Und nach der Corona-Krise? Ein Gespräch über Verschwörungsmythen

"Unsere Demokratie wird standhalten"
Corona Rebellen

Pohl/action press

Ab wann kippt es? Die Forderung, die Schulen wieder zu öffnen, ist ein legitimes Anliegen. Aber eine Impflicht? Ist nicht vorgesehen, sondern eine Behauptung, von der aus man in Mythen abrutschen kann.

Corona Rebellen Familie mit Verschwörungstheorien gegen die Maskenpflicht, Impfungen und für die Wiedereröffnung der Schulen. Auch an diesem Samstag haben sich hauptsächlich zahlreiche Verschwörungstheoretiker, Rechtsextreme, Querfrontler in München auf verschiedenen Kundgebungen versammelt, um gegen die Maßnahmen zur Eindämmung von Covid-19 zu protestieren.

Da ist sich Michael Blume sicher. Aber der Religionswissenschaftler warnt: Verschwörungsmythen sind antisemitisch – und können Menschen radikalisieren

chrismon: Was ist die absurdeste Behauptung, die Ihnen zum Coronavirus untergekommen ist? 

Michael Blume: Dass das Virus mit Nazis in Reichsflugscheiben auf die Erde gekommen sei.  

Wie bitte?

In radikalen Kreisen hat sich der Glaube an Superwaffen gehalten, mit denen die Nazis den Zweiten Weltkrieg noch gewinnen wollten, darunter die Reichsflugscheibe, eine Art UFO. Manche Leute können nicht akzeptieren, dass ihnen Virologen von einem Virus berichten, von dem sie nie gehört haben. In ihrem Wahn muss das Virus folglich mit Nazis, die auf dem Mars überlebt hätten, in Reichsflugscheiben auf die Erde gekommen sein. So etwas denkt nur eine kleine, verrückte Minderheit. Nicht nur absurd, sondern gefährlich sind dagegen die Leute, die einen Judenstern mit der Aufschrift "ungeimpft" tragen.  

Warum?

Sie stehen für die große Gefahr, die vom libertären Antisemitismus ausgeht, der bereits im 20. Jahrhundert aufkam. Vertreter dieser antisemitischen Strömung behaupten, dass es eine Verschwörung von Juden und Nichtjuden gegen die Freiheitsrechte gibt, hinter der die Rothschilds oder George Soros stecken. Hinter den Judensternen mit der Aufschrift "ungeimpft" steht der Verschwörungsmythos, dass die Rothschilds selbst den Holocaust gesteuert hätten, um die Gründung Israels zu erzwingen. Das ist eine gefährliche Täter-Opfer-Umkehr. 

Michael Blume

Dr. Michael Blume, 1976 in Filderstadt geboren, ist Religionswissenschaftler und Beauftragter der Landesregierung Baden-Württemberg gegen Antisemitismus. 2015/16 organisierte er das Sonderkontingent, mit dem 1100 vor allem jesidische Frauen und Kinder aus dem Nordirak evakuiert wurden, darunter die spätere Friedensnobelpreisträgerin Nadia Murad. Blume ist evangelisch und dreifacher Vater. Die Geschichte des Sonderkontingents und der christlich-islamischen Familie Blume verschriftete Andreas Malessa in "Eine Blume für Zehra" im bene!-Verlag. Blumes neueste Bücher sind: "Islam in der Krise: eine Weltreligion zwischen Radikalisierung und stillem Rückzug" sowie "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht: Wie neue Medien alte Verschwörungsmythen befeuern", beide Titel sind im Patmos-Verlag erschienen.
privat

Sie lehnen den Begriff "Verschwörungstheorie" ab und sprechen von "Verschwörungsmythen". Warum?

Den Begriff "Verschwörungstheorie" hat der Erkenntnistheoretiker Karl Popper geprägt, um die Wissenschaft davor zu warnen, dem Aberglauben hinterherzulaufen. Heute aber verwenden viele Menschen den Begriff so, als seien krude Behauptungen mit wissenschaftlichen Theorien gleichzusetzen. Hinzu kommt, dass der Begriff schon seinen eigenen Verschwörungsmythos hat. 

Welchen?

