Bischof Heinrich Bedford-Strohm über seinen Glauben

Klar kann man Genießer sein
... Oder Humanistin. Oder Skeptiker. Viele Lebensstile sind ­attraktiv. Doch nichts tröstet und motiviert so wie die christliche Hoffnung.

Vorgelesen: Auf ein Wort "Klar kann man Genießer sein"

Warum entscheidet sich jemand, Christ zu sein? Diese Frage stellen sich nicht nur Menschen, die aus einer neugierigen Distanz auf das Chris­tentum schauen. Auch für Menschen, die schon eine eigene Geschichte mit dem christlichen Glauben haben, ist es sinnvoll, sich diese Frage zu stellen. Auch ich muss mich immer wieder vergewissern, wofür ich als Bischof in der Öffentlichkeit einstehen will. Denn es gibt auch andere durchaus attraktive Wege für die eigene Lebensorientierung.

Der stille Genießer zum Beispiel sagt: Niemand hat ­etwas da­von, wenn ich mir das Leben schwermache. Ist der Kampf gegen das Leid der Welt nicht ein Kampf ge­gen Windmühlenflügel? Was kann ich als Einzelner schon ­ändern? Also freue ich mich ganz einfach an meinem ­Leben, an der Schönheit, am guten Essen und Trinken, an meiner Familie – und vielleicht strahlt mein Glück dann auch über mich hinaus.

Heinrich Bedford-Strohm

Prof. Dr. Heinrich Bedford-Strohm, Jahrgang 1960, ist seit 2011 Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern (ELKB) und seit 2014 Vorsitzender des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Zuvor war er an der Universität Bamberg Professor für Systematische Theologie und theologische Gegenwartsfragen.
Thomas Meyer/Ostkreuz

Der skeptische Be­obachter sagt: Gibt es überhaupt ­etwas, an das sich zu glauben lohnt? Blendet nicht ­jede Welt­anschauung einen Teil der Wirklichkeit aus? ­Schlagen sich die Leute nicht gerade deswegen die Köpfe ein, weil sie so von einer Sache über­zeugt sind, dass ihnen jedes Mittel zu ihrer Durch­setzung recht ist?

Der engagiert-aufgeklärte Humanist sagt: Wozu so viele Worte über Gott oder über Jesus machen, warum sich auf religiöse Formeln einlassen? Geht es nicht letztlich nur darum, dass alle Menschen in Würde le­ben können, und reicht es nicht aus, dafür seine Kraft einzusetzen? Ist es nicht genug Lebenssinn, an das Gute im Menschen zu glau­ben und sich über jeden kleinen Schritt zu mehr ­Gerechtigkeit und Frieden zu freuen?

Verwandelt sich das Genießen nicht schnell in Langeweile?

Alle drei Wege sind verlockend, wenn ich mich einmal versuchsweise in sie hineinversetze. Aber es fehlt mir ­etwas. Trägt der engagiert-aufgeklärte Humanismus noch, wenn ich eine Enttäuschung nach der anderen ­erlebe, wenn das Le­ben mit Füßen getreten wird und die Brutalen, die Schamlosen, die Skrupellosen die Oberhand gewinnen? Verwandelt sich das Genießen nicht ­schnell in Lange­weile und Unzufriedenheit, wenn es nur um ­meine eigenen Bedürfnisse geht?

Was ist, wenn es einmal nichts mehr zu genießen gibt, wenn das Leid mich einholt und ich darauf angewiesen bin, dass andere mir helfen? Und mündet das skeptische Beobachten nicht doch sehr leicht in Trost­losigkeit oder gar Zynismus? Bin ich nicht nur des­wegen vor Enttäuschungen sicher, weil ich keine ­Hoffnungen mehr habe?

Christ sein: Hoffnung muss man spüren

Weil die anderen Wege für mich keine wirklich ­befriedigenden Antworten bieten, bin ich Christ. Als Christ muss ich die Realität nicht beschönigen, ich kann mich dem Unrecht, der Gewalt und den Abgründen ­stellen und darf trotzdem radikal hoffen. Jesus hat am Kreuz ­geschrien: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Die Opfer von Krieg und Gewalt heute schreien genauso. Wer sich auf den Glauben an die Auferstehung Jesu Christi einlässt, hofft, dass die Gewalt nicht das letzte Wort hat. Dass das Leben siegt.

