chrismon-Herausgeberin Irmgard Schwaetzer über die Reform der Kirche

Werft die Netze aus!
Viele Menschen engagieren sich in der Kirche, obwohl sie keine Mitglieder sind. Das ist eine Chance, die wir viel mehr nutzen sollten.

Vorgelesen: Auf ein Wort "Werft die Netze aus!"

Vor Ausbruch der Pandemie saß ich sonntags mit ­mindestens 400 Menschen im Gottesdienst im ­Berliner Dom. Jetzt sind es etwa 50. Kommen die anderen zurück, wenn wir wieder unbeschwert feiern können? Oder gefallen ihnen die Fernseh- und Onlinegottesdienste, die in den vergangenen Monaten entwickelt wurden, so gut, dass sie auch künftig lieber von zu Hause aus mit­feiern? Auch ich habe diese Formate schätzen gelernt und wünsche mir, dass die neue Vielfalt geistlichen Lebens bestehen bleibt.

Irmgard Schwaetzer

Irmgard Schwaetzer, Bundesministerin a. D., ist Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland und Heraus­geberin des Magazins chrismon.
Julia BaumgartIrmgard Schwaetzer

Vielleicht haben etliche auch gemerkt, dass ihnen der sonntägliche Gottesdienst gar nicht fehlt? Wird Gott in der Welt nach Corona noch weniger gefragt sein als bisher? 2019 haben 270 000 Menschen der evangelischen Kirche den Rücken gekehrt, fast so viele, wie Wiesbaden Ein­wohner hat.

Andererseits engagieren sich viele in kirchlichen Projekten, die noch nie Mitglied in der Kirche waren oder ausgetreten sind. Sie machen in den Jugendkirchen mit, unterstützen Geflüchtete, organisieren "Tafeln" und begleiten Ältere und Kranke in der Nachbarschaft, weil ihnen diese Arbeit sinnvoll erscheint und Spaß macht. ­Andere besuchen zwar nie einen Gottesdienst, singen aber im Kirchenchor, weil sie die Lieder und klassischen Oratorien lieben. Von all diesem Engagement lebt unsere Kirche schon jetzt und in Zukunft hoffentlich noch mehr.

Kirche als Netzwerk

Künftig wollen wir uns noch mehr mit denen verbinden, die unsere Arbeit schätzen oder sich einer Gemeinde nahe fühlen, ohne Mitglied der Kirche oder getauft zu sein. Wir wollen uns noch viel mehr als bisher als Netzwerk verstehen. Das ist der Grundgedanke von "Kirche auf gutem Grund". Eine Arbeitsgruppe der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) hat unter diesem Motto elf "Leitsätze für eine aufgeschlossene Kirche" entwickelt, die einen tiefgreifenden Reformprozess anstoßen sollen.

Die Netzwerke sollen die klassischen Gemeinden ergänzen und über sie hinausreichen. Ich denke da an das Schiff, das die Kirche ins Mittelmeer schickt, um Menschenleben zu retten – eine urchristliche Aufgabe. Dafür haben wir ein breites Bündnis mit kirchlichen und kirchenfernen Menschen geschmiedet. Ein anderes Beispiel sind die Förder­vereine, die sich zuverlässig um die Kirchengebäude kümmern und Spenden einsammeln. Auch von solchen Kooperationen brauchen wir in Zukunft mehr.

Church-Card für besonders Treue

Denn klar ist: Je mehr Menschen die Kirche verlassen und keine Kirchensteuer mehr zahlen, umso mehr müssen sich Pfarrerinnen und Pfarrer auf ihren biblischen Kernauftrag konzentrieren: auf die Seelsorge, auf anspruchsvolle Gottesdienste und auf das wortmächtige öffentliche Eintreten für Menschen am Rande der Gesellschaft. Vieles darüber hinaus können und wollen wir den aktiven Chris­­tinnen und Christen überlassen und denen, die sich der Kirche in irgendeiner Weise zugehörig fühlen.

Wir diskutieren viel darüber, wie wir dieses Engagement besser anerkennen und wie wir Ehrenamtliche, die keine Kirchenmitglieder sind, an Entscheidungen be­teiligen können. Manche Gemeinden haben die "Church Card" eingeführt. Dabei geht es um Identifikation und Zugehörigkeit und kleine Anreize, etwa dass der Platz im Weihnachtsgottesdienst garantiert sein soll. Wir ­wollen auch die Mitgliedstreue besonders würdigen. Mir fällt da der sichere Platz in der Kita, in der evangelischen ­Schule oder im Pflegeheim ein.

Die Welt wird sich weiter ver­ändern. Nur wenn wir uns ehrlich und glaubwürdig ­fragen, was Menschen zu Gott führt und was die Kirche dazutun kann, werden auch wir uns verändern. Und wenn wir auch Antworten zulassen, die schmerzhaft sind und an liebgewonnenen Gewohnheiten rütteln.