Es gibt die Behauptung, die CIA habe das Wort "Verschwörungstheorie" nach der Ermordung von John F. Kennedy erfunden und geprägt. Wer nun als Journalistin oder Autor von Verschwörungstheorien schreibt, sieht sich dem Vorwurf von Verschwörungsgläubigen ausgesetzt, in den Diensten der CIA zu stehen. Wir sollten nicht in Sprachfelder stolpern, auf denen wir nicht mehr gewinnen können, sondern müssen mit unseren Worten präzise umgehen.

Auf Twitter warnen viele davor, davon zu sprechen, dass wir in Deutschland einen "Shutdown" oder "Lockdown" erlebt hätten. Stattdessen sollten wir lieber von Maßnahmen zur Bekämpfung des Coronavirus reden, denn die Begriffe "Shutdown" und "Lockdown" dienten Verschwörungsgläubigen bereits für ihre Erzählungen. 

Dazu ein Beispiel: Ich finde, man kann über die These diskutieren, der Virus in Wuhan sei aus einem Labor ausgetreten. Ich persönlich kenne dafür keine wissenschaftlichen Belege. Aber wenn wir nun jeden, der das für möglich hält, sofort auf eine Stufe mit jemandem stellen, der das Virus für eine Rothschild-Biowaffe hält, werden wir selbst unscharf in den Begriffen. Und dann stecken wir Leute zusammen, die nicht zusammengehören. So ist es auch mit dem Begriff Lockdown: Wenn jemand seine Mutter oder Ehefrau nicht mehr im Pflegeheim besuchen durfte, dann geht so ein Einwand, es habe in Deutschland keinen Lockdown gegeben, gewaltig an der Lebensrealität dieses Menschen vorbei. Verschwörungsmythen basieren auf Sprache. Wenn wir Sprache nicht ernst nehmen, spielen wir denen in die Hände, die Ängste und Gefühle aufpeitschen wollen.

"Ein Verschwörungsmythos beseitigt ihre Unsicherheiten und erklärt vermeintlich alles"

Verschwörungsmythen verbergen sich manchmal schon hinter Aussagen, die unbedenklich klingen. Zum Beispiel: "Die Virologen und Epidemiologen haben so oft ihre Haltung und ihre Meinung verändert, dass ich ihnen nicht mehr glaube." 

Der Satz zeigt genau, wo Verschwörungsmythen ein Angebot machen. Es gibt in der Wissenschaft immer widerstreitende Meinungen und offene Fragen. Wir wissen zum Beispiel nicht, wann es einen Impfstoff geben wird und wie lange die Immunität von Genesenen anhält. Verschiedene Virologen vertreten zu solchen Fragen verschiedene Positionen, das ist ganz normal, weil wissenschaftliche Theorien vorläufig sind. Es gibt Menschen, die damit schwer umgehen können. Ein Verschwörungsmythos beseitigt ihre Unsicherheiten und erklärt vermeintlich alles. Wer daran glaubt, weiß, wer angeblich an allem schuld ist. Seriöse Journalisten, Forscherinnen oder Politiker haben dagegen immer nur vorläufiges Wissen zu bieten. 

Mit Blick auf das Infektionsgeschehen und die sinkenden Krankheitszahlen ist auch oft der Satz zu hören: "Einfach mal selber denken!" Was meinen Sie?  

Besonders in Südwestdeutschland haben wir die würdige Tradition des Pietismus: Was der Pfarrer sagt, soll man mit Hilfe der Bibel überprüfen und nicht alles glauben. Das ist ein kritisches und auch demokratisches Motiv. Wenn man es aber quasi säkularisiert, kann es gefährlich werden: Der Virologe erzählt da was, aber ich kann das Virus nicht sehen oder spüren, also schaue ich im Internet nach. So denkt zum Beispiel der Musiker Xavier Naidoo. Wenn man die eigentlich gesunde Tradition der Obrigkeitskritik auch auf medizinische Fragen überträgt, landet man schnell in der Schwurbelei.  

"Immer wenn neue Medien entstanden sind, ist auch die Zahl der Verschwörungsmythen explodiert."

Neulich sagte mir ein Bekannter: "Die Bilder von den Intensivstationen in Italien sollten uns Angst machen, und die Medien hatten einen Auftrag dazu." Hätte ich widersprechen sollen? 

