Briefe schreiben: so geht es

Nur echt mit Marke!
Briefe - Nur echt mit Marke!

Sandra Stein

Post für dich: Über die Freude, einen Brief zu bekommen

Briefe - Nur echt mit Marke!

Richtige handgeschriebene Briefe. Wunderbar, sie im Briefkasten zu finden. Oder auf dem Dachboden.

"Liebe, den eilbrief kriegte ich zu spät, telegrafierte aber doch noch. – ich freue mich, dass du kommst!" Bertolt Brecht schrieb dies 1953 mit rotem Kugel­schreiber auf Doppelblatt an seine Geliebte und Mitarbeiterin Ruth Berlau. Eilbrief, Telegramm – heute würde man schnell ­eine Whatsapp-Nachricht schicken. Aber die Botschaft ­wäre bestimmt dieselbe: "Ich freue mich, dass du kommst!" Der schwer verliebte Schriftsteller Erich ­Maria Remarque hätte Marlene Dietrich im Dezember 1937 gern gesehen, hoffte wenigstens auf Nachricht von ihr: "Kleiner, süßer Affe, was ist das nur für ein erbärmliches ­Leben! Du bist auf der anderen Seite der Welt, und ab und zu kabelst du mal. Sind Briefe so schwer? (. . .)"

Briefe: für die Ewigkeit und doch heute aus der Zeit gefallen. "Snail mail" sagt man im ­Englischen dazu, Schneckenpost. Lang­atmig, antiquiert, so – vorgestern! Und diese verschnörkelte, höfliche Sprache!

Und ja, es werden immer weniger Briefe befördert: 2019 etwa 14,2 Milliarden Briefe im Jahr, das klingt jetzt nach viel, aber 2007 waren es noch 17,7 Milliarden.

Das Beste: die Vorfreude

Verdrängt von Schnellerem, von E-Mail, SMS, Whatsapp oder Sprachnachricht. Dabei könnte man auch sagen: Schreiben entschleunigt. Man muss Gedanken fassen, vielleicht sogar vorformulieren, feines Papier suchen, einen guten Stift, eine Briefmarke. Sich setzen – und dann auch noch zum Postkasten gehen. Kleine Umfrage im Bekannten- und Familienkreis: Was ist das Beste an Briefen? Die Vorfreude auf die Antwort! Wenn man den Umschlag im Briefkasten findet zwischen Rechnungen oder Post vom Finanzamt. Ihn vorsichtig ­öffnet – und dieses Rascheln dabei. Da hat sich jemand Gedanken gemacht, für mich. Die Schriftstellerin AnaÏs Nin fand gar: Den Brief des Geliebten zu berühren, sei wie in die Arme genommen zu werden.

 Wie viele Briefe wohl in Kellern und auf Dachböden herum­liegen?Sandra Stein

Das ist vielleicht ein bisschen hochgegriffen. Aber Nähe, vor allem in einer Pandemie, lässt sich dann schon schaffen: Vor Weihnachten verzeichnete die Aktion "Hoffnungsbriefe" der Diakonie Bremen "die reinste Briefflut", sagt die Pressesprecherin Regina Bukowski. Manche schreiben weiterhin gelegentlich "gute Gedanken" an eine Dame oder ­einen Herrn, die Mitarbeiter:innen der Diakonie leiten die Briefe weiter an Menschen in Altenpflege-Einrichtungen. Nicht jede, nicht jeder kann antworten, aber manche Brieffreundschaft sei schon entstanden. Auch in ­Hamburg gab es vergangenes Frühjahr eine solche ­Aktion, da bedankten sich die alten Herrschaften aus dem Rumond-Walther-Haus so: "Ihr seid systemrelevant, Ihr seid Seelen­tröster, Gute-Laune-Macher!"

Hätten die beiden bloß telefoniert, wäre derart Poetisches nie entstanden

Wie viele Briefe wohl in Kellern und auf Dachböden herum­liegen? Die man bei jedem Umzug doch wieder mit einpackt – trotz "Simplify your life" und obwohl Auf­räum-Stars wie Marie Kondo dringend dazu raten, sich von ­Ballast zu befreien. Ja, vielleicht von Ballast, aber doch nicht von schönen Erinnerungen!

