Michel Friedman und Max Czollek über jüdisches Leben in Deutschland

"Das ist Gedächtnistheater!"
Begegnung - Max Czollek und Michel Friedmann

Katrin Binner

Max Czollek (links) und Michel Friedman trafen sich im Jüdischen Museum in Frankfurt am Main.

Begegnung - Max Czollek und Michel Friedmann

Gemeinsames Erinnern gibt es nicht, sagen Max Czollek und Michel Friedman. Und: Was unsere Gesellschaft zusammenhält – und wo noch viel getan werden muss.*

chrismon: Wir treffen uns im neuen Jüdischen Museum in Frankfurt am Main. Wie gefällt Ihnen das Haus?

Max Czollek: Ich wollte immer mal einen Survivor’s Guide schreiben: Wie schafft man es als Jude, in ein jüdisches Museum in Deutschland zu gehen und lebendig wieder rauszukommen?

Michel Friedman: Jedes jüdische Museum in Deutschland erzählt als Subtext die Vernichtung des Judentums. Auch wenn man zu Recht versucht, den Antisemitismus nicht in den Mittelpunkt zu stellen – er ist ja keine Erfindung des Judentums –, ist das trotzdem wie eine Quadratur des Kreises.

Czollek: Aber die neue Dauerausstellung in Frankfurt macht vieles richtig. Sie setzt stärker auf das jüdische ­Leben und weniger auf die deutsch-jüdische Beziehung. Sie traut sich nah an lebende Menschen heran und umschifft Dinge, die stereotyperweise für jüdisches Leben stehen wie ­Kippa und Perücke, auch wenn sie dazu gehören. Vertreibung, Ausschluss und der Zweite Weltkrieg werden natürlich auch erzählt.

Friedman: Solange es Judenhasser gibt, lässt sich diese Spannung nicht auflösen. In den 1990er Jahren haben mich oft Lehrer angerufen: Herr Friedman, wir wollen den Schülern Zeitzeugen vorstellen, und nur so wenige haben überlebt. Das war gut gemeint, aber einmal habe ich in den Telefonhörer gerufen: Es gibt Millionen Zeitzeugen! Fragen Sie Ihren Vater, Ihren Großvater!

Max Czollek

Max Czollek, 33, ist Politikwissenschaftler, Lyriker ­und Coach. Er gibt die Zeitschrift "Jalta – Positionen zur jüdischen Gegenwart" mit heraus, kuratierte den Kongress "Des­integration" und 2017 die "Radikalen ­Jüdischen Kulturtage" im Berliner Maxim Gorki ­Theater. Er hat drei Gedicht­bände ­geschrieben. 2020 ­erschien "Gegenwartsbewältigung" (­Hanser). Er lebt in Berlin.
Katrin BinnerMax Czollek

Michel Friedman

Michel Friedman, 64, ist Jurist, ­Philosoph, Publizist und Moderator. In den 90ern gehörte er dem CDU-Bundes­vorstand an, später war er stellvertretender Vor­sitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland. Sein jüngstes Buch "Zeitenwende" schrieb er ­zusammen mit dem Soziologen Harald Welzer (Kiepenheuer & Witsch). Er lebt in Frankfurt am Main.
Katrin BinnerMichel Friedmann

Czollek: Was bedeutet Jüdischkeit jenseits der Themen Shoah, Antisemitismus und Israel, die von außen an einen herangetragen werden? Die deutsche Seite stellt uns vor die Alternative: Entweder wir erinnern uns gemeinsam, oder wir wollen diese Erinnerung nicht. Das zeigt sich in der Zurückweisung eines "Schuldkults" durch die AfD oder in Filmen wie "Unsere Mütter, unsere Väter", in denen alle ­irgendwie traumatisiert sind, Krieg immer schlecht ist und Anne Frank allen gehört. Das hat mit einer jüdischen Er­innerung an die Shoah nur sehr bedingt zu tun.

"Um Auschwitz zu begreifen, muss man die Täter in den Mittelpunkt stellen" (Friedman)

Wie kommt man da raus?

Friedman: Indem man sich bewusstmacht, dass es keine gemeinsame Erinnerung geben kann zwischen den ­Opfern und den Tätern und deren Angehörigen. Die Ausgangslage, die Perspektive ist eine fundamental andere. Um Auschwitz zu begreifen, muss man die Täter in den Mittelpunkt stellen. Statt untereinander darüber zu reden und mit der nächsten Generation zu reflektieren, haben die Täter überwiegend geschwiegen – und viele wurden in die Machtstrukturen der Bundesrepublik über­nommen. Wenn sie nicht geschwiegen hätten, hätten sie sich ihrer Verantwortung stellen müssen. Und da geht es nicht nur um die KZ-Aufseher, sondern auch darum, wem das Bild gehörte, das bei uns im Wohnzimmer hängt. Woher kommt unser Silberbesteck? Die allermeisten Menschen, die ich in den vergangenen 60 Jahren getroffen habe, angefangen bei meinen Lehrern und den Eltern meiner Freunde, sagten: Auschwitz haben wir nicht gewollt. Das glaubte ich ihnen. Aber die Gewalt hat früher begonnen. Als Lokomotivführer Juden nach Auschwitz brachten. Als die Konferenz am Wannsee stattfand. Als am 9. November 1938 überall Synagogen brannten. Am Anfang waren ­Millionen in die Gewalt verstrickt.

Czollek: Es gibt ein großes Missverständnis: Für die deutsche Seite zielt die Erinnerungsarbeit auf Versöhnung und Erlösung ab, oder, etwas kleiner gestapelt, auf Gutwerdung. Die jüdische Seite weiß, dass nie wieder alles gut wird. Die­jenigen, die hätten versöhnen können, sind tot. Daran können die Lebenden auch nichts mehr ändern. Das Urversprechen der Integration an Juden im 19. Jahrhundert war ja: Wenn ihr euch anpasst, werdet ihr von Deutschland geschützt. Dieses Versprechen wurde gebrochen. Das vergessen wir nicht. Und das hat Konsequenzen dafür, wie ich die Gesellschaft und ihre Ansprüche an Minderheiten verstehe.

Haben wir wirklich so wenig gelernt? Die 68er sind auf die Straße gegangen, wollten aufarbeiten.

Friedman: Das stimmt. Allerdings haben die meisten die Aufarbeitung mit ihren Familien vermieden. Zu Hause ­haben viele geschwiegen.

"Lernen muss heißen: für eine plurale Demokratie einzustehen" (Czollek)

Czollek: Wir alle wissen doch längst, was Lernen aus der Geschichte bedeutet: Nach 1945 standen beide Deutschlands vor der Frage, wie sich ein Land so einrichten lässt, dass sich so etwas nicht mehr wiederholt. Das Grundgesetz ist in ­diesem Geiste verfasst. Anstatt sich daran zu erinnern, tut die selbst ernannte bürgerliche Mitte so, als würde es uns vor allem an einer großen Gemeinschaftserzählung mangeln, und spricht von "Heimat" oder "Leitkultur". ­Lernen muss heißen: für eine plurale Demokratie einzustehen.

Friedman: Dafür zu kämpfen, dass die Menschenwürde tatsächlich unantastbar ist. Wenn etwa 50 000 Fußballfans im Stadion sind und ein schwarzer Spieler mit Affenlauten ­beleidigt wird, muss das Spiel vorbei sein! Sonst sind wir Mittäter. Das habe ich gelernt. Ich bin auf einem Friedhof aufgewachsen: Meine Mutter, mein Vater, meine Groß­mutter waren die einzigen, die die Shoah überlebt haben. Sie waren tieftraurig. Sie fühlten sich mitverantwortlich, weil sie überlebt haben und der Bruder, die Schwester, der Vater nicht. Wenn bei uns Pessach gefeiert wurde, ein recht fröhliches Fest, saß ich als Kind unter dem Tisch, um den Erwachsenen zu lauschen. Und irgendwann kippte die Stimmung: Plötzlich weinten drei, vier, weil jemand sagte: Erinnerst du dich an Sarah?

