Natalie Grams und Sven Gottschling über Homöopathie

Was hilft ­
wirklich, wenn man 
krank ist?
Begegnung - Was hilft wirklich, wenn man krank ist?

Anne-Sophie Stolz

Begegnung - Was hilft wirklich, wenn man krank ist?

Homöopathie? Davon hat sich die Ärztin 
Natalie Grams komplett losgesagt. Während der Arzt Sven Gottschling viel von der Akupunktur hält.
Deutschland spricht 2019

chrismon: Geben Sie homöopathische Globuli, wenn Ihre Kinder krank sind?

Beide: Nein!

Natalie Grams: Das Allermeiste vergeht doch von ­alleine. Man liest ein Buch vor, kümmert sich liebevoll. Ein ­junger Körper hat enorme Selbstheilungskräfte – blaue Flecken verschwinden über Nacht, Wunden heilen rasch, Fieber kann innerhalb von Stunden sinken. Dann wird aus einem schwer kranken Kind im Handumdrehen ein putz­munteres. Wenn man bei jeder Bagatelle mit Medizin kommt, lernt ein Kind nicht, seinem Körper zu vertrauen.

Sven Gottschling: Ich finde das gruselig, wenn sich auf dem Spielplatz ein Kind das Knie aufschlägt und gleich drei Leute ihre homöopathische Notfallapotheke aus der Tasche zerren; und wenn mal keiner eine dabei hat, ­sorgen sich alle, dass das nie wieder abheilen oder eine fußballfeldgroße Narbe hinterlassen wird. Eine Kollegin von mir, eine Oberärztin, wurde im Kindergarten gefragt, ob ihre Kinder Arnica-Globuli bekommen sollen, wenn sie mal hinfallen. Sie sagte: "Nein. Wenn ich möchte, dass sie was naschen, dann kriegen sie Gummibärchen von mir." ­Globuli sind halt nur Zucker.

Natalie Grams

Natalie Grams, 41, ist Ärztin. 2015 schloss sie ihre homöopathische Praxis und schrieb das homöopathiekritische Buch "Homöopathie neu gedacht". Derzeit arbeitet sie in Teilzeit für den Skeptikerverein GWUP und leitet die Internetseite netzwerk-homoeopathie.info. Sie hat drei Kinder.
Anne-Sophie StolzNatalie Grams

Prof. Sven Gottschling

Sven Gottschling, 48, ist Chefarzt des Zentrums für Palliativmedizin und Kinderschmerztherapie am Universitätsklinikum des Saarlandes. Zuletzt erschien von ihm der Bestseller "Wer heilt, hat Recht. Chancen und Grenzen der Alternativmedizin". Er hat vier Kinder und lebt in Homburg/Saar.
Anne-Sophie StolzProf. Sven Gottschling

Warum sagen Leute, ihnen hätten Globuli geholfen?

Gottschling: Die haben vom Placeboeffekt profitiert.

Grams: Das heißt: Schon die Erwartung, dass einem ­etwas Heilsames getan wird, kann dazu führen, dass sich ­Beschwerden bessern, weil dadurch die Selbstheilungskräfte aktiviert werden, bei Schmerzen etwa werden körper­eigene Opiate ausgeschüttet.

Ein Placebo ist also eine Scheintherapie?

Gottschling: Ein Kollege erzählte in einer Mediziner­runde, dass sein Kind eine Dornwarze am Fuß habe, schulmedizinisch war schon alles Mögliche getan. Da rief ein anderer Kollege spontan: "Die zaubern wir weg!" Er erklärte dem Kind, dass es den Fuß unter ein sehr teures und nicht ungefährliches Bestrahlungsgerät halten muss. Das war hier im Klinikkeller ein uralter Linearbeschleuniger, da war noch nicht mal der Stecker in der Steckdose. Er ging raus wegen der Strahlen, zählte laut, sagte dann: Behandlung beendet. Eine Woche später war die Warze weg.