Mareike Fallet

Mareike Fallet, chrismon-Redakteurin, hatte früher viele Brieffreundinnen, eine hieß Anett und wohnte in Ost-Berlin. Leider haben sie den Kontakt verloren. Anett, solltest Du das lesen: Ich freu mich über einen Brief von Dir!
Lena Uphoff

Sandra Stein

Sandra Stein, ­Fotografin, liebt es, Briefe zu ­bekommen, leider passiert das viel zu selten. Sie hat sich nun ­vorgenommen, Briefpapier zu kaufen. Vielleicht schreibt ja ­jemand zurück?
PrivatSandra Stein

Wunderbare, anrührende Briefe können wir, weil sie aufbewahrt wurden, heute noch lesen. Zum Beispiel die von Ingeborg Bachmann und Paul Celan, beide Lyriker. Sie fanden einander 1948 im besetzten Wien – sie Philosophie­studentin und Tochter eines NSDAP-Mitglieds, er staatenloser Jude, der ­beide Eltern im Konzentrationslager ver­loren hatte. Gemeinsam hatten sie die deutsche Sprache. Für Bachmann die Sprache, die sie vom Schmutz der Nazis reinwaschen wollte, für Celan Muttersprache und zugleich ­Sprache der Mörder seiner Mutter. Bachmann und Celan wurden ein Paar, wenn auch nur für einige Monate: Celan zog noch im gleichen Jahr nach Paris und Bachmann lebte ab dem Spätsommer 1953 in Italien, erst auf Ischia, dann in Rom. Eine Entscheidung, der wir großartige Briefe zu verdanken haben. Eine Entscheidung, mit der beide haderten. Celan versuchte, Bachmann immer wieder zu ­sich zu locken, Bachmann schrieb: "Paul, lieber Paul, ich hab Sehnsucht nach Dir und unserem Märchen. Was soll ich tun? Du bist so weit weg von mir, und Deine Kartengrüsse, mit denen ich bis vor kurzem so zufrieden war, sind mir nicht mehr genug."

Celan schrieb:
"Lies, Ingeborg, lies:
Weiß und Leicht
Sicheldünen, ungezählt.
Im Windschatten, tausendfach: du.
Du und der Arm,
mit dem ich nackt zu dir hinwuchs,
Verlorne. (. . .)"

Hätten die beiden bloß telefoniert, wäre derart Poetisches nie entstanden – und wir könnten nicht daran teilhaben.

Die große Zeit der Briefe begann Mitte des 18. Jahr­hunderts, als immer mehr Menschen lesen konnten. Sie waren die einzige Möglichkeit des Austauschs auf die Entfernung, man schrieb alles auf: Liebesschwüre, Flüche, Alltägliches, wer geboren wurde, wer starb. Es gab Dankesbriefe, Neujahrsbriefe, Einladungsbriefe, Klagebriefe . . .

Ausdrücken, was man persönlich nicht rüberbringt

Goethe etwa soll 20 000 Briefe selbst geschrieben ­haben, sie sind Teil seines Werks: "Briefe gehören zu den wichtigsten Denkmälern, die der einzelne Mensch hinterlassen kann." Was ihn nicht davon abhielt, auch welche zu verbrennen.

Nun taugt nicht jeder Briefwechsel zur Veröffentlichung, aber dazu, Freude auszulösen, schon: Wenn der vierjährige Linus aus Frankfurt von seinem besten Freund Feuerwehrautos gemalt bekommt, der Brief­umschlag über und über bestempelt mit roten und blauen Eichhörnchen, ist er total geflasht. Und setzt sich gleich an seinen kleinen Schreibtisch und holt Stifte und Papier heraus, um ein paar Minuten später selbst ein kleines Kunstwerk in den Briefkasten des Freundes zu werfen.

Die zwölfjährige Ida aus Köln schreibt sich mit ihrer Oma: "Hallo, meine liebe Ida! Ich bin gut in W. ange­kommen. (. . .) Es war sehr schön bei Euch, vielen Dank, dass ich dein Zimmer benutzen durfte. Ich fand es auch sehr schön, dass wir zwei einige Zeit miteinander verbracht haben und uns viel zu erzählen hatten. (. . .)"

