Autorin Manja Präkels und der Leipziger Oberbürgermeister Burkhard Jung über das Verhältnis zwischen West und Ost

"Wie wenig
 wisst ihr eigentlich?"
Begegnung - Burkhard Jung und Manja Präkels

Charlotte Sattler

Begegnung - Burkhard Jung und Manja Präkels

Wessis von Ossis. Und umgekehrt. Darüber wundern sich 
die Berliner Schriftstellerin und der Leipziger Oberbürgermeister. Und haben ein paar Vorschläge.

chrismon: Herr Jung, wird Ihnen heute noch gesagt, dass Sie ein Wessi seien?

Burkhard Jung: Ja, leider. Dabei bin ich seit 1991 hier, ich habe noch nie so lange an einem Ort gewohnt. Der Spruch kommt immer aus einer rückwärtsgewandten Ecke.

Spielt es für Sie eine Rolle, Frau Präkels, dass Sie Ostdeutsche sind?

Manja Präkels: Wenn mir das jemand zuschreibt, ja. In Westdeutschland fliege ich als Ostdeutsche auf. Auch wenn es behutsamer geäußert wird, als wenn West­deutsche oder Ostdeutsche unter sich sind.

Manja Präkels

Manja Präkels, Jahrgang 1974, ist Journalistin, Schriftstellerin und Musikerin. Ihr Roman "Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß" von 2017 lässt 
erkennen, wie sie die Wendezeit vor und nach 1989/90 in ihrer brandenburgischen Heimatstadt 
Zehdenick, Mark Brandenburg, 
erlebte. Dort 
arbeitete sie bis 1998 als Lokalreporterin. Präkels gründete 
die Band "Der 
Singende Tresen" und schreibt Gedichte, 
Theaterstücke und Liedprogramme.
Charlotte SattlerManja Präkels, Autorin

Burkhard Jung

Burkhard Jung, 
61, ist seit 2006 
Oberbürgermeister von Leipzig und seit Juni 2019 Präsident des Deutschen 
Städtetags. Er stammt aus Siegen, unterrichtete 
dort auch Deutsch und evangelische 
Religion. 
1991 wechselte er nach Leipzig 
als Schulleiter an 
das Evangelische 
Schulzentrum, 
wo er eine Grund- und Mittelschule 
aufbaute sowie 
ein Gymnasium in kirchlicher 
Trägerschaft.
Charlotte SattlerBurghardt Jung, Oberbürgermeister von Leipzig

Was bedeutet der Mauerfall für Sie?

Präkels: Sehr viel. Es war ein harter biografischer Einschnitt. Ich steckte damals mitten in der Pubertät, also war es für mich ein doppelter Systemzusammenbruch. Einerseits war da diese grandiose Offenheit: Was wird jetzt mit mir in dieser Welt? Andererseits war da eine verheerende soziale Katastrophe, die alle Familien betraf. Ein rassistischer Flächenbrand tobte durch das Land. Zschäpe, Mundlos, Böhnhardt – die sind auch meine Generation.

Herr Jung, Sie waren damals 31.

Jung: Für mich ist die friedliche Revolution in Leipzig am 9. und 10. Oktober 1989 das bedeutendste historische ­Erlebnis in meinem Leben. Ich weiß an beiden Tagen, wo ich war.

Wo waren Sie denn?

Jung: Atemlos habe ich vor dem Fernseher gesessen und gedacht: Was ist denn hier los? Für mich hat es alles geändert, mein ganzes Leben. Die Entwicklung hat mich ins Leipziger Rathaus gebracht.

Sie sahen die Bilder aus Leipzig und beschlossen: ­
"Da will ich hin"?

Jung: Nein, so war es nicht. Aber ich habe gespürt, es ­passiert etwas Neues. Am 31. Oktober war ich in Berlin zu einer Tagung der evangelischen Schulen. Ich lief mit einem Freund die Mauer ab, und wir haben gesagt: "Die steht nicht mehr lange." Da musste man kein Prophet sein. Ich komme aus einer Generation, die noch von zwei ­Staaten ausgegangen ist. Als Student hatte ich mich dafür stark gemacht, die DDR anzuerkennen.

