Gisela Gille und Benjamin Scholz über Sex und Aufklärung

"Ab wann ist es denn schön?"
Begegnung - "Ab wann ist es denn schön?"

Anna Kristina Bauer

Begegnung - "Ab wann ist es denn schön?"

Für Jungs sofort, für Mädchen später, sagen 
die Gynäkologin und der Youtuber. Ein Gespräch über Pornos, Selbstbefriedigung und das erste Mal.

chrismon: Waren Sie glücklich als Pubertierende?

Gisela Gille: Mit mir selber war ich eigentlich im Reinen. Aber die Tanzstunde mit 14, 15 war schrecklich. Ich war damals schon sehr groß, die Jungs sind mir auf Busen­höhe rumgehopst, nur die anderen Mädchen wurden aufge­fordert. Einige Tanzstunden habe ich weinend auf der Damentoilette zugebracht. Ich merkte: Auf einmal ist all das, worauf mein Selbstbewusstsein beruhte, nichts 
wert – ich war sehr gut in Leichtathletik, war Schul­sprecherin, war auch nicht blöd. Aber das war bei den Jungs, die ja auch noch selbst unsicher waren, kein Wettbewerbsvorteil.

Benjamin Scholz: Tanzstunde fand ich auch ganz furchtbar. Ich habe viel in mich reingefressen, habe dann auch das eine oder andere Kilo zugenommen, dadurch war ich aus diesem Wettbewerb raus. Ich wollte auch nicht jung bleiben. Ich wollte erwachsen sein, habe mir einen Bart wachsen lassen, Hemd getragen statt T-Shirt wie die ­anderen. So war ich nicht in diesem Vergleichsdings.

Frau Gille, Sie lassen im Unterricht Mädchen anonym antworten auf die Frage: Würdest du gern etwas an dir austauschen? Ein Mädchen antwortete: "Ja, alles." Ist das häufig?

Gille: Ja, das geht vielen so. Nichts ist gut, nichts ist ­richtig, ich wäre gern dünner, ich wäre gern schöner. Ich ­erkläre ihnen dann: Der weibliche Körper ist von Natur aus ­kurvig, und die Kurvigkeit hat was mit Kinderkriegen zu tun. Bei Mädchen nimmt das Fettgewebe in der Pubertät um 50 Prozent zu, eine Reserve für die Schwangerschaft in Hungerzeiten. Perfekt von der Natur. Nur: Wenn der natürliche weibliche Körper keine gesellschaftliche An­erkennung findet, muss ich verzweifeln an der Orangenhaut an meinen Oberschenkeln.

Dr. med. Gisela Gille

Gisela Gille ist 
Ärztin; seit 30 Jahren klärt sie in Schulen Mädchen auf und ­stärkt ihr Selbst­bewusstsein beim ­Erwachsenwerden. Mit "Mädchen fragen Mädchenfragen" ­
(ab elf Jahren) und "Mädchen fragen – Mütter wissen" 
(für Erwachsene) 
veröffentlichte sie ein Aufklärungsbuch 
im Doppelpack 
(Springer, je 19,99 Euro). 
Sie hat zwei Töchter und einen Sohn 
und lebt in ­Lüneburg.
Anna-Kristina BauerDr. med. Gisela Gille

Benjamin Scholz

Benjamin Scholz beantwortet an 
Schulen und in ­seinem erfolgreichen Youtube-Kanal "jungsfragen" alle Fragen zu Pubertät und Sexualität. 
Jetzt auch in Buchform: "Jungsfragen. Alles, was du über deinen Körper, 
Sex und Pubertät wissen musst" 
(Rowohlt-Verlag, 
10 Euro). Außerdem gibt er Seminare für Jugendbetreuerinnen und Lehrer. Er ist selbstständiger ­Me­dienproduzent und lebt in Köln.
Anna-Kristina BauerBenjamin Scholz

Scholz: Ich denke auch, dass Mädchen mehr zweifeln. Aber die Jungs stehen inzwischen auch unter einem ­unfassbaren Druck, was das Aussehen betrifft. ­13-Jährige wollen am liebsten sofort so aussehen wie diese er­wachsenen, voll entwickelten Modeltypen, deren Fotos alle bearbeitet sind. Deswegen laufen sie schon mit zwölf, 13 in die Fitnessstudios, um sich zu stählen, essen Eiweißprodukte oder haben Essstörungen wie die Mädchen.