Jedenfalls muss man hellhörig werden. Immer wenn neue Medien entstanden sind, ist auch die Zahl der Verschwörungsmythen explodiert. Mit dem Buchdruck wurde der Hexenglaube populär. Oder die Ritualmordlegende, wonach Hexen und Juden angeblich Kinder töteten und aus ihnen Salbe herstellten. Das hören und lesen wir heute übrigens mit dem Adrenochrom-Mythos wieder. Die Nazis nutzten das Radio, um die Weimarer Demokratie auszuhebeln. Und heute haben Sie die Verschwörungsverkünder im Internet oder auf Telegram, Facebook, Whatsapp. Im digitalen Wandel verkünden diese Prediger: "Trau keinem klassischen Medium! Bestell deine Zeitung ab! Guck nicht mehr Tagesschau, weil die ja Teil der Weltverschwörung ist! Glaub nur noch dem, was deine Freunde im Internet dir mitteilen!" Und dann kann aus einer – mitunter auch berechtigten – Medienkritik leider schnell der Verschwörungsvorwurf werden, die Medien seien zentral gesteuert und manipulativ.  

Eine Nachbarin zeigte mir eine Whatsapp-Nachricht, die an sie weitergeleitet wurde. Darin steht der Satz: "Für die Grundrechte eintreten ist keine Verschwörungstheorie." Dagegen kann man kaum etwas vorbringen ...

Doch! Es gibt ein Video des Verschwörungsgläubigen Ken Jebsen, in dem er mit dem Grundgesetz herumwedelt. Minuten später träumt er davon, wie er in Zukunft als Kultusminister Chefredakteure feuern will. Hinter so einer Whatsapp-Nachricht steht vielleicht gar kein echtes Freiheitsverständnis, sondern die Auffassung, Staat und Medien seien Teil der Verschwörung. Und nun soll es darum gehen, die Verschwörer abzuräumen. Das hat nichts mit dem Grundgesetz zu tun.

Die Nachricht ging sinngemäß so weiter: Deutsche Medien seien mit der Pharmaindustrie vernetzt. Es sei keine Verschwörungstheorie, das zu benennen, sondern gesunder Menschenverstand …

Das ist ein pauschaler Vorwurf gegen alle Medien. Und das ist dann keine seriöse Kritik mehr, sondern Verschwörungsglauben. Wenn ich so eine Whatsapp bekomme, sollte ich klar erwidern: Du darfst Kritik an den Medien üben! Medien sind vielfältig!

"Erkenntnisleitend bei den Mythen sind nicht die Fakten, sondern das Feindbild: 'die da oben'"

Ein Freund gehört einem Chor an, die Mitglieder kommunizieren über einen Whatsapp-Verteiler. In diesen Verteiler schrieb ein Chormitglied, sie ist Ärztin, die gern mit Homöopathie arbeitet: "Ich leugne keinen Krankheitserreger, der im ungünstigen Fall auch tödlich sein kann, aber die Gefährlichkeit hat sich als deutlich geringer herausgestellt als ursprünglich befürchtet. Es ist mir unheimlich, wie wir manipuliert und Grundrechte außer Kraft gesetzt werden – ohne Not! Ich bin gegen eine Zwangsimpfung, erst recht, wenn dann noch auslesbare Nanopartikel mit verabreicht werden, dann sind wir total gläsern."

Der Freund könnte erwidern, dass es schon im Januar die ersten Corona-Mythen gab. Damals hieß es, Corona sei eine Biowaffe, mit der die Weltbevölkerung auf 500 Millionen Menschen geschrumpft werden solle. Corona wurde also als ganz gefährlich dargestellt, während Mythen heute oft dazu dienen, das Virus zu verharmlosen. Sie sehen: Erkenntnisleitend sind nicht die Fakten, sondern das Feindbild: "die da oben". Und so kommt es innerhalb weniger Monaten zu vollkommen widersprüchlichen Aussagen. Zum Glück gibt es nur verschwindend wenige Mediziner, die so argumentieren wie die Bekannte Ihres Freundes.

Ist, wer an die Wirksamkeit der Homöopathie glaubt, anfällig für Verschwörungsmythen? 

