Kontaktabbruch: Wenn Kinder ihre Eltern verlassen

Und dann war Funkstille
Familie - Und dann war Funkstille

Julia Ossko und Eugen Schulz

"Früher hatte ich das Gefühl, es geht harmonisch zu, wie in einer normalen Familie"

Familie - Und dann war Funkstille

Beide Söhne brachen den Kontakt zu den Eltern ab. Der eine meldete sich nach einer Weile wieder, 
der andere nicht. Warum? Eine Familiengeschichte, wie die Mutter sie erlebt hat.

Es gibt Sätze, die sie wie ein Mantra begleiten. Einer davon lautet: "Man muss Geduld haben gegen das Ungelöste im Herzen", aus einem Rilke-Gedicht. Das Ungelöste ist ­Hannah Schmieders* Thema, seit Jahren. Funkstille mit ihrem jüngeren Sohn Paul, der sich nicht mehr meldet. Eine On-off-Beziehung mit Michael, dem älteren, mal anstrengend und widerborstig, dann zugewandt und freundschaftlich. Im Moment haben sie eine entspannte Phase, aber Hannah Schmieder weiß, dass das nicht so bleiben muss.

Wann fing das alles an? Wann wurde es schwierig? Warum wurde es überhaupt schwierig? Diese Fragen sind immer da, wie ein "schleichendes Gift", sagt sie. Doch es gibt keine eindeutigen Antworten, und deshalb stochert Hannah Schmieder oft in der Vergangenheit herum, Grübelschleifen, die zermürbend sind. Wir sitzen zusammen an einem neutralen Ort, wo keine Erinnerungsstücke sie belasten. Hannah Schmieder wählt ihre Worte mit Bedacht. Eine zarte kleine Frau, die tatkräftig und beherrscht wirkt. Nur manchmal, wenn die Gefühle sehr stark sind, blättert sie schnell in den Notizen, die sie sich gemacht hat, ein Rettungsanker.

Franziska Wolffheim

Die Autorin Franziska Wolffheim weiß aus ihrem nahen ­Umfeld, wie es ist, wenn ein Kind den Kontakt zu seinen Eltern abbricht. Und was die beste Hilfe ist, die man geben kann: 
zuhören.
Privat

Viele im Freundeskreis reagierten mit Unverständnis, als sich die Söhne von den Eltern 
abwandten, nicht nur einer, gleich beide! 
­Die Schmieders hörten Sätze wie: "Es ging den Jungs bei euch ja viel zu gut." Andere, die die Schmieders nicht so lange kannten, meinten: "Ich könnte das nicht ertragen." Unter­schwellig, glaubt Hannah Schmieder, klang da immer etwas mit wie: "Die sind ja selbst schuld." Wenn sie von Fremden gefragt wurde, ob sie auch Kinder habe, antwortete sie häufig: "Ja, aber bei uns ist alles anders."

Es war nicht immer so, dass bei ihnen alles anders war. "Früher hatte ich das Gefühl, es geht bei uns harmonisch zu, wie in einer normalen Familie", sagt Hannah Schmieder. "Die Kinder hatten ein schönes Nest." 21 war sie, als Michael geboren wurde, sechs Jahre später kam Paul. Sie und ihr Mann wollten es besser 
machen als die eigenen Eltern, die Kriegs­generation, die wenig Geld hatte, wollten ihren Kindern materiell etwas bieten. Beide haben in Hamburg als Lehrer gearbeitet, gut verdient, jetzt ist sie Mitte 70, er Ende 70. Vor kurzem hatte er einen leichten Schlaganfall, danach wurde Prostatakrebs diagnostiziert. Beides hat er einigermaßen überstanden.

Dass Paul ­eine feste Partnerin hatte, wussten die Eltern lange nicht.

Es gab nicht den einen einschneidenden Vorfall, nicht den großen Familienstreit, der die Verweigerung der Söhne erklären würde. Paul sei ein schwieriges Kind gewesen, sagt die Mutter, eigensinnig und häufig krank, trotzdem konnte man mit ihm lachen und Spaß haben. Michael war weniger launisch als sein Bruder, fröhlich und sehr früh vernünftig.