Sie klären an Schulen auf – welche Altersstufe?

Scholz: Ich spreche mit Jungs ab der 8. Klasse, da sind 
sie 13, 14 . . .

Gille: Ja, Jungs sind erst in der 8. Klasse so weit. Ich habe die Mädchen meist in der 6. Klasse. Weil das genau das Alter ist, in dem sie heute die Regel kriegen, manche schon mit neun, manche mit 16, aber die meisten mit zwölf. Die Mädchen erleben das immer noch eher als etwas, das man besser versteckt. Ich sage ihnen, dass sie darauf stolz sein können, dass das ein Zeichen dafür ist, dass ihr Körper gesund, lebendig und ganz weiblich funktioniert. Männer können nur bluten, wenn sie sich verletzt haben, Frauen können bluten als Zeichen von Gesundheit. Sie können darauf genauso stolz sein wie die Jungs auf den ersten ­Samenerguss.

Warum gehen Sie überhaupt in Schulklassen – es gibt doch Sexualkundeunterricht!

Scholz: Der Sexualkundeunterricht in der Schule zeigt den Kindern vielleicht, wie man ein Kondom überzieht, aber dann geht es weiter mit Eizelle, Befruchtung, Kind . . . Das ist so verkopft und geschieht unter Zeitdruck. "Schlagt schnell das Buch auf, das ist die Anatomie, schreibt mal kurz hin, Hoden, Schamlippen" – und dann: Zellteilung. Alles, was zum Leben gehört, dieser ganze Bums – also ich spreche jetzt so wie in den Jungsfragen-Videos –, also der ganze Bums, wo musst du dich waschen, wie sprichst du am besten deinen Schwarm an, Vorhautverengung ­pipapo, den erklärt einem niemand.

"Mein Penis ist nur so und so viel Zentimeter lang – ist das normal?"

Und warum machen gerade Sie das?

Scholz: Ich war schon immer medizinisch interessiert, ich kriege schnell einen Draht zu Jugendlichen, und viele Leute sind bei diesem Thema – im Gegensatz zu mir – schambehaftet. Also mache ich das eben. Und ich mache es gern. Auch wenn ich kaum Geld damit verdiene. Das ist mein Geschenk an die Welt. Waah, klingt das doof!

Gille: Das kann ich gut verstehen, es ist in höchstem ­Maße befriedigend. Wenn die Schülerinnen mir die Tasche bis zum Auto tragen, nur um weitere Fragen loszuwerden, denke ich mir: Heute hast du nicht umsonst gelebt.

Was werden Sie am häufigsten gefragt?

Scholz: Die wichtigste Frage ist immer: Ich bin 13 und mein Penis ist nur so und so viel Zentimeter lang – ist das normal?

Gille: Ich hatte einen Jungen in der Klasse, der sagte, er habe in einem Video einen Mann mit 30-Zentimeter-
Penis gesehen. Die Jungs erschauerten alle. Da muss man dann schon erklären, dass die Scheide der Frau etwa zehn Zentimeter lang ist und nur im unteren Drittel überhaupt berührungsempfindlich, sonst würden Frauen eine Geburt gar nicht durchstehen. Wo der mit 30 Zentimeter hinwill, das weiß ich nicht, das ist eine Tortur.