"Wir sind alle empfänglich für Placebos" - Natalie Grams

Aber vernünftige Erwachsene sind doch nicht empfänglich für Placebos!

Gottschling: Ich nehme gelegentlich eine Kopfschmerztablette, und, oh Wunder, in aller Regel sind nach zehn Minuten die Kopfschmerzen besser.

Grams: Das kenne ich!

Gottschling: Es ist aber Blödsinn, weil der Wirkstoff erst nach 25 bis 30 Minuten im Blut ist. Die Tablette hilft mir schon, bevor sie mir helfen kann. Allein meine Wirk­erwartung löst das aus.

Grams: Wir sind alle empfänglich für Placebos. Natürlich hat der Placeboeffekt Grenzen – dadurch kann man keinen Schlaganfall und kein zertrümmertes Bein heilen. Aber der Placeboeffekt ist bei jeder Therapie dabei. Nur gibt es eben Arzneitherapien, die nachweislich darüber hinaus­gehen. Und andere, die das nicht tun.

"Das ist ein super Beispiel für den Danach-­aber-nicht-deswegen-Fehlschluss" - Natalie Grams

Wie findet man heraus, ob eine Arznei über den Placeboeffekt hinaus wirkt?

Grams: Man teilt eine Gruppe von Menschen zufallsge­steuert in zwei Untergruppen. Die eine erhält ein Scheinmedikament, die andere das echte Medikament. Versuchsleiter und Patienten dürfen nicht wissen, wer die Scheinbehandlung bekommt. Und wenn dann mehr Echtbehandelte als Scheinbehandelte eine Besserung berichten, dann ist das Medikament wirksamer als das Placebo. In der Wieder­holung muss der Versuch das gleiche Ergebnis haben, sonst war es Zufall. Das nennt man doppelblinde, rando­misierte, placebo­kontrollierte Vergleichsstudien.

Manche Leute sagen: Ich brauche keine wissenschaftlichen Beweise, ich probiere einfach aus, was funk­tioniert – und die Homöopathie hat mir geholfen.

Grams: Das ist im Einzelfall total verständlich, dass das jemand sagt. Aber es ist ein super Beispiel für den Danach-­aber-nicht-deswegen-Fehlschluss. Es ist besser geworden, nachdem man etwas getan hat. Aber war das wirklich deswegen? Die Beschwerden können von alleine vergangen sein, vieles kriegt der Körper selbst in den Griff, vielleicht war auch nicht mehr so viel Stress im Leben.

Wirken homöopathische Mittel nun oder nicht?

Gottschling: Also: Die Homöopathie wirkt – wie viele an­dere Verfahren auch – über den Zuwendungseffekt. Dass sich ein Therapeut oder Arzt eine Stunde und mehr inten­siv für einen Menschen interessiert, wo erlebt ein ­Patient so was? Normalerweise kennt er die Fünf-Minuten-
Fließband-Abfertigungsmedizin. Aber bei den homöo­pathischen Arzneimitteln muss man sagen: Es gibt keinen ­Unterschied zwischen Globuli und Zuckerkügelchen.

"Steve Jobs wäre wahrscheinlich heute noch am Leben" - Sven Gottschling

Ihnen, Frau Grams, schien als Studentin Homöopathie aber geholfen zu haben.

Grams: Ich hatte Ohnmachtsanfälle und Herzrasen, kein Arzt fand eine Ursache. Dann war ich bei einer Heilprak­tikerin. Die sagte: Erzähl mir alles! Und in diesem Gespräch kamen wir darauf, dass das möglicherweise Folgen meines Unfalls waren – ein Auto war mir auf meiner Fahrbahn entgegengekommen. Ich hatte den Unfall einfach so weggesteckt, weil mir offensichtlich nichts Schlimmes ­passiert war. Im Grunde hatte ich eine posttraumatische Be­lastungsstörung. Die Heilpraktikerin sagte: Geh zu einem Psychologen, und wir machen hier bisschen traditionelle chinesische Medizin – immer, wenn die Panik kommt, nimmst du drei Globuli ein. Das war ein super Tool, um den Alarmzustand runterzuregulieren. Das lag aber nicht an irgendeiner arzneilichen Wirkung; das wäre auch mit Atemübungen oder Tai-Chi gegangen. Heute weiß ich, dass mir die Traumatherapie geholfen hat. Damals aber dachte ich: Wow, ich muss unbedingt Homöopathie lernen!

