Ex-Neonazi über seinen Ausstieg aus der rechtsextremen Szene

Es war wie ein kalter Entzug
Anfänge - Es war wie ein kalter Entzug

Jakob Ganslmeier

Maik, 45, ist Vater, Ex-Nazi, Thaiboxer, Ausstiegs helfer und Referent in der Jugendarbeit

Anfänge - Es war wie ein kalter Entzug

Er war Neonazi und Vizechef der NPD Sachsens. Er stieg aus, lernte Geflüchtete kennen. Nur die Tattoos blieben.

Maik (Jahrgang 1974):

Früher genoss ich die Blicke der Kameraden. "Landser" stand in Fraktur quer über ­meinen beiden Schultern. Ich wollte die Leistung der deutschen Soldaten während des Ersten und Zweiten Weltkriegs würdigen. Und direkt überm Herzen das Abzeichen einer Neonazi-­Vereinigung. Das musste man sich verdienen: Als ­"Anwärter" war man die ganze Zeit mit niedrigen ­Diensten beschäftigt – Gläser spülen, Mitglieder rum­fahren, Bier bringen. Wer sich demütigen ließ, durfte ­bleiben. Der Tag, an dem ich aufgenommen wurde, war der schönste meiner Zeit als Neonazi.

So einer war ich 17 Jahre lang, zuletzt auch Vizechef der sächsischen NPD. Dann schlitterte ich in eine Lebenskrise. Zuerst hatte sich meine Frau von mir getrennt. Sie wollte verhindern, dass unsere Kinder, damals vier und fünf Jahre alt, indoktriniert werden. Und ich war ausgebrannt und frustriert von meiner politischen Arbeit. 2014, als die NPD aus dem sächsischen Landtag flog, verlor ich meine Arbeit als Fraktionsmitarbeiter, 2015 dann habe ich meine Parteiämter niedergelegt.

Wollen die Ausländer unsere Frauen schänden?

Meine Weltanschauung änderte sich erst später, durch ­einen Freund aus Kindertagen. Der ist komplett unpolitisch, das war der Grund, warum wir immer mal wieder ein Bier miteinander trinken gegangen sind. Er verschaffte mir einen Job in einem Bildungszentrum. Ich brauchte ja Geld, und nach meinen politischen Ansichten fragte mich zum Glück niemand – damals, im Frühling 2015.

Dort hatte ich – kein Witz – zum ersten Mal im Leben mit Ausländern zu tun. Ich hatte starke Vorbehalte: Wollen die hier nur Sozialleistungen abgreifen? Unsere Frauen schänden? Nichts davon stimmte. Es waren viele Väter darunter, die so schnell wie möglich auf eigenen Beinen stehen wollten. Zu ein paar habe ich bis heute Kontakt. Ich gab ihnen Sprachunterricht, half ihnen bei Ämtergängen. Meine Vergangenheit verschwieg ich – ich schämte mich.

Der Ausstieg selbst war wie ein kalter Entzug. Ich verlor damals auf einen Schlag mein komplettes soziales Umfeld. Das letzte sichtbare Zeichen meiner Vergangenheit waren die Tattoos. Mich störten die Blicke in der Sauna oder im Freibad. Weglasern lassen kam aber nicht infrage. Ich will die Vergangenheit nicht vergessen, sondern mich ihr ­stellen. Ich bin Maik, Vater, Ex-Nazi, Thaiboxer, Ausstiegshelfer, Bildungsreferent in der Jugendarbeit.

Heute gebe ich Kurse über Extremismusprävention

Heute gebe ich Kurse über Extremismusprävention, ­ vor allem für den Verein EXIT-Deutschland, der mich während meiner Ausstiegszeit unterstützt hat. Ich spreche mit Lehrern, Polizisten, Studenten und Schülern. In meiner Zeit als NPD-Fraktionsmitarbeiter hatte ich eine Fortbildung zur Erwachsenenbildung gemacht, die hilft mir jetzt. Manche der Jugendlichen sind randvoll mit Ressentiments. Ich versuche, das Rebellische in ihnen ­anzusprechen. Ich finde Rebellion erst mal völlig legitim – es kommt nur darauf an, wogegen. Ich sag den Leuten: Ich kann das nachvollziehen, was du da machst. Erst dann komm ich mit Aufklärung.

Sie sollen verstehen, auf welchem Weg sie sind: erste Straftat, finanzielle Probleme, Eintrag ins Führungs­zeugnis, Schwierigkeiten bei der Berufswahl, Freunde wenden sich ab. Ich sage nicht: Lass das! Sondern: So kommst du nicht weiter. Manchmal erzähle ich dann, ­woher ich weiß, wovon ich rede. Ich frage häufig: Warum? Warum sind die meisten Flüchtlinge Männer, was glaubst du? Weil sie auf ­unsere Frauen aus sind, heißt es dann. Dem halte ich ­andere ­Antworten entgegen: Weil die Flucht anstrengend, ­teuer und gefährlich ist und man dasjenige Familienmitglied mit den größten Chancen losschickt. Ich will aber ­niemanden mit meinen Antworten überführen, weil sie sonst dichtmachen.