Scholz: Unter der Gruppendusche bei den Jungs ist das super. Da bist du der Held, wenn es da unten baumelt ohne Ende, da ist man in der ganzen Klassenstufe die Nummer eins. Jeder weiß: Der hat ein riesiges Teil. Aber das bringt im Zwischenmenschlichen gar nichts. Ich sage den Jungs ganz klar: Es ist fast schon eine Strafe, und zwar für beide Seiten. Auch, weil eine Frau, die so ein Gehänge sieht, sich ganz schnell wieder anzieht.

Mädchen sind aber auch überrascht, wie sie sich untenrum verändern, oder?

Gille: Die Schamgegend von Mädchen kann man mit einer Knospe vergleichen, die in der Pubertät aufgeht. Das heißt, die Schamlippen werden größer, die inneren oft größer als die äußeren – das finden viele Mädchen nicht schön, es könnte sich ja ein Junge ekeln. Im Unterricht meldete sich mal eine ältere Schülerin und sagte zu einer anderen: "Du, das ist nicht so schlimm, wenn du erst mal merkst, wie die Kerle geil da drauf sind . . ." Das ist aber eine Falle! Denn das bedeutet: Ich finde mich erst dann in Ordnung, wenn ich begehrt werde.

"Der erste Samenerguss: bei manchen mit neun, bei anderen mit 15"

Was genau ist die Falle?

Gille: Mädchen merken früh, dass Jungen einen schönen Körper vorziehen, schöne Mädchen haben viele Chancen, sie können wählen. Und Mädchen denken: Erst dadurch, dass ein Typ mich toll findet, bin ich wer. Sie interes­sieren sich dann auf einmal nur noch für die Hobbys der ­Jungen, applaudieren ihnen und vernachlässigen ihre ­eigenen ­
Fähigkeiten. Erst neulich fragte mich eine Lehrerin: ­
"Frau Gille, wie kommt das, dass sich die Mädchen in der Pubertät immer noch den Schneid abkaufen lassen?" Ich sage den Schülerinnen immer: Nur diejenigen, die zu sich selbst Ja sagen können, können Nein sagen zu Dingen, ­
die sie nicht wollen.

Scholz: Da haben wir dasselbe Credo, ich sage in "Jungs­fragen" auch immer: So, wie du bist, ist das alles voll­kommen okay, keine Sorge.

Es muss nicht alles in einem ganz bestimmten Alter sein?

Scholz: Nein. Nehmen wir die Schambehaarung – die beginnt bei manchen mit neun, bei anderen mit 13 Jahren. Oder der erste Samenerguss: bei manchen mit neun, bei anderen mit 15. Ich sag den Jungs: Irgendwann kommt ­alles! Wenn man mit 16 noch überhaupt keine Achselbehaarung hat oder die Hoden relativ übersichtlich sind, dann sollte man vielleicht tatsächlich mal die Hormone checken. Aber in der Regel ist jeder am Ende ein Mann. Der Weg ist egal, das Ziel ist das Ziel.

Ihnen schrieb auch mal ein 13-Jähriger verzweifelt: 
Ich hab noch keine Freundin und keinen Sex gehabt!

Scholz: Und? Ist ja kein Wettbewerb! Und mit 13 bist du noch sooo jung, komm erst mal mit dir selber klar, lern dich selber kennen. Selbst wenn du mit 18, 19, 20 noch keine Freundin hast – egal!

Gille: Die sexuelle Erfahrung Gleichaltriger wird grandios überschätzt. Von den 14-jährigen Mädchen haben nur sechs Prozent sexuelle Erfahrungen, und mit 17 ist immer noch ein gutes Drittel Jungfrau, mit steigender Tendenz. Das erste Mal ist heute später, wie alle Jugendbefragungen einstimmig ergeben. Übrigens schätzt ein Drittel der ­Mädchen das erste Mal im Rückblick als zu früh für sich ein. Sie empfinden oft Gruppendruck und wollen nicht die letzte Jungfrau im Universum sein.

"Ich hab schon mit vier Jungs ge­schlafen, aber wann wird es schön?"