Trotzdem ist es für viele eine große Überwindung zu ­sagen: Du beleidigst den schwarzen Fußballer nicht!

Friedman: Warum eigentlich? Wenn das schon eine Überwindung ist, mache ich mir wenig Hoffnung. Wir sitzen mit Freunden oder Familie am Tisch, und jemand sagt ­etwas, das die Würde einer Gruppe verletzt. Wenn ich ­dabei bin, ist Schluss mit lustig. Die Routine eines ge­pflegten Abends geht nicht mehr. Denn das Versprechen, auf das wir uns rechtlich, moralisch, philosophisch verlassen, ist verletzt – dass wir alles tun, dass die Würde des Menschen unantastbar bleibt. Vielleicht haben wir nach zehn Minuten einen Konsens, vielleicht bleibt nach zwei Stunden ein Dissens. Wenn Sie den Einspruch üben, haben Sie keinen Muskelkater, wenn Sie das im Fußballstadion machen müssen. Wenn man nichts tut, kann man nicht die Hände in Unschuld waschen. Denn dann wächst die Enthemmung.

"Ich höre in meiner Generation häufig, dass man keine Lust mehr habe, sich mit dieser Geschichte zu beschäftigen" (Czollek)

Noch mal zurück zum Lernen: Die Archive haben lange Wartezeiten, weil so viele Enkelinnen und Enkel wissen wollen, was die Großeltern gemacht haben.

Czollek: Das mag sein. Zugleich höre ich in meiner Generation häufig, dass man keine Lust mehr habe, sich mit dieser Geschichte zu beschäftigen. 2002 erschien das Buch "Opa war kein Nazi". Dafür haben sich Soziolog:innen Familien­erzählungen angeschaut und festgestellt, dass innerhalb von zwei Generationen der Nazi-Opa kein Nazi mehr ist. Selbst wenn die Kinder der Nazis wussten, was die Eltern getan haben, erzählen die Enkel: "Opa hat Juden versteckt." Noch zwei Generationen, und es wird keine Nazis in deutschen Familien gegeben haben. Das ist Gedächtnistheater.

Was meinen Sie damit?

Czollek: Gedächtnistheater ist ein Begriff, den der Soziologe Michal Bodemann in den 90er Jahren entwickelt hat: Danach nutze die deutsche Dominanzgesellschaft die Erinnerungskultur, um ein bestimmtes Bild von sich zu entwerfen. Jüdinnen und Juden bekommen die Aufgabe des Mahnens und Erinnerns zugewiesen, und schon ihre Anwesenheit in diesem Land hat eine entlastende Funktion. Dass sie hier leben, ist der Beweis, dass Deutschland den National­sozialismus überwunden hat. Mit meinen Theaterarbeiten und Essays versuche ich, diesen Zuschreibungen eine eigene Perspektive entgegenzusetzen. Darum heißen meine Essays "Gegenwartsbewältigung" oder "Desintegriert euch!".

Friedman: Aber Max, wir dürfen nicht unterschätzen, wie viele Menschen sich in Deutschland für den Demokratie­prozess engagieren! Die meinen wir natürlich nicht mit ­unserer Kritik. Politiker beschwören, wie dankbar man den Jüdinnen und Juden ist, dass sie hier leben. Diese Umarmung hat etwas Tröstendes, aber ich kann nur raten, sich davon zu emanzipieren. Statt dankbar zu sein, sollten alle mehr dafür tun, dass sich die Menschen respektvoll begegnen.

Czollek: Du bist vielleicht schon weiter als ich, Michel. Oder optimistischer. Ich mache die Erfahrung, dass es nichts bringt, darauf zu beharren, dass wir alle Menschen sind. Da bin ich ganz bei Hannah Arendts "Wenn man als Jude angegriffen wird, muss man sich als Jude verteidigen". Vielleicht gehe ich dabei auch mit einem anderen Selbstbewusstsein durch Deutschland, weil mir 13 Jahre jüdische Schule und acht Jahre jüdisches Studienwerk den Rücken stärken.

Friedman: Die jüdische Gemeinschaft hat sich verändert, und das liegt nicht an den jüdischen Schulen. Sondern an den 100 000 Jüdinnen und Juden, die ab den 1990er ­Jahren aus der ehemaligen Sowjetunion und anderen ­Teilen der Welt in die jüdischen Gemeinden nach Deutschland gekommen sind. Meine Eltern waren Holocaust­überlebende. Das ist anders, als wenn jemand aus der Sow­jetunion den Zweiten Weltkrieg als Sieger erlebt hat.

Czollek: Und trotzdem denken viele Deutsche, dass wir alle Holocaustüberlebende sind.

"Was sagbar ist, wurde verschoben in Richtung Rassismus" (Friedman)

Friedman: Je weniger Zeugen der Shoah leben und widersprechen können, umso mehr erleben wir den Versuch, Geschichte umzuschreiben. Erstens: Es war nicht so schlimm. Zweitens: Wir waren nicht die Einzigen. Drittens: Auch wir waren Opfer. Das hat 1986 mit Ernst Nolte und dem Historikerstreit begonnen, ging weiter 1998 mit Martin Walser in der Paulskirche bis zu Alexander Gaulands Aussage über den Vogelschiss. Es stimmt, jeder Mensch, der im ­"Dritten Reich" gestorben ist, als Soldat oder als Zivilist:in, ist ein Mensch zu viel. Aber es ist ein Unterschied, ob ich ein Mörder war oder ob ich ermordet wurde. Wir müssen dafür sorgen, dass diese Klarheiten nicht verwischt werden.

Gauland bekam immens viel Widerspruch!

Friedman: Ja, weil er in der AfD ist. Aber wenn Martin Walser anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels von der "Moralkeule Auschwitz" spricht, bekommt er Standing Ovations. Und erst recht ­Thilo Sarrazin, der Sozialdemokrat und Bundesbanker! Die Reaktion auf sein Buch "Deutschland schafft sich ab" war die Generalprobe für die bürgerliche Mitte. Und sie hat versagt. Das, was sagbar ist, wurde verschoben in Richtung Rassismus, in Richtung geistige Brandstiftung.

Gibt es nicht einen Unterschied zwischen der bürgerlichen Mitte und der AfD?

Friedman: Was verstehen Sie unter Mitte? Die etablierten Parteien sind nicht vergleichbar mit der AfD. Aber auch in ihnen verschiebt sich ein Konsens, und nicht nur weil die AfD zweistellige Wahlergebnisse bekommt, sondern weil unter den eigenen Mitgliedern welche sagen, die Geflüchte­ten, die Arabisch- und Türkischstämmigen gehören nicht dazu. Es gibt eine Salonfähigkeit des Ausschließens.

Dennoch: Viele Politiker meinen es ernst, wenn sie sagen: "Wehret den Anfängen!" Zuletzt nach den Anschlägen in Halle und Hanau.

Friedman: Wie viele Gewaltakte wollen wir immer noch als Anfänge betiteln? Wie lange wollen wir noch so tun, als ob es sich um Einzelfälle handelt. Das ist ein strukturelles Problem dieser Gesellschaft!

"Vielleicht haben viele gedacht: Wir sind weiter" (Friedman)

Warum wollen das so viele nicht wahrhaben?

Czollek: Weil man an dem Selbstbild festhält, dass Deutschland aus der Geschichte gelernt habe. Und weil diese Erzählung absolut zentral ist für die Idee einer guten deutschen Nation nach 1945.

Friedman: Vielleicht haben viele gedacht: Wir sind weiter. Vielleicht wurde zu lange nicht mehr darüber diskutiert, ernsthaft, als Priorität der Politik: Was verstehen wir unter dem Anspruch, dass die Menschenwürde unantastbar ist?

