EKD-Kulturbeauftragter Johann Hinrich Claussen über Theodizee

Warum lässt Gott Leid zu?
Warum lässt Gott Leid zu?

Lisa Rienermann

Warum lässt Gott Leid zu?

Eine Frage, die man vielleicht nicht beantworten kann, aber doch aushalten sollte.

Vorgelesen: Religion für Einsteiger "Warum lässt Gott Leid zu?"

Bei den ganz großen ­Fragen des Lebens, Denkens und Glaubens kommt es viel weniger darauf an, die eine richtige Antwort zu finden, als darauf, wie man diese Frage stellt – wie man sich ihr stellt. Eine der größten aller Menschheitsfragen lautet schlicht: Warum? Säkular gefragt: Warum widerfährt guten Menschen Schlimmes – womit haben sie das verdient? Oder theologisch formuliert: Wie kann es sein, dass ein allmächtiger und zugleich barmherziger Gott nicht sofort einschreitet, wenn ­dunkle Mächte oder Naturkatastrophen unschuldige Menschen in Tod und Verderben stürzen?

Es gab ­epochale Ereignisse, die darüber intensive philo­sophische und theologische Debatten ausgelöst haben: das Erdbeben von Lissabon 1755, die Schoah und jetzt die Corona-Pandemie. Nicht nur namhafte Intellektuelle, zahllos viele Menschen haben sich den Kopf darüber zerbrochen: Warum ist mir dieses Unglück geschehen? Ist da kein Gott, der mir helfen will und kann?

Johann Hinrich Claussen

Johann Hinrich Claussen, geboren 1964, ist Kultur­beauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland. Von ihm er­schien zuletzt: "Reformation. Die 95 wichtigsten Fragen.", C. H. Beck, München, 175 Seiten, 10,95 Euro.
Andreas Schoelzel(Berlin) 11.02.16; Dr. Johann Hinrich Claussen, Portraet, Portrait; Kulturbeauftragter des Rates der EKD, Leiter des EKD-Kulturbueros, evangelischer Theologe Foto: Andreas Schoelzel/EKD-Kultur. Nutzung durch und fuer EKD honorarfrei

Nun gibt es zwei Versuche, abschließend darauf zu antworten. Der atheistische Versuch: Auf der Welt geschieht viel Schlimmes; wenn Gott allmächtig sein soll, muss er böse sein; wenn er aber gut sein soll, kann er nicht zugleich allmächtig sein; folglich ist die Vorstellung eines allmächtigen und guten Gottes absurd.

Dagegen steht eine ältere theologische Tradition: Gott ist allmächtig – was auch geschieht, folgt seinem guten Willen; dieser ist den Menschen aller­dings verborgen, weshalb es das einzig Richtige ist, wenn sie sich gehorsam in ihr Schicksal fügen. So oder so, Ende der Diskussion. Dabei tun beide, die doktrinären Atheisten wie die dogmatischen Theologen, so, als handele es sich um eine abstrakte Knobelei, die sie selbst gar nicht betrifft. Nur deshalb werden sie wohl so leicht mit der Frage fertig.

Nach dem Warum fragen

Besser wäre es, die Frage offenzu­halten. Denn in dem bloßen, harten Warum kann etwas verborgen liegen, das für das Überleben, das Weiterleben der eigenen Seele unendlich wichtig ist. Es kann, aber es muss nicht. Wer nach dem Warum fragt, hat noch nicht aufgegeben, findet Worte für den Schmerz und die Wut, ringt um einen Sinn, wagt eine Sehnsucht, hofft auf etwas, ohne schon zu wissen, was es sein könnte. So zu fragen, führt aus der Erstarrung in eine Bewegung. Es muss nicht, aber es kann dann vieles Raum und Ausdruck finden: Zorn und Stille, Warten und Protest, Weinen und Hoffen, Hass und Liebe, Nachdenken und Meditieren. Bei jeder und jedem auf eine ganz eigene Weise.

Die Frage nach dem Warum zielt nicht auf die eine theologische Antwort, sondern auf viele, unterschiedliche Glaubenserfahrungen. Deshalb nimmt sie in der Bibel, die ja ein Erfahrungs- und kein Lehrbuch ist, so großen Raum ein. "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Ich schreie, aber meine Hilfe ist ferne. Mein Gott, des Tages rufe ich, doch antwortest du nicht, und des Nachts, doch finde ich keine Ruhe", heißt es im 22. Psalm. Viele haben ihn nachgesprochen, geschrien, gehaucht, gebetet in Verzweiflung und Einsamkeit, als letztes Aufbäumen vor dem Tod, manchmal aber auch mit einer Ahnung von Hoffnung – so wie Jesus am Kreuz.

Eine endgültige Antwort gibt es nicht

In diesem Warum zerbricht Altes, doch manchmal wird darin Neues geboren. Ein neues Bild von Gott kann hier entstehen: von einem Gott, mit dem man streiten und kämpfen muss, der im Dunkeln wohnt, der in die Tiefe mitgeht, der verletzlich ist und selbst mitleidet. Spannungs­geladen und widersprüchlich sind ­solche ­Erfahrungen von Gott, aber voller ­Bewegung – so wie die Menschen, die sie machen, denen Schreckliches passiert ist, die aber sehr unter­schiedlich, widersprüchlich und überraschend darauf reagieren. Manche nehmen, indem sie trotzdem nach Gott fragen, ihr Leben im Leiden neu an, gehen ihm auf den Grund und halten Ausschau nach dem, was die Not wendet. Dabei können sie dann auch die Erfahrung machen, dass sie aufmerksamer werden für ihre Mitmenschen, für deren Schmerzen und Hoffnungen. Warum also sollte man die Frage nach dem Warum nicht stellen – nur weil es keine endgültige Antwort auf sie gibt?