Nach dem Abitur studierte Paul, auch im Ausland. Sie sahen ihn kaum, höchstens an Weihnachten. Mehr als zehn Jahre finanzierten die Eltern dem Sohn das Studium, dann arbeitete er als Programmierer, verlor aber bald den Job. Auch später hatte er Probleme, beruflich Fuß zu fassen. Am Telefon war er stets kurz angebunden. "Er ist jemand, der immer in Opposition gehen muss, der ­öfter mal um sich schlägt und dabei sich selbst schadet", sagt die Mutter. Dass Paul ­eine feste Partnerin hatte, wussten die Eltern lange nicht.

 "Ich ging nach unten und dachte auf jeder Etage, er würde mich zurückrufen"Julia Ossko und Eugen Schulz

Im Herbst 2009 fuhr Hannah Schmieder spontan zu Paul, der im Ruhrgebiet lebte. Sie wollte besser verstehen, warum der Kontakt so schleppend war, wollte wissen, wie es ihrem Sohn ging. Er stand in der Tür: "Ich wüsste nicht, was es zu besprechen gibt." Die Mutter bewahrte die Contenance, sagte, na gut, sie wolle ihn nicht länger aufhalten, und wünschte ihm alles Gute. "Es war schrecklich", erinnert sich Hannah Schmieder. "Ich ging durch das Treppenhaus vom dritten Stock nach unten und dachte auf jeder Etage, er würde mich zurückrufen. Aber er hat es nicht getan. Auch draußen bin ich erst ganz langsam gegangen, weil ich hoffte, er käme hinterher. Irgendwann bin ich dann zurück zum Bahnhof gelaufen." Diese Schritte durchs Treppenhaus – Hannah Schmieder hatte das Gefühl, es zerreißt sie. Als wäre sie ihrem Sohn egal.
Vielleicht ging es Paul nicht gut? Vielleicht hing er beruflich in der Luft? Vielleicht wollte er sich vor der Mutter keine Blöße geben? ­Spekulationen. Die, wie Hannah Schmieder weiß, nichts bringen und sich trotzdem immer 
wieder aufdrängen.

2011, bei einem Familientreffen, haben Hannah und Holger Schmieder ihren Sohn zum letzten Mal gesehen, zusammen mit ­dessen Frau. Beide waren distanziert und ­mieden sie – was auch den anderen Gästen auffiel. "Ich hatte das Gefühl, alle schauen zu. Danach wollten wir nie wieder zu einem Familientreffen." Als wenig später das erste Enkelkind geboren wurde und die Großeltern das Kind besuchen wollten, lehnte Paul ab: "Wie stellst du dir das vor?" Auch die zweite Enkelin kennen die Großeltern nicht.

Sie fasste sich ein Herz und besuchte ihn in Süddeutschland.

Auch Michael, der ältere Sohn, zog sich während seines Studiums immer mehr zurück. "Wir wussten wenig von ihm. Ich ­hatte das Gefühl, der Vorhang zieht sich immer mehr zu", sagt Hannah Schmieder. Michael wurde Lehrer in Süddeutschland, heiratete eine Südamerikanerin, bald kam ein Sohn zur Welt. Der Kontakt wurde wieder enger. Vielleicht weil Michael nun eine Familie 
hatte? Vielleicht weil der Kleine auch Oma und Opa haben sollte, die anderen leben weit weg? Roberto also durften die Großeltern ­kennenlernen.

Dann kriselte es wieder, Michael war schroff und abweisend. Er sei, sagt Hannah Schmieder, ihr selbst sehr ähnlich, struk­turiert, überaus ordentlich. Vielleicht habe er sich auch deshalb an seiner Mutter gerieben? Sie fasste sich ein Herz und besuchte ihn in Süddeutschland. Auf einer Parkbank an der Rheinpromenade machte Michael reinen Tisch: "Vater hat sich immer rausgehalten aus der Erziehung, er hat es sich bequem gemacht. Ich hätte gern mal klare Worte von ihm ­gehört. Dafür hast du die Richtung zu straff vorgegeben, hast immer alles dominiert." – "Was bedeutet das denn konkret?" – "Bei ­unserem letzten Weihnachtsbesuch hast du uns ständig Aufträge gegeben, was wir zu tun haben. Du merkst einfach nicht, wann du dich zurücknehmen musst. Du hast immer noch nicht verstanden, dass ich erwachsen bin." Das hatte Hannah Schmieder nicht erwartet. ­"Michael hat mir nichts erspart. Ich habe nichts erwidert und fühlte mich total eingeschüchtert." Sendepause. Hannah Schmieder spürte eine große Leere im Kopf.

