Seit Emilene ihre Afrohaare offen trägt, wird sie angestarrt

Guck nicht so, wir sind nicht im Zoo
Anfänge - Guck nicht so, wir sind nicht im Zoo

Snezhnana von Büdingen

Emilene Wopana Mudimu, 28: "Auch das Stylen von Afrohaaren benötigt – leider –viel Zeit"

Anfänge - Guck nicht so, wir sind nicht im Zoo

Mit viel Chemie glättete Emilene jahrelang ihre Afrohaare. Damit ist jetzt Schluss.

Emilene Wopana Mudimu, Jahrgang 1992:

Manchmal greifen mir wildfremde Menschen in die Haare: "Darf ich mal?" Die Antwort wird gar nicht erst abgewartet. Als wären wir im Zoo! Das erlebe ich immer wieder, seit ich meine Haare als Afro trage.

Als ich mit drei Jahren aus Kinshasa nach Deutschland kam, war ich das einzige schwarze Mädchen in Claus­thal, wo mein Vater studierte. Offen angefeindet wurde ich nie, ich war das ,,süße schwarze Kind". Wenn ich mich im Kindergarten schnitt, fragten die anderen Kinder: "Ist dein Blut schwarz oder rot?" Das hat mich irritiert, das weiß ich noch. Ich hatte immer die Antennen weit ausgefahren. Behandeln die mich anders? Warum sagt der Grundschullehrer, dass ich als Afrikanerin besonders gut malen könne? Ich wollte doch einfach nur malen. Kind sein dürfen. Spielen. Gespielt habe ich mit Barbiepuppen. Blond, langhaarig, Wespentaille.

Mit sieben fing meine Mutter an, meine Haare zu glätten

Als ich sieben war, fing meine Mutter an, meine Haare zu glätten. Normal, machten damals fast alle, die ich aus der kongolesischen Community kannte. Wir wohnten ­inzwischen in einem Vorort von Köln, mit Afroshop um die Ecke. Dort konnte man die Mittel kaufen, die meine Mutter alle zwei Monate auspackte, das war wie ein Chemiebaukasten: Pulver zum Glätten. Cremes, um den Glättungsprozess anzustoßen. Lösungen, die danach verwendet werden, um die Verbrennungen zu mindern. Denn chemisch ist es eine Mischung, die in Berührung mit Sauerstoff zu kleinen Verbrennungen führt. Ich ­werde ­niemals diesen Pott vergessen, in dem das zusammen­gerührt wurde, die weißen Plastikhandschuhe, die sie trug. Es stinkt, und es tut weh. Aber ich wollte unbedingt glattes Haar haben. Weil das alle hatten.

Aus Haaren lesen Menschen unheimlich viel heraus

Mit 20 fielen mir meine Haare teilweise aus. Die Haarwurzeln waren beschädigt. Ich überlegte, ob ich aufhören soll, aber ich kannte niemanden, der sich mit natürlicher Afrohaarpflege auskannte. Afrohaare benötigen viel Feuchtigkeit, können schnell austrocknen und dadurch brechen. Mein Umfeld sagte: Bloß nicht aufhören mit Glätten, das ist nicht schön. Aber ich hatte genug von der Chemie. Erst sah es wirklich nicht gut aus, ich hatte gleichzeitig noch geglättetes und schon krauses Haar auf dem Kopf. Also entschied ich 2014: Haare ab. Raspelkurz.

Seither weiß ich: Aus Haaren lesen Menschen unheimlich viel heraus. Als sie kurz waren, dachten alle: Die Frau ist ultrataff. Seit sie lang und lockig sind, erlebe ich ­diese Blicke, dieses Starren. Ich glaube, Afrohaare gelten im ­Beruf als unprofessionell. Wenn ich arbeiten gehe oder auf eine Party, flechte ich meistens einen Zopf. Ein offener Afro ist vor allem für Männer unter Alkoholeinfluss wie eine Einladung, sie anzufassen. Die Afrohaare natürlich zu tragen, ist durchs Internet einfacher geworden. Man kann Mandel- und Aloe-vera-Öle bestellen, und es gibt Promis mit Afro, zum Beispiel Instagrammerinnen oder Hip-Hopperinnen. Aber es ­entscheiden sich weiterhin viele schwarze Frauen für ­Perücken oder Haarteile, was völlig legitim ist, es sollte jeder selbst überlassen sein.

Seit 2012 bin ich mit Sebastian zusammen, er liebt ­meine Haare. Wir machen zusammen das "KingzCorner" in Aachen, ein Jugendzentrum mit dem Schwerpunkt auf Hip-Hop- und Graffitikunst. Mit den Mädchen komme ich oft über das Thema Haare ins Gespräch. Wie möchtest du aussehen? Warum? Über "Hair Politics" halte ich auch Vorträge. Schon seit Jahrhunderten kann man an Haaren Diskriminierung festmachen. Auf den Sklaven­schiffen wurden die mit der dunklen Haut und den ­krausen ­Haaren aussortiert zur harten Feldarbeit. Die mit der helleren Haut und den glatteren Haaren durften im Haus arbeiten.

Da verschlug es mir kurz die Sprache

Natürlich erlebe ich im Alltag Rassismus. Einmal war ich morgens früher bei meinem Unijob, um eine Veranstaltung vorzubereiten. Die Reinigungskraft fragte mich: "Welche Etage machst du heute?" Da verschlug es mir kurz die Sprache. Aber ich bin viel selbstbewusster als früher. Ich präsentiere meine Gedichte auf der Bühne, "Spoken Word" nennt man diese Kunst. Das sage ich zum Beispiel: "Heimat. Fühlt sich an wie ständige Arbeit. Darüber. ­Wie ich mich identifiziere. Oder nicht. Wer weiß schon außer mir, wer ich bin?"