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Lesermeinungen

"Wo bitte gibt es eine Toilette?" Das ist nicht nur der Form nach, sondern tatsächlich eine Frage. Der Fragesteller hat ein Interesse an der Antwort und zwar an einer zutreffenden. Eine ausbleibende oder falsche Antwort kann üble Folgen haben.

Nicht so bei den großen Menschheitsfragen. Die sind von einem ganz anderen Kaliber. Darauf weist der Autor des Artikels erfreulich offenherzig hin. "Bei den ganz großen Fragen des Lebens, Denkens und Glaubens kommt es viel weniger darauf an, die eine richtige Antwort zu finden, als darauf, wie man diese Frage stellt – wie man sich ihr stellt." Ergänzend möchte ich noch darauf hinweisen, dass es am Wichtigsten ist, dass der gemeine Erdenwurm diese Fragen überhaupt stellt. Nur dann springt das Kind freiwillig in den Brunnen, in den es nach Ansicht der Liebhaber höchster Menschheitsfragen geworfen gehört.

Rekordmeister in der Champions League der Lebensfragen ist die Frage nach dem Sinn des Lebens. In die Endrunde macht es auch regelmäßig die Theodizee. Gemeinsam ist allen diesen meisterlichen Bemühungen die grammatische Form der Frage. Ebenfalls gemeinsam ist ihnen, dass keine dieser Fragen einem Interesse der gewöhnlichen kleinen Erdenwürmer entspringt. Die fragen von sich aus immer nur nach dem Klo oder warum am Monatsende das Konto schon wieder bis zum Anschlag überzogen ist.

Das birgt eine Gefahr in sich. Nämlich die, dass sie ihre schnöden, lausigen Fragen, die nur in der C-Klasse spielen, ernst nehmen und sich mit den darauf gegebenen Antworten nicht mehr zufrieden geben. Weder mit der Antwort, dass eben kein Geld da ist für mehr öffentliche WCs, noch mit der Auskunft, dass eine höhere Rente der Wirtschaft schadet.

Deswegen achten die Volkserzieher - Gläubige wie Ungläubige gleichermaßen - darauf, dass das Volk andere Fragen stellt. Am besten gleich die der höchsten Güteklasse. Und sich als nächstes die Frage stellt, ob es sich diese Edelfragen auch richtig gestellt hat. Und so fort. Da trifft es sich gut, dass die berühmten Herren Hiob und Jesus mit glänzendem Vorbild voran gegangen sind.

Wenn diese Strategie dann so schön aufgegangen ist, wie es hier und heute der Fall ist, dann kann man sogar behaupten, dass Sinnsuche und große "Warums?" gefälligst die Betroffenheit der Erdenwürmer auszumachen haben und nicht fehlende Klos und zu wenig Geld.

Traugott Schweiger

Warum glauben Gottes "Ausleger", Vertreter und Erklärer der Bibel, dass man ihn rechtfertigen muß? Sich damit über ihn zu erheben, ist der Gipfel der Arroganz. Sie müssten alle aus seinem "Tempel" gejagt werden. Wenn ich mir die Beiträge ansehe, zu verstehen suche um dann eine relative Glaubensgewissheit zu erhalten, müßte ich nicht nur die Bibel mit allen Auslegungsmöglichkeiten kennen, dafür einen IQ von 180 haben und dann noch einem Richter finden, der überzeugend zwischen richtig und falsch unterscheiden kann. Dafür muß ein noch lebender Heiliger her. Und mit allem Glaubenswirrwar (Zeugen, Evangelikale, Reformierte, Lutheraner, Katholiken, Lorenzianer, alle haben recht, weil sie es so wollen!) wollen Sie dem Einfachen, das Mütterchen überzeugen? Das Ehepaar Paganini (beide Professoren der biblischen Theologie) hat kürzlich geschrieben, das Ochs, Esel, Stall und noch viel mehr gelogen ist bzw. erfunden wurden. Nur an Herodes konnten sie nicht vorbei, weil der auch in verlässslichen römischen Überlieferungen steht. Zudem hatte zuletzt jedes Jahrhundert mehrere Theologie-Moden. Weil man Gott nicht fragen kann, ist die Theodizee ein unsinniges Thema. Gott läßt kein Leid zu, ihm wird eher von uns Leid zugefügt. Wir sind auch nicht sein Ebenbild. Dann wären wir ja allesamt "Nahezu-Heilige", oder er hätte auch unsere Schwächen. Und schon kommt der Nächste mit seinen Bibelzitaten. Was für ein Unsinn! Die Exegese hat sich zur Blasphemie entwickelt und viele, nicht nur das Ehepaar, "glauben" vermutlich nur noch, weil sie dafür bezahlt werden.