"In der Gegend um Jena erfuhr ich, dass Judensau das Lieblingsschimpfwort sei"

Dann gründeten Sie eine evangelische Schule.

Jung: Eine Schulgründerin in Leipzig sprach mich an.

Warum eine evangelische Schule ausgerechnet im Osten, wo man Indoktrinierung fürchtet, auch die religiöse?

Jung: Es gibt beides. 1991 habe ich eine starke Sehnsucht nach freien Schulen gespürt, weg aus der staatlichen In­doktrination: Der Staat muss ja nicht mein Kind erziehen; wir tun uns zusammen und gründen freie Schulen. Der Kirche hat man offensichtlich zugetraut, auch aus der Erfahrung der DDR, eine menschlichere Schule aufbauen zu können. Mitte der Neunzigerjahre kam ein weiteres Motiv hinzu. In kleinen Gemeinden wurden Schulen geschlossen, und man wollte seine Schule weiterhin vor Ort haben.

Frau Präkels, wie sehen Sie das?

Präkels: Grundsätzlich fühle ich mich in einer Schule nicht wohl, aber das hat mit meiner Biografie zu tun. ­Meine ­Mutter war Lehrerin an meiner Schule, das war nicht ­immer einfach. Aber bei meinen Lesungen heute besuche ich alle Schultypen und mache die allerbesten Erfahrungen mit ganz engagierten Kollegien und tollen Gesprächen mit 
Schülern. Auch schreckliche. In der Gegend um Jena im thüringischen Land erfuhr ich, dass "Judensau" das Lieblingsschimpfwort sei. Und nur weil man im Lehrerzimmer miteinander zerstritten war, gingen die Lehrer nicht einheitlich dagegen vor. Das sind für mich Alarmzeichen.

Wie haben sich Ost und West seit 1990 verändert?

Jung: Im tiefen Westen weiß man offensichtlich immer noch nicht, dass wir ein geeintes Land sind.

In Ihrer Heimatstadt Siegen?

Jung: Da geht es vielleicht schon los. Aber je weiter Sie in den Schwarzwald kommen oder an die Grenze nach Holland, da hat man kaum gemerkt, dass wir in einem größeren 
Land leben. Natürlich hat sich Deutschland wahnsinnig geändert, für die Menschen im Osten sogar alles, ins Persönlichste hinein. Innerhalb zweier Jahre glich sich das Durchschnittsalter der Erstgebärenden dem im Westen an, nachdem es vorher noch fünf Jahre auseinanderlag.

Präkels: Ich bin seit zwei Jahren mit meinem autobio­grafisch geprägten Roman über die Wendezeit unterwegs. In Ostdeutschland gab es einen radikalen Einschnitt, für Ostdeutsche ist das eine Selbstverständlichkeit, über die man nicht reden muss. Die Westdeutschen wissen bis ­heute sehr wenig darüber.

Jung: Ja.

Präkels: Das Interesse wächst. Unter anderem wegen der aktuellen gesellschaftlichen Debatte: In welchem Land wollen wir überhaupt leben? Welche Werte wollen wir vertreten? Plötzlich ist der Osten interessant. In Westdeutschland habe ich volle Säle. Aber auch großes Erstaunen, wo ich denke: Wie wenig wisst ihr eigentlich? Warum habt ihr das nie zuvor gefragt?

Jung: In der Regel interessieren sich aber auch Ostdeutsche nur sehr wenig für westdeutsche Geschichten, das muss man auch mal kritisch feststellen.

Präkels: Man hat sich eingerichtet mit seinen Ressentiments. Auf der anderen Seite mussten die Ostdeutschen ja kennenlernen, wie der Westen funktioniert. Eigentlich haben sie einen Erfahrungsvorsprung.

Jung: Absolut.

Viele sind gleich ganz weggezogen.