Mareike Fallet

Mareike Fallet, Jahrgang 1976, ist Textchefin und Mitglied der Chefredaktion. Sie studierte Sozialwissenschaften in München und Göttingen. Redakteurs-Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule in München. Ihr Schwerpunkt sind gesellschaftspolitische Themen, sie betreut die Rubriken "Begegnungen", "Fragen an das Leben" und "Andererseits". 
Lena Uphoff

Claudia Keller

Claudia Keller ist stellvertretende Chefredakteurin von chrismon. Davor war sie viele Jahre Redakteurin beim "Tagesspiegel" in Berlin.
Lena UphoffPortrait Claudia Keller

2015 hat die Bundesrepublik eine Million Geflüchtete aufgenommen – gerade weil wir uns den Menschenrechten verpflichtet fühlen . . .

Czollek: Ja, es gab die "Willkommenskultur". Aber auch die Forderung: Integriert euch!

"Integrationsdenken geht davon aus, dass die größte Gefahr dieser Gesellschaft ihre Vielfalt ist" (Czollek)

Ist das ein Widerspruch?

Czollek: Bei der Integration legt eine gesellschaftliche Gruppe den Erwartungshorizont fest, an den die anderen sich anpassen müssen. Dabei wird einem Viertel der Gesellschaft, nämlich denen mit Migrationshintergrund, mal mehr, mal weniger offen unterstellt, nicht demokratisch genug zu sein und daher eine Anpassungsleistung erbringen zu müssen. Das Integrationsdenken geht also grob gesagt davon aus, dass die größte Gefahr dieser Gesellschaft ihre Vielfalt ist. Ich bin überzeugt, das Gegenteil ist der Fall: Die Wehrhaftigkeit der pluralen Demokratie schöpft sich aus ihrer Vielfalt.

Was ist dann die Gemeinsamkeit?

Czollek: Sehen Sie, schon diese Frage beruht auf der Annahme, dass zu viel Differenz gefährlich ist. Aber wenn die deutsche Gesellschaft im 20. Jahrhundert an etwas zugrunde gegangen ist, dann an ihrem exzessiven Versuch der Homogenisierung. Und wenn dieses Land gegen­wärtig von etwas bedroht wird, dann von der Rückkehr dieser ­völkischen Vorstellungen.

Friedman: Uns hält der Wille zusammen, als Gemeinschaft hier besser zu leben. Auf dem Boden des Grundgesetzes. Mehr braucht es nicht.

Czollek: Bedrohte Minderheiten wären ja schon glücklich, wenn sie in einer Gesellschaft lebten, in der Menschen nicht diskriminiert oder ermordet werden.

Ein sehr minimaler Anspruch.

Czollek: Richtig! Aber für viele Menschen gilt ja nicht mal das. Etwa für Menschen, die in Hanau in einer Shisha-Bar sitzen oder in Halle in einer Synagoge beten.

Friedman: Ich würde mich schon freuen, wenn ich in diesem Land leben könnte, ohne markiert zu werden. Was, glauben Sie, macht es mit Kindern, wenn sie mit Polizeischutz aufwachsen? Warum muss vor einer katholischen Schule keine Polizei stehen? Was löst es aus, wenn Sie eine Kippa tragen wollen und der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung sagt: Zieh deine Kippa aus, dann bist du sicher. Der unsichtbare Jude ist also wieder der sichere Jude?! Oder wenn Herr Üzil sich vorstellt und die erste Frage ist: Kommen Sie aus der Türkei? Indirekt heißt das: Sind Sie eigentlich Deutscher? Wissen Sie, was all das für Kränkungen sind?

Herr Czollek, Sie sind Lyriker und Theatermann. Gerade haben Sie mit anderen in vielen deutschen Städten "Tage der jüdisch-muslimischen Leitkultur" organisiert.

Czollek: Die jüdisch-muslimische Leitkultur ist eine Polemik. Wir wollen unterstreichen, dass die Realität schon heute viel bunter ist und dass die Politik hinterherhinkt. Bei den Lesungen, Diskussionen und Theaterstücken sind selbstverständlich nicht nur Juden und Muslime dabei, sondern auch People of Color, queere, kurdische, afrodeutsche, atheistische Menschen, eben die ganze radikale Vielfalt.

Friedman: Jüdisch-muslimische Dialoge sind wichtig, um der Gesellschaft zu signalisieren: Spielt uns nicht gegen­einander aus!

Auch unter Muslimen gibt es Antisemiten.

Friedman: Der Islamismus ist eine reelle Gefahr – auch für das Judentum. Aber es ist unredlich, den Islamismus mit dem Islam gleichzusetzen. Außerdem machen Muslime manch ähnliche Diskriminierungserfahrungen wie Juden, etwa die Verallgemeinerungen, wenn über DIE Muslime gesprochen wird. Ansonsten gilt: Ich erwarte, dass das Grundgesetz und andere Gesetze, die ja auch Schutzrechte sind, von den staatlichen Institutionen verteidigt werden. Wer Straftaten begeht – rassistische Beleidigungen, Diskriminierungen, geistige Brandstiftung, Mord und Terror – kann sich nicht auf Meinungsfreiheit oder irgendeinen "-ismus" berufen. Politische oder religiöse Ideologien stehen nicht über dem Gesetz und sind niemals Rechtfertigung.

Czollek: Die Anschläge von Hanau und Halle haben gezeigt: Entweder wird es für Juden und Muslime gleichermaßen eine Zukunft in Deutschland geben – oder für beide nicht.

Friedman: Entweder gibt es eine Zukunft für uns alle, die wir frei leben wollen, oder für niemanden von uns!

 

*Hinweis der Redaktion: Weil der ursprüngliche Vorspann missverständlich war, haben wir ihn geändert.

Infobox

Statistik

1933 lebten schätzungsweise 500 000 ­Jüdinnen und Juden in Deutschland. 1950 ­waren es 15 000, 1989 26 000. Seit 1990 sind etwa 220 000 jüdische Menschen nach Deutschland eingewandert. Die meisten kamen aus Ländern der ehe­maligen Sowjetunion.

Gemeinden

Weniger als die Hälfte der Jüdinnen und Juden sind Mitglied in den 105 jüdischen Gemeinden, die religiös eher konservativ und orthodox geprägt sind und vom Zentralrat der Juden in Deutschland vertreten werden. Durch die Zuwanderung auch aus Israel, den USA und anderen Teilen der Welt ist die jüdische Gemeinschaft in Deutschland vielfältiger geworden, und neue, liberale Gruppierungen sind außerhalb der Gemeinden entstanden.

Religion

"Wie Juden leben", überschrieb Israels früherer Oberrabbiner Israel M. Lau seine Einführung ins Judentum, und nicht: "Was Juden glauben". Im Mittelpunkt des religiösen Lebens stehen nicht Dogmen, sondern die Halacha, der "Lebenswandel", also wie Juden ihr Leben nach den Geboten der Tora, den fünf Büchern Mose, gestalten.  

Antisemitismus  

Umfragen ergeben, dass konstant ein Viertel der Deutschen judenfeindlich denkt. 2019 wurden 1900 anti­semitische Straftaten verübt, 93,4 Prozent von rechten Tätern; der brutalste Angriff war der Anschlag auf die Synagoge in Halle im Oktober 2019. Der Anti­semitismus steige "steil an", warnte der Präsident des Bundesamtes für Verfassungssch im Oktober 2020.

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Lesermeinungen

Liebe chrismon-Leser, die sich hier zu Wort melden, liebe Frau Fallet, liebe Frau Keller, vielen Dank für den Dialog, den man hier nachlesen kann. So geht das, danke!