Überhaupt bekommt Ida viele Briefe: von der Brief­freundin aus Berlin, dem Patenonkel, der Uroma aus ­Frank­reich. Die schreibt von Zahn­schmerzen und von Hund Rio. Und klebt schon mal ­Federn und getrocknete Blätter auf. "Und dann so was: 1 selbst gemachter Adventskranz von meiner liebsten Urenkelin Ida! Danke, danke, danke! Das hast du super gemacht!"

Mit Briefen kann man auch ausdrücken, was man persönlich oder am Telefon nicht rüber­bringt: "Lieber N., das hat uns umge­hauen, gestern, als Deine Karte kam. Gerade saßen wir doch noch bei Euch am Tisch, G. legte, so sorgfältig und liebevoll-bedächtig, wie sie’s immer tat, Geschirr und Speisen hin, man fühlte sich gleich geborgen – es war ihr auch nichts anzusehen oder ich wollte das nicht sehen, dankbar für Eure knappen, nicht weiter ins Detail gehenden ­Informa­tionen über die schwelende Krankheit, ­dankbar flüchtend ins Nicht-genauer-wissen-Wollen. (. . .)" Oder dies, von einem Vater an den "Sohnemann": "Noch ­eine Bitte, versöhne Dich mit Deiner Mutter!" Der Vater schreibt kunstvoll, klebt Bildchen von Blumensträußen oder ­Herzen auf die Umschläge.

 Briefe­schreiben ist Handwerk plus Übung plus EmpathieSandra Stein

Die Handschrift gilt als Spiegel der Persönlich­keit: Girlanden, Arkaden, Winkel, Faden, nach rechts geneigt oder nach links, groß oder klein – Grafologen schließen da auf Charakter­eigenschaften. Demnach wäre der alte Freund, der so ­winzig klein schrieb, ein sparsamer, ja geiziger Mensch – dabei war er so großzügig! Jedenfalls gelten hand­geschriebene Briefe als glaubwürdig, längst haben Marketingleute sie als "Türöffner" erkannt, um "nicht im medialen Rauschen unterzugehen", wie auf der Homepage der Fachzeitschrift "Werben und Verkaufen" zu ­lesen ist. Vielleicht sind handgeschriebene Briefe auch so besonders, weil sie selten geworden sind?

Die Bekannte C. beklagt, sie habe so eine Sauklaue, die könne keiner lesen. Also hat sie sich drauf verlegt, längliche Briefe an ihre beste Freundin zu tippen und per E-Mail zu verschicken. Und die Antwort der Freundin druckt sie aus – zur Erinnerung. Das ist dann zwar ohne "Aura des eigenhändig Geschriebenen", wie der Germanist Albrecht Schöne in seinem Buch "Der Briefschreiber Goethe" vermerkt, die Digitalisierung ist ihm nichts. Aber gut, wenn die Sauklaue keiner lesen kann, verpufft auch die Aura.

Ihre Generation, erzählt C. weiter, bekomme ja jetzt auch viele Briefe, die sie als Kinder schrieben, wieder zurück. Aus dem Nachlass der verstorbenen Tante etwa, fein säuberlich gesammelt im hölzernen Zigarren­kästchen. Oder der Brief an die Oma: "Fiel Glück" und Segen zum 69. Geburtstag. "Wie doof ich als Kind war", staunt C. heute. So ein Quatsch! Tante und Oma war es offenbar wichtig genug, Nichten- und Enkelinnenpost 50 Jahre aufzuheben. 

Wie kann ich sie oder ihn zum Lächeln bringen?

Erst 13 Jahre alt ist der Brief, der bei der Kollegin A. alle paar Monate von einem Regal aufs nächste wandert. Sie hatte ihrem alten Grundschullehrer zum 75. Geburtstag gratuliert, und er hatte ihr in feiner Schreibschrift geantwortet: "Ehrlich überrascht und erfreut" sei er darüber gewesen. Und dann erzählt er: Eigentlich sei er Landwirt gewesen und habe in den 1960er Jahren eine einjährige Lehrerausbildung absolviert. "So wenig ge­bildet sind wohl nicht viele Lehrer geworden", er habe seine Wissenslücken wohl hinreichend überspielen können. So ein ­bescheidener Mann! Längst ist der alte Herr gestorben. Und doch unvergessen.