Sehr geehrte Damen und Herren,
als ‚Religionseinsteiger‘ ist mir doch einiges an den Ausführungen Ihres Herrn Claussen unklar. Vermutlich beruhen diese Unklarheiten auf meinem Unwissen. Es sind folgende:
Ich gehe zunächst einmal davon aus, dass die Frage „Warum lässt Gott Leid zu?“ eine Frage ist, welche die Existenz (in welcher Form auch immer) Gottes voraussetzt, sie also auch eine theologische Frage ist. Demzufolge kann es m.E. „atheistische Versuche“, die Frage zu beantworten, gar nicht geben, vor allem dann nicht, wenn in den Antwortversuchen Gott doch wieder vorkommt. Denn Atheisten leugnen doch gerade die Existenz Gottes; für sie stellt sich diese Frage logischerweise also gar nicht. Zu Beginn seiner Ausführungen hat ihr Autor zwar gleich die Kurve genommen in Richtung „säkulär gefragt“. Er hat dann aber wieder theologisch-auslegbare Begriffe verwendet: ‚gute Menschen‘, ‚schlimm‘, ‚womit verdient‘. Die Frage lässt sich demnach offenbar ohne theologische - metaphysische Bezüge gar nicht stellen. (Ist die Theologie nicht das von der Metaphysik oder der Philosophie Verdrängte?). Es wird aber klar, was Ihr Autor beabsichtigt: Er will mit dieser argumentativen Kurvenfahrt Gott aus der Frage herausnehmen und somit auch aus der Antwort eliminieren. Ich finde diesen Argumentationsweg für ein evangelisches Magazin und als Argumentationshilfe für „Religionseinsteiger“ doch bemerkenswert. Erwartet hätte ich, als Religionsanfänger, eine Argumentation, die begründet, dass man für die Antwort auch der in „säkulärer“ Form gestellten Frage, gerade ‚Gott‘ benötigt. Offenbar weiß die moderne evangelische Theologie aber, dass dem nicht so ist.
Dazu passt die saloppe Schlussfolgerung des kurzen Darstellung der „atheistischen“ und „theologischen“ Antwortversuche: „So oder so, Ende der Diskussion“. Das ist ja einfach unrichtig; die Diskussion über die gestellte Frage ist nie zu Ende, wie z.B. Navid Kermanis „Der Schrecken Gottes“ zeigt (um nur ein – wenn auch prägnantes – Beispiel zu nennen). Auf diese oder ähnliche weiterführende Lektüren hätten Sie die von Ihnen gerne angesprochenen ‚Religionseinsteiger‘ durchaus hinweisen können.
Aber ihr Autor will ja gerade die Frage nicht beantworten, sondern sie „offenhalten“. „Offene Fragen“, „(ergebnis)offene Diskussionen“ usw. sind ja etwas sehr Modernes. Und theologische Antworten auf theologisch gestellte Fragen will ihr Autor auch explizit nicht geben. Daher verweist er zwar auf die Bibel, in der die gestellte Frage und die damit zusammenhängenden „Glaubenserfahrungen“ breiten Raum einnähmen. Dass aber die Antwort auf diese Frage in der Bibel einen genauso breiten Raum einnimmt, wird schlicht unterschlagen. Der naheliegende Hinweis auf Hiob oder den langen Psalm 119 als -theologisches - Antwortangebot an die Leser unterbleibt. Ihr Autor fürchtet wohl, dass er dergleichen den Lesern eines „evangelischen Magazins“ nicht zumuten kann. Denn dort würden die Leser und Leserinnen ja etwas über die Unverfügbarkeiten lernen (z.B. Ps 119,142), die eben außerhalb des Menschenmöglichen existieren und die heute eher als Beleidigung der angeblichen Selbstbestimmung des Einzelnen aufgefasst werden (wie auch bestimmte Reaktionen auf Covid 19 zeigen).
Dazu passt auch das „neue Bild von Gott“, welches der Autor zeichnet (und das vielleicht den Stand der neuesten-gegenwärtigen evangelischen Theologie wiedergibt?): In mir entsteht da die Gestalt einer Mischung aus Sparringspartner, Diskurscoach und Psychoanalytiker. Das sind natürlich Typen, die den Zeitgenossen nicht fremd sind. Ein solches Gottesbild kann und soll selbstverständlich nicht zu einer ‚endgültigen Antwort‘ auf die Ausgangsfrage führen oder auch nur dazu beitragen. Da ist der Autor dann konsequent und auf dieses Ergebnis wollte er ja hinaus.
Angesichts dieses Artikels von Herrn Claussen frage ich:
Und: Können sich evangelische Theologen überhaupt vorstellen, dass sich ihre Kirchen gerade wegen einer solchen verweigerten Antwort auf eine existentielle Frage und eines solchen Gottesbildes leeren und eben nicht füllen?
Oder habe ich das alles völlig falsch verstanden?
Mit freundlichen Grüßen
Ulrich Schäfer-Newiger