Ja, ebenso wie in der Anthroposophie, der Esoterik und unter Heilpraktikern gibt es in der Homöopathie eine Tradition der Skepsis gegenüber der sogenannten Schulmedizin – und teilweise überhaupt gegenüber der Wissenschaft, der vorgehalten wird, die eigentlichen spirituellen Zusammenhänge zu übergehen. Wenn das – wie derzeit - zusammenfällt mit einer Krisenerfahrung, machen diese Leute aus der Schulmedizin leicht die Pharmalobby. Und stoßen auf Verschwörungsmythen, in denen hinter der Pharmalobby wiederum Bill Gates steht, der angeblich alles kontrolliert. Und Bill Gates wird ihnen zufolge von den Rothschilds finanziert. Das macht es für libertäre Antisemiten momentan sehr einfach, diese Milieus anzusprechen.

Was kann ich tun, wenn Menschen in Verschwörungsmythen abdriften? 

Im Internet helfen nur seriöse Gegeninformationen. Deshalb haben wir den Podcast "Verschwörungsfragen" gestartet. Im persönlichen Gespräch können Sie auch über Ängste und Unsicherheiten sprechen und so zeigen: Ich nehme deine Gefühle ernst, aber ich kann nicht akzeptieren, dass du Christian Drosten für einen Vertreter der jüdischen Weltverschwörung hältst. 

Jeder Mensch hat das Recht zu sagen: 'Ich beende den Kontakt, bis du so weit bist, überhaupt wieder auf mich zuzugehen'"

Klappt das immer?

Leider nicht. Menschen, die monate- oder jahrelang in Verschwörungskreisen unterwegs sind, haben oft schon eine so abgeschlossene Weltdeutung entwickelt, dass sie fast nicht mehr zugänglich sind. Da wieder herauszukommen, gleicht einem Sektenausstieg. Dabei helfen professionelle Beratungsstellen, das können Sie als Freund nicht leisten. Im Einzelfall muss man Grenzen ziehen. Wenn sich erwachsene Menschen dafür entscheiden, die Welt als von bösen, teuflischen Mächten regiert wahrzunehmen und Freunde als Teil der Weltverschwörung zu betrachten, hat jeder Mensch das Recht zu sagen: "Ich beende den Kontakt, bis du so weit bist, überhaupt wieder auf mich zuzugehen." 

Warum münden so viele Verschwörungsmythen in den Antisemitismus?

Weil das Judentum die erste Religion des Alphabets war. Auch heute noch benennen wir unser Alphabet nach den ersten beiden Buchstaben des Hebräischen, Aleph und Beth. Die Thorarolle mit ihren 304 805 Buchstaben ist der erste heilige Gegenstand, der an die Stelle eines Bildes oder einer Flamme trat. Bis heute wird im Judentum ein Kind durchs Lesen zum Erwachsenen, und dann regnet es Bonbons. Selbst der Begriff Bildung entstammt direkt der Thora: Der Mensch ist nach dem Ebenbild Gottes geschaffen. 

Aber was hat das mit Antisemitismus zu tun?

Schon in der Antike kamen Juden in Verruf. Die Vorurteile damals lauteten: "Die sind alle so gebildet, mit denen stimmt was nicht, die halten so zusammen, die schreiben Briefe über Ländergrenzen hinweg, die schließen Verträge, die machen das große Geld!" Daraus ist der Mythos entstanden, dass die Juden die Weltverschwörungen steuern. Niemand unter den Verschwörungsgläubigen würde zum Beispiel behaupten, die Muslimbrüder oder die Brasilianer würden die Juden kontrollieren. Es ist immer umgekehrt! Die Juden oder Zionisten sind immer oben in der Verschwörungspyramide. Weltverschwörungen haben ja meist eine pyramidenförmige Struktur, da gibt es kein Nebeneinander verschiedener Verschwörerkreise. Deswegen heißt es auch häufig, Bill Gates bekomme Geld von den Rothschilds.  

"Bill Gates ist ein perfektes Feindbild."

Vorurteile gegenüber Bill Gates, der die Weltgesundheitsorganisation WHO finanziell unterstützt, verfangen bis in die Mitte der Gesellschaft. Was soll man sagen, wenn jemand raunt: "Also der Gates, der hängt da schon mit drin."