Ist irgendwas dagegen einzuwenden, wenn Leute gegen Beschwerden ein paar Kügelchen einwerfen, die jemand vorher mit Bedeutung und Versprechen aufgeladen hat?

Gottschling: Bei einer banalen Erkrankung ist es relativ egal, wenn Leute ihr Geld in Globuli investieren. Aber Steve Jobs, Mitgründer von Apple, wäre wahrscheinlich heute noch am Leben, hätte er sich nicht auf Alternativ­pfade begeben. Er hatte einen bestimmten Bauchspeicheldrüsenkrebs, der im Frühstadium heilbar gewesen wäre. Irgendwann war es zu spät.

Andererseits war diese Heilpraktikerin die Erste, die Sie auf die Verbindung mit dem Unfall gebracht hat.

Grams: Genau. Deshalb sage ich heute: Wir brauchen in der Medizin wieder mehr Zeit, um mit Patienten an die Ursachen zu kommen. Auch, um mal zu sagen: Wir lassen jetzt den Körper walten, und ich bin für Sie da in dieser Zeit.

"Medizin hat ganz viel mit Magie zu tun" - Sven Gottschling

Meinen Sie, die heutigen Ärzte und Ärztinnen könnten das, wenn man ihnen die Zeit gäbe?

Grams: Nicht alle.

Gottschling: Aber einige. Ich glaube, dass viele Kollegen unter dieser Fließbandmedizin leiden. Ich selbst würde daran kaputtgehen. Ich bin total froh, mir als Schmerztherapeut und Palliativmediziner Zeit nehmen zu können für Patienten. Ich bin schon der Meinung, dass Medizin ganz viel auch mit – das klingt jetzt blöd – mit Magie zu tun hat, dass viele Wirkungen über die Erwartung ausgelöst werden. Denn wir haben gar nicht so viele Medikamente, die dramatisch über den Placeboeffekt hinausgehen.

Grams: Ich glaube, dass gute Medizin aus einer guten ­wissenschaftlichen Basis und der Heilkunst besteht. Wie begegnen wir dem Patienten, wie ist das Verhältnis zwischen uns als Menschen? Es braucht dafür aber keine Magie.

Gottschling: Ich bin ja von Haus aus Kinderarzt, und ­Kinder sind als mystisch-magische Wesen sehr beeinflussbar. Ich finde, das kann man auch positiv nutzen. Ich mache auch Laserakupunktur, die ist im Unterschied zu den Nadeln schmerzfrei, und gerade die Jungs, wenn ich denen erzähle, das ist jetzt mein Lichtschwert . . .

Grams: . . . das ist unlauter! Das ist Star Wars!

Gottschling: Die gehen mit einem seligen Lächeln da raus und erzählen in Kindergarten oder Schule: Mein Arzt behandelt mich mit seinem Lichtschwert!

"Ich dachte, ich bin eine Betrügerin" - Natalie Grams

Ist Akupunktur nicht auch Hokuspokus?

Gottschling: Nein!

Grams: Doch, aber ein besserer Hokuspokus als Homöopathie.

Frau Grams, Sie hatten eine gut gehende homöopathische Privatpraxis – also halfen Sie den Menschen doch?

Grams: Dass die Homöopathie hilft, bestreitet ja niemand. Die Frage ist: Wie hilft sie? Homöopathen sagen, es sei eine arzneiliche Wirkung. Die Wissenschaft sagt: Nein, da wirkt etwas Psychologisch-Zwischenmenschliches. Ich hatte damals sehr gute Bewertungen auf diesem ­Jameda-Portal mit 1,0, aber keiner schrieb: Danke für die richtigen Globuli. Sondern: Danke für die Zeit, für die Zuwendung, danke, dass Sie mir zugehört haben. Ich glaube, das ist der Placeboeffekt plus die vergehende Zeit, bis der Körper es selbst schafft. Es tut mir nur leid, dass ich dafür diese Kulisse aufgebaut habe.