"Der atheistische Versuch: Auf der Welt geschieht viel Schlimmes; wenn Gott allmächtig sein soll, muss er böse sein; wenn er aber gut sein soll, kann er nicht zugleich allmächtig sein; folglich ist die Vorstellung eines allmächtigen und guten Gottes absurd."
Ich finde es ein wenig verwunderlich, dies von einem "evangelisch-lutherischen Theologen" (WP) zu lesen. Das ist keine atheistische Position. Diese Auffassung ist gut mit theistischen Vorstellungen vereinbar: man muss nur auf eines der Prädikate verzichten, zwischen denen Widerspruchsfreiheit nicht erzielt werden kann. In der Antwort Gottes an Hiob spielt der Anspruch auf Allgüte keine Rolle, und Luther sagt: "Wenn ich aufgrund irgendeiner vernünftigen Überlegung glauben könnte, dieser Gott, der solchen Zorn und Untat aufweist, sei barmherzig und gerecht, dann wäre kein Glaube nötig." - Luther sieht die Barmherzigkeit Gottes als nicht erkennbar für den Menschen. Ähnlich schon Tertullian: "certum est, quia impossibile", allgemein und gerechtfertigt als "credo quia absurdum" weitergereicht. Es ist von daher nicht angemessen, den Schluss auf die Absurdität den "dogmatischen Atheisten" anzulasten. Ohnehin handelt es sich bei dem Epitheton "dogmatisch" nur um Polemik, denn für den Atheisten folgt die Nichtexistenz Gottes nicht aus einem Dogma, sondern aus dem Umstand, dass Er nicht genügend Evidenz hat (und reichlich Evidenz gegen sich). Hingegen ist keine christliche Position denkbar, die nicht letztlich auf Dogmen, d. h. Glaubenstatsachen, beruht. Luther ist nicht bereit gewesen, diesen Unterschied zwischen Glaube und Vernunft zu verwischen. Relativistisch ist nicht der Atheismus, sondern die liberale Theologie. Zugegeben sei, dass die Erwartung nachvollziehbarer Antworten unrealistisch ist. Pierre Bayle (1647-1706), dem im LThK³ "tiefe Frömmigkeit" und "Vernunftskepsis" attestiert wird - eine Umarmung, die erdrücken soll -, sagt: "Aber während die von Boethius herausgestellten Schwierigkeiten noch den stumpfsinnigsten Geistern verständlich sind und dank ihres hellen Lichtes noch den dunkelsten Verstand durchdringen, kann man bei noch so konzentrierter Aufmerksamkeit und noch so lebhafter Auffassungsgabe nicht das geringste von den Auflösungen begreifen." Von da hat sich die Theologie nicht wegbewegen können.

Sehr geehrte Damen und Herren,
zur Frage, warum Gott das Leid in der Welt zuläßt, habe ich im Gegensatz zu Herrn Claussen für mich doch eine Antwort gefunden.
Diese läßt sich in folgenden Gedanken erläutern:
Gott ist allmächtig, aber dadurch nicht verpflichtet, von der Allmacht immer und überall Gebrauch zu machen.
Gott ist gut, weil er keinem Menschen von sich aus Böses wünscht oder schickt.
Der Mensch hatte keine Lust, von Gott behütet in einer Welt ohne Böses (Paradies) zu leben, denn er wollte die Erkenntnis von Gut und Böse (Essen vom Baum der Erkenntnis), also wollte er die Begegnung mit dem Bösen.
Daraus folgt die Entlassung des Menschen in die Welt, in der es Gut und Böse gibt.
Gott ließ dies zu, weil er den Menschen als ein Wesen geschaffen hat, das sich nicht aus Zwang und Einengung, sondern aus freiem Willen für ihn und die Befolgung seiner Gebote entscheiden soll.
Daher muß der Mensch in einer Welt des Leides leben, aber Gott läßt keinen im Leid allein, denn er ist gut!
Nebenbei: Ich lese Chrismon und bin katholisch.
Mit freundlichen Grüßen
Matthias Roesner

Georg Büchner:
„Das Leid ist der Fels des Atheismus“
(Dantons Tod)
In seinem Chrismon-Artikel stellt J.H. Claussen in aller im gegebenen Rahmen gebotenen Kürze das Problem der Theodizee vor, mit dessen Bearbeitung sich mühelos ganze Bibliotheken füllen ließen. Dabei skizziert er klar und deutlich die beiden grundsätzlich möglichen Positionen des Atheisten und des Theisten und stellt zutreffend heraus, dass es dazwischen keinen Kompromiss geben kann, sofern es sich um dogmatisch verhärtete Standpunkte handelt. Natürlich ist auch noch die Position des Pantheisten oder Deisten denkbar, der wie Spinoza die Vorstellung eines persönlichen Gottes, der in irgendeiner Form an unserem Leben Anteil nimmt, als intellektuelle Zumutung zurückweisen würde. Für solche und ähnliche Differenzierungen ist verständlicherweise in einem kurzen Aufriss kein Platz.
Soweit also ist aus meiner Sicht dem Autor sehr wohl beizupflichten. Als eher ärgerlich hingegen sehe ich den 2. Teil des Artikels, in dem er dafür plädiert, „die Frage offenzuhalten“
und zwar deswegen, weil hier die Klarheit des Denkens aufgegeben wird zugunsten eines schwammigen Ungefähr, verborgen hinter rhetorischen Nebelkerzen . So glaubt er die binäre Logik von „Zorn und Stille, Warten und Protest, Weinen und Hoffen, Hass und Liebe …“etc zuschütten zu können. In dem was sich dann einstellt, „kann etwas verborgen liegen“,
„es kann, aber es muss nicht“, „es muss nicht, aber es kann dann vieles Raum und Ausdruck finden“. Für mich sind dies die letztlich intellektuell unredlichen tastenden Versuche des Sonntagspredigers, Zuversicht in seiner Gemeinde zu stiften. Dabei scheut er auch nicht vor
Wendungen zurück, die den Versuch der Empathie zu Theologen-Kitsch werden lassen: „ein
Gott ...der in die Tiefe mitgeht, der verletzlich ist und selbst mitleidet.“ Gegenüber diesem für mich typisch evangelischen verschwiemelt-menschelnden Ton ziehe ich selbst noch das klare Grenzen aufweisende „credo quia absurdum“ vor.

Warum aber, so wäre abschließend zu fragen, nehmen Menschen wie Hiob ihr Schicksal an ohne ihrem grausamen Peiniger zu fluchen? Warum bekennt er sich in tiefster Erniedrigung als Sünder und sieht im Walten des Herrn die Zeichen der Gerechtigkeit? Aus meiner Sicht ist die Antwort in den Zwängen des angeblich so fortschrittlichen Monotheismus zu suchen. Für Hiob und die überwiegende Mehrzahl der Menschen mindestens bis zur Neuzeit ist die Vorstellung eines persönlichen Gottes eine unhintergehbare Denknotwendigkeit ; eine Welt ohne strafenden oder gewährenden Schöpfer ist nicht vorstellbar. In dieser Situation muss er sich als rettungslos ausgeliefert sehen, als Mensch, dem als einzige Option die Unterwerfung bleibt – oder anders: die Identifikation mit dem Aggressor.