Über das Titelblatt des letzten Heftes und den Titel des Interviews mit Michel Friedman und Max Czollek ist inzwischen wahrscheinlich genug geschrieben worden, doch mich irritiert an diesem Interview noch etwas ganz anderes – etwas, was auch im aktuellen Antirassismus-Diskurs immer wieder zu beobachten ist: Auf der einen Seite steht der sehr nachvollziehbare Appell an die Bevölkerungsmehrheit, endlich damit aufzuhören, Menschen einer – wie auch immer definierten – Minderheit mit Stereotypen zu belegen, und stattdessen das Individuum zu sehen. So weit, so richtig. Doch andersherum scheint das nicht zu gelten: Da wird pauschalisiert und in Schubladen gesteckt, da ist von Opfern und Tätern die Rede, zwischen denen es keine gemeinsame Erinnerung geben kann, ja eigentlich – wenn man Czollek glauben soll – überhaupt nichts Gemeinsames. Beide sprechen pauschal vom „Volk der Täter“, und dabei sind Differenzierungen nicht zulässig. Die Unmöglichkeit einer gemeinsamen Erinnerung bezieht sich nach Friedmans Ansicht nicht nur auf die eigentlichen Täter (von denen ja kaum mehr einer lebt), sondern auch auf ihre Angehörigen. Aber eben nicht nur auf die Angehörigen der eigentlichen Täter, sondern auf sämtliche Angehörigen des Volkes, dem die Täter angehörten.
Max Czollek spricht pauschal von der „deutschen Seite“, die jüdische Menschen vor die Alternative stellt: „Entweder wir erinnern uns gemeinsam, oder wir wollen diese Erinnerung nicht.“ Und als Beleg dafür zitiert er die AfD-These vom „Schuldkult“. Für den Fall, dass es noch jemanden geben sollte, der es nicht begriffen hat, sei es an dieser Stelle noch einmal ausbuchstabiert: Die AfD spricht nicht für die „deutsche Seite“! Doch die Pauschalisierungen gehen munter weiter: Da tue nach Czolleks Ansicht „die selbst ernannte bürgerliche Mitte so, als würde es uns vor allem an einer großen Gemeinschaftserzählung mangeln, und spricht von ‚Heimat‘ oder ‚Leitkultur‘“. Und Herr Friedman sagt mit Bezug zu Thilo Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“, dass damals „die bürgerliche Mitte“ versagt habe. Wer, bitte, ist denn diese ominöse „bürgerliche Mitte“, von der beide reden und die offenbar als einheitliches Subjekt eine Meinung äußert? Was hätte denn nach Friedmans Ansicht die bürgerliche Mitte tun sollen? Sarrazin daran hindern, dass das Buch auf den Markt kommt? Dafür sorgen, dass er bestimmte Aussagen in seinem Buch nicht macht? Das Beispiel Sarrazin zeigt, wie freiheitlich verfasste Gesellschaften funktionieren: Eine Meinung wird geäußert, und dann wird darüber diskutiert, sogar gestritten. Die meisten Kommentatoren (gerade auch aus der „bürgerlichen Mitte“!) sahen Sarrazins Thesen kritisch, und er musste viel Widerspruch erdulden. So ist das in freiheitlichen Gesellschaften, und so sollte es auch sein. Doch nach Friedmans Ansicht hat damals die bürgerliche Mitte versagt. Was für ein problematisches Verständnis von der Art und Weise, wie gesellschaftliche Diskurse in freiheitlichen Gesellschaften verlaufen sollten!
Doch zurück zum Verhältnis zwischen Opfern und Tätern: Wenn Deutsche sagen, „mein Opa war kein Nazi“, dann stimmt diese Aussage in vielen Fällen nicht. Keine Frage. Doch gibt es zweifellos eine nicht unerhebliche Zahl an Fällen, in denen sie tatsächlich stimmt. Und wenn sich Menschen damit beschäftigen, welches Leid Familienmitglieder durch Diktatur, Krieg oder Vertreibung erlitten haben, machen sie nichts anderes als das, wovon Michel Friedman erzählt, wenn er auf sehr berührende Art und Weise von den Zusammenkünften seiner Familie berichtet. Das ist es, was Familien tun, und dafür sind Familien da: sich gemeinsam zu erinnern, gemeinsam zu trauern und gemeinsam zu versuchen, damit weiterzuleben. Dass dies auch in Familien so war, die dem „Tätervolk“ angehören, kann und sollte nicht als Argument dafür herhalten, dass „die Deutschen“ sich ihrer historischen Verantwortung nicht gestellt hätten.
Doch damit nicht genug: In Halle und Hanau werden Verbrechen begangen. Von Menschen mit einem offenbar sehr problematischen Menschenbild. Auch das ist – leider – eine Erscheinungsform freier Gesellschaften: Dass Menschen Ansichten haben, die wir abstoßend finden, und dass Menschen Dinge tun, die eine Gesellschaft nicht akzeptieren kann. Dass sie diese Ansichten haben, ist traurig, und alle Mitglieder einer Gesellschaft sind aufgerufen, einzuschreiten, wenn inakzeptable Ansichten geäußert werden – auf dem Fußballplatz, beim gemeinsamen Familienessen, überall. Da ist Herrn Friedman uneingeschränkt zuzustimmen. Doch müssen wir auch den Umstand akzeptieren, dass wir es in einer freien Gesellschaft immer auch mit Menschen zu tun haben, die sich an das, was in einer Gesellschaft als Norm gilt, partout nicht halten wollen, und auch damit muss eine freie Gesellschaft leben. Alle Versuche, Gesellschaften dazu zu bringen, dass ihre Mitglieder keine abstoßenden Ansichten mehr haben, führten in den Totalitarismus. Um zu verhindern, dass abstoßende Ansichten zu inakzeptablen Handlungen führen, dafür gibt es das Strafrecht, die Polizei und die Justiz, außerdem Sozialisationsinstanzen wie Familien, Schulen und weitere zivilgesellschaftliche Akteure und Institutionen. Doch für Herrn Friedman ist das nicht genug. Seiner Ansicht nach hat die deutsche Gesellschaft mit Menschen, die inakzeptable Dinge tun, ein „strukturelles Problem“. Nun könnte man lange darüber streiten, wie das Wort „strukturell“ zu definieren ist. Der Bedeutungsinhalt, der dem von Aktivistinnen und Aktivisten geübten Sprachgebrauch derzeit am nächsten kommt, dürfte wohl sein: „strukturell ist es dann, wenn es mehr ist als nur Einzelfälle“. Doch ab welcher Zahl hören Einzelfälle auf, Einzelfälle zu sein? Und sind strukturelle Probleme nicht etwas, was sich nur dadurch beheben lässt, indem man Strukturen ändert? Doch welche Strukturen sollten nach Herrn Friedmans Ansicht geändert werden, um solche Wahnsinnstaten wie in Hanau oder Halle in Zukunft zu verhindern? Welches Gesetz soll geändert werden? Welche Stellen in Verwaltung, Justiz oder Polizei sollten verändert werden? Und wie? Die Aussage, dass es sich bei derartigen Taten um ein strukturelles Problem handelt, bedeutet im Kern nichts anderes, als dass diejenigen, die in unserer Gesellschaft für Strukturen verantwortlich sind (Politiker, Entscheidungsträger in Organisationen und Institutionen usw.), eine Mitschuld an den Taten von Hanau und Halle tragen. Oder zumindest eine Verantwortung dafür, dass sich solche Taten nicht mehr wiederholen. Doch wie soll das geschehen? Solange Menschen in Gesellschaften zusammenleben, gibt es inakzeptable Handlungen: Verbrechen, Ungerechtigkeit, Schlechtigkeit, „das Böse“. Kluge Menschen zerbrechen sich seit Jahrtausenden den Kopf darüber, wie wir mit dem Bösen umgehen sollen. Für Herrn Friedman scheint klar zu sein: Es sind die Strukturen. Wenn es so wäre, dann wäre es einfach.
Besonders bedrückend empfinde ich eine Äußerung von Max Czollek gegen Ende des Interviews: Dabei geht es um das „Gemeinsame“. Für ihn ist die Frage nach dem Gemeinsamen offenbar eine Zumutung, ein Versuch, Vielfalt einzuschränken. Wie traurig! Das Gemeinsame ist das, was uns als Gesellschaft und als Menschheit zusammenhält. Das Gemeinsame ist unsere Trauer über ermordete Mitmenschen, über nicht-gelebte Leben, über zerstörte Biografien, über Ungerechtigkeit und Tragik und Verlust. Das Gemeinsame ist auch die Fähigkeit, die Trauer anderer Menschen nachzuempfinden. Doch für Friedman und Czollek zählt das nicht: Für sie gibt es Täter und Opfer, und es gibt ein Tätervolk, das keinen Grund hat zu trauern. Und es gibt eine bürgerliche Mitte, die versagt hat, weil Thilo Sarrazin Dinge behauptet, die man anstößig finden kann. Und die Straftaten von Halle und Hanau sind ein strukturelles Problem der deutschen Gesellschaft.
Man liest ein Interview mit zwei klugen Menschen und klappt das Heft zu mit einem Gefühl nachhaltiger Verstörung. Mein Dank an die Redaktion für diesen Anlass, noch einmal über einige wirklich relevante Themen in unserer Gesellschaft nachdenken zu können! Und ja, ich gebe zu: Ich mag mit dem, was ich in diesem Zusammenhang gedacht und hier geschrieben habe, auch ganz falsch liegen. Ich wünsche es mir eigentlich.