Bill Gates ist – wie George Soros – ein perfektes Feindbild. Ich kann meine Unsicherheit und Angst an einer Person festmachen. Die Tatsache, dass Bill Gates 2015 in einem Interview vor einer Pandemie warnte, wird umgedeutet in den Vorwurf, er habe dieses Interview nur gegeben, um seine Beteiligung an der Pandemie heute bewusst zu verschleiern. Es lässt sich nicht vermeiden, dass Menschen so etwas glauben. Aber natürlich kann man Lücken in der Verschwörungsargumentation aufzeigen: Er wollte uns warnen und eine Pandemie eben genau verhindern. Leute, die gerade in Verschwörungen abrutschen, kann man damit vielleicht noch zum Nachdenken anregen. 

Haben Sie ein Beispiel für einen Verschwörungsmythos zur Corona-Pandemie, der auf den zweiten oder dritten Blick einen antisemitischen Charakter hat?

Ja, ein Babystrampler mit dem Judenstern, auf dem "Nicht geimpft" steht. Das verhöhnt ja nicht nur die realen Opfer des Holocaust, sondern legt zudem nahe, Ärzte und Politikerinnen würden Kinder verfolgen. Wenn dann noch der Rothschild-Verschwörungsmythos dazu kommt, wird es richtig, richtig übel.

Weil das hieße, dass es eine jüdische Verschwörung gäbe, die hinter unschuldigen Kindern her ist?

Ja.

Haben Sie Demonstrationen besucht, auf denen Menschen gegen die Corona-Maßnahmen protestieren? 

Ich war eingeladen, in Stuttgart zu sprechen. Weil ich aber überzeugt bin, dass es aus Gründen des Gesundheitsschutzes derzeit keine Massenveranstaltungen geben sollte, habe ich abgesagt. Aber ich habe angeboten, online zu diskutieren. Das ist ja mein Anliegen: Wie kann man mit den Leuten im Gespräch bleiben, die noch nicht so tief im Antisemitismus drinstecken? Ich will nicht die lautesten Schreier durch Aufmerksamkeit belohnen, sondern denen helfen, die noch ansprechbar sind. In Gera in Thüringen hat ein ARD-Team Alfons Blum gefilmt, einen älteren Herren, der weint, weil er seine Frau nicht im Pflegeheim besuchen darf. Er hat jeden Grund zu klagen, wird aber dann niedergebrüllt von einem Verschwörungsschreier. Das bringt das Problem auf den Punkt. Ich will für alle Bürgerinnen und Bürger da sein, nicht nur für die lautesten.

Wer geht zu den Protesten, bei denen Menschen gegen die Corona-Maßnahmen protestieren?

In der Forschung nennen wir es Querfront. Da sind klassische Rechtsextreme dabei. Aber auch Leute, die sich als links und Öko verstehen, die nicht wollen, dass ihre Kinder geimpft werden. Oder Unternehmer, deren Firmen leiden. Es besteht die Gefahr, dass Antisemiten dort über diese Querfront Leute einsammeln, an die sie sonst nie herangekommen wären. 

"Wer in unsicheren Bindungen aufwächst, fällt leichter auf Leute herein, die ihm einreden wollen, die Welt werde von bösen Mächten regiert"

Wer ist auf Verschwörungsmythen ansprechbar? 

Vor allem Menschen mit negativen Kindheitserinnerungen. Wer in Sicherheit, Gebundenheit und Gewaltfreiheit aufwächst, hat eher das Gefühl, dass die Welt ein guter Ort ist und dass wir Probleme durch Dialog, Demokratie und mit Hilfe der Wissenschaft lösen können. Wer in unsicheren Bindungen aufwächst, wer Gewalt erfährt, fällt leichter auf Leute herein, die ihm einreden wollen, die Welt werde von bösen Mächten regiert. Man spricht in der Forschung von autoritären Persönlichkeiten, die leichter auf Feindbilder reagieren. Es sind häufiger Männer, die in Verschwörungsmythen abdriften, auch in solche mit Tendenz zum Aggressiven: Ich will meine Familie schützen! Ich will mein Geld schützen! Auf einer Veranstaltung sprach mich einmal ein Ingenieur unter Tränen an. Man habe ihm sein ganzes Leben eingebläut, alle Probleme mit Technik zu lösen - und ich würde von ihm verlangen, über seine Gefühle zu sprechen. Für ihn lag es näher, Nazi-Reichsflugscheiben für seine Sorgen verantwortlich zu machen, statt über das zu sprechen, was ihn belastet. 