Präkels: Diese Massenflucht von Leuten spürt man bis heute. Die Westdeutschen können sich ruhig mal vor ­Augen führen: Diese tollen Leute haben auch die west­deutsche Wirtschaft und das Kulturleben engagiert mitgestaltet. Aber sie fehlen natürlich im Osten.

Jung: Es war kein organischer Austausch, sondern ein radikaler Aderlass bis zum Ende der 90er. Jetzt erleben wir die Flucht aus dem ländlichen Raum in die urbanen Zentren.

"In Leipzig hat man sich gegen die rassistischen Flächenbrände gewehrt"

Präkels: Wir haben jetzt zum ersten Mal Gleichstand – von denen, die vom Osten in den Westen, und denen, die in den Osten gehen.

Nach Leipzig ziehen besonders viele. Warum?

Präkels: Leipzig ist näher an der Welt.

Jung: Ja, als Messestadt war Leipzig auch schon zu DDR-Zeiten international und offener. Ich habe mal zählen ­lassen: Heute wohnen nur noch 40 Prozent derer in Leipzig, die 1989 schon da waren. Und wir haben einen höheren Anteil an Migranten, mehr Gewöhnung an das Fremde.

Präkels: In Leipzig hat man sich gegen die rassistischen Flächenbrände gewehrt, die nachhaltig die Öffentlichkeit zerstört und Gegenden rasiert haben.

Jung: Bei uns lebt die Erfahrung von 1989 vielleicht stärker weiter, die starke zivilgesellschaftliche Kraft in Vereinen, Gewerkschaften und Kirchen. Ich rufe einige Leute an, und nach einer Stunde haben wir das Netzwerktreffen, das die Gegendemonstration zu Legida organisiert. Man kann zusammen die Welt aus den Angeln heben.

Nur in Leipzig sind die Grünen die neue Volkspartei. ­Ansonsten ist es im Osten die AfD.

Jung: Die Grünen sind in den jungen urbanen Milieus nach oben gespült worden. Gehen Sie nach Hoyerswerda, da ist die Jugend weg. Ebenso in Görlitz, einer der ältesten Städte in Ostdeutschland. Da kam die AfD auf fast 38 Prozent.

Präkels: Es ist nicht nur ein Stadt-Land-Gefälle. Leipzig hat auch dunkelblaue Flecken. Und wir sollten auch all die ­tapferen Leute niemals vergessen, die selbst in Gegenden, die Presse und Stammtisch leichthin abschreiben, die ­Fahne hochhalten. Sie leisten über die Jahre tolle Arbeit gegen alle Widerstände, bekommen kaum Unterstützung und werden als Nestbeschmutzer diffamiert.

Driften da zwei Kulturen auseinander?

Präkels: Das ist mir zu drastisch formuliert. Wir hatten vor 1989 zwei unterschiedliche deutsche Staaten. Dann kam ein Anschluss, und der ging vielen zu schnell. ­Eine echte Wiedervereinigung haben höchstens die Nazis geschafft. Die erste Parteienwerbung, die ich je gesehen habe, war für die Freiheitliche Deutsche Arbeiterpartei, damals mit dem hessischen Neonazi Michael Kühnen. Ich sehe auch eine andere Sprech- und Streitkultur in Westdeutschland. Je weiter wir von den großen Städten weggehen, des­to schwerer fällt es den Leuten im Osten zu reden. 


Fehlt es an politischer Bildung?

Präkels: Wahrscheinlich. In Schulen erlebe ich regel­mäßig, dass dieses Fach wegen Lehrermangel ausfällt. Manche Gegenden haben kein Theater, kein Kino, keinen Buchladen. Es fehlt an Sprache und Artikulation, vielleicht auch an Sprechern, die klar Position beziehen.

"Im Chaos der zusammenbrechenden Welt war der Weg für die Ideo­logen geebnet"

Herr Jung, treffen Sie abends beim Bier Leute, die rechte Parolen ganz locker aussprechen?