Sehr geehrte Damen und Herren,
im obigen Artikel steht unter „ jüdisches Leben“ u. a. , dass Umfragen ergeben, das konstant ein Viertel !der Deutschen judenfeindlich denkt.
Ein Viertel, ich will hier nicht die statistische Rechnung an der Einwohnerzahl fest machen, wehre mich allerdings dagegen, dies pauschal so hinzunehmen. Oder habe ich hier etwas falsch gelesen?
Auf mich trifft diese Aussage auf keinen Fall zu. Und auch in meinem Bekanntenkreis.
Mit besten Grüßen
Hans Pütz

Sehr geehrter Herr Pütz,

vielen Dank für Ihren Leserbrief und Ihre Frage nach der Statistik zum Antisemitismus. Ich habe mich bei dieser Aussage, wonach konstant ein Viertel der Deutschen antisemitische Gedanken hat, unter anderem auf diese Umfragen bezogen:

https://www.sueddeutsche.de/politik/antisemitismus-deutschland-juedische... (2019)

https://www.welt.de/politik/article2466075/Rund-ein-Viertel-der-Deutsche... (2008)

Auf diese Quelle von der Bundeszentrale für politische Bildung: https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/311634/antisemitismus

Antisemitische Übergriffe 2019
https://www.bka.de/DE/UnsereAufgaben/Deliktsbereiche/PMK/PMKrechts/PMKre...

Der Verfassungsschutzpräsident warnte im Herbst 2020 vor „steil ansteigendem Antisemitismus“ https://www.tagesschau.de/inland/antisemitismus-deutschland-113.html

Das ist alles sehr traurig und beschämend.

Sehr freundlich grüßt Claudia Keller
chrismon-Redaktion

Sehr geehrte Damen und Herren,
vielen Dank für das spannende Interview!
Aber warum um Himmels Willen schreiben Sie: " Was Juden und Deutsche zusammenhält..."?
Es sind doch Deutsche!
Ich bin gespannt auf Ihre Antwort, und mich würde auch sehr interessieren, ob die beiden Befragten mit diesem Untertitel einverstanden waren.
Beste Grüße aus Bonn
Waltraud Steinborn

Sehr geehrte Frau Steinborn,

Sie weisen darauf hin, dass es kein Widerspruch ist, jüdisch und deutsch zu sein. Natürlich nicht. Und natürlich sind Max Czollek und Michel Friedman Deutsche. Doch das Gespräch mit den beiden hat uns gezeigt, dass es komplizierter ist.

Wenn Sie das Interview aufmerksam gelesen haben, ist Ihnen sicher aufgefallen, dass nicht meine Kollegin Mareike Fallet und ich, die wir das Interview geführt haben, diese Gegenüberstellung aufgemacht haben, sondern Michel Friedman und vor allem Max Czollek selbst. Und zwar an den Stellen, wo es um die Erinnerung geht, um den Umgang mit der Vergangenheit. Wir waren auch erstaunt, wie sehr die beiden in dieser Hinsicht auf dieser Gegenüberstellung beharren. Sie durchzieht viele ihrer Antworten und hat uns gezeigt, wie schwierig und ambivalent das Verhältnis zu Deutschland für die beiden ist. Zum Beispiel, wenn Max Czollek sagt: "Es gibt ein großes Missverständnis: Für die deutsche Seite zielt die Erinnerungsarbeit auf Versöhnung und Erlösung ab, oder, etwas kleiner gestapelt, auf Gutwerdung. Die jüdische Seite weiß, dass nie wieder alles gut wird."

Die beiden wehren sich dagegen, von der "deutschen Seite", zu der sie auch uns als Interviewerinnen zählten, vorschnell für die Erinnerungskultur vereinnahmt zu werden. Sie betonen aber auch, dass es unser aller Aufgabe ist, uns heute und jetzt für die Demokratie und die Menschenrechte einzusetzen. In dieser Hinsicht sehen sie sehr wohl ein großes Wir und eine gemeinsame Aufgabe.

Da wir als Redaktion die beiden tunlichst nicht vereinnahmen wollten, haben wir in der Überschrift auf diesen Zwiespalt hingewiesen. Offenbar ist es uns dabei nicht gelungen, deutlich genug zu machen, dass nicht wir als Redaktion diese Unterscheidung vornehmen, die zugleich ja auch immer eine Abgrenzung ist, sondern die Interviewpartner selbst. Vielleicht hätten wir in der Überschrift deutlicher machen müssen, dass es um die Erinnerung geht, bei der es für Czollek und Friedman kein Wir gibt. Da die Unterzeile der Überschrift so missverständlich ist, haben wir sie online korrigiert.

Claudia Keller
chrismon-Redaktion

Sehr geehrte Frau Fallet, sehr geehrte Frau Keller, wer hat sich denn den Titel für Ihren Artikel "Gehört Anne Frank uns allen?" ausgedacht? Sie schreiben " über Juden in Deutschland und die Deutschen". Ist Ihnen nicht aufgefallen, dass Sie der Nazi-Diktion aufgesessen sind? Sind die Juden in Deutschland etwa immer noch keine Deutschen? Das war doch ein Teil des Dilemmas unter den Nazis. Es wäre schlimm genug gewesen, wenn die Nazis alle gläubigen Juden verfolgt hätten. Auch bei einem solchen Szenario gäbe es jedoch keine Abgrenzung zwischen "jüdisch" und "deutsch", denn deutsch ist keine Religion. Aber es ging ja gar nicht um die Religion, die Sache war ganz anders gelagert und motiviert: Man hat alle Menschen, die zufällig jüdischstämmig waren, als Juden bezeichnet. Das war eine willkürliche Zuschreibung, denn die Nazis verfolgten damit die Erhöhung ihrer vermeintlichen "arischen"
eigenen Genetik. Damit wurden Deutsche, die oft gar nicht mehr wußten, dass sie jüdische Vorfahren hatten, oder denen das auch völlig egal war, die christlich, astheistisch oder sonstwelchen Glaubens waren, plötzlich als "jüdisch" oder "Sinti"etc. bezeichnet. Es gab doch in Wirklichkeit gar keinen Unterschied zwischen "Juden" und Deutschen, denn die "Juden"
waren alle Deutsche. Oder später nach der Annexion anderer Länder eben Bürger dieser Länder. Wenn man heute immer noch in "Juden" und "Deutsche" teilt, übernimmt man die Unterscheidung der Nazis! Sie würden ja auch nicht über Deutsche mit Migrationshintergrund schreiben: "Die Türken und die Deutschen". Oder "die Muslime und die Deutschen", am Ende noch für säkularisierte Muslime, die gar keine mehr sind. Wofür gibt es diesen Begriff "Migrationshintergrund"? Weil sie eben keine Türken sind, ggf. auch keine Muslime oder Hindu oder sonstwas und auch nicht so gesehen werden wollen, da sie sich hier integriert haben und die Glaubenszuschreibung nur dann sinnvoll ist, wenn es nicht um Staatsangehörigkeit, sondern um Glaubensfragen geht. Bei den heutigen Bürgern mit ausländischen Wurzeln ist es offenbar allen aufgefallen, dass man das sprachlich vernünftig ausdrücken muss. Aber bei den Verfolgten der Nazis geht das bis heute nicht? Wieso? Der "Migrationshintergrund" dieser Personen lag noch viel weiter zurück als bei den nach dem Krieg eingewanderten Bürgern.
Mit freundlichen Grüssen
Dr. Dagmar Aßmann

