Corona in Brasilien

"Wenig Solidarität mit den Armen"
Brasilien - Corona

Bruno Kelly / Reuters

Verdacht auf Corona: Ein Pfleger transportiert denKranken in die Notaufnahme des Delphina-Aziz Krankenhauses in Manaus

Brasilien - Corona

In Brasilien wütet Corona schlimmer als in Europa. Ende Juli waren zweieinhalb Millionen Einwohner erkrankt, es gab 90000 Tote. Eine Lehrerin, ein Arzt und eine Aktivistin aus der Favela erzählen von ihrem Alltag mit dem Virus.

 

Karen Silveira

Karen Silveira, 49, ist Geografielehrerin in der Kleinstadt Ribeirao Pires im Speckgürtel von Sao Paulo. Sie unterrichtet 11- bis 14-Jährige.
PrivatKaren Silveira

Ruth Eisenreich

Ruth Eisenreich ist freie Journalistin mit Schwerpunkt Sozial- Gesellschafts- und Gesundheitspolitik. Sie lebt und arbeitet in Hamburg und Wien.  

Mitte März, als das Coronavirus hier ankam, zogen die Schulbehörden erst einmal die Ferien vor, die wir sonst im April, Juli und Oktober haben. Und sie begannen, einen zentralen Online­unterricht zu planen. Der Bundesstaat São Paulo hat eine eigene App dafür entwickelt, wir Lehrenden wurden im Umgang damit und in den Abläufen geschult. In der Woche darauf begann der Onlineunterricht – und keine einzige Stunde ist glattgelaufen. Die App ist zwar so, dass den Kindern keine Kosten für die Nutzung der mobilen Daten entstehen, aber sie funktioniert nur auf neuen Handymodellen. Viele meiner Schüler und Schülerinnen, die zum Teil aus prekären Verhältnissen kommen, konnten sie nicht einmal herunterladen.

Die Schulen behelfen sich, indem sie die Inhalte über E-Mail-Verteiler, Facebook- oder Whatsapp-­Gruppen zur Verfügung stellen. ­Meine Schule nutzt Facebook, wir posten die Aufgaben, die Kinder sollen sie in ihre Hefte übertragen und uns anschließend Fotos davon schicken. Aber nur die ­Hälfte macht mit, und damit stehen wir noch gut da im Vergleich zu anderen ­Schulen. Je prekärer die wirtschaftliche Lage und der Bildungshintergrund der Familie, desto schwerer ist es für die Kinder, dranzubleiben, und für die Eltern, ihnen zu helfen.

Ohne Lebensmittelpakete würden manche hungern

Die Eltern eines meiner Schüler wurden gleich am Anfang der Pandemie beide entlassen, das Erste, woran sie sparten, war das Internet. Ohne die Lebensmittelhilfspakete der Stadt würde manche Familie hungern. Für Kinder ohne Handy oder Internet druckt die Schule die Aufgaben jetzt aus, die Eltern holen sie ab und bringen sie wieder zurück. Aber diese Aufgaben werden wir Lehrenden erst korrigieren können, wenn die Schule wieder losgeht.

Auch für mich ist die Situation hart. Ich lebe mit meinen Eltern zusammen, kümmere mich um sie. Am Anfang, als ich Urlaub hatte, habe ich das Haus geputzt und mit ihnen ­Serien und Filme geschaut. Aber jetzt arbeite ich dreimal so viel wie ­üblich, weil der Unterricht via Facebook und Whatsapp oft in Privatstunden aus­artet und die Behörden uns auch noch mit Papierkram überhäufen. Mein Schlafzimmer ist jetzt auch mein Büro, ich habe keinen Ort zum ­Entspannen mehr, und meine Eltern fühlen sich einsam, weil ich den ganzen Tag vor dem Computer sitze.

 Bewohner der Favelas lassen auf einer der tausenden offenen Terassen Drachen steigen. In der soziales Isolation, während der Covid-19-Pandemie, ist das eines der wenigen Vergnügen und seit jeher Teil der Kultur der Favelas.Leonardo Carrato / VII / Redux / Laif

Wenn die Corona-Situation es zulässt, soll der Unterricht am 8. September wieder beginnen. Aber ich fürchte, was in den letzten Monaten passiert ist, wird langfristig nachwirken: Besonders die Kinder aus prekären Verhältnissen sind im Stoff zurückgefallen, und das schadet noch dazu ihrem Selbstvertrauen. Es wird sicher zwei, drei Jahre dauern, das auszugleichen.

