Energiewende: Ein Interview zur Wasserstoffstrategie

"Es ist wichtig, die Erneuerbaren auszubauen"
Das Bild vom 25.10.2011 zeigt ein Hybridkraftwerk in der Nähe von Prenzlau. In diesem Gebäude wird aus Wasser Windgas hergestellt.

Tom Baerwald/dpa/picture alliance

Keine Theorie, sondern seit zehn Jahren Praxis: In diesem Hybridkraftwerk in der Nähe von Prenzlau wird aus Wasser Wasserstoff - mit Hilfe von Windkraft

Das Bild vom 25.10.2011 zeigt ein Hybridkraftwerk in der Nähe von Prenzlau. In diesem Gebäude wird aus Wasser Windgas hergestellt. Foto: Enertrag, Tom Baerwald ACHTUNG: Nur für Bezieher des dpa-Dienstes Nachrichten für Kinder +++ (c) dpa - Nachrichten für Kinder +++

Ist Wasserstoff der Stoff, der uns vor der Klimakrise rettet? Mit Hilfe von Strom lässt sich aus Wasser Wasserstoff gewinnen und später wieder in Strom rückverwandeln, wenn er mit Sauerstoff reagiert. Setzt man erneuerbare Energien ein, um Wasserstoff zu gewinnen, spricht man von grünem Wasserstoff, der bei seiner Gewinnung und Nutzung CO2-neutral ist. Den will die Bundesregierung mit ihrer Wasserstoffstrategie fördern. Klingt gut, aber eine Erlösung ist es nicht. Ein Interview mit Dr. Joachim Fünfgelt, Energiereferent bei "Brot für die Welt".

chrismon: Aus Wasser wird mit Hilfe von Strom Wasserstoff, aus dem sich später wieder Energie erzeugen lässt. Ist das die Lösung unseres Klimaproblems?

Joachim Fünfgelt: Es ist eine faszinierende Technologie. Wasserstoff ist auch wichtig, etwa als Energiespeicher. Aber es ist sicher nicht der einzige Schlüssel, um die fossilen Energieträger Öl, Kohle und Gas zu ersetzen. Noch viel wichtiger ist, die erneuerbaren Energien auszubauen und Energie effizienter zu nutzen.

Warum?

Aus drei Gründen. Erstens: Wir müssen die Treibhausgasemissionen sehr schnell und deutlich senken und deshalb Kohle- und auch Gaskraftwerke abschalten. Zweitens: Wir werden sehr viel mehr Strom nutzen als heute, zum Beispiel für elektrische Wärmepumpen, mit denen wir Häuser heizen können. Oder für Elektroautos, aber auch für die Wasserstoffproduktion. Gleichzeitig müssen wir es schaffen, insgesamt weniger Energie zu verbrauchen, um ausreichend Strom zur Verfügung zu haben. Und drittens: Wenn wir die erneuerbaren Energien und die Energieeffizienz ausbauen, schaffen wir Arbeitsplätze und stärken die lokale Wertschöpfung. Wenn ich heute Benzin tanke, fließt das Geld ins Ausland. Tanke ich Strom, bleibt das Geld hier.

Joachim Fünfgelt

Joachim Fünfgelt ist seit 2015 Referent für Klima- und Energiepolitik bei "Brot für die Welt", dem weltweit tätigen Entwicklungswerk der evangelischen Kirchen in Deutschland. Joachim Fünfgelt ist für die Bereiche erneuerbare Energien, kohlenstoffarme Entwicklungsstrategien, Energiezugang und Klimaschutz zuständig. Er setzt sich dabei auf nationaler und internationaler Ebene gemeinsam mit den Partnern von "Brot für die Welt" für eine globale Energiewende ein. Zuvor arbeitete er als Wissenschaftler in der Nachhaltigkeitsökonomie sowie mit internationalen Nichtregierungsorganisationen zu den Zielen nachhaltiger Entwicklung (Sustainable Development Goals, SDGs). Er studierte Volkswirtschaft und promovierte in Nachhaltigkeitsökonomie.
Hermann Bredehorst/Brot für die WeltDEU, Deutschland, Berlin, 05.03.2015: Joachim Fuenfgelt, Referent für Klima- und Energiepolitik, Brot für die Welt. (Hermann Bredehorst/Brot für die Welt)

