Gottesdienst in der St. Nikolaikirche, Putlitz, Brandenburg

Schnutendauk un Sägensgebet
Schnutendauk un Sägensgebet

Doris Antony/Wikipedia

Feld- und Back-steinkirche St. Nikolai, Putlitz

Schnutendauk un Sägensgebet

Beobachtungen eines Schwaben in einem plattdeutschen Gottesdienst.

St. Nikolaikirche, Putlitz in Brandenburg, Sonntag, 14 Uhr:

Manche Gottesdienst­besucher kichern in den Kirchenbänken. "Sie dürfen das Schnutendauk während des Gottesdienstes abnehmen", sagt Ute Eisenack durchs Mikrofon. Das was bitte? Als gebürtiger Schwabe in einem platt­deutschen Gottesdienst verstehe ich nicht jedes Wort. Manche der 40 Besucher fassen sich an ihre Maske, das "Schnutendauk" – Neuhochdeutsch: "Mund-Nase-Bedeckung".

Philipp Maußhardt

Philipp Maußhardt schreibt am liebsten über Themen, die er selbst erlebt hat. Das fing schon an als Volontär beim "Schwäbischen Tagblatt" in Tübingen, wo er über die Dörfer der Umgebung zog und nach Menschelndem witterte. Später leitete er das Lokalressort beim Kölner Stadtanzeiger und wurde vom Karnevalverein der Roten Funken zwangsrekrutiert als Oberleutnant. Nach seiner Flucht aus Köln verirrte er sich über verschiedenen Stationen (ZEIT, taz, Münchner Abendzeitung) als Chefreporter zu BUNTE und beteiligte sich elf Monate an der Jagd auf Prominente. Zusammen mit Kollegen der Journalisten-Agentur "Zeitenspiegel" gründete er 2005 die "Reportageschule" in Reutlingen, die er seither leitet. Für chrismon schreibt er immer wieder "Gottesdienstkritiken", eine Rubrik, die er als Chefreporter der Abendzeitung auch in München einführte und dafür neben manchem Lob auch viel Kopfschütteln erntete. Maußhardt ist Juror für zahlreiche deutsche Journalistenpreise und wurde selbst mit dem Theodor-Wolff-Preis ausgezeichnet.
Privat

Plattdeutsch sei kein Dialekt, sondern eine Regionalsprache, sagt Pastorin Eisenack, gesprochen in acht Bundesländern: Nieder­sachsen, Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern, Nordrhein-Westfalen, Sachsen-Anhalt, Bremen, Hamburg und einigen Teilen "Brannenborchs". Und damit man es ihr auch glaubt, hat die Gemeindepädagogin für evangelischen Religionsunterricht gleich ­eine ganze Reihe von Haus- und Segens­sprüchen mitgebracht, die sie auf Fahrten durch Plattdeutschland gefunden hat: "Holl warm den Herd, holl warm dat Hart un lat Gott sorgen as‘t kümmt und ward."

Je länger Ute Eisenack auf Plattdeutsch predigt, desto besser versteht es auch der "Rei‘gschmeckte" (Schwäbisch für: Zuge­zogener). Beim abschließenden "Sägens­gebet" bleibt keine Frage mehr offen: "Dei Herr sägen di un holl sien Hänn oewer di. Dei Herr seih di fründlich an un wäs di gnädig. Dei Herr lat sien Oogen in Leiw up di rauh`n un geew di Freden."

Bedürfnis nach Geborgenheit

Nicht an allen Sonntagen ist das Kirchenschiff in Putlitz so gut gefüllt wie an diesem. Doch ganz offenbar rührt das Plattdüütsche an ein Bedürfnis nach Geborgenheit. Wie heimelig es in der Putlitzer Kirche auf einmal klingt, wenn zur Orgel das Paul Gerhardt-Lied "Ich singe dir mit Herz und Mund" mehr gesprochen als gesungen wird! "Allns, wat ik weit, dat maak ik kund / hüt un in Ewigkeit." Und man könnte fast meinen, der Dichter hätte bei diesem Vers an den Erhalt der vom Aussterben bedrohten Regionalsprache gedacht.