Jung: Ich kenne Unternehmer, die sich von der AfD ­hemmungslos vor den Karren spannen lassen, obwohl sie 
international Geschäfte machen. Mir sagen auch Arbeitslose in der Bürgersprechstunde, dass wir alles falsch ­machen. Aber Ostdeutschland ist nicht von der AfD ­dominiert. Was mir allerdings auffällt: Die Verrohung in den sozialen Netzwerken und den Kommentarspalten der Online­redaktionen ist noch respektloser als im Westen.

Präkels: Alles Déjà-vus aus den Neunzigern. Ich erinnere mich an die ganz harte, brutale Umbruchzeit von 1990 bis 1993. Die Staatsmacht griff kaum ein, und im Chaos der zusammenbrechenden Welt war der Weg für die Ideo­logen geebnet. Es gab massive körperliche Gewalt. Ich sehe das jetzt gespiegelt und auf eine neue Ebene gehoben. Wie durch einen Katalysator gejagt durch die neuen Medien.

Jung: Jetzt bestärken Internetblasen die eigene Sichtweise.

Präkels: Das ist aber ein Teil der sozialen Katastrophe. Bei uns in Zehdenick wurden damals beide großen Werke, in denen die meisten Menschen beschäftigt waren, auf einmal geschlossen: die Ziegelei und das Kabelwerk. Viel Arbeitslosigkeit, keine Ahnung, wie es weitergehen sollte.

Jung: Im Osten nahm man den Kapitalismus härter wahr.

Präkels: Man spürt die Auswirkungen mehr. Es gibt weniger Eigentum, weniger Reichtum, weniger zu verteilen.

Jung: Kaum eine Familie entging der Arbeitslosigkeit. Trotzdem reagieren die Leute völlig unterschiedlich. Nicht jeder wird von sozialer Gefährdung und Arbeitslosigkeit radikal. Der eine kämpft, der andere gibt auf. Und einer flüchtet sich zutiefst verletzt in eine Radikalität. Und alles besonders ausgeprägt, wie wir es im Westen in der Form nicht hatten. Im Ruhrgebiet lief die Veränderung über 40 Jahre.

Präkels: Ich erlebe auch eine gewisse Selbstgefälligkeit auf westdeutscher Seite. Die kann keine andere Ursache haben als die ungebrochene Biografie.

Jung: Da gebe ich Ihnen völlig recht. Man hört: Sei dankbar, du fährst doch in den Urlaub! 1993 checke ich bei einer Tagung in Augsburg im Hotel ein, da sagt die Frau am 
Tresen: "Ach, aus Leipzig kommen Sie. Der Aufzug ist links 
hinten, da ist ein Knopf, den müssen Sie drücken, dann geht es nach oben." Die hat wirklich gedacht, ich hätte noch nie einen Aufzug gesehen. Da habe ich gemerkt, wie man sich fühlt, wenn man immer behandelt wird wie der frühere Sklave, der für seine Befreiung dankbar sein soll.

"Neo­nazis traten einen Bekannten tot. Darüber wurde geschwiegen"

Frau Präkels, vor 20 Jahren recherchierten Sie für eine ZDF-Doku über Rechte, die Linke verfolgen. Ihrer Dar­stellung wurde heftig widersprochen: In Wahrheit sei das Mobbing unter Jugendlichen, nicht politische Gewalt.

Präkels: Vor allem die Stadtväter von Zehdenick – wirklich nur Männer – haben damals erfolgreich gegen den Titel "Die Zecken von Zehdenick" geklagt. Das war klassische Abwehr: Rechte Gewalt gibt es, aber nicht bei uns. Schon damals waren sämtliche Jugendklubs in Brandenburg auf dem Land geschlossen. Die Jugendlichen ver­sammelten sich an den neuen Tankstellen, auch Rechtsradikale. ­Neo­nazis hatten einen meiner Bekannten totgetreten. Darüber haben die Zehdenicker geschwiegen. Selbst ein Toter hat die Leute nicht dazu gebracht, anzuerkennen, welche ­Dimension schon erreicht war. Und zu fragen: ­Gibt es vielleicht rechte Netzwerke?

Die Polizei sah im Mord kein politisches Verbrechen?