Das sind die Momente, die Hannah Schmieder glücklich machen

Heute, knapp drei Jahre später, ist der Kontakt ­entspannt, fast harmonisch, sagt sie. Vielleicht liegt es daran, dass ihr Mann krank geworden ist? Dass der Sohn verstanden hat, dass ­seine Eltern ­Zuspruch und ein paar wärmende Gesten brauchen können? Vielleicht hat Michael begriffen, wie sehr seine Eltern an dem ­Enkelsohn hängen? Die Großmutter hat für den Kleinen ein Gedicht geschrieben und darin ihre Zärtlichkeit ausgedrückt. Wenn sie ihn sieht, ein paar Male im Jahr, freut sie sich, weil Roberto ein fröhliches Kind ist, spontan auf seine Großeltern zuläuft, sie sind ihm wichtig. Das sind die Momente, die Hannah Schmieder glücklich machen, hier muss sie ihre Gefühle nicht ausbremsen. Am Telefon hat Roberto sogar mal gesagt: "Opa, ich hab dich ganz doll lieb!"

Auch für ihre beiden Enkelinnen hat ­Hannah Schmieder Gedichte geschrieben und Michael gebeten, sie weiterzuleiten. Sie ­möchte ihnen zeigen, dass sie ihr nahe sind, auch wenn sie sie nicht kennt. Vor allem kann sie den Söhnen zeigen, wie viel sie ihr be­deuten. Paul hat nicht darauf reagiert.

Manchmal googelt sie seinen Namen

Manchmal googelt sie seinen Namen und findet ein paar Hinweise im Internet. Beispielsweise über einen Festakt im Rathaus seines Wohnortes, ein Foto zeigt Paul und seine Frau bei der Feier. Hannah Schmieder kommt sich seltsam vor, wenn sie den eigenen Sohn googelt, wie eine Detektivin. Aber der Wunsch, irgendetwas zu erfahren, überwiegt. Michael ist wortkarg, wenn sie ihn nach ­seinem jüngeren Bruder fragt. Der Kontakt zwischen den Brüdern scheint nicht sehr eng zu sein, vermutet die Mutter. Aber bei Michael nachbohren? Lieber nicht. Ein falsches Wort, eine unbedachte Frage, das Eis ist dünn.

Hannah Schmieder hat, als der Kummer 
sie so sehr mitnahm, dass sie Neurodermitis bekam und immer mehr an Gewicht verlor, eine Selbsthilfegruppe besucht. In der sie erzählte, dass ihr zwei Söhne abhandengekommen waren und dass sie nicht mehr weiterwisse. Das hatte, wie sie es empfand, durchaus Züge einer griechischen Tragödie. Bei den meisten Teilnehmern war es nur ein Kind, das sich von seinen Eltern losgesagt hatte – schlimm genug. In der Gruppe habe sie selten geweint, nur erzählt, sagt sie, der Katzenjammer kam hinterher. Sie hat sich zusammengerissen, obwohl die Gruppe ein geschützter Raum ist. Und trotzdem hat ihr der Austausch geholfen. "Es sind so viele, die von ihren Kindern verlassen worden sind. Das ist schrecklich, aber es erleichtert auch, davon zu hören." Gemeinsam schwach sein zu können – diese Erfahrung hatte Hannah Schmieder vorher nicht gemacht.

Aber ihre Gefühle haben ein Eigenleben

Holger Schmieder sei froh gewesen, dass seine Frau zu der Gruppe ging, habe sich entlastet gefühlt. Er habe seine Frau nicht trösten können, weil ihm kein Trost eingefallen sei und weil es im Grunde keine Worte dafür ­gebe. Er, der Pragmatiker, sei mit dem Thema durch, wie er mehrfach sagte. Es sei doch alles besprochen worden, warum dann noch mehr Worte verlieren?