Wie wehrt man sich gegen Gruppendruck?

Scholz: Indem man sich bewusst macht, dass viel Schaum geschlagen wird.

Gille: Ich sage ihnen: Die eine trifft ihren Traumboy ­früher, die andere später. Das kann man sich nur ­wünschen, aber nicht erzwingen.

Merken Sie in den Klassen einen Unterschied zwischen Teenagern mit und ohne Migrationshintergrund?

Gille: Ich merke, dass es ganz tolle Schulstunden sind, wenn da ein selbstbewusstes Mädchen mit Kopftuch, hübsch, vielleicht auch geschminkt, sitzt und sagt: "Ich bleibe Jungfrau bis zur Heirat." Und daneben sitzt eine 14-Jährige, die sagt: "Ich hab schon mit vier Jungs ge­schlafen, aber, Frau Gille, wann wird es denn schön?" Ich vermittle ihnen: Die Entscheidung, bis zur Ehe Jungfrau zu bleiben, steht jedem Mädchen und jedem Jungen zu. Das ist kein Makel. Und wenn sie vorher den Richtigen finden, sollen sie wissen: Jungfräulichkeit kann keiner kontrollieren, kein Mann, keine Ärztin. Ohnehin können Mädchen sehr gut selbst auf sich aufpassen.

70 Prozent der 14- bis 17-jährigen Jungs masturbieren, aber nur 32 Prozent der gleichaltrigen Mädchen. Die haben das erste Mal Sex oder auch das fünfte Mal und wissen gar nicht, was ihnen gefällt?

Gille: Das stimmt. Das hat für mich einen Grund. Sexualität ist nicht gleich Sex. Sexualität hat nicht nur mit Lust zu tun, sondern auch mit Fruchtbarkeit und vor allem mit Beziehung und Identität. Jungen starten mit dem Lust­aspekt, Mädchen starten mit dem Beziehungsaspekt. Und wenn die Beziehung super ist, merken sie, dass sie diesem Menschen noch viel näher sein möchten. Für Mädchen ist das Gefühl von Zusammengehörigkeit sehr wichtig. Beide müssen erst lernen, im umfassenden Sinne Sexualität zu leben. Aber wenn zwei 14-Jährige aufeinanderstoßen, läuft das oft schräg.

Scholz: Ich sage in meinen Videos ganz oft: Durch die Selbstbefriedigung lernt ihr euch selber kennen. Und das bringt euch später beim Sex ganz viel, weil ihr dann ­sagen könnt, "das ist gut, und das bringt mir gar nichts". ­
So ­können beide den Respekt voreinander wahren.

"Das Ziel der Jungs ist: Hauptsache, das Teil ist mal irgendwo drin."

76 Prozent der Jungs empfinden das erste Mal als etwas Schönes, aber nur 51 Prozent der Mädchen.

Scholz: Das Ziel der Jungs ist: Hauptsache, das Teil ist mal irgendwo drin.

Gille: Beziehung und Fruchtbarkeit sind für Jungen erst mal böhmische Dörfer. Für sie ist der erste Samenerguss mit Lust verbunden. Für Mädchen ist die erste Menstrua­tion dagegen oft nicht nur Geschenk, sondern auch ­Zumutung. Viele Mädchen finden erst über die Liebe auch zum Sex, während viele Jungen über Sex zur Liebe finden.

Scholz: Richtig. Exakt so! Sie kommen beide von unterschiedlichen Seiten. Und irgendwann gleicht sich das aus.

Aber wenn so viele Mädchen das erste Mal unschön ­finden, das hat ja Folgen!