Dann aber kam die Wende . . .

Grams: Als ich dabei war, ein Buch zu schreiben, das ­eigentlich die Homöopathie verteidigen sollte, las ich ­dafür Studien, sprach mit Wissenschaftlern – und ­habe die ­Homöopathie erstmals kritisch hinterfragt. Am schlimmsten war die Zeit, als ich schon wusste, hier kann nichts Arzneiliches stattfinden, und die Patienten sagten mir trotzdem: Es geht mir besser. Das war echt eine Qual, ich dachte, ich bin eine Betrügerin. Zum Glück kam dann das dritte Kind. Ich schloss die Praxis.

"Das ist die alte chinesische Denkweise, jenseits von anatomischen Grundkenntnissen" - Sven Gottschling

Während Sie, Herr Gottschling, als junger Arzt ein ­glühender Verfechter der Schulmedizin waren.

Gottschling: Ja, ich war in der Kinderonkologie tätig, als Arzt im Praktikum, und immer wieder fragten Eltern: Was können wir denn zusätzlich noch für unser Kind tun – Misteltherapie, Globuli . . . ? Mein damaliger Chef sagte, es muss sich mal jemand damit auseinandersetzen, und ich duckte mich nicht schnell genug weg. Aus den ersten Akupunkturkursen wäre ich fast schreiend davongelaufen, als da von Energieflüssen und der sonnenbeschienenen ­Seite des Hügels die Rede war. Das ist die alte chinesische Denkweise, jenseits von anatomischen Grundkenntnissen. Ich war ultraskeptisch, fing aber parallel an, Patienten zu behandeln, in der Familie zu behandeln, auch mich selbst wegen Migräne und Heuschnupfen – und war völlig hin und weg von den Effekten. Und dann haben wir hier in der Uniklinik angefangen, Studien aufzulegen.

So richtig hochkarätige Studien?

Gottschling: Ja. Wir machen Akupunktur mit einem echten Laser und einem Placebolaser. Beide blinken und piepen, das ist also doppelblind. Wir haben bei Kindern, die einer schmerzhaften Prozedur unterzogen werden mussten, vorher einen Punkt zur Schmerzlinderung ge­lasert. Die Ergebnisse sind der Hammer!

Grams: Ich bin von der Nadelakupunktur überzeugter als von der Laserakupunktur: Wenn man eine Nadel in den Körper sticht, passiert körperlich etwas. Es ist der Akt des Nadelns, der hilft. So weit würde ich mitgehen. Aber Meridiane als Energiebahnen – das ist wissenschaftlich nicht haltbar. Es ist egal, wo man hinsticht. Mich ­wundert, lieber Herr Gottschling, dass Sie bei der Akupunktur so unkritisch sind, auf andere Verfahren schauen Sie viel wissenschaftlicher.

Gottschling: Auch mit der Laserung bringe ich Stoff­wechselprozesse in Gang, ich setze ja ein Energiedepot in die 
Gewebetiefe, da findet messbar eine erhöhte Kommuni­kation zwischen Zellen statt. Die Akupunktur wirkt wahrscheinlich als eine Art Reflextechnik. Wir wissen ja, wenn wir einen Herzinfarkt haben, kriegen wir ­Schmerzen im linken Arm, im Unterkiefer oder im Oberbauch, das sind Areale, die dann stellvertretend Alarm schreien. Und ich vermute, dass es umgekehrt auch geht: Wenn ich ganz bestimmte Hautflächen ansteuere, kann ich damit wiederum auch eine Wirkung auf innere Organe erzielen. Dafür gibt es schon erste Hinweise.

Grams: Aber bei der Akupunktur ist doch die Beleglage fast genau so mau wie bei der Homöopathie!