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Lesermeinungen

Der Kommentar ist schonungslos ehrlich. Die Wahrheit tut weh. Zweifellos besteht aus unserem kulturellen Werteverständnis ein innerer Drang zur Solidarität, zum Mitleid, zur Hilfe. Und das nicht nur deshalb, weil man diese Teilhabe auch einmal selbst benötigen könnte. Die Nächstenliebe ist der fundamentale Wert, den uns Jesus gelehrt hat. Aber jetzt die christlichen Werte mit den Menschenrechten, weltliche und religiöse Alleinstellungsmerkmale miteinander verquicken? So die Kirchen ihrer Basis berauben? Und das ist doch immer das Ergebnis von Unverbindlichkeiten. Wie verzweifelt muß man sein, um ernsthaft darüber so zu denken! Das läuft doch dann darauf hinaus, dass die Kirche zum "Wintermantel", zum Notbehelf, zum esoterischen Edelverein mit Sitzplatzgarantie wird. Zugegeben, es fällt wahrlich schwer und ist auch für mich unmöglich, mir die Zukunft vorzustellen. Aber sich vorher das Sein nach dem Leben als ein Geschäftsmodell mit Church-Card vorzustellen, sprengt alle Phantasie.

Nur die Wahrheit wird Mensch frei, wirklich-wahrhaftig und gottgefällig machen, die Texte der Bibel sind in Geist-Gott-Gemeinschaft eindeutig und nicht unergründlich.

Die Bibel besteht doch aus 2 Teilen, dem AT + NT. Und es ist doch so, dass ohne "die Vorarbeit" aus den Inhalten des AT das NT gar nicht denkbar ist. Leider bestehen aber zwischen beiden Ausgaben erhebliche Unterschiede, die uns das Verständnis sehr schwer machen.

Und wie ist es mit der Wahrheit, die uns frei macht? Wenn ich dem Anderen die Wahrheit (ob über ihn oder zu anderen Fragen) sage, die er nicht hören will oder kann, weil seine menschgewordene Subjektivität ihn benebelt und ihn die Wahrheit nicht erkennen lässt? Dann wird aus der Wahrheit eine (An-)Klage und aus der Erde eine Scheibe. Nicht jede Wahrheit macht frei. Häufig ist sie auch eine Belastung und macht unfrei. Z. B. dann, wenn die Großmutter über ihren "Edelenkel" hört, dass er im Gefängnis sitzt. Dann bringt diese Wahrheit sie ins Grab. Und genau diese Unergründlichkeit wird doch von den Kanzeln seit Jahrhunderten mit dem Zitat, "Gottes Wille ist unergründlich", bemüht! Eben wegen dieser Unergründlichkeit werden doch alle Exegeten nie müde, mit dem unerschöpflichen Vorrat an Gleichnissen alles zu erklären um dann mit dem letzten Gleichnis alle anderen zu erklären.

Ockenga: "... wenn die Großmutter über ihren "Edelenkel" hört, dass er im Gefängnis sitzt."

Das war/ist NICHT "Gottes unergründlicher Wille", denn der Freie Wille bezieht sich nur auf Mensch als Ganzes in voller Kraft des Geistes, also hat der Wille des "Einzelnen" Möglichkeiten im Rahmen der "göttlichen Sicherung"!?
Vieles liegt wirklich-wahrhaftig in den Genen, der Umwelt, bzw. an der Erziehung.

Tut mir leid, ich kann nicht mehr folgen. Um welchen Begriff der Wahrheit geht es denn? Doch um die mitmenschliche, zum Teil auch schonungslose Wahrheit, im Gegensatz zur Lüge. Die allerdings auch häufig eine Wohltat sein kann. Gibt es irgendeinen Zweifel an der Wirkung von Wahrheit in diesem Zusammenhang von Oma und Enkel? Dass in diesem Fall die Wahrheit weh tut und besser nicht gesagt worden wäre? Warum jemanden die Wahrheit um der Wahrheit Willen zu sagen, wenn er nur noch wenige Tage zu leben hat? Auch in solch einem Fall werden Wahrheit und Lüge relativ.

Erst wenn man sich über die Wahrheit einer Situation einig ist, kann man versuchen, Fragen nach dem Warum zu beantworten. Das Warum bezieht sich immer auf die Erklärung einer Situation, der Wahrheit und deren Folgen oder was man dafür hält.

"Gott" ist Teil unserer kreislaufenden/herkömmlich-gewohnten Welt- und "Werteordnung" - so ist es vielleicht verständlich, dass WIR nicht sehen, nicht hören, nicht sprechen wollen/können was weise Menschen vor Jahrtausenden in AT und NT für unsere INSTINKTIVE Bewusstseinsschwäche aus Angst, Gewalt und egozentriertes "Individualbewusstsein" verschlüsselt haben!?
Entschlüsselt wurde dies im Laufe der Zeiten von EINIGEN Wenigen, doch die Vorsehung wird, von den Mächtigen über die Vielen und Wenigen, weiterhin einzig menschenwürdig als KAPITULATIVES Element für unser "Zusammenleben" reformistisch erhalten, obwohl ein EBENBILDLICHES ...!?

Zitat Horst: "Gott" ist Teil unserer kreislaufenden/herkömmlich-gewohnten Welt- und "Werteordnung" - so ist es vielleicht verständlich, dass WIR nicht sehen, nicht hören, nicht sprechen wollen/können was weise Menschen vor Jahrtausenden in AT und NT für unsere INSTINKTIVE Bewusstseinsschwäche aus Angst, Gewalt und egozentriertes "Individualbewusstsein" verschlüsselt haben!?

Alles total unverständlichl. Obwohl sich die Alphabete gleichen, sprechen wir wohl nicht die gleiche Sprache. Schade.