Scholz: Definitiv! Vielleicht hängt dieses Überangebot an Pornos damit zusammen?! Wenn die Jungs endlich an ihrem Ziel angekommen sind, sie endlich mit ihrer Freundin schlafen können, denken sie vielleicht: Ich mach das jetzt genauso, wie ich es in den Pornos gesehen habe. 
37 Stellungen innerhalb von zwei Minuten. Das ist nichts Liebevolles mehr. Den Jungs fehlt heute, gefühlvoll in die Situation reinzugehen. Die sind natürlich auch total ­nervös. Aber vielleicht fehlt auch die Kommunikation – von beiden Seiten. Ich könnte mir vorstellen, dass das erste Mal für Mädchen auch deshalb schwierig ist, weil sie Scham fühlen: Darf ich ihm/ihr das jetzt sagen, dass mir das nicht gefällt? Klar! Und gleichzeitig müssen Jungs auch darauf achten, dass das da unten kein Acker ist, 
der durchgepflügt werden muss.

Gille: Aber ich glaube auch, dass Jungs in dem Alter noch­ ­eine ziemliche Distanz zu ihren Gefühlen haben. Gefühle zuzugeben, sich so aus der Hand zu geben, sich hinzugeben, ist für sie sicher erst mal schwieriger, bisher war Coolness angesagt. In der Studie steht aber auch, dass die Mädchen es dann schön fanden, wenn die Beziehung schon länger bestand und wenn die Mädchen ­älter waren. Dann waren auch ihre Partner ein bisschen älter.

"Echter Sex ist gefühlvoller und ruhiger"

Sie warnen vor Pornos: Pornos könnten abstumpfen.

Scholz: Jein. Ich sage bewusst nicht: Hört auf damit. Die würden ja eh nicht damit aufhören. Ich sage: Reduziert es. Sucht euch einen Tag in der Woche, an dem ihr das ganze Internet leer guckt und den Rest der Woche macht ihr’s nur mit der eigenen Fantasie. Weil es sonst passieren kann, dass sie mit ihrer Partnerin, ihrem Partner in der Kiste liegen und überhaupt keine Lust mehr haben – weil es eben nicht so ist wie in den Pornos.

Wie erklären Sie den Unterschied zwischen Pornografie und echtem Sex?

Scholz: Die Stellungen sind anstrengend und ungemütlich und überhaupt nicht geil. Echter Sex ist viel gefühlvoller und ruhiger.

Gille: Und dann die Rollenverteilung im Porno, dass Frauen angeblich immer wollen und dass Männer dominant sind. Pornografie ist kein Medium für Mädchen. Und sie finden Pornos eklig und Jungs, die Pornos konsumieren, blöd.
Manche Jungs schicken sich gegenseitig Pornoclips aufs Handy, auch welche voller Gewalt . . .

Scholz: Wovor ich tatsächlich warne, sind Gewaltvideos mit Vergewaltigungen und Kinderpornografie. Ganz furchtbar. Und strafbar. Eltern müssen Kindern bewusst machen, dass es Videos gibt, die überhaupt nicht ok sind. Und ich sage auch ganz klar: Wenn dir jemand eine Nackt­aufnahme von sich geschickt hat, darfst du die nicht einfach an andere weiterschicken. Das ist eine krasse Straftat!

Aber im Zweifel kriegen Eltern das gar nicht mit!

Scholz: Es ist wichtig, dass Eltern im Vorhinein absolut offene Gesprächsbereitschaft zeigen. Pass auf, du hast jetzt ein Smartphone, da werden eventuell auch merkwürdige Bilder und Videos kommen, die dich vielleicht verwirren.
Du musst die nicht gut finden, du darfst die löschen. Sprich mit uns, sobald du etwas komisch findest oder es nicht mehr aus dem Kopf kriegst, weil es schlimm ist. Und wenn du nicht mit uns sprechen willst, geh zum Vertrauens­lehrer. Du bist nicht verpflichtet, mitzumachen.

Welche Frage hat Sie berührt?

Scholz: Ich habe ein Video gemacht, das homosexuelle ­Jugendliche ihren Eltern schicken können – da übernehme ich sozusagen das Coming-out. Wenn mir daraufhin die Jugendlichen schreiben, wie großartig das aufgenommen wurde, dass die Eltern sofort angerufen haben . . . Nah geht mir auch, wenn ich höre, dass Jugendliche gemobbt werden, weil sie anders sind, oder dass sie wegen ihrer Homo­sexualität zu Hause rausgeschmissen werden oder nur geduldet statt akzeptiert werden.