Carlos Mar

Carlos Mar ist Arzt am Delphina-Aziz-Krankenhaus in Manaus, der Hauptstadt des Bundesstaates Amazonas.
PrivatCarlos Mar

Die ersten Corona-Kranken, die ich getroffen habe, waren meine Frau und meine beiden Kinder. Sie waren im Urlaub in Chile, auf dem Rückflug hat eine Passagierin aus London sie angesteckt. Ab Mitte März waren wir also in Heimquarantäne. Wir alle hatten Symptome: Hals- und Kopfschmerzen, Abgeschlagenheit, Atemnot, Geruchs- und Geschmacksverlust.

Ich habe gerade erst meine Ausbildung zum Allgemeinmediziner abgeschlossen. Am 27. April nachmittags habe ich meine Zulassung abgeholt, am selben Abend trat ich meinen Job am Delphina-Aziz-Krankenhaus an. Die Pandemie hatte sich da schon in Manaus ausgebreitet, das Delphina Aziz war zum Schwerpunktkrankenhaus erklärt worden. Die lokalen Regierungen hatten zwar schnell Maßnahmen getroffen, aber die Leute haben die Isolation nicht ausreichend umgesetzt. Zum Teil weil das Virus gefühlt weit weg war; zum Teil konnten sie nicht aufs Arbeiten verzichten, weil sie als Selbstständige keine soziale Ab­sicherung hatten.

Ich habe Menschen sterben sehen

Ich wurde für die Notfallstation eingeteilt. Schon am ersten Tag habe ich mehrere Menschen sterben sehen, einen Mann musste ich selbst für tot erklären. Seiner Familie die Nachricht zu überbringen, war hart.
Das Krankenhaus war damals ­total überlastet. An Schutzkleidung und Masken mangelte es nicht, aber es fehlten Betten, Beatmungsgeräte und vor allem Ärzte und Ärztinnen. Wir mussten Triagen vornehmen, also Patienten auswählen. In den ersten Wochen ­habe ich das Krankenhaus manchmal 72 Stunden lang nicht verlassen. Wir haben dort ­geschlafen und uns so organisiert, dass wir jeweils den zweiten der drei Tage auf einer Normalstation verbracht haben, mit Leuten, die schon auf dem Weg der Besserung waren, um uns ein bisschen von der Notfallstation zu erholen.

Manche sind zum ersten Mal im Krankenhaus

Seit Ende Mai hat sich die Lage in Manaus beruhigt, die Zahl der Fälle ist stark gesunken. Dafür kommen jetzt immer mehr Menschen aus abgelegenen Regionen des Amazonas­gebiets, aus Orten, die nur mit dem Boot oder dem Flugzeug erreichbar sind. Für manche ist es der erste Kranken­hausbesuch ihres Lebens.

 In Manaus sterben nicht mehr so viele an Covid-19 wie noch im
Mai. Trotzdem werden auf dem Friedhof "Unsere Erschienene Frau" (Nossa Senhora Aparecida) weiter Gräber vorbereitet
Imago Images

Es ist nicht so, dass die Leute dort im Lendenschurz herumlaufen – sie ­leben von der Landwirtschaft und der Fischerei und pflegen ihre Kultur, aber sie tragen T-Shirts und Shorts und haben Smartphones. Weil es in diesen Gegenden kaum ärztliche Versorgung gibt und auch aus kulturellen Gründen sind sie oft Anhänger der ­Alternativmedizin. Bei vielen ent­decken wir neben der Corona-­Infektion eine Vor­erkrankung, von der sie nichts wussten und die jetzt erstmals behandelt wird: Bluthochdruck, Diabetes, Hepatitis, HIV, Krebs. Für diese Menschen ist ­Covid-19 auf eine gewisse Art und Weise ein Glücksfall.