Es gibt Leid, weil es Freiheit und Knappheit gibt. Dass Gott Freiheit zulässt und die Welt nicht als grenzenloses Schlaraffenland geschaffen hat, ist gut. Könnte Gott keine Freiheit zulassen oder dürfte er nur eine optimale Welt erschaffen, wäre er nicht allmächtig.

Sehr geehrte, liebe Frau Ott
Ich bin nicht so vermessen zu glauben, dass der Artikel "Warum lässt Gott Leid zu" auf meine e-mail zurückzuführen ist. Dennoch bin ich froh, dass das Thema Eingang in die erste Ausgabe 2021 gefunden hat. Es ist dem Verfasser gelungen. die gesamte Brandbreite des Problems darzustellen, ohne dass der Leser sich in komplizierten philosophisch- theologischen Gedankengängen verloren fühlt. Als ehemaliger Referatsleiter im Verteidigungsministerium war ich auch verantwortlich für die Jugenoffiziere, mit denen ich auf fast allen Kirchentagen präsent war, und ich erinnere mich an ein Gespräch mit einem katholischen Bischoff, dem ich schon damals die Frage nach dem Sinn des Leidens stellte. Er lächelts milde und antwortete: "Eine wichtige, aber komplizierte Frage. Wenn ich versuchte, sie Ihnen zu beantworten, würden Sie es verstehen." Es fehlte nur noch "basta".

Die unter dem Namen Theodizee bekannte Frage "Warum lässt Gott Leid zu?" ist keine Frage, sondern eine in Frageform gegossene falsche Auskunft. Sie ist die Behauptung, es gäbe eine Instanz namens Gott, die zuständig für die Zulassung oder Nichtzulassung von Leid sei.

Traut man dann Gott außerdem keine finsteren Absichten zu, ist die falsche Auskunft überdies widersprüchlich. Wieso der Hinweis auf diesen ziemlich offensichtlichen, seit Jahrhunderten formulierten Widerspruch doktrinär sein soll, bleibt das Geheimnis des Autors.

Theologen vergangener Zeiten haben sich immerhin noch ernstlich, wenn auch erfolglos, um eine Auflösung dieses Widerspruchs bemüht. Moderne Theologie hat so etwas nicht mehr nötig. Da wird munter in die Trickkiste gegriffen. Das geht so:

Es wird offensiv behauptet, auf die Frage gäbe es keine Antwort. Das ist beifallheischend gemeint im Sinne von: Wir sind ehrliche Typen, die nicht vorgeben, etwas zu wissen, was man nicht wissen kann. Da merkt man, wozu der erste Schritt, die Verwandlung einer unzutreffenden, in sich widersprüchlichen Behauptung, in eine Frage, taugen soll. Jetzt ist man nicht mehr mit der Widersprüchlichkeit der eigenen Behauptung konfrontiert, sondern ins Lager der ehrlich Suchenden übergewechselt.

Damit nicht genug der Trickserei. Nun ergeht sogar der Appell, die Frage auszuhalten. "Aushalten" ist das Gegenteil von Kritik und Gegenkritik. Die Frage der Theodizee auszuhalten ist die bemerkenswerte Ermunterung, sich Kritik an der eigenen Vorstellung grundlos zu verbitten.

Friedrich Feger

Liebe Frau Ott,
Corona ist schmerzlich angesichts der Menschen, die dem Virus erliegen, der Einschränkungen, der wirtschaftlichen Folgen, dennoch finde ich es sehr befremdlich, wenn der Kulturbeauftragte des Rates der EKD Johann Hinrich Claussen in der neuesten Chrismon-Ausgabe in der Rubrik "Religion für Einsteiger" auflistet "das Erdbeben von Lissabon 1755, die Schoah und jetzt die Corona-Pandemie" als Themen intensiver religiöser und politischer Debatten. Die Schoah war kein Naturgeschehen, hat sich nicht als Virus verbreitet.
Herzlichen Gruß
Bettina Behler

Sehr geehrter Herr Claussen?

Zur vieldiskutierten Theodizeefrage hätte ich ein einfache Antwort. Am Beispiel Auschwitz.

Wenn Gott es angeblich war, der das Leid z.B. in den Konzentrationslagern zugelassen hat, dann hat war es auch Gott, der es beendet hat.
Ist das zu kurz gedacht?

Mit freundlichen Grüßen
Karl Rathgeber

Hallo,
ich lese Ihr Magazin mit großem Interesse, versuchen Sie doch den Glauben in die heutige Zeit zu rücken.
Ihr Artikel "Warum lässt Gott Leid zu" lässt sich weiter fassen auf die Entstehung des Lebens überhaupt. Auch wenn wir in unserer Gesellschaft einfach wegsehen können, entsteht das Leben doch aus Mühsal und Fressen und gefressen werden. Gott ist über Gut und Böse erhaben und diese Eigenschaften haften hauptsächlich den Menschen an. Die Tiere, zu denen wir uns nur geringfügig ergänzt entwickelt haben, folgen nur dem Notwendigen mit ihrem Instinkt. Wir können fragen, will ich das oder will ich das nicht!
Der Gott der Bibel inkl der Juden und Moslems etc. wirkt vorallem für oder vor dem Menschen. Tatsächlich wissen wir ohne Ungläubige zu werden, dass Gott nicht nur für das endliche Universum Wirkensmacht ist sondern auch für das Unendliche. Wie Sie schreiben kann man das Geschehen nur hinnehmen, wie es ist und Regeln wie das Grundgesetz schaffen, die soweit wie möglich gerecht sind.
Ich finde daß unser Glaube dringend eine Reform nach heutigen Erkenntnissen benötigt, ohne daß ich weiß wie diese aussehen könnte!
Mit freundlichem Gruß
ULF-MICHAEL WESTERMANN