Gottschling: So mau ist die nicht! Wo ich Ihnen recht gebe: Wir fangen gerade erst an, unsere Studien in den wissenschaftlichen Fachzeitschriften zu veröffentlichen. Aber da kommt jetzt mehr!

"Ich bekam Mord­drohungen, hielt Vorträge unter Polizeischutz" - Natalie Grams

Beide sagen Sie öffentlich, dass Sie von der Homöo­pathie als Arzneitherapie nichts halten – was bekommen Sie für Reaktionen?

Grams: Nur nette. (Beide lachen.)

Gottschling: Ich bekomme regelrechte Hassmails. Wenn ich einen Fernsehauftritt hatte oder einen Vortrag ge­halten habe, wurden meine Sekretärinnen am Telefon aufs Wüsteste beschimpft. Das hat mich schon erschreckt. Die wenigen Patienten darunter sagen, sie seien enttäuscht von mir, formulieren das aber meist freundlich. Die ­richtig ­üblen Attacken kamen in der Regel von Ärzten oder Heilpraktikern, die die Methoden, die ich entmystifiziere, selbst betreiben.

Grams: Ich bekam auch immer wieder konkrete Mord­drohungen, hielt Vorträge unter Polizeischutz. Mittlerweile lebe ich verborgen. Das ist bedrückend. Inzwischen habe ich mich mit wissenschaftlich denkenden Menschen zusammengetan. Und sehe jetzt auch, da ich mit einer ­Klage bedroht werde, dass es eine große Solidarität mit mir gibt. Das Pharmaunternehmen Hevert, das Homöo­pathika herstellt, fordert, dass ich eine Unterlassungs­erklärung unterschreibe. Das Schreiben habe ich auf Facebook und Twitter öffentlich gemacht. Es kam unglaublich viel Unterstützung! Wenn der Hersteller wirklich klagt, werde ich zumindest nicht am Finanziellen scheitern.

Gottschling: Damit schießen die sich doch ein Eigentor!

Was sollen Sie nicht mehr sagen dürfen?

Grams: "Homöopathie wirkt nicht über den Placeboeffekt hinaus." Dabei sagen das die korrekt gemachten Studien ebenso. Die müsste die Firma auch verklagen, eigentlich. Aber ich glaube, es geht hier um was ganz anderes: Die Umsätze der Homöopathie gehen zurück. Weil die Kritik jetzt aus so vielen Ecken kommt.

"Man rüttelt offensichtlich am Weltbild einzelner Menschen" - Sven Gottschling

Gottschling: Dass sich manche wirtschaftlich bedroht fühlen, ist das eine. Das andere ist: Man rüttelt offensichtlich am Weltbild einzelner Menschen, und das löst wohl massivste innere Widerstände aus, richtigen Fanatismus.

Grams: Dabei sagt keiner, Homöopathie soll ver­boten ­werden. Oder: Wer das macht, ist bescheuert. Wir ­nehmen nichts weg, sondern wir schenken Aufklärung, wir ­schenken Wissen. Dafür so fertiggemacht zu werden, das ist rational nicht erklärbar.

Gottschling: Ich kann mir die Reaktion nur so er­klären, dass wir einen Zaubertrick entmystifizieren. Damit ­schubsen wir diese Gruppe von Heilern oder auch selbst ernannten Heilern von ihrem Podestchen.

Grams: Im Grund sind wir die Kinder, die schreien: Der Kaiser ist nackt! Ich habe ja selbst erlebt, wie sich das anfühlt. Man ist nicht mehr die omnipotente Heilerin, man muss sich quasi auf dem Boden der Realität mühsam zusammenklauben. Das tut weh. Aber ich denke immer: Wenn man dafür auf dem Boden der Realität landet, ist das doch viel sicherer. Wir haben es hier ja nicht mit dem persönlichen christlichen Glauben zu tun, sondern wir 
sprechen hier über Medizin und Wissenschaft. Da kann man nicht einfach sagen, der Glaube stehe über dem Wissen.