Eine Kunst sei es, das Briefe­schreiben, heißt es oft. Uff, man kann es auch so hoch hängen, dass sich wirklich immer ­weniger Leute zutrauen, etwas zu Papier zu ­bringen. Was einen guten Brief ausmacht, lernen Grundschulkinder übrigens immer noch. Beim Drittklässler Carl steht unter ­anderem in den Unterlagen: "In einem Brief kannst du den ­Empfänger nach seinen Erlebnissen, Wünschen und ­Sorgen fragen und von dir erzählen." Das Kind soll ergänzen: ­seine ­Erlebnisse (bei Freunden übernachtet), Wünsche (alle Harry-Potter-Bände lesen), Sorgen (Oma ist krank). Der Rest ist – auch für Erwachsene – Handwerk plus Übung plus Empathie: Was interessiert den Empfänger? Ver­bindet uns etwas? Was bedeutet mir der andere, die andere? Gibt es eine nette Anekdote, die ich aufgreifen kann? Wie kann ich sie oder ihn zum Lächeln bringen? Theodor Fontane formulierte es so: "Ein Brief soll keine Abhandlung, sondern der Aus- und Abdruck einer Stimmung sein."

Man könnte jetzt kulturpessimistisch sagen, dass ­niemand in 25 oder 100 Jahren Whatsapp-­Nachrichten auf dem Dachboden finden wird. Aber auch Goethe schrieb nicht nur Briefe, sondern auch "Zettelgen", kurze Mit­teilungen, an seine Angebetete Charlotte von Stein: "Nach meinem schönen Spaziergang heut früh, mögt ich auch ­einen guten Mittag bey Ihnen haben, wenn Sie zu ­Hause ­essen so komm ich und bringe Ihnen Schnee­glöckgen." Heute gibt’s "Zettelgen" zuhauf, nur halt digital. Und ­manche Leute drucken die Chats aus. Um sie dann beim nächsten Umzug wieder mitzuschleppen. Weil sich darin so schöne Erinnerungen verbergen . . .

Infobox

Alle zitierten Briefe liegen der ­Redaktion entweder im Original oder so vor:

Herzzeit. Ingeborg Bachmann. Paul Celan. Briefwechsel (EA 2009) "Sag mir, daß Du mich liebst..."

Erich Maria Remarque – Marlene Dietrich (EA 2003)

Das Zettelgen von Goethe findet sich hier.

Der Brief von Bertolt Brecht steht gerade zum Verkauf auf autographen.shop für 2800 Euro.

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Lesermeinungen

Verehrte chrismon-Redaktion,
herzlichen Dank für den wunderbaren Artikel über handgeschriebene Briefe, der mich sofort in meine Teenager-Zeit Ende der sechziger Jahre zurückversetzt hat. Damals habe ich einige Jahre lang eine recht eifrige Brieffreundschaft mit einem anfangs 17-Jährigen gepflegt, den ich als 13-Jährige auf meiner allerersten Zugfahrt ohne Eltern kennengelernt hatte. Leider sind im Lauf der Zeit alle Karten und Briefe verloren gegangen.
Inzwischen schreibe ich nur noch Geburtstags- und Weihnachtskarten mit der Hand; mit einer Freundin aus meiner Heimatstadt werden elektronisch geschriebene Briefe (mit der Gelben Post gesendet) ausgetauscht. Zu meiner allergrößten Freude erhalte ich ab und an von Kindern aus dem Verwandtenkreis schön geschriebene und liebevoll gestaltete Briefe.
Den zauberhaften Brief meiner neunjährigen Großnichte, der aktuell einem Geburtstagspaket beigefügt war, möchte ich Ihnen nicht vorenthalten.
Mit freundlichen Grüßen
Petra Pfarr