Protokoll: Ursula Ott

Leseempfehlung

Ely Almeida hat dunkle Haut und unterstützt muslimische Frauen. Hier berichtet sie von ihren Erfahrungen in Bautzen
In der Bibel steht: Gott hat die Haare auf unserem Kopf gezählt. Bekomme ich sie bei der Auferstehung zurück, auch wenn sie im irdischen Leben ausgefallen sind?

Neue Lesermeinung schreiben

Wir freuen uns über einen anregenden Meinungsaustausch. Wir begrüßen mutige Meinungen. Bitte stützen Sie sie mit Argumenten und belegen Sie sie nachvollziehbar. Vielen Dank! Damit der Austausch für alle ein Gewinn ist, haben wir Regeln:

  • keine werblichen Inhalte
  • keine Obszönitäten, Pornografie und Hasspropaganda
  • wir beleidigen oder diskriminieren niemanden
  • keine nicht nachprüfbaren Tatsachenbehauptungen
  • Links zu externen Webseiten müssen zu seriösen journalistischen Quellen führen oder im Zweifel mit einem vertretbaren Prüfaufwand für die Redaktion verbunden sein.

Die Redaktion behält sich das Recht vor, Beiträge zu bearbeiten, macht dies aber stets kenntlich. Wir zensieren nicht, wir moderieren.
Wir prüfen alle Beiträge vor Veröffentlichung. Es besteht kein Recht auf Publikation eines Kommentars.

Lesermeinungen

Liebe Redaktion,
ich habe gerade den Artikel „Guck nicht so …“ gelesen. Natürlich darf man nicht "handgreiflich werden", aber wenn Menschen in einer relativ homogenen Umgebung sozialisiert sind, staunen sie jemanden, der anders aussieht, erst mal an. Das kann für Betroffene sicher unangenehm sein, hat aber noch nichts mit Rassismus zu tun. Oft lehnen aber unsere Mitbürger das Fremde auch einfach ab. Das verstehe ich auch nicht, manchmal wird es kulturhistorisch erklärt, vielleicht ist es auch der pure Egoismus. Ich hoffe, das wird sich ändern, je diverser die Gesellschaft wird. Leider geht das sehr langsam und ich finde es auch richtig, als Betroffener darauf aufmerksam zu machen, wenn man sich diskriminiert fühlt.
Als ich aber den ersten Teil im letzten Absatz las, nahm mein Mitgefühl und Verständnis doch etwas ab. Welcher „… ismus“ steckt eigentlich dahinter, wenn man beleidigt ist, weil man von einer Reinigungskraft als ihresgleichen angesehen wird?
Mit besten Grüßen
Klaus Mehner

Beim letzten Absatz verschlägt es mir die Sprache. Dass Frau Mudimu von einer Reinigungskraft offenbar für eine Kollegin gehalten wird, ist für sie also Rassismus? Der Vorfall ist nicht näher ausgeführt, möglicherweise war Frau Mudimu an dem besagten Tag so früh in der Uni, dass die Putzkräfte noch und die anderen Angestellten noch nicht im Gebäude waren. Was spricht dagegen, den Sachverhalt klarzustellen und dann zu vergessen? Höchstens der "Akademiker-Klassismus", den ich Frau Mudimu hiermit unterstelle, nämlich, dass manche Akademiker gern alle anderen, die einem nichtakademischen Brotberuf nachgehen, für minderbemittelte Untermenschen halten. Mit denen will man dann natürlich nicht verwechselt werden.
Ich bin selbst Reinigungskraft und denke daher, dass der Satz "Welche Etage machst du heute" ganz wörtlich und ohne Hintergedanken gemeint war, da braucht kein Rassismus hineininterpretiert zu werden.

Viele Grüße
I. P.

Sehr geehrte Frau Emilene Wopana Mudimu, sehr geehrte Frau Ursula Ott,
ich, weiss und blondhaarig, bin als Kind und Jugendliche in den 60er und 70er Jahren in Spanien und Äthiopien aufgewachsen. Es verging kaum eine Fahrt aufs Land, nicht selten auch in den beiden Hauptstädten selber, ohne dass ‚wildfremde Menschen‘, Kinder und Erwachsene, auf uns drei Geschwister zukamen, um uns über die Köpfe zu streichen oder in die Haare zu greifen. Gefragt wurde erst gar nicht, und wehren konnten wir uns auch nicht. Manchmal war es spontane Neugier; die war uns Kindern unangenehm, aber zu ertragen, auch weil sie hin und wieder zu interessanten Kontakten führte. Manchmal folgten diesem Verhalten aber auch agressive ‚ferenji‘-Rufe, und aus dem Kreis, der sich bei solchen Gelegenheiten um uns bildete, mußten uns dann andere befreien.
In Schweden, wo ich um die Zeit herum ebenfalls gelebt habe, war es die Tatsache, dass wir Deutsche waren, die dazu führte, dass uns Kindern vor die Füße gespuckt wurde, von Erwachsenen.
Beispiele dafür, dass solche Erfahrungen nicht (nur) von der Hautfarbe abhängen und wahrscheinlich, wenn auch jeweils mit etwas anderen Vorzeichen, (immer noch) universell sind. Diese Einsicht fehlt mir in Ihrem Artikel.
Mit freundlichen Grüssen
Anita Wagner