Werden die Verschwörungsmythen nach der Pandemie verschwinden? 

Der Antisemitismus, der ihnen zugrunde liegt, war nie weg. Der wird auch mit dem Ende der Pandemie nicht verschwinden. Die gute Nachricht ist: Es werden nicht mehr, die an die Mythen glauben. Die Daten deuten darauf hin, dass zwischen fünf und 15 Prozent der Bevölkerung auf das ansprechbar sind, was wir in der Forschung als latenten Antisemitismus bezeichnen. Unsere Demokratie wird standhalten. Die schlechte Nachricht ist: Das Internet bietet diesen Menschen die Möglichkeit, sich zu radikalisieren. Meine persönliche Prognose für die nächsten Monate ist: Manch messianischer Glaube wird sich selbst zerlegen.

Welcher zum Beispiel?

Die sogenannte QAnon-Verschwörung, nach der US-Präsident Trump ein Netzwerk aus Medien und Behörden erst enttarnen und dann zerstören wird. Das wird natürlich nicht passieren, weil es dieses Netzwerk nicht gibt. Einige QAnon-Anhänger werden sich dann desillusioniert aus dieser Szene zurückziehen, andere werden sich neuen Mythen zuwenden. Ein kleiner Teil wird sich aber auch bis hin zur Gewaltbereitschaft radikalisieren. Wir hatten ja bereits Anschläge in Celle, in Halle, in Hanau, die auf antisemitische und rassistische Gedanken zurückzuführen sind. Hier in Baden-Württemberg werden bei den sogenannten Reichsbürgern Waffenscheine kontrolliert und Waffen eingesammelt. Das ist richtig. 

"Wir dürfen uns von den Radikalen nicht den Diskurs aufdrücken lassen"

Das klingt bedrohlich.

Das ist es in Einzelfällen auch. Aber: Nach Umfragen sind zwei Drittel der Menschen in Deutschland zufrieden mit der Reaktion der Politik auf die Pandemie. Verschwörungsschwurbler wird es immer geben, aber sie sprechen nicht für die Mehrheit, auch nicht für die schweigende Mehrheit. Wir dürfen uns von den Radikalen nicht den Diskurs aufdrücken lassen. Es gibt ja zum Beispiel auch die Protestbewegung Fridays for Future, die für ein wissenschaftlich nachvollziehbares Anliegen protestiert, gegen den Klimawandel. Die verhalten sich vernünftig, die verbreiten keine Verschwörungsmythen und verzichten derzeit auf Großdemonstrationen - und das Ergebnis ist, dass sie medial kaum noch vorkommen. 

Sie haben neulich auf Twitter geschrieben: Humor hilft gegen Verschwörungsmythen. Haben Sie Beispiele dafür?

Filme wie "Men in Black" oder "Iron Sky" haben Verschwörungsmythen humoristisch auf die Spitze getrieben, bei "Iron Sky" ging es sogar um Reichsflugscheiben. Man kann nicht mehr gut an etwas glauben, über das man lachen musste. Auch in persönlichen Gesprächen kann man Humor nutzen und zum Beispiel den "Berliner Tanz" eines Verschwörungsgläubigen nachmachen. Niemand will doch ernsthaft in so eine Richtung gehen.
 

Infobox

Weil wegen der Krise um das Coronavirus SARS-CoV-2 auch der Verschwörungsglauben und Antisemitismus weltweit zunehmen, hat Dr. Michael Blum mit seinem Team den neuen Podcast "Verschwörungsfragen" ins Leben gerufen. Einzelne Folgen wurden laut Michael Blume mehr als 100.000 Mal heruntergeladen. Den Podcast finden Sie zum freien Download bei den üblichen Anbietern sowie hier auf "YouTube".
 