Präkels: Nein. Die Hassverbrechen der Rechtsradikalen wurden verharmlost. Und die sollte ich interviewen – und ihre Opfer, oft Mitglieder der Jungen Gemeinde, die durch die Straße gejagt wurden, weil sie als Jungs zum Beispiel lange Haare hatten. Die Gejagten wollten sprechen. Aber die Jäger, die Nazis, waren sehr gut organisiert. Sie redeten nicht mit der Presse. Nur in Zehdenick fand ich auch Jugendliche, die sich zu ihrem rechten Weltbild bekannten. Eine spannende Recherche. Und Abwehr von allen Seiten.

Wird noch heute rechtsextreme Gewalt verharmlost?

Präkels: Ja, wir stecken gerade wieder mittendrin.

Jung: In Leipzig haben wir von Anfang an gesagt: Das muss auf den Tisch. Mit Marketing zukleistern, damit der Tourismus nicht einbricht, das geht gar nicht.

Warum redet man vor allem über rechte Gewalt im Osten?

Präkels: Es gibt eine schreckliche Kontinuität in Ostdeutschland. 1998 musste ich Zehdenick verlassen. Ich konnte dort nicht als Journalistin arbeiten, weil mich Leute gejagt haben. Ich bin eine von vielen, denen es so erging.

Jung: Flüchtlingshelfer erleben das seit dem Jahr 2015.

Präkels: Es kann auch nicht alles zwischen Ost und West diskutiert werden. Vieles müssen die Ostdeutschen mit­einander regeln. Sie müssen Verantwortung übernehmen, Haltung zeigen. Sie müssen sich mit den Opfern der Nazis solidarisieren und den merkwürdigen Versuch, neutral zu sein, endlich sein lassen. Ich hoffe, das passiert jetzt.

"Ich zeige konsequent jede Beleidigung und Gewaltandrohung an"

Rechte Gewalt trifft auch Bürgermeister. Können Sie als Präsident des Deutschen Städtetags noch empfehlen: "Bewerbt euch für das Amt"?

Jung: Das muss jeder für sich entscheiden. Ehrenamtliche Stadträte und Bürgermeister erleben alles: Verleumdungen, Beleidigungen, Morddrohungen. Ich verstehe, wenn Kollegen sagen: Ich kann nicht mehr. Allerdings ist die Ver­unsicherung eine rechte Strategie. Strafrechtlich relevante Beleidigungen gehören auch strafrechtlich verfolgt. Ich zeige konsequent jede Beleidigung und Gewaltandrohung an. Neun von zehn Anzeigen verlaufen im Sand. Das kann nicht sein, dass jemand mit dem Galgen droht und sich rausredet: "Das habe ich im Suff gesagt." Ich fordere einen Bußgeldkatalog, in dem Beleidigungen erfasst werden. Wo wird der Mensch entmenschlicht? Wo wird sein familiäres Umfeld angegriffen? Das kann man katalogisieren.

Was sollte zwischen Ost und West besser laufen?

Jung: Beide sollten sich ihre Geschichten erzählen. Es geht darum, einander menschlich zu begegnen. Und nicht ­meinen zu wissen, was gut für den anderen ist.

Präkels: Unterschiede sind letztlich nur eine soziale ­Frage. Wer in Dortmund in der zweiten Generation Hartz IV ­bezieht, hat ziemlich viel mit dem gemeinsam, der in ­Leipzig in der zweiten Generation Hartz IV bezieht.

Jung: Vermutlich haben Dortmunder und Leipziger überhaupt mehr gemeinsam als Hamburger und Augsburger.

Interview

Herr Jung, was ist 
Ihre Heimat? 


Die Landschaft um Siegen herum. 
Mein Zuhause ist 
aber Leipzig.

Was verbinden Sie mit Heimat, was mit Zuhause? 


Heimat ist Mutter 
und Vater. Zuhause ist meine Familie.

Also Heimat im 
Westen, Zuhause im Osten?