Im August 1960, ich war gerade 16 Jahre alt, gab mir der Leiter der evangelischen Jugend die Adresse eines jungen Mädchens in der „Ostzone“, sie lebte der Patengemeinde der Kirchengemeinde meines Wohnortes. Auf diese Weise sollte man Verbindung zum anderen Teil Deutschlands halten. So schrieb, ich, ein junges Mädchen aus Südniedersachsen, an Sibylle im Voigtland, etwa in meinem Alter.
Ich bekam tatsächlich Antwort und es entwickelte sich ein reger Briefwechsel, trotzdem wir uns nicht persönlich kennenlernen konnten. Sibylle heiratete 1968, die Brieffreundschaft bestand weiter. Erst 1970 bin ich das erste Mal nach Schneeberg gefahren, wo das Ehepaar mittlerweile wohnte. Wir verstanden uns sofort gut und ich habe von da an gern Sibylle und Wieland besucht. Erst mit dem Zug, später mit dem Auto. Zwischen den Besuchen schrieben wir fleißig. 2010 haben wir uns in Potsdam zur Feier der 50-jährigen Brieffreundschaft getroffen, 2020 fand unsere 60-Jahr-Feier auf Rügen statt.
Es ist schade, dass wir die Briefe nicht aufgehoben haben, sie wären interessantes Zeugnis nicht nur unserer Biografien, sondern vor allem auch der politischen Verhältnisse und ihrer Entwicklung hüben und drüben. Die politische Situation, die Lebensbedingungen und Schwierigkeiten in jeder Hinsicht waren durchaus Thema unseres Briefwechsels.
Diese Bereicherung meines Lebens verdanke ich dem Briefschreiben!

Weil ich eine begeisterte Briefschreiberin bin, bedaure ich sehr, dass diese Art der Kommunikation so aus der Mode kommt. Nicht nur, dass kaum noch jemand schreibt; ich habe auch den Eindruck, dass selbst das Briefelesen als lästig empfunden wird. So habe ich inzwischen nur noch zwei Freundinnen, mit denen ich Briefe wechsle, auf ausgesuchtem Briefpapier und mit besonderen Briefmarken, je nach Briefinhalt.
In meinem Bücherschrank steht unter anderem Goethes umfangreicher Briefwechsel, auch der von Rahel Varnhagen, und ich lese von Zeit zu Zeit mit Vergnügen darin. Säuberlich sortiert habe ich auch noch Briefe aus der unmittelbaren Nachkriegszeit; Briefe aus der DDR nach dem Mauerbau mit teilweise brisantem Inhalt; Briefe und Karten aus fernen Ländern; Kinderbriefe.
Vor einigen Jahren schon wurden aus den Briefen E-mails. Meine vielreisende Tochter schrieb mir solche, reicherte sie mit Fotos an. Ich habe meine Mails dazugefügt und daraus Jahrgänge zusammengestellt. Für eine Freundin, mit der ich sowohl briefähnliche Mails wie auch kurze Mitteilungen ausgetauscht habe, stellte ich zu einem Jubiläum einen Band zusammen, der mehrere Jahre umfaßt. Und gar nicht erstaunlicherweise wird von Zeit zu Zeit gern in diese Sammlungen hineingeschaut. Alles Ersatz für die früheren echten Briefe.
Inzwischen sind auch die Mails zusammengeschrumpft zu den sog. SMS mit verkürzten Texten, schlagwortartigen Mitteilungen, bald gelöscht. Irgendwann wird unsere so hoch technisierte Welt ohne Zeugnisse des privaten Lebens, unserer zwischenmenschlichen Erlebnisse dastehen. Ist das nicht schade und ein echter Kulturverlust?

Liebe Frau Fallet, liebe Frau Stein, lieber Herr Proedl,
danke für Ihre Briefrettung „Nur echt mit Marke!“ (chrismon 2/2021, S. 30ff).
Mein letzter Weihnachtsbrief war fast zwanzig Seiten lang – anderthalbzeilig 12 Punkt HOEFLER TEXT – und endlich hatten einige Empfänger*innen sogar die Zeit, antwortend darauf einzugehen. Was will man mehr!
Von allen Briefen, die uns aus früheren Epochen überliefert wurden, haben mich Franz Kafkas an eine kleine Berlinerin vielleicht am meisten berührt, obwohl wir nur wissen, dass es sie gegeben hat, aber nicht, mit welchen Worten der bereits stark von seiner Krankheit Gezeichnete eine Puppe glaubhaft verlebendigen konnte.
Gerd Schneider hat die Geschichte unter dem Titel „Kafkas Puppe“ (nach-)erzählt:
Berlin, 1923. Ein kleines Mädchen weint um seine verlorene Puppe. Ein Mann spricht sie an - und behauptet, die Puppe sei auf Reisen gegangen. Von nun an bringt er ihr jeden Tag einen Brief von ihrer Puppe. Dieser Mann ist der schwerkranke Schriftsteller Franz Kafka (aus der Produktbeschreibung).
Mit freundlichen Grüßen
Dietrich Immel