Sehr geehrte Damen und Herren.
Ich lese Ihre Zeitschrift oft gerne.
Was mich stört, sind die oft weltfremden ErbauungsTexte oder sogenannte Wahrheiten z.B. über den KlimaWandel oder die über Gott im aktuellen Heft.
Den Klimawandel können wir mit einem Satz erledigen. Es ist die Phrase der heutigen Zeit. KlimaWandel gab es immer und wird ihn immer geben.
Ob der Mensch die Ursache ist, oder die ansteigende Anzahl der Menschen ist eine der Fragen über die seit Jahrzehnten diskutiert wird.
Die Klimatologie ist real aber eine interdisziplinäre Wissenschaft der Fachgebiete, nicht nur der Meteorologie, sondern auch der Geographie, der Geologie, der Ozeanographie und der Physik. Sie erforscht die Gesetzmäßigkeiten des Klimas, also des durchschnittlichen Zustandes der Atmosphäre an einem Ort sowie der darin wirksamen Prozesse. Hierzu bedient sich die Klimawissenschaft unter anderem statistischer Methodik und der ChaosTheorie.
Dazu kommen die SonnenAktivität, Wolkenbildungen, Verhalten des Jet.Streams, die MeeresStrömungen, Variationen der ErdbahnParameter im Rahmen der sogenannten Milankovic-Zyklen und der Einfall hochenergetischer Partikel aus den Tiefen des Kosmos.
Keine der vorhandenen wissenschaftlichen Artikel über den KlimaWandel berührt diese Komplexität.

In ihren Heft 01/2021 schreiben sie zwei Varianten zur möglichen Verantwortlichkeit Gottes:
** Der atheistische Versuch: Auf der Welt geschieht viel Schlimmes, wenn Gott doch allmächtig sein soll, muss er böse sein; wenn er aber gut sein soll, kann er nicht zugleich allmächtig sein; dem folglich ist die Vorstellung eines allmächtigen und guten Gottes absurd.
Dagegen steht eine ältere theologische
Tradition:
Gott ist allmächtig-was auch geschieht, folgt seinem guten Willen; dieser ist den Menschen allerdings verborgen, weshalb es das einzig Richtige ist, wenn sie sich gehorsam in ihr Schicksal fügen**.
Das ganze Problem der sogenannten Theodizee lassen Sie dabei aussen vor.
Sie vereinfachen im Sinne eines theologischen Influenzers.
Christen sehen sich nicht als Teil der Natur, sondern in einem Dualismus zwischen ihr und ihnen. Sie haben nach
1. Mose 1, 28 den Auftrag, sich die Welt untertan zu machen, in die sie Gott gesetzt hat. Er hat ihnen die Fähigkeit zum Denken gegeben, gut oder böse zu sein, Verantwortung wahrzunehmen oder nicht.
Schon im Ersten Gebot des Alten Testaments, auf dessen Beachtung Theologen immer wieder hinweisen, wird betont:
**Ich bin der HERR, dein Gott, ich bin ein eifernder Gott, der die Missetat der Väter heimsucht bis ins dritte und vierte Glied an den Kindern derer, die mich hassen**
ER ist von zwei der biblischen Todsünden der **Eiffersucht** und des **Hochmuts** befallen, er tötet auch nicht nur die Schwächsten unserer Gesellschaft, sondern rächt sich schon am ungeboren Leben.
Mord und Totschlag ist offensichtlich keine TodSünde.

Ich erlaube mir noch zwei widersprüchliche Beispiele aufzuzeigen:
Psalm 22: *Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen.....*
Psalm 23: *Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln......*

Was und wer ist nun Gott???
Der sogenannte *Liebe Gott* der bezahlten Influenzer der AmtsKirche mit ihren oft infantilen, salbungsvollen, ehrfürchtigen Gottesverständnis?????
Oder wie der Mensch als Gottes Ebenbild auch als der autoritäre, zornige, schreckliche, ungnädige, fürchterliche Gott des AT und des 1.Gebotes???

