" Man muss die Zahlen nur zur Kenntnis nehmen:"
Muss man das ? Ich zweifle inzwischen, ob die ermittelten Zahlen wirklich aussagekräfig genug sind.
Journalismus dieser Art sagt mir gar nichts. Wenn ich kein Vertrauen in die Presseberichte habe, so wird mein Vertrauen nicht dadurch gestärkt, dass ich erkenne, wie polarisierend die Beziehung innerhalb der Presse ist.
Aber wahrscheinlich bilde ich da eine Ausnahme.

Alles in allem, sollte Deutschland je die Klappe halten, wäre es aus mit Deutschland. Klar ? !

( So unter uns Germanisten :-) )