Wie sich der Klimawandel aufhalten lässt

Zwölf Gebote fürs Klima
Zwölf Gebote fürs Klima

Asuka Grün

Zwölf Gebote fürs Klima

Wenn wir den Ausstoß der Treibhausgase stoppen, können wir die Erde vor dem Kollaps bewahren. Wir sollten endlich tun, was wir für richtig halten.
Deutschland spricht 2019

Vorgelesen: Standpunkt "Zwölf Gebote fürs Klima"
 

Wie gelingt ein 
gutes Leben für 
alle bei mehr Gerechtigkeit? 
Wie organisieren wir die welt
weiten Wanderbewegungen ohne Bürgerkriege? Wie lösen wir die Überlebensfrage der Klimaerhitzung? Wie lernen wir, was nachhaltiges Wirtschaften ist? Wie wollen wir wohnen und wie uns in Zukunft fortbewegen? Die Digitalisierung sowie die Künstliche Intelligenz verändern nicht nur unsere Arbeits-, sondern unsere gesamte Lebenswelt. Wie bestimmen wir in Anbetracht dieser Entwicklung Wert und Würde des Menschen?

Wenn Ihnen eine dieser Fragen nicht mehr aus dem Kopf geht, ist dies 
ein Hinweis darauf, dass sie Ihnen ­eine Herzensangelegenheit ist. Manchmal ergeben sich durch unsere Fragen ­völlig neue Perspektiven: 1968 flogen die Weltraumfahrer los, um den Mond zu erkunden, aber sie entdeckten die Erde – unsere Erde als wunderbaren "blauen Planeten" in seiner ganzen Schönheit vor dem Hintergrund des grenzenlosen schwarzen Kosmos.

Platons ökologische Ethik

Die oben genannten Fragen sind Ur-Fragen der abendländischen Philo­sophie, die schon Platon, Aristoteles und Sokrates vor mehr als 2000 Jahren gestellt haben. Platon war überzeugt davon, das Beste sei weder Krieg noch Rebellion, sondern Friede und ein Geist der Gerechtigkeit. Der Philosoph 
Christoph Quarch nennt Platon in ­seinem erkenntnisreichen Buch ­"Platon und die Folgen" den "folgenreichsten Denker unserer Geschichte". Platon hat als erster Abendländer eine ökologische Ethik entwickelt, indem er die Frage stellte, wie ein gutes, wahres Leben gelingt. Der griechische Philosoph plädierte für ein Leben in Harmonie mit der Natur. Damit eine Rose prächtig blüht, braucht sie ge­nügend Nährstoffe, Sonne und Wasser. So ähnlich ist es bei den Menschen.

Allerdings: Zu Platons Zeiten lebten etwa 200 Millionen ­Menschen, heute sind wir 7,7 Milliarden und bald über zehn Milliarden. Die ­griechischen Philosophen lebten noch in einer "leeren Welt", wir leben heute in einer 
"vollen Welt", formulierte es Ernst ­Ulrich von Weizsäcker.

Dr. Franz Alt

Franz Alt 
war 20 Jahre leitender Redakteur 
und Moderator des ARD-Magazins 
"Report". Heute 
arbeitet er als freier Autor und Kolumnist. In der edition 
chrismon erschien kürzlich sein Buch "Die Alternative. 
Plädoyer für eine 
sonnige Zukunft" (https://bit.ly/2NE7GZi). 
Der Text ist 
ein Auszug daraus.
Imago

Aber wie organisieren wir uns? Nach meiner Erfahrung ist eine ökoso­ziale Marktwirtschaft das effektivste System, in dem Milliarden Menschen ihre Träume von einer besseren Welt verwirklichen können, in dem menschliche Kreativität freigesetzt, Ungerechtigkeit verringert und Freiheit gegen diejenigen verteidigt werden kann, welche sie einschränken wollen. Für diese globale ökosoziale Marktwirtschaft haben das Pariser Klimaabkommen sowie die Millen­niumsziele der UN bereits den Grundstein gelegt. Ich weiß natürlich, dass es einen großen Unterschied gibt zwischen positiv klingenden Zukunftspapieren mit schönen Zielformulierungen und der weit schwieriger zu erreichenden Umsetzung. Aber ohne Ziele gibt es keinen Fortschritt.

Von der Auf- zur Abstiegsgesellschaft

Zukunft ist möglich. Das bewiesen auch die Väter der sozialen Marktwirtschaft im Nachkriegsdeutschland. Zwischen 1950 und 1980 hat das Modell der sozialen Marktwirtschaft dazu geführt, dass Deutschland eine Aufstiegsgesellschaft wurde. Nicht alle, aber die meisten fuhren im Fahrstuhl nach oben. Heute, so diagnostiziert der Publizist Ilija Trojanow, sind wir eher eine "Rolltreppengesellschaft": Einige fahren nach oben auf der Rolltreppe, sehr viele aber nach unten. Auf- oder Abstieg – gesellschaftliche Zusammenbrüche waren in der Vergangenheit fast alle ökologisch bedingt. Klar ist: Eine neue Umwelt können wir nicht schaffen, aber wir können intelligenter mit ihr umgehen und sie schützen – auch aus Eigeninteresse.