Meine Antwort darauf:
Etwas zu glauben, an etwas oder an einen Gott zu glauben, ist nicht der einseitige Glaube der jeweiligen Religionen! Glaube als religiöse Urerfahrung ist die Offenheit für das Grenzenlose, Unnennbare, alles Umgreifende. Eine Vorstellung davon zu haben, zerstört bereits den gelehrten religiösen Glauben der Kirche:
Ich weiß, was und an was ich denke.
* "Wer Gott erkennen will, wird auch sich selbst erkennen. Eins kommt ohne das andere nicht aus" schrieb der Wüstenvater Johannes Cassianus um ca. 400 oder lesen wir den Gottesbegriff nach C.G. Jung!
* Besonders haben mich u.a. folgende Gottesbeweise imponiert:
Einstein **Gott würfelt nicht**; oder: „Ich glaube an Spinozas Gott, der sich in der gesetzlichen Harmonie des Seienden offenbart, nicht an einen Gott, der sich mit Schicksalen und Handlungen der Menschen abgibt.“ Physik war für Einstein die Suche nach dieser göttlichen Harmonie.
* Gödels mathematisch.philosophischer Gottesbeweis, wie auch dem vom Protestanten Dietrich Bonhoeffer, **Einen Gott, den es gibt, gibt es nicht** (Bonhoeffer) sind Höhepunkte im neuen für mich *Gott denken*
* Ähnlich äusserte sich der katholische Theologe Hans Küng, **Als Theologe kann ich die TrinitätsLehre, GottVater, GottSohn und Heiliger Geist einwandfrei erklären, aber ich verstehe sie nicht**.
* Ein Neudenken von Gott war für mich und ist für mich, dass das Merkmal jeder Humanität, ein Begriff den Cicero prägte, sich in Jesus dem Menschen- und nicht als GottesSohn manifestierte. Der Mensch wurde mit Jesus endlich in den Mittelpunkt gestellt.
* Die Schlußfolgerung ist dann für mich, dass das Wissen um den universalen, unendlichen, allmächtigen, nicht nur irdischen Gott darum dann zwangläufig mit tiefen absoluten Glauben verbunden ist über den dann nichts höheres gestellt werden kann. Das ist für mich nicht die Wahrheit Gottes einer ReligionsGemeinschaft, sondern die Wahrheit um des Universalen Gottes.
* Der katholische Kardinal Marx: *Viele behandeln Gott, als wäre er mit menschlichen Kategorien zu fassen. Sie bauen ihn ein in ein System von Strafe und Verfolgung, Verlust und Gewinn und benutzen ihn so für ihre Zwecke. Aber Gott ist kein Teil der Welt. Gott ist das absolute Geheimnis, das für den Menschen nicht zugänglich ist.*

Ergänzend muss man die Herkunft des Christentums betrachten.
Quelle sind die Erzählungen aus dem Evangelium Markus und der LogienQuelle Q und den daraus abgeleiteten gestatteten und verbotenen weiteren Evangelien.
Die Anfänge der Theologie kamen von Paulus, Marcion, Tertullian, Origines, die KirchenVäter und - Lehrer; Hieronymus, Ambrosius von Mailand, Augustinus von Hippo und Papst Gregor, Thomas von Aquin ......
Interessant ist, dass diese Herren nicht GlaubensVäter sonden Kirchenväter, also nicht vom Glauben ausgehend, sondern von einer Institution ausgehend benannt werden.
Das ganze Durcheinander in der Kirchengeschichte ist weiterhin von Glaubensvarianten, Westkirche, Ostkirche, Protestantismus, Arianern und vielen anderen geprägt.
LegimentationsTheorie der Autokratie, Texte zur Totalität:
** Die Theorie des Terrors, im NT Johannes 15, Vers 5: Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und in wem ich bleibe, der bringt reiche Frucht; denn getrennt von mir könnt ihr nichts vollbringen. Vers 6: Wer nicht in mir bleibt, wird wie die Rebe weggeworfen und er verdorrt. Man sammelt die Reben, werft sie ins Feuer und sie verbrennen.**
* Pervertiert wird das alles durch die Theorie des Terrors von Bernhard von Clairveaux in seiner Predigt an die Templer und der Legitimation der absoluten Autorität zur Totalität, von den Päpsten inhaltlich über den Absolutismus:
* Papst Gregors Dictatus Papae
* Innozenz III. Der Name Innozenz bedeutet „der Unschuldige“ (lateinisch). Die Schrift, **De miseria conditionis humanae** ("Über den elenden Zustand des Menschen"), enthält bereits die theoretische Grundlagen des späteren Pontifikats ("was Recht ist, was gebührt, was nützt") und seine Selbsteinschätzung: die Kleriker stehen über den Laien, das Papsttums über den Menschen ("der Papst jedoch ist geringer als Gott, aber größer als der Mensch"), er sah sich selbst als Vicarius Christi (seit Innozenz regelmäßiger Titel der Päpste), als Statthalter Jesu auf Erden, nicht nur als Nachfolger Petri.
* Papst Bonifatius VIII. erfand die Universalherrschaft. Die Bulle (Unam Sanctam ((lat.: Eine heilige (Kirche)), gilt als die berühmteste päpstliche Bulle des Mittelalters) ist die umfassendste Begründung einer aus dem Papst-Primat abgeleiteten päpstlichen Weltherrschaft in geistlichen wie in weltlichen Angelegenheiten. Das "weltliche Schwert" untersteht dem "geistlichen Schwert", es wird vom Papst eingesetzt und geduldet oder anders ausgedrückt: das geistliche wird von der Kirche geführt und das weltliche für die Kirche.
* Die Versuche einer Demokratisierung in der alleinseligmachenden Kirche, der Konziliarismus vom Konzil von Konstanz und in seiner Nachfolge vom Konzil von Basel wurden vom 5. Laterankonzil (1512–1517) jedoch wieder zugunsten des päpstlichen Primats abgelehnt.
Die Reformation war ein benderer Bruch der Kirche. Martin Luther befreite die Menschen vom Zwang so zu glauben, wie man es ihnen bis dahin unter Androhung härteste Strafen abverlangte.
Die Freiheit eines Christenmenschen war weltbewegend.
* Hexenverfolgung und Inquisition (organisierter Terror gegen Andersdenkende und Mißliebige) bestimmten weiterhin die Geschichte der Kirche.
* Das Erste Vatikanische Konzil (Vaticanum I), das von der römisch-katholischen Kirche als das 20. Ökumenische Konzil angesehen wird, begann am 8. Dezember 1869. Es verkündete im Sommer 1870 ein Lehrdokument über den katholischen Glauben, den päpstlichen Jurisdiktionsprimat und erhob
Die Lehre von der Unfehlbarkeit des Papstes „bei endgültigen Entscheidungen in Glaubens- und Sittenlehren“ definitiv zum Dogma.
Da sind wir nun bei Macht, Indoktrination und totaler Autorität einer Kirche über den Glauben.
Damit ist der eingangs gemachte atheistische Versuch oder die These von der Allmacht des biblischen Gottes-was auch geschieht seinem guten Willen folgt unglaubwürdig.