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Lesermeinungen

Die Demokratie, dieser kreislaufenden Welt- und "Werteordnung" des nun "freiheitlichen" Wettbewerb, ist nur die heuchlerisch-verlogene Verwaltung von gepflegter Bewusstseinsschwäche aus Angst, Gewalt und wettbewerbsbedingt-egozentriertes "Individualbewusstsein" auf konfusionierter Schuld- und Sündenbocksuche,
in geistigem Stillstand seit der "Vertreibung aus dem Paradies" (Mensch erster und bisher einzige geistige Evolutionssprung, für Möglichkeiten in geistig-heilendem Selbst- und Massenbewusstsein).

Zitat: "Wer ist auf Verschwörungsmythen ansprechbar? Vor allem Menschen mit negativen Kindheitserinnerungen".

Wir hatten im Krieg und der Nachkriegszeit mit Bomben, Not, dem Kalten Krieg sehr negative Kindheitserinnerungen. Sind wir deshalb verstärkt zu Verschwörern geworden? Opfer von Lügen, Verschwörungen und falschen Versprechungen werden doch wohl in erster Linie die, die nicht ausreichend Verständnis für sich und die Welt haben. Sonst bräuchten sie ja diese kruden Er-klärungen nicht. Zitat von Marie von Ebner Eschenbach: "Wer nichts weiß muß alles glauben". Oder von mir: "Wer sich von der eigenen oder der Dummheit der Anderen besiegen lässt, der muß alle Lügen glauben". Und wenn ich mir den permanenten Verlust an Allgemeinwissen betrachte und beobachte, dass selbst junge Akademiker kaum noch eine Zeitung lesen, RTL2, DSDS und Dschungelcamp als reales Leben und die schreienden POP-Größen als Vorbilder bewertet werden, dann muß man sich doch nicht mehr wundern. Diese "Schöne Neuer Welt" ruiniert sich durch missbrauchte Freiheiten, Geld, sinnlosen Konsum und Dummheit selbst. Das ist der Preis einer zivilisatorischen Fehlentwicklung, des Glaubens daran, dass alles immer so weiter geht, dass man "babylonisch" leben und bauen kann. Und wenn diese Entwicklung in Gefahr gerät, man sich seiner eigenen Schuld und die des bequemen und lieb gewordenen "Systems" nicht wahr haben will, dann helfen nur noch krude Ideen.

Was ist daran antisemitisch, wenn die Amerikaner an Roswell, an Aliens und allen anderen Unsinn glauben? Wenn nicht nur Deutsche an das dumme Geschwätz der AFD verfallen? Dass dann bei dieser Gelegenheit auch alle anderen Pseudoverdächtigen (Logen, Jesuiten, ideologische Verschwörer) und jetzt auch noch die Biologen mit Geheimwaffen strapaziert werden, hat mit Antisemitismus wahrlich nichts zu tun. Auf jeden Fall, wenn man selbst versagt oder nicht in der Lage ist, Zusammenhänge zu erkennen, muß ein Schuldiger her. Daür eignen sich nicht nur die Juden, auch die Amerikaner und Kommunisten sind geeignet. Auch wir Deutsche gelten in Europa als geheime Macht. Der Antisemitismus hat ganz andere Ursachen als die Suche nach dem ewigen Schuldigen. Für das Christentum waren die Juden als sogenannte Christusmörder immer der billigste Ersatz für eigenes Unvermögen. Mit diesen "Feinden" haben sie sogar Christus als Religionsstifter auf die gleich Stufe gestellt. Auch ist ohne die Juden und AT das NT gar nicht denk-und erklärbar. Die Zusammenhänge sind total unerklärbar. Auch für die weltlichen Mächte waren sie allzeit verfügbare Bösewichte. Besonders weil sie sich nicht unter ein gläubiges Joch zwingen liesen, weil sie als religiöse Konkurrenz (das war die größte denkbare Sünde!) angesehen wurden. Außerdem boten sie keine territorialen Angriffziele. Aber mit ihrem Können (Lesen und Schreiben, fremde Sprachen, Weltläufigkeit, Berufe die andere nicht wollten, wurden sie häufig unverzichtbar. Zum eigenen Schutz waren sie zudem gezwungen, zusammen zu halten. Das alles erzeugt bis heute Neid und Argwohn. "Familien" lassen sich nicht gerne in die Karten gucken. Besonders wenn es um das Überleben geht.