Die US-Raumfahrtbehörde NASA hat im Februar 2019 auf drastische und anschauliche Weise den Klimawandel beschrieben: Danach waren die vergangenen fünf Jahre die heißesten seit 1880. Pro Dekade hat sich die globale Temperatur um 0,07 Grad Celsius erhöht. Seit 1981 beschleunigt sich diese Erhöhung um 0,17 Grad pro Dekade, sie hat sich also mehr als verdoppelt. Die Oberflächentemperatur der Erde lag 2018 um 0,79 Grad Celsius über dem Durchschnitt des gesamten 20. Jahrhunderts – die Geschwindigkeit des Temperaturanstiegs hat sich bereits nahezu verfünffacht gegenüber dem vergangenen Jahrhundert.

Der Sauerstoffgehalt der Meere sinkt

Heute sterben die Meere. Ihnen geht die Luft aus, weil in immer mehr ­Regionen der Sauerstoffgehalt in den Ozeanen auf ein Minimum gesunken ist. Die meisten Lebewesen im Ozean können dort nicht mehr überleben. Ursache ist die Überdüngung. Das ­alles hält der Planet auf Dauer nicht aus. In Frankfurt und München, in Hamburg und Berlin könnte es bis 2080 so heiß werden wie heute im südlichen Afrika oder gar in Zentral­afrika. Die Frage ist nicht mehr, ob dieses System zusammenbricht. Die einzig realistische Frage heißt: Wann bricht dieses System zusammen?

Doch es ist noch nicht zu spät, um den Klimawandel aufzuhalten. Dazu müssen wir politisch, wirtschaftlich und in unserem privaten Handeln konsequent umsteuern. Hier sind meine zwölf Gebote gegen den Klima­wandel:

1. Bis 2050 spätestens müssen die Treibhausgas-Emissionen auf null ­zurückgefahren werden.

2. Alles, was neu gebaut wird, muss emissionsfrei sein. Zum Beispiel durch mehr Holzbauten.

3. Ab sofort darf der Bau von Kraftwerken nur dann zugelassen werden, wenn diese erneuerbare Energien nutzen. Die heutigen Milliarden-­Subventionen für Treibhaus-Dreckschleudern müssen wir streichen.

4. Ab 2025 dürfen nur noch
E-­Autos neu zugelassen werden oder 
Autos mit anderen CO2-freien Motoren.

5. Dass das geht, hat Kalifornien schon in den 1990ern bewiesen, indem es Quoten für E-Autos einführte. China, der größte Automarkt der Welt, führt solche Quoten ab 2019 ein. Jetzt müssen alle anderen folgen.

6. Neue Industrieanlagen sollten ab 2025 frei von CO2-Emissionen sein. Ein Zeitplan, ab wann nur noch emissionsfreie Technologien verkauft ­werden dürfen, wird global die notwendigen Innovationen antreiben.

7. Etwa 25 Prozent der jährlichen Treibhausgas-Emissionen sind auf die Produktion von Lebensmitteln zurückzuführen – besonders auf Fleischprodukte. Deshalb sollten alle die Regeln der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) beachten. Diese schlagen vor, den Fleischkonsum zunächst zu halbieren und dann zu dritteln. Dies hilft, Übergewicht und Bluthochdruck vorzubeugen, verlangsamt den Klimawandel und senkt die Stickstoffbe­lastung des Grundwassers.

8. Wir müssen den öffentlichen Verkehr stark ausbauen. Mehr Skype-
Konferenzen statt persönlicher Treffen. 
Und wir dürfen weniger Fläche für Häuser, Straßen und Industrie zu­bauen. Wir müssen höher bauen und intelligenter verdichten. Ökologisch bauen heißt nicht neu bauen, sondern primär sanieren und renovieren.

9. Wir müssen weltweit aufforsten und die Wüsten begrünen, wie es die Kinder- und Jugendorganisation "Plant for Planet" seit vielen Jahren vor-
bildlich tut. Sie hat bereits 16 Milliar­den Bäume gepflanzt. Ihr Ziel sind 1000 Milliarden Bäume.

10. Wir dürfen nur noch Politiker wählen, die auch wirklich unsere Inter-
essen vertreten und nicht die Interessen der alten fossil-atomaren Energiewirtschaft oder der fossilen Autowirtschaft. Demokratie statt Autokratie und: Sonne statt Atom und Kohle.