Hoffnung kann man sich nicht einreden. Man muss sie spüren. Ich spüre diese Hoffnung, wenn ich Verse aus dem Buch der Offenbarung lese, dem letzten Buch der Bibel. Dort ist von dem neuen Himmel und der neuen Erde die Rede, auf die wir zugehen. Da wird alles neu: "Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein . . ." (Offenbarung 21,4). In dieser hoffnungsvollen Perspektive möchte ich leben, denn sie bringt Menschen dazu, die Welt zu verändern – zum Guten.

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Lesermeinungen

Sehr geehrter Herr Bedford-Strohm,
vielen Dank für den bereichernden und glaubensstärkenden s.g. Artikel!
Als ich die von Ihnen anfangs gestellte Frage: "Warum entscheidet sich jemand, Christ zu sein?", gelesen hatte, habe ich mir erst einmal diese Frage selbst gestellt und bin zu folgender Antwort gelangt:
1. Meine christliche Erziehung hat mich dazu gebracht, d.h. die Prägung durch das Elternhaus.
2. Das christliche Umfeld meines Zuhauses, der Lehrer, Mitschüler, Freunde etc.
3. In der Bibel erfahren wir alles über Jesus Christus.
Ob sie wirklich das Wort Gottes ist, welchen Gottes und wieviel Wahrheitsgehalt überhaupt in ihr steckt, fand ich durch ein genaues und intensives Bibelstudium mit Vergleichen geschichtlicher Aufzeichnungen und wissenschaftlicher Hintergründe heraus.
4. Jesus selbst war Jude. Juden stehen unter dem alten Gesetz, dem alten Bund, dem "Alten Testament". Dieses enthält so viele einzelne Gebote, die vollkommen einzuhalten einem unvollkommenen Menschen, wie ich es bin, nicht perfekt möglich ist. Doch Jesus war vollkommen und konnte diesen Bund als einziger Mensch vollkommen erfüllen. Mit seinem Tod hat er diese Aufgabe also vollkommen erledigt und damit den "Alten Bund" vollkommen erfüllt (Matthäusevangelium 5 Vers 17). Damit sind wir als seine Nachfolger nicht mehr diesem "Alten Bund" unterstellt, sondern unter seinem "Neuen Bund", der weit über jenen "Alten" hinausgeht: In der Bergpredigt (Matthäus 5-7) zählt Jesus etliche dieser Gebote aus dem "Alten Testament" auf:"Ihr habt gehört ...", und ergänzt oder verbessert sie: "Ich aber sage euch ...". Das alles faßt er später unter dem dreiteiligen christlichen Gebot: Du sollst a) Jehova, deinen Gott, mit deinem ganzen Herzen, deiner ganzen Seele und deinem ganzen Denken lieben und b) deinen Mitmenschen wie c) dich selbst (Matthäus 22 Verse 34 - 40). Würde jeder Mensch redlich und ehrlich versuchen, sich daran zu halten, wäre die Welt wohl um Etliches friedlicher und fast schon paradiesisch.
Das ist ja das, was unser liebevoller Schöpfer für uns vorgesehen hatte. Bisher haben die Menschen das aber nicht wirklich als "Politik" ( = Theokratie) ausprobiert. Nein, wie Adam und Eva meinen sie, selbst erkennen zu können, was gut und was böse ist. Daher diese mistigen Zustände auf Erden.
5. Da Jesus das "Alte Testament" perfekt bis in seinen Tod hinein erfüllt hatte, war es hinfällig. Mein Vater gebrauchte gern den Vergleich mit bezahlten Rechnungen, die man in früheren Kontoren aufspießte. Deswegen stehen seine Nachfolger unter dem "Neuen Bund", den er zwischen Gott und seinen Nachfolgern schloß mit ihm als Mittler, weswegen wir auch unsere Gebete durch ihn an seinen Vater, Jehova Gott, richten.
6. Um die ursprünglich für uns vorgesehenen Zustände wiederherzustellen, lehrte er uns beten:" ... Dein Reich komme, (damit) Dein Wille geschehe (er geschieht ja offensichtlich heute nicht), wie im Himmel so auch auf Erden ...". Als Christen haben wir also die Zuversicht, daß durch das Eingreifen des nun im Himmel herrschenden Jesus im Auftrage seines Vaters Jehova, die ursprüngliche Bestimmung für Erde und die darauf befindlichen Lebewesen, einschließlich Menschen, wiederhergestellt wird.
7. Der Glaube (gem. Hebräer 11 Vers 1: die juristisch gesicherte Erwartung), daß diese Rettung durch unseren Heiland Jesus bald Wirklichkeit wird (Matthäus 24), stärkt mich enorm, in diesen finsteren Zeiten nicht zu verzagen. Durch diesen Glauben haben viele Menschen auch die schwersten Prüfungen überstehen können, angefangen mit Hiob, bis hin zum "Holocaust". Deswegen ist es auch so wichtig,daß wir Christen uns ständig gegenseitig im Glauben stärken. Insbesondere, da wir uns hier noch in relativ friedlichen Zeiten befinden.
Durch Ihren Artikel haben Sie mir andere einleuchtende Argumente geliefert, die mir sehr geholfen haben, z.B.:
- "Der stille Genießer sagt zum Beispiel: ...Was kann ich als Einzelner schon ändern? Also freue ich mich ganz einfach an meinem Leben ..." Das erinnert mich an Matthäus 24 Verse 38ff: " Wie es in den Tagen Noahs war: Die Menschen genossen ihr Leben, denn wer weiß, was morgen sein wird ...".
- "Der Humanist sagt: ...Alle Menschen sollen in Würde leben können, wofür man seine Kraft einsetzt und an das Gute im Menschen glaubt." Das ist ja der christliche Grundgedanke. Aber das alles reicht eben nicht aus!
- "Wer sich auf den Glauben an die Auferstehung Jesu Christi einläßt, hofft, daß die Gewalt nicht das letzte Wort hat. Daß das Leben und die Liebe (!) siegt.
Nochmals vielen Dank für Ihren großartigen Artikel und Gottes Segen für Ihr weiteres Werk!
In christlicher Verbundenheit