Natürlich hat er recht, findet Hannah Schmieder. Aber ihre Gefühle haben ein Eigen­leben, sie kann ihnen nicht befehlen, sich einfach davonzumachen, nur weil sie nicht zielführend sind. Der Kontaktabbruch hat die Ehe der Schmieders belastet. Ge­legentlich hat Holger vorgeschlagen, etwas gemeinsam zu unternehmen, es sich miteinander "schön zu machen", und Hannah dachte dann: "Das hilft ja nicht, er flieht nur vor der Situation." Inzwischen kann sie akzeptieren, dass er sich nicht öffentlich äußern will. Jeder geht eben anders mit Kummer um. Den Weg des anderen anzunehmen ­­– auch das kann ein Liebesbeweis sein.

"Ich ­möchte ­meinen Enkeln etwas von uns hinterlassen"

Hannah Schmieder schreibt viel, nicht nur Gedichte. Auch zwei Bücher, die an die Enkel gerichtet sind, für jede Familie eines. Darin ­erzählt sie ihnen von ihrem Leben, von den Reisen, die sie mit ihrem Mann macht, von ihrer Kindheit, von der Kindheit ihrer ­Söhne. "Das ist mein Vermächtnis, ich ­möchte ­meinen Enkeln etwas von uns hinterlassen. Damit sie wissen, wer wir sind, damit sie ­unsere Anteilnahme an ihrem Leben spüren."

Mitunter zeigt sie ihrem Mann, was sie geschrieben hat, und es gefällt ihm. Als Holger Schmieder das Gedicht las, das seine Frau für Roberto geschrieben hatte, meinte er: "Das haut mich um. Da ist ja dein ganzer Herzschmerz drin." So spontan äußere er seine Gefühle normalerweise nicht, sagt Hannah Schmieder.

 "Ich habe nicht das Gefühl, unseren Söhnen gegenüber versagt zu haben"Julia Ossko und Eugen Schulz

"Ich bin nicht heil, aber auch nicht mehr so zerstört wie früher." Diesen Status habe sie sich über die Jahre erarbeitet. Andere wären vielleicht an der Situation zerbrochen. ­Warum sie nicht? Das Schreiben fängt sie immer ­wieder auf, zudem ihr "gesunder christlicher Glaube", das Singen im Chor. "Ich denke oft an Paul und empfinde jetzt sogar Mitleid für ihn. 
Ich glaube, er hat beruflich immer noch ­Probleme, er sitzt in einem Kokon und kommt da nicht raus." Sie schließe ihn in ihre Gebete ein, wünsche ihm, dass es ihm gut gehen ­möge – ein stiller Kontakt, der nicht zurückgewiesen werden kann.

Stellt sie sich heute die Frage, wie weit sie beigetragen hat ­
zu der Misere? War sie eine liebevolle Mutter? Hannah Schmieder zögert, dann sagt sie: "Als ­meine Söhne klein waren, ­habe ich sie in den Arm genommen, sie sind auch gern zu mir gekommen, haben sich an mich gekuschelt, auf meinen Schoß gesetzt." Sie fühlte sich von ihren Söhnen zurückgeliebt. Vermutlich habe Michael recht, sie sei streng gewesen, fordernd, gerade als die Söhne in die Schule kamen, habe ihnen viele Vorgaben gemacht: erst die Haus­aufgaben, dann die Freizeit. Kein Schlendrian. Für sie war das die Norm, die sie aus ihrer eigenen Kindheit kannte, sie musste funktionieren.

Gefühle mit angezogener Handbremse

"Aber ist das ein Grund, sich so radikal von uns abzuwenden? Wir haben nicht das Gefühl, ihnen gegenüber versagt zu haben." Nur dass sie als Familie niemals offen über diese Dinge gesprochen haben, das bedauere sie wirklich. Könnte sie sich vorstellen, den Söhnen einen Brief zu schreiben, ihnen zu erklären, wie es zu ihrer Härte gekommen ist, ihnen zu erzählen, dass sie selbst streng er­zogen worden ist und darunter gelitten hat? Und um Verzeihung bitten? "Ich hätte Angst, dass dieses Signal missverstanden wird, dass das Wenige, das wir haben, ­wieder in die ­Brüche geht. Ich lasse einen Geist aus der Flasche, der vielleicht unselig ist, und was passiert dann?" Zumindest wolle sie diesen Schritt nicht von sich aus gehen. Wenn es sich bei einem gemeinsamen Gespräch er­gebe, warum nicht.