Gille: Mich berührt, wenn mir Schülerinnen sagen: "Meinem Freund gefällt es immer, mir nicht, und ich ­gebe mir die Schuld daran." Ich kann dann leider nicht viel mehr dazu sagen, außer: Dann warte doch lieber noch ein ­bisschen! Vielleicht muss man beim ersten Mal wirklich 
17, 18, 19 sein.

Moderation: Christine Holch, Mareike Fallet

Nebenbei gefragt

Frau Gille, 
welchen Tipp 
hätten Sie sich in der Pubertät ­gewünscht?

Mir hätte jemand 
sagen sollen: 
Warte bis 20, bis die Jungen so weit sind, dass ich mit ihnen was anfangen kann.

Wie sagen Sie zu "Sex haben"?

Jedenfalls nicht "­Geschlechtsverkehr", von so einem Wort wird einem ja übel.

Worüber reden Sie sonst noch gern?

Wie es kommt, 
dass etwas so ist, 
wie es ist. Und über den Garten.

 

Herr Scholz,
 welchen Tipp hätten Sie sich in der 
Pubertät gewünscht?

Ich wäre zwar 
beleidigt gewesen, hätte mir aber ­dennoch gewünscht, dass mich ein Styling-Guru an die Hand nimmt.

Ihr Wort für 
"Sex haben"?
Gegenüber meinen Jungs: Bumserei.

Worüber reden Sie sonst noch gern?
Ich rede gern über Dämliches, weil 
ich so gern lache. 
Und ich rede viel, 
aber nicht gern über Politik – ­Klimawandel, ­Rechtsruck . . .

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Lesermeinungen

Sehr geehrte Damen und Herren,
Ihre letzte Ausgabe von chrismon hat mich doch sehr an die Zeitung BRAVO erinnert. Irritiert hat mich besonders die Aussage von Herrn Scholz „viele Leute sind, im Gegensatz zu mir, schambehaftet.“ Wer Kind hat, der weiß, dass Kinder ab einem bestimmten Alter ein natürliches Schamgefühl entwickeln.
Mit besten Grüßen,
Helga Zepter

Sehr geehrte Redaktion,
der Artikel "die darf man alles fragen" ist basiert auf Sensationsheischerei. Jugendliche, die zueinerander in Liebe und Zärtlichkeit finden brauchen keinerlei "Beratung", und haben nie eine gebraucht; ausserdem scheint her Benjamin Scholz keine Ahnung von der weiblichen Sexualität zu haben, oder wenigstens noch nicht viel Erfahrung, denn seine Argumente, die er "wissenschaftlich" nennt, sind falsch (wir sind doch keine Roboter).Die Sexualität wächst in jedem Menschen seit der Geburt, seit der Geburt gibt es Erektionen, und die Pubertät ist lediglich eine Zeit der Wirren, in denen das Begehren nach Ausdruck sucht, und sich somit von seiner bisherigen kindlichen Welt ablöst (Psychologie), ferner sind die im Körper stattfindenden Drüsenaktivität bei Mann und Frau verwirrend, die schwer zu erkennen sind, selbst bei Erwachsenen; und die in uns Unbehagen auslösen können, solange wir sie nicht für uns selbst kennengelernt haben. Die geschlechtlichen Erfahrungen machen Mann und Frau gemeinsam, im Gespräch, im sich öffnen, niemand kann im vorherein wissen , was sich zwischen zwei Menschen tut, das ist Intimität und die ist heilig, es gibt eine Schamschwelle, die darf man nicht angreifen. Die in diesem Text verwendeten Worte sind brutal, vulgär und verletzend. Leider "hat" man ja im deutschen Sprachbereich "Sex" "Sex haben", also eine Perspektive, die nicht viel Raum gibt zur Liebe, als wäre es eine Krankheit oder eine Phase, die man so "hat". Wer mit Jugendlichen über die Positionen der Pornografie spricht, der leitet die Ideenwelt von jungen Menschen völlig falsch. Ausserdem ist Herr Scholz kein Mediziner und auch kein Psychologe, denn beides könnte eventuell zusammen gehen, falls ein Jugendlicher Rat anfordern sollte, der sollte aber lieber individuell gegeben werden und nicht in der Gruppe. Die Mediensucht verleitet leider viele zu ungesunden Verhalten und ungesunder Neugier.
Da wäre noch viel zu sagen, und ich würde gerne auf die Einzelheiten eingehen. Dieser Text hat mich sehr schockiert, bei all dem, was er an Falschem beinhaltet, und so was lässt man auf die Jugend los.