Sehr geehrte Frau Ott,
Ich lese den Titel der aktuellen Zeitschrift „Gehört Anne Frank uns allen“ und bin empört und enttäuscht. Enttäuscht, weil ich Ihr Magazin sehr schätze und empört, weil Sie eine solche Frage um eine von den Nazis getötete berühmte junge jüdische Frau auf einem Photo zwischen zwei posierende Männer setzen.
Wenn Anne Frank überhaupt jemandem gehört, dann sich selbst. Das hat Anne Frank meines Erachtens nicht verdient.
Ich hatte gehofft, Sie könnten auf solche reißerischen Mittel verzichten - mein Irrtum.
(Leider wirbt Ihr Magazin mit Fernreisen per Flugzeug - eine Seite nachdem sie über Menschen aus durch den Klimawandel bedrohten Gebieten berichten - ich mache eine Runde fremdschämen.)
Bitte kehren Sie zu Ihrem realistischen, bekennenden, vor allem respektvollen Journalismusstil zurück, den Sie schon sehr oft gezeigt haben!
Danke!
Ps.: Wenn Sie geschrieben hätten: Gehört Anne Frank zu uns allen?, dann hätte ich nichts gesagt.

Liebe Redaktion von Chrismon!
Seit einiger Zeit lesen wir mit Interesse Ihr Magazin und bitten Sie dem Gender-Mainstream weiterhin nicht hinterherzulaufen und die Sprache in falsch verstandenem Genderbemühen zu verunstalten. Im Interview „ Das ist Gedächtnistheather“ Chrismon 1.2021 sprechen Czollek und Friedmann auch vernünftig von ´Juden` Doch im anschließenden Artikel „Wie leben die denn so?“ sollte der Gendersprech im gesamten Text konsequent beibehalten werden. Dann würde der Unfug wenigstens allen auffallen. ´Seit 1700 Jahren siedeln Jüdinnen und Juden in Deutschland…´dann bitte auch weiter: Im Jahr 321 erlaubte der römische Kaiser Konstantin mit einem Edikt Jüdinnen und Juden den Zugang zum Rat der Stadt Köln. Dieses Ereignis feiern Jüdinnen und Juden und Nichtjüdinnen und Nichtjuden, Bund, Länder und Städte … Dieser Schwachsinn hat in der Literatur doch keine Zukunft und außerdem nichts mit Emanzipation zu tun. Also bitte nicht nachmachen!
MfG
Frank Miessner

Sehr geehrte Redakteurinnen und Redakteure,
oft hat man den Eindruck, dass Sie die moralische Messlatte des Handelns sehr hoch hängen.
Um so verwunderter, um nicht zu sagen: erschreckter bin ich von der Gestaltung des Covers Ihrer ersten Ausgabe in 2021:
"Gehört Anne Frank uns allen?" Mit einer solchen vereinnahmenden Frage wollen Sie Aufmerksamkeit erzielen und Neugier wecken?
Das kann ja wohl nicht sein. Man kann die Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit in Deutschland doch nicht im Ernst einer typisch kapitalistischen Eigentumsfrage unterordnen. Zu meinen, es ginge hier hauptsächlich um Eigentumszuordnungen, bagatellisiert die Auseinandersetzung mit erheblich bedeutsameren Fragen. Und: Ein Mensch mit seinen zahlreichen Erinnerungen und Erlebnissen "gehört" nie nur einer Personengruppe - insofern ist die Frage nicht nur unpassend gestellt, sondern auch überhaupt nicht weiterführend.

Nicht besser, fast noch schlimmer der Untertitel: Hier findet sich eine altbekannte, unheilvolle Gegenüberstellung, denn es gehe um "Juden in Deutschland - und die Deutschen". Sehen Sie das wirklich so: Bei der Reflektion von Antisemitismus stehen sich Deutsche und Juden in Deutschland gegenüber - sogar durch einen Gedankenstrich getrennt? Ich hatte gehofft, dass sich bis in das Jahr 2021 herumgesprochen hat, dass es deutsche Juden, deutsche Christen, deutsche Muslime, deutsche ... gibt - und dass es der erste Schritt zur Diskriminierung sein kann, wenn man so tut, als ob 'die anderen' (in diesem Falle Juden) nur "in Deutschland" seien und womöglich den (eigentlichen?) "Deutschen" gegenüberstehen.

Unglaublich. Und die Überschriften im Heft machen dann auch noch so weiter: "Was Juden und Deutsche zusammenhält" (S. 27) - das klingt ebenso nach einer Trennung von Juden und Deutschen, die - wenn, dann - aktiv zusammengehalten werden müssten - obwohl doch, wie oben erwähnt, jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger teils genauso Deutsche sind wie alle anderen auch. Eine christliche (oder auch evangelische) Perspektive nehmen Sie jedenfalls mit dieser Art von Formulierungen meines Erachtens nicht ein.
Freundliche Grüße
Jürgen Otte

Sehr geehrte Damen und Herren,
der Artikel und hier das Interview zwischen Max Czollek und Michael Friedman ist für mich teilweise sehr befremdlich.
Bereits in der Überschrift steht: „Und: Was Juden und Deutsche zusammenhält“.
Sind Menschen in Deutschland, die jüdischen Glaubens sind, laut diesem Artikel keine Deutsche mehr? Seit wann ist „Jude“ eine Staatsangehörigkeit?
Seit Jahrhunderten leben Juden in Deutschland, oft angefeindet und auch ermordet. Es lebten und leben aber in Deutschland, jetzt auch nach dem millionenfach Mord im Holocaust wieder mehr, Deutsche mit jüdischen Glauben.
Ich wünsche mir auch von Ihnen , dass eine Unterscheidung zwischen Deutsche „mit jüdischem Glauben“ und Deutsche „ohne jüdischem Glauben“ gemacht wird. Ansonsten spielen Sie Rechtsradikale in die Hände, die Juden immer noch als „Fremde“ bezeichnen.
Mit freundlichen Grüßen
Wolfgang Naumann

Sehr geehrtes Chrismon-Team,
was meint Herr Czollek eigentlich, wenn er von "deutsch-jüdische Beziehung" (in seiner zweiten Äußerung im Interview) oder von "die deutsche Seite stellt uns vor die Alternative" (dritte Äußerung) oder von "die deutsche Seite" und "die jüdische Seite" (vierte Äußerung) spricht? Warum schafft er einen Gegensatz zwischen einer Religion auf der einen und einer Staatsangehörigkeit auf der anderen Seite? Oder können Jüdinnen und Juden für ihn keine Deutschen sein? Oder ist Jüdisch Sein für ihn eine Staatsangehörigkeit, oder gleichbedeutend mit einer Staatsangehörigkeit, oder vielleicht sogar wichtiger als diese?