Die stirbt aber so schnell nicht. Ute Eisenack, so erzählt sie nach dem "Uns Vadder in`n Himmel" und dem Ende des Gottesdienstes, predigt auch in anderen Kirchengemeinden. Macht sie gerne, sagt sie, aber nicht wegen der Folklore. Brisante politische Themen wirkten auf Platt weniger konfrontativ.
"Amen", sagt Ute Eisenack, und die Gottesdienstbesucher setzen mit einem Lächeln ihr Schnutendauk wieder auf.

Leseempfehlung

In der Marktkirche in Neuwied gibt es wunderbare Musik, schöne Gebete, aber leider keine inspirierende Predigt
Wenn wir uns in der Wüste fühlen, sollten wir uns offenhalten für die großen Momente Gottes mit uns
Beim Onlinegottesdienst in Apolda ist es fast wie immer. Nur dass die Gemeinde jetzt zu Hause sitzt, vor dem Bildschirm
Jetzt geht's wieder los - nach sieben Wochen ohne Gottesdienst. Und draußen ein Vogelkonzert
Ungewöhnliche Zeiten erfordern ungewöhnliche Maßnahmen. Zum Beispiel, dass man beim Gottesdienst im Auto sitzen bleibt
In der Ferienzeit gestalten Lektoren Gottesdienste - nach Vorgaben vom Kirchenamt. Eigene Gedanken sind nicht so gewünscht
Kirchgang - Mit dem Pfarrer am Tresen
Pfarrer Gérôme Kostropetsch geht dahin, wo die Leute sind: in den Getränkeshop
Wer hat die Macht? Das ist das Thema des Gottesdienstes. Auf jeden Fall die großartige Musik!

Neue Lesermeinung schreiben

Wir freuen uns über einen anregenden Meinungsaustausch. Wir begrüßen mutige Meinungen. Bitte stützen Sie sie mit Argumenten und belegen Sie sie nachvollziehbar. Vielen Dank! Damit der Austausch für alle ein Gewinn ist, haben wir Regeln:

  • keine werblichen Inhalte
  • keine Obszönitäten, Pornografie und Hasspropaganda
  • wir beleidigen oder diskriminieren niemanden
  • keine nicht nachprüfbaren Tatsachenbehauptungen
  • Links zu externen Webseiten müssen zu seriösen journalistischen Quellen führen oder im Zweifel mit einem vertretbaren Prüfaufwand für die Redaktion verbunden sein.

Die Redaktion behält sich das Recht vor, Beiträge zu bearbeiten, macht dies aber stets kenntlich. Wir zensieren nicht, wir moderieren.
Wir prüfen alle Beiträge vor Veröffentlichung. Es besteht kein Recht auf Publikation eines Kommentars.

Lesermeinungen

Brisante politische Themen wirken auf Platt weniger konfrontativ". Das mag sicherlich sein, aber was haben "brisante politische Themen" im Gottesdienst zu suchen ?
"Suup di vull un freet di dick, un holl din Muul vun Politik" - das ist Geistlichen - und auch ihren Schäflein - schon immer wesentlich zuträglicher gewesen.

Das schätze ich an Ihnen sehr, lieber Herr Querdenker, dass Sie ohne aufgesetzten Logik- und Gedankenschutz Ihre Leserkommentare verfassen. "Sauf dich voll und fress dich dick und halt dein Maul von Politik" geben Sie der Gemeinde und ihrem Leitungspersonal als heißen Tipp auf den Weg. Da freuen sich die Internisten und die gewählten und nichtgewählten politischen Führer gleichermaßen.

Fritz Kurz

Werter Herr Kurz, auf Antworten ad hominem pflege ich nicht zu reagieren,ich halte es lieber mit den Hanseaten, und von denen heißt es : "Hanseatens un dat sin staatsche Mann, di kiekt di mit'm Mors nich an ..."

Wenn Sie das freundlicherweise noch ins Hochdeutsche übersetzen würden, könnte ich Ihnen ein vollständiges Lob für Ihre prinzipienfeste Nichtreaktion aussprechen. Und wir könnten die Debatte hier beenden.

Fritz Kurz