Ich bin Ost-West-­Zuschreibungen leid. Der Gegensatz ­zwischen Norddeutschland und ­Bayern ist größer als zwischen Ost und West. In Leipzig ­machen wir das vor. Wir sind gefühlt die erste gesamtdeutsche Stadt.

Interview

Frau Präkels, wo ist Ihre Heimat?


Wo mein Herz ist. 
Ich bin daheim, 
wo Menschen sind, 
die ich liebe.
Kein Ort? 
Den brauche ich 
dafür nicht.

Und Zehdenick?


Da bin ich geboren, 
da habe ich Verwandte. Heimat ist der Planet. Ich fühle mich an 
vielen Orten auf der Welt sehr wohl.

Zum Beispiel?


In Montegrazie, 
Ligurien. Da fahre ich ganz oft mit meinem Mann hin, da ist 
es wunderschön.

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Lesermeinungen

Vielen Dank für den aufrüttelnden Bericht über das Gespräch "Wie wenig
wisst Ihr eigentlich ?". Traurig und nachdenklich macht dieser Bericht.
Man stelle sich vor, dass erwachsene Menschen plötzlich neue Eltern
präentiert bekommen, mit anderem Gehabe und anderer Einstellung. Ab 1989
wurden den Menschen der DDR zwar "Blühende Landschaften" versprochen, um
ihre Psychen hat sich aber niemand ernstlich gekümmert. Um in der EU zu
besserem Verständnis untereinander zu gelangen, wurden
Städte-Partnerschaften gegründet. Wenn es leider immer noch nach 30
Jahren zu keinem verständnisvollen Miteinander gekommen ist, dann
sollten Städtepartnerschaften von Ost nach West und von West nach Ost
für mehr "Miteinander-Füreinander" sorgen. Schon häufig habe ich Städte
und Landschaften im mir bis dahin unbekannten Ostteil Deutschlands
besucht, zuletzt die Stadt Wernigerode im Harz. Was dort die Bevölkerung
in den letzten Jahren aus ihrer Stadt zu einem Publikumgsmagneten
geschaffen hat an Wiederaufbau und Erneuerung ist beispielhaft. Ähnliche
Beispiele gibt es mehrere, aber über diese positiven wird leider nicht
im TV berichtet, dort werden uns die Berichte aus Syrien und London
(Brexit) jeden Abend vorgesetzt. Positive Berichte werden meiner Ansicht
nach das gegenseitige Verständnis verstärken und uns zu einer Einheit
zusammenwachsen lassen, dazu gehören die Reisen und die Gespräche im
"blühenden Ostteil".
Gerd Schulte

Liebe Chrismon Redaktion,
endlich komme ich dazu Ihnen zu schreiben. Schon lange wollte ich Ihnen
danken für bestimmte Artikel. Einen, in dem eine Redakteurin beschrieb,
wie es ihr damit geht, wenn sie einem Bettler regelmäßig Geld gibt. Ich
finde es mutig und wichtig, dass solche Zwiespälte benannt werden. Erst
dann kann man überlegen, wie man damit umgehen kann. Ich bin mit einer
bettelnden Frau aus Tschechien in den ALDI gegangen und wir haben für
10,-€ für sie eingekauft. Nun traue ich mich nicht mehr dort lang zu
gehen, weil sie vielleicht meint, wir könnten das immer so halten. Eine
Lösung habe ich (noch?) nicht.
Eben habe ich die neue Chrismon aufgeschlagen und die Überschrift "Wie
wenig wisst Ihr eigentlich? - Wessis von Ossis. Und umgekehrt..."
gelesen. Ich musste an einen Aufenthalt in Paris vor einigen Jahren
denken, bei dem zwei Frauen aus der ehemaligen DDR mit in der Gruppe
waren. Die Erzählungen dieser beiden beim Abendessen - ganz alltäglich -
waren das Interessanteste dieser Reise (der Rest war auch schön, aber
trotzdem).
Vielen Dank für Ihre mutigen und interessanten Artikel, die mich immer
wieder begeistern.
viele Grüße
Digne Krüger