Hannah Schmieder bleibt vorerst abwartend, abtastend – Gefühle mit angezogener Handbremse. Es gibt, sagt sie, nur eine begrenzte Logik in der ganzen Geschichte.

* Alle Namen von der Redaktion geändert.

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Lesermeinungen

Sehr geehrte Damen und Herren,
bei allem Verständnis für viele persönliche Gründe für einen Kontaktabbruch, für Eltern ist er sehr häufig einfach nur grausam. Sie bleiben gefangen im Grübeln über die Ursachen und ihre eigenen Fehler und kennen doch oft nicht einmal den Grund für die existentielle Abwertung, die sie durch ihr Kind erfahren. Die Hoffnung auf eine Veränderung wird immer wieder enttäuscht. Christlich ist ein solcher völliger Kontaktabbruch jedenfalls ebenso wenig wie menschlich. Schon die Zehn Gebote zeigen die hohe Wertschätzung der Eltern gleich nach der Würdigung Gottes und der Feiertage im vierten Gebot: Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren.
Mit freundlichen Grüßen
Dr. Annette Boerner

Danke für den Artikel "Und dann war Funkstille" in der aktuellen Chrismon-Ausgabe.
Meine Tochter hat vor ein paar Jahren den Kontakt zu mir abgebrochen.
Auch zu ihrer Hochzeit im vergangenen Jahr war ich ausdrücklich nicht eingeladen.
Sie kann den Kontakt zu mir verweigern, aber sie kann mich nicht daran hindern, sie zu lieben und für sie zu beten.

Auch ich gehöre zum Kreis der Betroffenen.Meine beiden Kinder
haben gleich nach dem Tod des Vaters, meines Mannes, den
Kontakt abgebrochen. Dies ist ueber 2 Jahre her und ich sehe die
Enkelkinder nicht bzw.habe sie noch nicht gesehen.
All das, was in dem Artikel zur Sprache kommt, kann ich mehr als nachempfinden.

Liebe Redaktion, obgleich nicht mehr Mitglied, lese ich Chrismon immer mit Gewinn. Natürlich sind für mich nicht alle Themen relevant, aber in jeder Ausgabe sind Beiträge, die mich persönlich berühren. Das gilt auch für den Beitrag "Und dann war Funkstille". Offen gesagt, fand ich das ganz tröstlich, denn es zeigt sich ja immer wieder, dass Familie oder das Verständnis darüber, was Familie ist, bei den Familienmitgliedern ausgesprochen unterschiedlich gesehen und gelebt wird. Es kann aber auch umgekehrt gehen: dass Eltern den Kontakt mit ihrem Kind abbrechen. So ist es mir gegangen. Als ich mich im „hohen“ Alter von 41 Jahren als homosexuell outete (übrigens auf Drängen meiner Schwestern), brach mein Vater den Kontakt umgehend ab. Das war vor 17 Jahren und ich habe ihn seitdem nicht mehr gesehen und gesprochen; er ist heute 87, ich 60 Jahre alt. Vor dem Outing hatte ich übrigens 18 Jahre mit einer Frau zusammen gelebt. Trotz jahrelanger Bemühungen, ist es nicht gelungen, zu ihm durchzudringen. Im Gegenteil: ich habe heute weder zu meine Eltern (Mutter 84 Jahre) und meinen beiden Schwestern Kontakt. Interessanter weise hat auch meine Patentante (Schwester meiner Mutter) den Kontakt zu mir abgebrochen, obwohl sie – wie auch meine Schwestern – nicht mit meinem Vater unter einem Dach lebt. Mein Outing war offenbar ein „Katalysator“, das das Konstrukt Familie hat implodieren lassen. Ich bin überzeugt davon, dass mein Vater selbst schwul ist und das nie ausgelebt hat (er ist Kriegskind, ich Kriegsenkel). Ich glaube, er könnte besser damit umgehen, wenn ich jemand umgebracht oder eine Bank überfallen hätte. Aber das zu Leben, was er sich versagt hat, geht offenbar zu weit. Ich war übrigens der Einzige, der an das Konstrukt „Familie“ geglaubt hat (meine Schwestern sahen das mehr unter Kosten-Nutzen-Aspekten) – und bekam eine Klatsche, als ich genau die Familie gebraucht hätte. Interessanterweise treten meine Eltern mit ihrem Verhalten genau die Werte mit Füßen, die sie zumindest in mir ziemlich tief verankert haben – ich rede hier gar nicht von christlichen Werten. Mein spätes Outing (meine Partnerin hatte sich von mir getrennt) war vermutlich reiner, instinktiver Selbstschutz: mit Anfang 20 wäre vermutlich dasselbe passiert – das hätte ich seinerzeit aber emotional nicht verkraftet. Ich habe meinen Mann übrigens in dem Jahr (2002) kennen gelernt, als ich mich geoutet habe. Wir sind seit November 2011 verpartnert und mittlerweile auch verheiratet. Die Umschreibung haben wir im Juni vergangenen Jahres vorgenommen. Dazu hatte ich meine Eltern schriftlich eingeladen – ich habe – einmal mehr – keine Antwort bekommen. Schöne Grüße
Ralf B.