Magda Gomes

Magda Gomes, 26, ist Studentin und Projektmanagerin und lebt in der Rocinha in Rio de Janeiro. Mit geschätzten 100 000 Einwohner ist das die größte Favela in Brasilien.
PrivatMagda Gomes

Meine Tante ist an Corona gestorben. Sie war Hausangestellte im Reichenviertel Leblon, wie viele Frauen hier, vermutlich hat ihre Arbeitgeberin sie angesteckt. Ein Krankenhaus gibt es in der Rocinha nicht, es gibt drei Gesundheitszentren und eine Notarztstation. Dort wurde meine ­Tante weggeschickt: Sie habe nur ­eine Panik­attacke. Das war um Mitter­nacht. Um acht Uhr früh ist sie gestorben. Das Gutachten ergab, dass es ­Covid-19 war.

 Magda Gomes engagiert sich in der Favela, in der sie auch selber lebtPrivat

Ich bin in der ­Rocinha aufgewachsen und ­lebe bis heute hier. Neben meinem Bauingenieursstudium bin ich eine der Koordinatorinnen des Kollektivs "A Rocinha Resiste", "Die Rocinha ­widersetzt sich". Wir entwickeln Projekte, um die Lebensrealität in den Favelas von innen heraus zu verbessern. Als ich die Corona-­Zahlen aus Italien ge­sehen habe, wusste ich: Wenn das hier ankommt, wird es schlimm.

Die Straßen sind wieder voll

Wir haben zuerst Plakate aufgehängt und einen Lautsprecherwagen durch die ­Favela geschickt, um den Menschen zu er­klären, wie wichtig es ist, sich die Hände zu waschen und möglichst zu Hause zu bleiben. Mir wurde aber schnell klar: Die ­Leute würden an Hunger sterben, bevor sie am Virus sterben. Also haben wir eine Spenden­aktion organisiert. Von April bis Juni haben wir einmal im Monat Hilfs­pakete an arme Familien verteilt. ­Darin waren Seife, Desinfektions­mittel und Lebens­mittel für einen Monat – Reis, ­Bohnen, Maismehl, Nudeln, Salz, Milch, Sardinen, Guaven­gelee.

Nach einer kurzen Phase des Schreckens sind die Straßen hier jetzt wieder voll. Das liegt an unserer Regierung. Wenn der Präsident sagt, es ist nur ein Grippchen, dann glauben ihm viele. Und wenn die Läden öffnen, haben die Menschen in der Favela keine Alternative. Sie müssen arbeiten, denn was für sie auf dem Spiel steht, ist das Überleben.

Die Kluft zwischen Arm und Reich wird größer

Von Lebensmittelspenden abgesehen sehe ich wenig Solidarität der Reichen mit den Armen. Die meisten Hausangestellten wurden entweder entlassen, oder sie arbeiten normal weiter, mit Maske und dem Risiko, sich anzustecken. Ich kenne keine, die zu Hause bleiben darf und trotzdem bezahlt wird. Am besten hat es noch eine Freundin meiner Tante getroffen: Ihre Arbeitgeber lassen sie nur noch einmal pro Woche kommen und verlassen dann das Haus, damit sie sich nicht begegnen. Auch sie bekommt aber nur diesen Tag bezahlt.

Ich fürchte, die Corona-Krise wird die Kluft zwischen Arm und Reich noch vergrößern, denn wenn es weniger Arbeit gibt, müssen die Leute noch schlechtere Löhne akzeptieren. Wir hier in Brasilien leben noch nicht in der Post-Pandemie, wir sind immer noch im Auge des Sturms, und die Menschen in den Favelas leiden am meisten darunter.

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Lesermeinungen

Liebe Redaktion,
ich finde es etwas makaber, in einem Artikel davon zu sprechen, die gennante Favela läge im "Speckgürtel von Sao Paulo".
Nach allgemeinem Verständnis bezeichnet ein 'Speckgürtel' das Umland einer Großstadt, in dem besonders die wohlhabende Schicht einer Bevölkerung wohnt. Das dürfte auf eine Favela wohl kaum zutreffen.
Mit freundlichen Grüßen,
Peter Bauhaus
PS.: Große Anerkennung für das Editorial von Claudia Keller!