Um grünen Wasserstoff herzustellen, braucht es erneuerbare Energien. Könnte eine Wasserstoffstrategie den Boom für Strom aus Wind und Sonne auslösen, den wir brauchen?

Nein, der Ausbau erneuerbarer Energien wurde politisch ausgebremst. Diese Bremse muss gelöst werden. Wenn wir Strom aus Erneuerbaren in Wasserstoff umwandeln, verbrauchen wir ja erst mal Energie. Als Speicher von überschüssigem Strom, zum Beispiel an stürmischen Tagen mit viel Windenergie, kann das eine Möglichkeit sein. Aber generell ist es sinnvoller, wenn wir den Strom direkt nutzen, dann haben wir diese Verluste nicht, die dabei entstehen, Wasserstoff herzustellen und zu transportieren.

Wäre es sinnvoll, die sonnenreichen Staaten – zum Beispiel in Afrika, mit Nähe zur Sahara – dazu zu bringen, Wasserstoff zu produzieren und zu exportieren?

Ja und nein. In Deutschland brauchen wir nach den Plänen der Bundesregierung so viel Wasserstoff, dass wir knapp 90 Prozent importieren müssen. Es kann sein, dass andere Staaten in Europa ausreichend viel Wasserstoff für die EU herstellen können, aber das ist unsicher. Insofern kann man Potenziale für die Wasserstoffproduktion im Globalen Süden erkennen.

"Eine Idee wie ein Zombie, einfach nicht tot zu kriegen"

Aber?

So eine Strategie kann auch viele negative Effekte haben. Viele Flächen müssten für Windkraft- und Photovoltaikanlagen genutzt werden – darunter womöglich auch Land, auf dem indigene Völker wohnen. Und logischerweise bräuchte man viel Wasser, aus dem Wasserstoff wird. Das können Sie den Leuten nicht abgraben. Zudem werden die Erneuerbaren im Globalen Süden erst mal für die Stromversorgung der eigenen Bevölkerung gebraucht - und dafür, von fossilen Kraftwerken unabhängig zu werden. Außerdem müssen Sie die Menschen vor Ort an der Planung und an den Erträgen beteiligen, sonst hat das Ganze keine Akzeptanz. Günter Nooke, CDU-Politiker und Afrikabeauftragter der Bundeskanzlerin, träumt davon, mit Hilfe eines Großstaudamms in der Demokratischen Republik Kongo Wasserstoff für Europa zu produzieren. Die Idee ist wie ein Zombie, einfach nicht tot zu kriegen. Das wäre ein kolonialistischer Ansatz, weil die Menschen vor Ort nichts davon hätten, aber ihre Heimat verlieren würden. Ihre Bedürfnisse müssen bei einer solchen Strategie im Zentrum stehen, nicht die Chancen für deutsche Unternehmen.

Für welche Nutzung bietet sich Wasserstoff Ihrer Meinung nach an?

Immer dann, wenn es keine Alternative gibt. Eine Anwendung kann die Stahlproduktion sein, für die wir heute oft noch fossile Energie nutzen. Und wie schon gesagt: Wasserstoff kann an Tagen mit überschüssigem Strom aus Sonne und Wind erzeugt werden. Dann können wir ihn einsetzen, wenn es bewölkt und windstill ist – als Energiespeicher. Laster und Schiffe könnten mit Brennstoffzellen betrieben werden. Und dann gibt es noch den Flugverkehr: Aus Wasserstoff und Kohlendioxid kann synthetisches Kerosin erzeugt werden. Trotzdem werden wir in Zukunft weniger fliegen müssen. Für Inlands- und Kurzstreckenflüge brauchen wir die Bahn als gute, günstigere Alternative.