Mir will scheinen, dass die Freunde der Schmieders, die den verzweifelten Eltern sagten: „Es ging den Jungs bei Euch ja viel zu gut.“ vollkommen recht hatten. Man kann seine Kinder auch mit soviel Wohltaten überhäufen, dass man ihnen eine Dankesschuld auferlegt, die sie nicht tragen wollen- oder können.
Nicht umsonst behandeln zwei der größten Werke der Weltliteratur genau dieses Thema: Shakespeares Drama „König Lear“ und der Roman „Vater Goriot“ von Honoré de Balzac.

Sehr geehrte Damen und Herren!
Es liegt einfach in der Natur der Sache, die (schwierige) Beziehung zwischen Kinder und Eltern. Die Eltern haben eben naturgemäß die Beschützerrolle, ab Geburt des Kindes, zugeteilt bekommen. Die meisten Eltern werden diese Beschützerrolle lebenslänglich ausüben, und sie wollen sich auch lebenslänglich Sorgen, um die Kinder machen dürfen, und da liegt dann "der Hase bereits im Pfeffer", in dieser (doch mehr oder weniger ungleichen) Beziehung.
Irgendwann verlassen die Kinder die elterliche Obhut, um ihr eigenes Leben zu leben, ohne Rechtsfertigungsgründe für ihr "Tun oder Nichttun".
Die Eltern können dann oft nicht verstehen, wenn sich ihre Kinder jeglicher Einmischung verwehren, sich abkapseln und alle Kontakt zu den Eltern abbrechen; "kommt Zeit, kommt vielleicht auch Rat", oder auch nur eine Funkstille.
In einer Kinder/Elternbeziehung gibt es eigentlich kein richtig oder falsch; so wie es ist, so ist es eben, auch wenn es für eine Seite besonders hart werden könnte. Ihr Klaus P. Jaworek

Wenn Kinder den Kontakt zu den Eltern abbrechen oder auch nur vernachlässigen, dann liegt das nicht selten auch daran, dass es zwischen Eltern und Kindern nie eine nennenswerte Kommunikation gegeben hat. Kommunikation als anthropologischer Begriff, der ja auch personale Anerkennung und Zugang zu sich selbst voraussetzt, gehört im Gegensatz etwa zu allerlei Konsumgütern und der allgemein aufwändigen Bemühung zu deren Erlangung leider nicht zu unserer Kultur.

Der im Betreff angeführte Artikel ist in seinem gesamten Tenor unerträglich. Die Mutter wird als Opfer inszeniert - über die „abtrünnigen“ Söhne wird allenfalls spekuliert. Kinder haben keine Wahl in Bezug auf ihre Familie, sie tragen auch keine Verantwortung für das Geschehen in der Zeit ihrer Kindheit. Und wenn es in einer Familie wirklich „stimmt“, wird sich auch später niemand von seinen Eltern abwenden.