Ich bin etwas enttäuscht, daß Sie diese Formulierungen im Gespräch nicht gleich aufgegriffen haben. Diese Unterscheidung zwischen jüdisch auf der einen und deutsch auf der anderen Seite hinkt doch sehr offensichtlich, zumindest auf den ersten Blick.
Vielleicht können Sie ihn mal fragen und über seine Antwort berichten. Es würde mich wirklich interessieren.
Mit freundlichen Grüßen,
Friederike Hellner

Sehr geehrte Damen und Herren,
die Unterzeile unter obiger Überschrift auf Seite 27 des aktuellen Chrismon lautet "Gemeinsames Erinnern gibt es nicht, sagen Max Czollek und Michael Friedman. Und: Was Juden und Deutsche zusammenhält - und wo noch viel getan werden muss".
Bitte erläutern Sie mir, warum in der Unterzeile zwischen Juden und Deutschen unterschieden wird. Was sind die Herren Czollek und Friedmann: Juden oder Deutsche? Ich hätte sie bislang für Deutsche jüdischen Glaubens gehalten - wenn diese selbst aber einen Unterschied zwischen Juden und Deutschen machen - was dann?
Ich stehe hilflos da und verstehe nicht, warum Judentum und Deutschsein nicht zusammenpassen soll.
Mit freundlichen Grüßen.
Godehard Matzel

Sehr geehrter Herr Friedmann,
schon der Untertitel des Gesprächs im "Chrismon" 01.2021 hat mich fast davon abgehalten, es zu lesen: "Was Juden und Deutsche zusammenhält - und wo noch viel getan werden muss".
Ich konnte mir nicht vorstellen, dass Ihnen nicht auch auffällt, dass in diesem Gegeneinanderstellen einer religiösen "Identität" gegen eine nationale "Identität" schon ein so fundamentaler "Bock geschossen wird", dass darauffolgende Diskussionen eigentlich vergessen werden können.
Ich habe das Gespräch zwischen Ihnen und Max Czollek dann doch gelesen und bin froh darüber, denn vieles darin spricht mir aus dem Herzen, obwohl ich keine Jüdin bin. Unser Erinnern ist also ein anderes. Ich bin 84 Jahre alt, war also 9 Jahre alt, als der Krieg zu Ende war.
Denken Sie nicht auch, dass, solange in der öffentlichen Sprache, also auch allen Medien, diese Gegenüberstellung "Juden" gegen "Deutsche" nicht aufhört, auch diese "Krankheit Antisemitismus" in den Köpfen nicht verschwinden wird und alle Diskussionen "für die Katz" sind? Müssten Sie nicht Einspruch bei "Chrismon" erheben? Drückt dieser Untertitel nicht diese "völkischen Vorstellungen" aus gegen die Sie argumentieren? Wenn ich richtig informiert bin, haben dieses Gespräch zwei Deutsche geführt.
Ich denke, dass Sie gehört werden, wenn Sie darauf aufmerksam machen.
Mit freundlichen Grüßen
Christel Schief

Sehr geehrte Damen und Herren von der Chrismon-Redaktion,
darf man so einen Satz schreiben? Natürlich, er beinhaltet keine Verunglimpfung. Sollte man diesen Satz schreiben, als Aufmacher auf der Titelseite? Ein Spiel mit Empörung weckt Aufmerksamkeit und welches Medium möchte sie nicht. Aber:
Dieser Satz suggeriert, dass Anne Frank eine Sache sei, eine Sache, die man, die jedermann besitzen, konsumieren könne.
Anne Franks Schicksal ist vielen Menschen bekannt, es ist ein sehr trauriges, grausames Schicksal. An dieses und die politische Situation, die ein solches Schicksal forderte, wird jedesmal erinnert, wenn Anne Franks Name fällt. Gleichzeitig wird allen ihren Leidensgenossen gedacht und gemahnt, daß sich der Schrecken des Nationalsozialismus nicht wiederholt.
Dieses alles, Erinnern, Gedenken Mahnung flapsig mit einem Besitzen-Wollen-Können in einer Schlagzeile zum Ausdruch bringen? Nein, da hilft auch das folgende, kleingedruckte Wort "Nein!" nicht mehr.
Hier ist das christliche Magazin, das sonst in allen seinen Artikeln von dem respektvollen Miteinandersein der Menschen berichtet m. E. zu weit gegangen.
Mit freundlichen Grüßen
Gisa Tietjen

L e s e r b r i e f:
Drohungen gab es auch von Links.
Der großartige Liedermacher Han-
nes Wader, auf dem Poetenweg in
Bielefeld aufgewachsen, hat schon
1989 in seinem "Nach-Hamburg"-
Zyklus an die Misshandlung und
Erhängigung von Kindern durch
SS-Schergen in einer Schule in den
letzten Kriegstagen erinnert und
vor der noch immer latenten Ge-
fahr von Rechts gewarnt und sagt
darin zum Schluss:"Es gilt die
Dämpfe abzulenken, die aufstei-
gen aus diesem giftigen Schlamm,
sie für immer zu binden, auch im
Gedenken der Kinder vom Bullen-
huser Damm."
mit freundlichen Grüßen
Günter Schullenberg

Sehr geehrte Damen und Herren,
Artikel „Das ist Gedächnistheater“
Die Unterüberschrift „ …Was Juden und Deutsche zusammenhält“ halte ich für ungemessen. Denn: Juden und Deutsche, ist das ein Gegensatz? Sind Juden nicht Deutsche auch?
Mit freundlichen Grüßen
Gisela Schwarz

Sehr geehrte chrismon-Redaktion!
Wie schön, dass Sie dem jüdischen Leben in Deutschland und der jüdischen Sicht auf die Dinge eine Heftnummer widmen. Und wie schade, dass wieder - wie in den 1980er-Jahren - Juden und Deutsche einander gegenübergestellt werden. Das berührt mich wirklich eigentümlich. Sind den Juden keine Deutschen? Und können Deutsche keine Juden sein? Was ist das für ein Unsinn! Herrn Friedman und Herrn Czollek möchte ich eigentlich nur mein Mitgefühl dafür aussprechen, dass sie so viele schlechte Erfahrungen haben machen müssen.
Mit freundlichen Grüßen
Dr. Bärbel Husmann

Sehr geehrte Damen und Herren in der chrismon-Redaktion,
bitte: Wenn als Antwort auf diesen meinen Brief die Floskel „Sooo haben wir es ja nicht gemeint“ kommt oder etwas inhaltlich ähnlich flaches, dann werde ich Ihr Magazin ab sofort nicht mehr lesen. Bin gespannt.
Ich bin mehr als fassungslos angesichts der Wortwahl in Ihrem moderierten Doppelinterwiev „Das ist Gedächtnistheater!“. Was Juden und Deutsche zusammenhält… Aha? Juden sind demnach keine Deutsche, Deutsche können keine Juden sein. Deutsch und jüdisch sind Gegensätze? Deutsch-jüdische Beziehungen müssen gepflegt werden?
Ich kenne weder Herrn Friedman noch Herrn Czollek persönlich, ich mag aber kaum glauben, dass die beiden Interviewten diesen Text so autorisiert haben. Ich glaube, beide Herren sind Deutsche. Und beide Herrn sind Juden. Ich bin Katholik und Deutscher. Einen katholisch-deutschen Dialog gibt es nicht, auch keinen evangelisch-deutschen. Wie soll es dann einen jüdisch-deutschen geben?
Wenn in einem Magazin, herausgegeben von einer deutschen Religionsgemeinschaft, im Jahr 2021 mit einer solchen unbedachten und gefährlichen Wortwahl geschrieben wird, wird mir Angst. Oder sollte das so etwas wie meine Reaktion provozieren? Habe ich das nicht verstanden? Erklären Sie’s mir.
Mit freundlichen Grüßen
Martin Krehl

Diesen Beitrag unter Mitwirkung des Herrn Friedmann habe ich als sehr verstörend empfunden. Wie so häufig wahrgenommen, stellt sich der vorgenannte als kämpferische Person (Wenn ich dabei bin, ist Schluss mit lustig) mit von ihm definierten hohen moralischen Ansprüchen dar. Galt das auch für sein Handeln rund um Drogenbesitz und Förderung der Prostitution im Jahre 2003? Kann eine solche Person mit einer derart unappetitlichen Vergangenheit wirklich glaubwürdig dafür kämpfen, dass die Menschenwürde tatsächlich unantastbar ist? Den Moderatorinnen kann man nur empfehlen, sich künftig genauer zu überlegen, wem man ein Forum der Selbstdarstellung bietet. Dies gilt auch für die Redaktion des chrismon.