11. Entwicklung in armen Ländern ist die beste Vorsorge gegen ungebremstes Bevölkerungswachstum.

12. Wir alle können weniger kaufen 
und wegwerfen, mehr Fahrrad fahren 
und laufen, grüner feiern, zu Ökostrom wechseln, Geld grün und fair anlegen. Wir sollten endlich tun, was wir für richtig halten. Einfacher leben, damit andere einfach überleben. Mehr denken und Widerstand leisten gegen Dummheit und 
Kurzsichtigkeit. Wir können uns ­selber vom Überfluss befreien.

Ein Einzelner oder eine Einzelne kann nichts tun? Wenn jede und ­jeder vor seiner eigenen Haustür kehrt, wird die ganze Welt sauber. "Unsere 
Zukunft hängt davon ab, was wir ­heute tun", sagte Mahatma Gandhi. Wer hindert uns daran, wenn nicht wir selber? Eine bessere Welt beginnt beim einzelnen Menschen.

Nach wie vor machen wir alle diese 
Erfahrung: Nach jedem Winter ­hoffen wir auf den Frühling. Und inmitten jeder Nacht beginnt ein neuer Tag. Wir müssen allerdings vieles ­ändern, damit es auch nach 1000 Jahren noch nach jedem Winter wieder einen Frühling geben kann. Und nach jeder Nacht einen neuen, schönen Tag.

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Lesermeinungen

Hallo Chrismon!
"Und nach jeder Nacht einen neuen, schönen Tag." (Franz Alt)
Das könnte gerade noch so klappen, doch der Mensch wird auch das irgendwann einmal versieben. Das totale Chaos auf Erden, das kann nur der Mensch schaffen, und er wird das auch schaffen.
Der Mensch liebt einfach keine (totale) Veränderung, des Menschen´s Mantra sind seine Bequemlichkeit und seine Trägheit, beibehalten zu können, kostet dies auch was es kosten wird, und pfeif´auf die Natur, pfeif´auf die (Um)Welt, pfeif´auf den "Jüngsten Tag"!
Vielleicht leider, vielleicht leider auch nicht; vielleicht sogar Gott sei Dank!?!
Ihre Riggi Schwarz

Sehr geehrte Damen und Herren
der Chrismon Redaktion,
als langjährige Leser von DIE ZEIT erhalten wir auch regelmäßig Ihr CHRISMON, in dem wir immer gern einige Artikel lesen. Im letzten Heft hat uns "Zwölf Gebote fürs Klima" bewegt, sowohl wegen der Breite, mit der Franz Alt das Thema behandelt, als auch wegen der Bedeutung für die Erhaltung des Lebens auf der Erde. Ich bin allerdings der Meinung, dass wir über die 12 Gebote hinausgehen müssen. Die darin formulierten Forderungen an jeden von uns bedürfen einer breiten, politischen Unterfütterung, die innovativ und provokativ sein kann oder muss, um Diskussionen und erweitertes Denken zu stimulieren. Als Ökologe ( allerdings Tiefsee) verfolge ich die Entwicklungen in unserer Umwelt seit vielen Jahren und bin immer wieder entsetzt und enttäuscht über die defizitären politischen Aktivitäten, die auch jetzt noch weitgehend in alten Bahnen verlaufen. Mit meiner Ergänzung zum Artikel von Herrn Alt möchte ich zum Nachdenken bezüglich finanzieller Umschichtungen in nationalen (+ europäischen) Haushalten anregen und biete Ihnen einen kurzen Artikel - im Anhang - zum Druck an. In Ihre Zeitschrift passt sicherlich auch ein "kurz gefasst" in Versen zu den Problemen des Lebens auf der Erde, das ich Ihnen auch zur Verwendung in CHRISMON - im Anhang - beifüge.
Es würde mich freuen, wenn ich über CHRISMON ein wenig zum Erhalt des Klimas und des Lebens auf unserer Erde beitragen könnte. Mit freundlichen Grüßen Hjalmar Thiel

Das vertrackte elfte Gebot: Die Erde verträgt keinen weiteren Bevölkerungszuwachs! Diese Erkenntnis führt rasch zu einer rigorosen, inhumanen Polemik gegen die Überbevölkerung. Bildung und ökonomische Entwicklung können der Naturzerstörung, dem Sexismus, den Epidemien und dem Fluchtverhalten entgegenwirken. Ein Dilemma bleibt: Man muss viel unterlassen, aber auch unendlich fleißig sein. Wir in den reichen, hoch industrialisierten Ländern müssen überzeugend vorleben, wie man Verzicht und große Anstrengungen miteinander verbindet, um ein gutes, ökologisch verträgliches Leben zu ermöglichen.