Der Schriftzug "Landser": übertätowiert

Der Tätowierer und ich haben lange überlegt, wie wir die Tattoos übertätowieren. Über dem Schriftzug "Landser" prangt nun ein buntes Universum, das man durch eine zerbrochene Glasscheibe sieht: Ich bin ausgebrochen aus meinem Denken, ich sehe weiter als früher. Meiner Ex-Frau habe ich Respekt dafür ausge­sprochen, dass sie mich verlassen hat. Sie war damals viel reifer als ich. Sie hat Verantwortung für unsere Kinder über­nommen. Ich habe mich entschuldigt dafür, dass ich das zu spät erkannt habe.

Protokoll: Andreas Unger

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Lesermeinungen

Sehr geehrte Damen und Herren der chrismon Leserbriefe-Redaktion,
zu dem oben genannten Beitrag übermittle ich Ihnen folgenden
Respekt für Maik aus Sachsen, der nach 17 Jahren NPD-Mitgliedschaft, teilweise sogar als herausgehobener Funktionsträger in dieser rechtsradikalen Partei, 2015 den Ausstieg geschafft hat. Auch dass er, der zuvor nie mit Ausländern in Berührung kam, danach in der Jugendarbeit als Bildungsreferent tätig wurde und dabei jungen Flüchtlingen mit Sprachunterricht und Ämtergängen bei der Integration geholfen hat, verdient große Anerkennung. Heute wirkt er im Verein EXIT-Deutschland, wo er Kurse in Extremismusprävention gibt. Wer könnte das aus eigener Erfahrung besser als ein Ex-Neonazi, der vom Saulus zum Paulis geworden ist? Ein Lob an chrismon, das die Geschichte von Maik veröffentlicht hat.
Mit besten Grüßen
Manfred H. Obländer

Sehr geehrte Damen und Herren!
Sich "vom Saulus zum Paulus" zu wandeln, kann sprichwörtlich ganz schnell gehen. Die Redewendung beruht auf einer historischen Figur, von der in der Bibel erzählt wird - und auf einem Missverständnis.
"Saulus" (hebräisch) kommt von Saul, und heißt der "Erbetene", Paulus (griechisch) heißt der "Kleine". (Quelle: ntv.de)
"Aus Schaden wir man klug." (Sprichwort)
Vielleicht ist aus dem Maik so ein "Paulus" geworden, der es gelernt hat, aus seinem Leben doch noch die "richtigen" Schlüsse ziehen zu können; das bleibt jedoch immer ein Vabanquespiel, Leben ist eben sehr risikoreich. Maik hat gerade noch so seine Kurve gekratzt!
"Jeder der aufhört zu lernen, ist alt, mag er zwanzig oder achtzig zählen, jeder, der weiterlernt, ist jung, mag er zwanzig oder achtzig Jahre alt sein." (Henry Ford, 1863-1947, amerikanischer Automobilhersteller)
Ihr Klaus P. Jaworek

Sehr geehrter Herr Unger!
Zur Motivation der Flüchtlinge sagt Ihr Interview-Partner Maik: "Weil die Flucht, anstrengend, teuer und gefährlich ist und man dasjenige Familienmitglied mit den größten Chancen losschickt." Es geht also nicht um die Rettung aus der Gefahr für Leib und Leben, sondern um die größte Chance, Deutschland zu erreichen. Damit ist die Flucht als Lüge enttarnt. Warum halten Sie das Maik nicht vor? Waren Sie auf das Interview nicht vorbereitet?
Viele Grüße
Hanns Schneider

Lieber Herr Schneider,
danke für Ihre Zuschrift. Bei dem Beitrag handelt es sich um ein
Protokoll, das heißt, dass der Interview-Partner, anders als in einem
Interview, allein zu Wort kommt.
Ich persönlich denke, dass Maiks Aussage angesichts des tätsächlichen
Alters und Geschlechts der meisten Geflüchteten keineswegs abwegig ist.
Ich denke auch, dass das keine Aussage über die wahren Fluchtgründe
beinhaltet. Menschen aus Krisen- und Kriegsgebieten leben unter
Lebensgefahr. Es geht also tatsächlich um die Rettung aus der Gefahr für
Leib und Leben. Einen Widerspruch sehe ich nicht.
Ich freue mich, dass Sie den Text intensiv gelesen haben.
Herzlichen Gruß
Andreas Unger/ chrismon-Autor

Verehrter Herr Schneider,

Sie wollen soeben eine "Flucht als Lüge enttarnt" haben. Bevor ich Ihnen den Sherlock-Holmes-Preis verleihen kann, muss ich Sie leider darauf hinweisen, dass weder eine Flucht noch das Verharren im Elend eine Lüge sein können. Allenfalls käme dieser Vorwurf in Frage für die Begründung der Sesshaftigkeit oder der Flucht. Die Flucht- oder Bleibegründe waren allerdings nicht das Thema, sondern die abenteuerliche rechtsradikale Erklärung (Vergewaltigungsgelüste) dafür, dass mehr Männer als Frauen zu fliehen scheinen.

Mit wenig Tarnung hingegen möchten Sie den Flüchtlingen vorschreiben, welche Gründe diese zur Flucht allenfalls haben dürften. Welche Gründe können Sie denn dafür anführen, dass Sie hier bleiben wollen? Vielleicht passen diese Gründe dann mir nicht?

Fritz Kurz