Shalom sehr geehrte Frau Ott,
trotzdem feiert unsere Familie Weihnachten. Gerade las ich diesen Artikel. Es wäre mir eine große Freude, wenn ich diesen Artikel an meine Freunden, unsere Synagoge (Liberale) und unsere Rabbiner weiterleiten könnte. Meine Frau und ich lesen jeden Sonntag durch WELT Chrismon. Wenn ich daran denke, wie der Rabbiner Jonathan Magonet, London, und wir uns darum kümmern, diese beiden Religionen weiter zusammenzubringen.
Seien sie gegrüßt
Alexander Krawehl

Sehr geehrte Damen und Herren!
Gewundert habe ich mich über gewundert habe ich mich über die Frage auf der Titelseiten „Gehört Anne Frank uns allen?“ Mein Eindruck, da hat jemand den text nicht bis zu Ende bedacht. Kein Mensch gehört irgendjemanden. Das sollte Redakteuren eines evangelischen Magazins bewusst sein, meine ich.
Mit besten Wünschen für ein erfolgreiches, d. h. gesegnetes Jahr 2021 grüßt Sie
Manfred Brüning

Sehr geehrte Frau Ott,
wenn Chrismon meiner SZ beiliegt, freue ich mich normalerweise und lese es auch gerne. Doch diesmal stört mich der Text auf dem Titelbild.
- Anne Frank gehört natürlich niemandem.
- Wenn Sie meinen, ob sie zu uns gehört, dann ist die Frage nicht sinnvoll. Sie war meines Wissens Deutsche und gehört in diesem Sinne zu
uns allen.
- Juden in Deutschland sind mehrheitlich Deutsche, man sollte sie nicht den Deutschen gegenüberstellen, das ist unlogisch, denn „deutsch“
bezeichnet die Staatsangehörigkeit, „Jude“ dagegen die Religion. Wenn Sie daraus einen Gegensatz machen, erinnert das an die NS-
Unterscheidung nach Rassen, die natürlich unsinnig war, weil es weder eine deutsche noch eine jüdische Rasse gibt.
- Man sollte meines Erachtens von Deutschen jüdischen Glaubens sprechen, wie man auch von evangelischen oder katholischen Deutschen
spricht.

Im übrigen kann ich dem nur zustimmen, was Herr Friedmann am Schluss des Interviews sagt.
Mit freundlichem Gruß
Alfred Schinhammer

Herzlichen Dank für dieses großartige Gespräch zwischen Herrn Czollek und Herrn Friedmann. Endlich wird hier der Antisemitismus in den Kontext Minderheitenpolitik gestellt und die Forderung nach "Integration" von neu ankommenden Menschen hinterfragt. Das hat mir sehr gefallen, denn die Beachtung der Gesetze ist doch auch für hier geborene Menschen vollkommen ausreichend und Pluralität, wie Sie sagen, bereichernd.
Auch die Gedanken zum Thema Vergangenheitsbewältigung, das "Gedächtnistheater", fand ich hilfreich. Wir neigen ja öfter dazu, uns aufgrund unserer "ausführlichen" Vergangenheitsbewältigung im Vergleich zu anderen Ländern als besonders offen und tolerant darzustellen. Ich werde den Text an meine Freunde weitergeben.
Margaret Schlubach Rüping

Sehr geehrte Damen und Herren,
zu Ihrem Beitrag "Das ist Gedächtnistheater!" in der neuen Chrismon, S.55 habe ich eine Frage:
Vielleicht ist das schon mal irgendwo erklärt worden, aber mich irritiert die Formulierung "Was Juden und Deutsche zusammenhält" - sind Juden keine Deutschen? War das nicht gerade die Diktion der Nazis, die den deutschen Juden das Deutschsein absprachen?
Mit freundlichem Gruß
Sibylle Clement

Sehr geehrter Herr Friedmann,
schon der Untertitel des Gesprächs im "Chrismon" 01.2021 hat mich fast davon abgehalten, es zu lesen: "Was Juden und Deutsche zusammenhält - und wo noch viel getan werden muss". Ich konnte mir nicht vorstellen, dass Ihnen nicht auch auffällt, dass in diesem Gegeneinanderstellen einer religiösen "Identität" gegen eine nationale "Identität" schon ein so fundamentaler "Bock geschossen wird", dass darauffolgende Diskussionen eigentlich vergessen werden können.
Ich habe das Gespräch zwischen Ihnen und Max Czollek dann doch gelesen und bin froh darüber, denn vieles darin spricht mir aus dem Herzen, obwohl ich keine Jüdin bin. Unser Erinnern ist also ein anderes. Ich bin 84 Jahre alt, war also 9 Jahre alt, als der Krieg zu Ende war.
Denken Sie nicht auch, dass, solange in der öffentlichen Sprache, also auch allen Medien, diese Gegenüberstellung "Juden" gegen "Deutsche" nicht aufhört, auch diese "Krankheit Antisemitismus" in den Köpfen nicht verschwinden wird und alle Diskussionen "für die Katz" sind? Müssten Sie nicht Einspruch bei "Chrismon" erheben? Drückt dieser Untertitel nicht diese "völkischen Vorstellungen" aus gegen die Sie argumentieren? Wenn ich richtig informiert bin, haben dieses Gespräch zwei Deutsche geführt.
Ich denke, dass Sie gehört werden, wenn Sie darauf aufmerksam machen.
Mit freundlichen Grüßen
Christel Schief

Sehr geehrte Damen und Herren,
ich war sehr empört als ich in Ihr 01.2021 Chrismon-Ausgabe auf Seite 27 "Was Juden und Deutsche zusammenhält" lass. Ich bin 1934 als Jude in Hildesheim geborn in eine Familie wessen Würzel über 1000 Jahre in Niedersachen zu verfolgen sind. Heißt das, dass ich kein Deutscher bin – nur ein in Deutschland geborener und verwurzelter Jude?
Wäre es nicht besser von „Juden und Christen“ zu reden. Immerhin alle Deutsche sind nicht Christen sowie nicht alle Catholiken oder Prostanten sind. Dass die zwei Herren in diesen Beitrag akzeptiert hatte wundert mich.
Mit freundlichen Grüßen
Michael Oppenheim

Liebe Chrismonredaktion,
vielen Dank für ein insgesamt gelungenes erstes Heft im neuen Jahr. Der Titel hat mich allerdings sehr irritiert: Die Frage, wem Anne Frank "gehört", verbietet sich von selbst: Ein Mensch ist grundsätzlich nicht der Besitz von irgendjemand. Ob das als Buch veröffentlichten Tagebuch als Basis einer Veständigung taugt, würde ich zumindest nicht a prori ausschließen wollen. Den in der Überschrift und noch deutlicher im Artikel aufgemachte Gegensatz Juden und Deutsche halte ich für wenig hilfreich - geht es doch im Artikel um deutsche Staatsbürger, die der jüdischen Glaubensgemeinschaft angehören oder zugehörig fühlen. Sie sind also Bestandteil "der Deutschen", und das Verhältnis kann nur in diesem nationalen Miteinander verhandelt werden. Da gibt es zweiflsohne viel zu tun, da liegt vieles im Argen, da sind Ausgrenzung und Gefährdung an der erschütternden Tagesordnung. Basis dieser Auseinandersetzungen ist unser Grundgesetz, beteiligt müssen alle sein, die staatsangehörig sind, sowie die, die hier leben, gleich welchen Glaubens, welcher Weltanschaung, welcher Hautfarbe und welche anderen Merkmale, mit denen sich Menschen in Gruppen aufteilen lassen und damit potenziell Gefahr laufen, Zielscheibe gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit zu werden. Ich weiß nicht, wie und wann wir einen historischen Täter-Opfer-Ausgleich schaffen mit Juden und anderen Opfergruppen staatlicher Willkür und gesellschaftlicher Ächtung, aber es führt kein Weg daran vorbei, wenn das Ziel ein friedliches Miteinander sein soll.
Wolfgang Vogt

Der Untertitel lautet: Was Juden und Deutsche zusammenhält …“Mich verwundert dieser Titel, da die Juden, die interviewt und genannt werden alles Deutsche sind. Sachlich richtig wäre der Titel: Juden in Deutschland
Mit freundlichen Grüßen
Dr. phil. Christiane Geisthardt