Thomas Rheindorf über eine mobile Artzpraxis im Ahrtal

Der Doktor vom Bahnhofsplatz
Thomas Rheindorf Hochwasser Arztpraxis

Thomas Rheindorf

Das Rote Kreuz betrieb schnell nach dem Hochwasser mobile Arztpraxen an zentralen Stellen zur Wundversorgung, Rezeptausstellung und Überweisung an Fachärzte. Allmählich läuft dieses Angebot aus.

Thomas Rheindorf Hochwasser Arztpraxis

Ich komme am Ahrweiler Bahnhof vorbei. Auf dem Vorplatz steht eine mobile Arztpraxis. Am späten Vormittag ist kaum was los. Die Praxis meines Hausarztes ist zu. Hochwasser.

Bahnhofsvorplätze sind ja ganz allgemein so eine Sache. Längere Aufenthalte scheinen meist nur mit einem soliden Alkoholspiegel möglich. So auch in Ahrweiler. Doch nach dem Hochwasser wurde aus dem öden Ort eine attraktive Plaza voller Leben: Coronaimpfung, Wasser, Lebensmittel und ein Gratisbasar mit fast allem, was Hochwassergebeutelte so brauchen zogen Betroffene und Helfer hierher.

Und eine mobile Artzpraxis, organisiert vom Roten Kreuz. Denn nicht nur mein Arzt musste wegen des Hochwassers schließen, fast alle "normalen" Praxen im Tal sind dicht. Die mobilen Praxen die einzige Möglichkeit.

Als ich an diesem Tag kurz vor Mittag, auf dem Weg zum Discounter, vorbeikomme, ist der Platz kaum bevölkert. Vor der Praxis steht niemand. Wie seit einiger Zeit schon, verspüre ich ab der Tagesmitte Gelüste nach Hängematte und Müßiggang, während ich Schläfendruck und Gliederschmerzen zu ignorieren trachte. Warum eigentlich meine psycho-somatische Gesamtsituation nicht mal jemandem vortragen, der sich mit sowas auskennt?

Nach alter Schule nochmal

Ein paar Stufen hoch, auf eine Taste gedrückt und schon gleitet geräuschlos eine Glastür auf. Das Ambiente dahinter ist so clean, dass ein Doktor im Trekkie-Look mich nicht überrascht hätte. Doch ein Mann in Jeans und Poloshirt (ohne Krokodil) scheint mich geradezu zu erwarten. Das Behandlungszimmer mutet an wie das Innere der ISS – nur mit Schwerkraft. Ich schildere meine Symptome während mich sympathische Augen über einer Maske erforschen. Der Doktor will Blutdruck messen. Er ist von der anderen Rheinseite und zum ersten Mal hier. Während er versucht, sich mit dem elektronischen Blutdruckmesser anzufreunden, fragt er meine Situation ab: eigene Betroffenheit, familiäre und berufliche Situation. Das Ergebnis seiner Messung gefällt ihm nicht. Der Doktor verschwindet und kommt mit seinem eigenen Arztkoffer zurück: dann nach alter Schule noch einmal. „Was ich höre, das höre ich!“

Er will wissen, wie es in der Gemeinde aussieht

Und während er mit der Untersuchung voranschreitet, kommen wir ins Gespräch. Er will wissen, wie es in der Gemeinde aussieht. Ich berichte, dass praktisch mein gesamter gemeindlicher Zuständigkeitsbereich betroffen ist. Er erzählt, dass er mal katholisch war und jetzt altkatholisch ist. „Gefällt mir“, sage ich, „wenn nur der Name nicht wäre.“ „Ja“, sagt er, „klingt schrecklich. Und ist gar nicht so.“ Wir gelangen bei Puls und Sauerstoffsättigung zur Seelsorge. Ein alter Mann war vor mir in der Praxis. Alles verloren. Die Tochter in Italien lebend. Sie wollte kommen und helfen, der alte Vater wollte nicht. Sie kam trotzdem und packte drei Wochen an. Die Rettung für den Mann, der kurz vor mir hier saß. Dann fuhr sie zurück ins Land, wo die Zitronen blüh`n und starb an einem Herzinfarkt.

Krankschreibung? Geht jetzt nicht

Die raspelkurze Frisur des Doktors lässt nicht zu, dass er sich die Haare raufen kann vor Mitgefühl. Dann sein ärztliches Resultat „Normalerweise würde ich Sie zwei Wochen krank schreiben“, sieht er mich mit seinen freundlichen Augen ernst an, „aber es ist mit Ihnen wie bei uns Ärzten. Das geht jetzt einfach nicht. Sehen Sie zu, dass der Akku wenigstens im gelben Bereich bleibt. Sagen Sie mal was ab, lassen Sie was liegen.“ Er schweigt und fixiert mich. Dann wirbelt er auf dem Drehstuhl herum und kritzelt auf ein Post-it. „Hier, meine private Handynummer. Sie dürfen mich immer anrufen. Auch sonntags. Sogar nachts – dann aber bitte nur, wenns arg pressiert.“ Der Ausdruck Humanmediziner hat durch diesen Doktor eine neue Bedeutung bekommen für mich. Ich trete vor die Tür. Die Schlange an der Essensausgabe ist akzeptabel. Eben, als ich mir den Reis mit Soße schmecken lassen will, klinget das Handy. Ich zerre es aus der Tasche  – und schalte es aus. Danke, Doktor.

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Trotz Scotty und Star Trek Ambiente —- auch dieser Blog strahlt Humanoide Menschlichkeit und Wärme aus … die würdenich nicht nur dem Ahrtal, sondern auch Afghanistan, Irak, Mali, China, USA, …, und uns vor der Haustür wünschen. Danke!

Über diesen Blog

Als das Hochwasser kam, war Pastor Thomas Rheindorf gerade zur Seelsorge unterwegs. Geschichten aus dem Ahrtal: über Trauer, Tod und Hoffnung.

Thomas Rheindorf
Gummistiefel, Handschuhe, Schutzbrille und Schaufel gehören jetzt zum Alltag von Thomas Rheindorf. Sein Familienhaus in Bad Neuenahr, in dem er mit seiner Frau und den vier Kindern lebte, versank im Hochwasser metertief im Schlamm. Der Pastor ist auch als Seelsorger im Einsatz. Die Hilfsbereitschaft ist riesig im Tal – genauso riesig wie das Entsetzen und die Trauer.

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