Bleiben Sie gesund und auch 2021 gut behütet.
Wolfgang Schultz

Sehr geehrte Redaktion,
sehr geehrter Herr Claussen,
Sie schrieben über "die doktrinären Atheisten wie die dogmatischen Theologen". Als Atheist, der die von Ihnen diskutierte Frage ebenso beantwortet wie der Atheist Ihres Artikels, würde ich nun gerne wissen, was mich dadurch "doktrinär" macht.
Meine Gottlosigkeit beruht doch nicht auf einer von irgendjemand geäußerten oder verkündeten Doktrin. Sie gründet darin, dass alle Verkünder eines Gottes, sei es der christliche Jesus oder der jüdische Jahwe oder der moslimische Allah oder hinuistischer Vishnu und Shiva für die Existenz ihrer Gottheiten genau so wenig Evidenz beibringen wie die Verkünder des Manitu oder Thor oder Jupiter oder Zeus oder Isis und Osiris, um nur einige der Hunderte (oder Tausende?) von Gotten zu nennen.
Wieso soll diese Gottlosigkeit "doktrinär" sein? Wenn jemand behauptet, es gäbe z. B. Magnetismus, dann kann ich doch, bitteschön, als absolutes Minimum verlangen, wünschen, erbeten, dass er oder sie mir irgendeinen Hinweis darauf gibt. Und bisher war ein solcher weder von den vielen Dienern noch von den von ihnen verkündeten (All-)Mächten in irgendeiner Weise zu erlangen.
Dogmen von Theologen hingegen gibt es zahlreiche, da muss ich Ihnen zustimmen. Als ob diese doch so mächtigen Gottheiten nicht selbst mitteilen könnten, was sie mitteilen wollen.
Zum Thema selbst möchte ich Sie auf den Text des §323c StGB verweisen.
Mit gottlosen Grüßen
Manfred Schleyer

Sehr geehrter Herr Schleyer,

Ihr Hinweis auf StGB § 323c erschließt sich mir nicht, weder direkt noch auf einer vermuteten ironischen Ebene. § 323c ist die unterlassene Hilfeleistung. Bei einer Theodizee-Debatte kämen da dann doch eher § 323a und § 323b in Betracht. Vollrausch und Gefährdung einer Entziehungskur. Aber ohne Erläuterung sind die auch nicht unmittelbar verständlich.

Klären Sie mich bitte auf!

Fritz Kurz

Sie klagen indirekt über das Unwissen, weshalb man nicht glauben kann, was wahr sein soll. Sowohl alle Theologen als auch Physiker werden sprachlos, wenn es um die Frage geht, was denn vor dem Urknall resp. der Schöpfung war und ob es ein Nichts, bzw. das Nichts des Nichts geben kann. Da versagt gänzlich alle Fantasie. Darauf zu antworten verbietet sich, weil sich die Frage selbst beantwortet. Dass es die Theologen aller Couleur dennoch versuchen, macht sie nicht glaubwürdiger. Ein Glaube hilft. Wer das bestreitet, kennt die Abgründe der menschlichen Psyche nicht. Womit man dann schon bei dem religiösen Anspruch der Wahrheit ist. Eine Wahrheit kann man nicht glauben. Wer nur glauben will was wahr ist, braucht dazu keinen Glauben. Religionen und Kirchen als ihre Ordnung und Organisation, können Gewissheit, aber im Gegensatz zu früher behauptet, keine Wahrheit geben. Glauben und Hoffnung sind Säulen der Psyche. Es gibt sehr viele, die der emotionellen Hilfe bedürfen, Die finden sie im Glauben. Wer dem Anderen diesen Glauben ohne Not zerstört und keinen Ersatz anbietet, handelt leichtfertig. Jede Gemeinschaft in den Ehen, den Familien, in Firmen und Berufen bedarf den Glauben an das Gute. Ohne ihn kann es keine freie und friedliche Gemeinschaft geben. Wüssten wir immer die volle Wahrheit, wäre jede Gemeinschaft zu ende. Das ist kein hohes Lied auf die Lüge, die ja immer als Ziel den eigenen Vorteil hat. Der religiöse Glaube muß deshalb auch nicht der Ziehsohn der Lüge sein. Es schadet niemanden, wenn er an Weihnachten und Ostern an das Gute im Menschen glaubt. Werden ihm aber mit Wahrheiten alle Illusionen geraubt, sind Friede und Freude vorbei. Nur wenn der Glaube zum Zweck (Ablass) wird und dem Anderen schadet, wird das Böse zum Ziel. Ein Atheist in allen Ehren. Er geht aber das Risiko ein, sich für das Absolute zu halten. Und wer das glaubt, ist nicht nur arrogant, sondern er erhebt sich bis zur Göttlichkeit. Was dann auch wieder nicht der Wahrheit entspricht. Gott ist auch unser Gewissen, das uns vor den Folgen unserer Schwächen und denen unserer Nächsten beschützen könnte. Wo dieser Gott nicht ist, wird es unmenschlich. Alles schon mal da gewesen. Lassen wir Gott dort, wo jeder ihn für sich sucht.