In diesem Bereich geht wohl nichts über die eigene Erfahrung, lieber unerfahren in die Sexualität gehen, also mit falschen Ideen, denn Jugendliche haben ja doch leider kann Wahl, sie hören auf die "Weisheit der Älteren" als wäre das die einzige Wahrheit.

Mit freundlichen Grüssen

PS: Frau Gille als Gynäkologin hat sicher von den Bartholin-Drüsen gehört, das könnte Ihr helfen über Sexualität zu sprechen. Letztlich funktionnieren die Drüsen aber nur, bei Zuneigung, weil sie mit dem Kopf zusammenarbeiten: die Zuneigung sollte man pflegen und Liebe lernen, davon gibt es leider nicht mehr viel.
Gabriele Kammer

Sehr geehrte Damen und Herren,
ich lese chrismon schon seit Jahren. Ich bin meistens aber von den Artikeln, die ich als oberlehrerhaft und dem Zeitgeister hinterher rennend empfinde, genervt. Das Heft 02/2020 hat mir aber ausnahmslos gut gefallen. Berichte von Menschen und über Menschen, ohne erhobenen Zeigefinger. Insbesondere der Bericht über Gisela Gille und Benjamin Scholz hat mir sehr gut gefallen.
Mit freundlichen Grüßen
Stefan Bohnsack

Ein interessantes Gespräch, und Aussagen, die ich so nicht erwartet hätte. Viel Unsicherheit insgesamt, aber generell haben die Jungs wohl mehr Spaß und Lust am Sex. Erschreckend ist aber schon die Aussage "Meinem Freund gefällt es immer, mir nicht, und ich ­gebe mir die Schuld daran." Das ist ja doppelt schlimm, nicht sagen können, dass es einem nicht guttut und sich dann auch noch schuldig fühlen! Frau Dr. Gille meint dazu "Dann warte doch lieber noch ein ­bisschen! Vielleicht muss man beim ersten Mal wirklich 17, 18, 19 sein."

Ja - warten können, das wäre vielleicht eine Option, und sie kommt in Form der Muslima mit Kopftuch, die sich selbstbewusst dazu bekennt, mit dem Sex bis zur Ehe zu warten. Und das wird dann nicht als leibfeindlich und verklemmt bewertet, sondern positiv, das finde ich schön. Denn auch ich als Christin glaube, dass die sexuelle Beziehung in die Ehe oder zumindest in einen geschützten Rahmen gehört. Und da möchte ich jetzt kritisch anfragen, würde so eine Aussage eines christlichen Mädchens oder Jungen auch so positiv aufgenommen, oder wäre man damit nicht ganz schnell in der Ecke der unaufgeklärten, lustfeindlichen Christen?

Zusätzlich zur Aufklärung würde ich mir wünschen, dass es in der Schule oder im Rahmen solcher Fragestunden auch um gelingende Beziehung geht. Gott hat die Sexualität geschaffen - es war seine Idee und wir sollten sie genießen und verantwortungsbewusst damit umgehen!