Sehr geehrte Damen und Herren!
Sehr geehrter Herr Bedford-Strohm!
"Die Opfer von Krieg und Gewalt heute schreien genauso" schrieben Sie, genauso wie Jesus in zwei der vier Evangelien am Kreuz. Aber wie es aussieht, kann Gott der Allmächtige die Schreie dieser Opfer nicht hören und damit auch nicht erhören.
Gründe hierfür sind sicher auch die vielen Geräusche und Töne, die Sie und die anderen christlichen Kirchen verursachen, mit denen Sie die göttlichen Gehörgänge verstopfen und erschöpfen: das laute Schlagen von Glocken, das extensive Spielen von Orgeln, das wiederholte Absingen von Liedern, das ewige Bekennen des Glaubens, die nicht-enden-wollenden Vorschläge und Bitten, was dieser Allwissende besser machen solle etc. p.p.
All das haben die Ohren Gottes doch schon milliardenmal bis zum völligen Überdruss gehört, aber durch Ihre Arbeit müssen sie es immer wieder und wieder und wieder anhören. Und an seinem göttlichen Ruhetag (Buch Genesis 2,3) muss er davon sogar besonders viel ertragen. Ich bitte Sie daher dringend, dies in Zukunft zu reduzieren oder am besten ganz zu unterlassen. Denn nur dann würden Gottes Hörorgane das schwache Flehen seiner unterdrückten Kreatur endlich besser hören können. Und nur dann würde er vielleicht nicht erst im "neuen Himmel und der neuen Erde" sein Taschentuch hervorholen, um "alle Tränen von ihren Augen" abzuwischen.
Mit freundlichen Grüßen
Manfred Schleyer

Liebe Chrismon, lieber Herr Bedford-Strohm,
danke für Ihre berührende Kolumne „Auf ein Wort“ in der Ausgabe 01.2020.
Ihre Zeilen waren für mich wahrhaftig, ehrlich und sehr wahr, nämlich, dass nichts so trägt wie die „lebendige Hoffnung“ Jesus Christus und die Botschaft vom Evangelium. Sie haben für mich, als Protestantin, den Kern der Kraft des Glaubens an den christlichen Gott auf den Punkt gebracht. Ich bin selber nicht in der Landeskirche und stehe manchen kirchlichen Aspekten kritisch gegenüber. Hier aber war ich überrascht von einem tiefgründigen und sehr präzisen Text. Vielen Dank dafür. Wie schön zu sehen, was uns als Christ*innen alle vereint.
Mit freundlichen Grüßen

Allen ein frohes neues Jahr,
Dass alle Träume werden wahr;
Mit dem Wunsch für unsere Welt,
Dass sich endlich Frieden einstellt;
Weltweit kein Kind mehr weinen muss,
Mit Flucht und Vertreibung ist Schluss;
Dass man die mahnenden Worte hört,
Und nicht die Umwelt weiter zerstört;
Man nicht zum Tage macht die Nacht,
Wir wollen schau'n die Sternenpracht.
Die Menschen legen ab den Neid,
Die Religionen ihren Streit;✝️☪️✡️
Fromme und Heiden sind vereint,
Uns're Sonne für alle scheint.

Rainer Kirmse , Altenburg