Liebe Frau Fallet,
liebe Frau Stein,
mit großer Freude habe ich Ihren Artikel gelesen. Als unverbesserlicher Traditionalist schreibe ich an jedem Wochenende Briefe und Postkarten. Vor kurzem meldet sich ein sehr guter Freund von mir per WhatsApp, um mir zu sagen, dass die Postkarte zu seinem Geburtstag etwas außergewöhnliches war (aus der Zeit gefallen?).
Als Leiter einer berufsbildenden Schule in Hannover lass ich mir in jedem Jahr von einem Künstler eine Weihnachtspostkarte entwerfen, die ich 150-fach handgeschrieben in den Umlauf bringe. Bei jeder Karte ein paar Minuten verweilen beim Adressaten. Für mich in jedem Jahr ganz besonders wichtig. Meine Kolleginnen und Kollegen (100 Mitarbeiter) erhalten natürlich zum Geburtstag auch stets eine Postkarte mit persönlichen Zeilen ins Postfach.
Die Kisten mit Briefen befinden sich auf dem Dachboden. Dabei auch Briefe von einer Freundin, die vor vielen Jahren, mit Anfang 20, in Berlin an ihrer Drogensucht verstarb. Nicht zu vergleichen mit Bachmann/Celan oder Goethe, für mich aber um so bedeutsamer, da ich sie vor mir sehe, wenn ich ihre Briefe (stets in selbst gefertigten Briefumschlägen) in Händen halte. Dazu gibt es sogar noch ein Polaroid-Foto von ihr. Kolbenfüller und persönliches Briefpapier sind von meinem Schreibtisch nicht zu vertreiben. Meine Postkarten entstehen inzwischen häufig mit meinem Handy. Digital und analog ergänzen sich wunderbar. Auch die kleinen Zettelchen mit einem persönlichen Gruß, kurzen Gedanken oder einem Zitat am Morgen gehören in meiner Familie mit dazu. Unsere beiden Töchter haben auch bereits damit angefangen. Zumindest in der nächsten Familiengeneration wird es damit weitergehen.
Mit besten Grüßen aus Hannover
Ulf Jürgensen

Es geht um meine Handschrift: als geborener Linkshänder wurde ich damals auf "Rechtshändisch" getrimmt. Trotz aller "Bemühungen" der Deutschlehrer war das Ergebnis "höchst unbefriedigend."

Liebe Redaktion,
wie herrlich, Ihr Artikel über die Liebesbriefe. Auch ich habe noch Holzkisten mit alten Briefen, die ich nie weg schmeißen würde.
Ich liebe es Postkarten zu schreiben. Jetzt, während der Pandemie, verschicke ich Karten an meine Eltern, meine Freundinnen und Nachbarn. Ich will, dass sie wissen, dass ich bei ihnen bin. Oft schreibe ich nur drauf “ich umarme dich”. Mit Postkarten und kleinen Päckchen habe ich während des letzten Jahres eine Freundin begleitet, die schwer an Brustkrebs erkrankt war. Ein persönlicher Kontakt war nicht möglich, aber sie wusste, ich bin da. Eine andere Freundin schrieb: “es ist schön, dass du mich nicht vergisst” – oder “deine Karte tat mir heute so gut”. Für mich ist es eine sehr persönliche Weise, Kontakt zu halten, ein Lebenszeichen zu setzen.
Übrigens bekommt auch mein Mann, im Keller sitzend im homeoffice, ab und zu eine aufmunternde Karte gegen den Frust... und meine 11-jährige Tochter schreibt ihren Schulfreundinnen auch Karten und Briefe (trotz whatsapp und co) gegen den homeschooling-Koller. Es ist eben etwas ganz Besonderes, sich Zeit für diesen Menschen zu nehmen, an den man schreibt.
Herzliche Grüße, und bleiben Sie gesund,
Silke Unnering