Was ist mit der Brennstoffzelle fürs Auto?

Das Elektroauto ist dem Wagen mit Brennstoffzelle weit überlegen. Ich habe keine Energieverluste, die bei der Herstellung und dem Transport von Wasserstoff zu Tankstellen entstehen, von denen es derzeit ohnehin noch viel zu wenige gibt. Mit einer Kilowattstunde aus erneuerbarem Strom fahre ich mit einem Elektroauto viel weiter als mit einem Brennstoffzellenauto. Der Trend hin zur Elektromobilität ist meiner Einschätzung nach auch nicht mehr aufzuhalten.

Ist es nicht illusorisch, dass eines Tages alle Menschen mit einem Elektroauto herumfahren? Woher sollen die Rohstoffe allein für die Batterien kommen?

Wir werden viel besser recyceln und sparsamer mit den Ressourcen umgehen müssen. Und wir müssen verstehen, dass es in Zukunft nicht mehr um ein Mehr gehen wird, sondern um ein Genug. Es ist nicht sinnvoll, dass alle ein Auto haben. Und es ist doch schräg, dass wir ein Verkehrsministerium haben - und kein Mobilitätsministerium. Mobilität ist ja nicht gleich Autoverkehr. Es gehört viel mehr dazu - zu Fuß gehen, Fahrrad fahren, öffentliche Verkehrsmittel nutzen. Wir müssen effizienter werden. Und auch Dinge sein lassen, an denen wir heute noch hängen.

Leseempfehlung

Die Stadt ist für Autos eingerichtet. Aber Fußgänger haben auch was vor. Und Radlerinnen. Also Schluss damit. Nur: wie? Da gibt es viele Beispiele – in Deutschland und weltweit
Die Chinesen sind schuld, wenn das Klima kaputt geht. Oder die Industrie! Die 24 besten faulen Ausreden
Wir duschen, wir heizen, wir fahren Auto. Das verursacht fast zwei Drittel der CO2-Emissionen in privaten Haushalten

Neue Lesermeinung schreiben

Wir freuen uns über einen anregenden Meinungsaustausch. Wir begrüßen mutige Meinungen. Bitte stützen Sie sie mit Argumenten und belegen Sie sie nachvollziehbar. Vielen Dank! Damit der Austausch für alle ein Gewinn ist, haben wir Regeln:

  • keine werblichen Inhalte
  • keine Obszönitäten, Pornografie und Hasspropaganda
  • wir beleidigen oder diskriminieren niemanden
  • keine nicht nachprüfbaren Tatsachenbehauptungen
  • Links zu externen Webseiten müssen zu seriösen journalistischen Quellen führen oder im Zweifel mit einem vertretbaren Prüfaufwand für die Redaktion verbunden sein.

Die Redaktion behält sich das Recht vor, Beiträge zu bearbeiten, macht dies aber stets kenntlich. Wir zensieren nicht, wir moderieren.
Wir prüfen alle Beiträge vor Veröffentlichung. Es besteht kein Recht auf Publikation eines Kommentars.

Lesermeinungen

Auch bei diesem Thema, kann man wieder deutlich machen: Die URSACHE aller Probleme unseres systemrational-kapitulativen "Zusammenlebens" in imperialistisches Unternehmertum und erpressungsbedingte Abhängigkeiten, ist der Glaube an den nun "freiheitlichen" WETTBEWERB, den die Mächtigen und "Ohnmächtigen" noch immer nicht infrage stellen, obwohl der pandemiebedingte Lockdown, erstens gezeigt hat wieviel wir systembedingt an energiefressenden Kommunikationsmüll produzieren, zweitens das der Verzicht und die Reduzierung sehr wohl / viel mehr zur Lösung unserer Umweltprobleme führen könnte.