Nebenbei gefragt

Frau Grams, welche Musik tut Ihnen gut?

Tango. Ich bin leidenschaftliche Tango­tänzerin. Aber in ­meiner Jugend war ich in der Punkszene, ich kann auch mit solcher Musik was anfangen.

Machen Sie auch was Ungesundes, Unvernünftiges?

Für mich ist wirklich das Unvernünftigste und Ungesündeste meine Arbeit. Ich bin eigentlich ein relativ vernünftiger Mensch. Was Sport angeht, schlage ich noch am ehesten über die Stränge, ich fahre mit dem Rennrad Berge hoch.

 

Herr Gottschling, welche Musik 
tut Ihnen gut?

Ganz fieser, richtig biestiger Heavy Metal.

Machen Sie auch 
was Ungesundes, 
Unvernünftiges?


Ständig. Man lebt nur einmal, und wenn man es richtig macht, dann reicht das auch. Ich ­liebe es zum ­Beispiel, auf ­Kongressen mit Kollegen bis morgens um fünf um die Häuser zu ziehen und dann völlig zerschossen ­
am nächsten Morgen um acht Uhr einen 
Vortrag zu halten. Also zu ­gucken: Krieg ich ­trotzdem die ­Performance hin? ­Bisher hat’s geklappt.

Infobox

Freches Video von Jan Böhmermann über Homöopathie im NEO MAGAZIN ROYALE

Die Youtuberin Dr. Mai Thi Nguyen-Kim erzählt unterhaltsam und unglaublich verständlich, was es mit der Homöopathie auf sich hat - bei FUNK, dem Angebot von ARD und ZDF für jüngere Menschen (Ältere sind davon aber ebenso begeistert).

Das Informationsnetzwerk Homöopathie setzt sich "für eine ehrliche Medizin und für faire Aufklärung über Homöopathie ein" - besonders schön die FAQ, etwa die Frage "Bei Kindern und Tieren hilft's doch auch - die können sich die Wirkung doch nicht einbilden!"

Für alle, die es ganz genau wissen wollen, gibt es eine kommentierte Liste von wissenschaftlich hochwertigen Studien zur Homöopathie.

 

 

 

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Lesermeinungen

Sehr geehrte Frau Wimmer,
Sie schreiben, Sie hätten "Respekt gegenüber andersdenkenden Menschen" vermisst. Das täte mir natürlich leid, wenn Sie sich respektlos behandelt gefühlt haben sollten. Nur kann ich nicht so recht nachvollziehen, wo der Respekt Ihnen gegenüber fehlt. Vielleicht kurz zum Hintergrund dieser Rubrik mit dem Titel "Begegnung": Das ist der Platz in unserem Heft, wo sich zwei Personen, die die Redaktion interessant findet, austauschen. Es geht dabei immer auch um ganz persönliche lebensgeschichtliche Erfahrungen. Wir haben Frau Grams und Herrn Gottschling eingeladen, weil wir interessant fanden, dass die eine sich abgewandt hat von einer alternativen Heilmethode, während der andere sich einer alternativen Heilmethode zuwendet.
Ausdrücklich wird auch gesagt: Niemand will Menschen die Homöopathie wegnehmen, sie gar verbieten. Wer sich bei der Homöopathie gut aufgehoben fühlt - alles gut.
Dass die beiden Gesprächpartner womöglich manchmal ein wenig schnoddrig reden - das dürfen sie. Das ist nun mal die persönliche Art zum Beispiel von Prof. Gottschling, als Palliativmediziner braucht er die vermutlich auch. Und man muss ja auch gar nicht der Meinung dieser beiden Personen sein. Vielmehr macht es diese Textform, in der Aussagen jeweils Personen zugeordnet sind, den LeserInnen ja gerade leicht, sich davon abzugrenzen. Also zu sagen: Nö, seh ich nicht so wie Frau Grams, hab ich andere Erfahrungen mit.
Das wäre ganz in unserem Sinne! Diskussion und auch Streit gehören nun mal zu einer friedlichen Gesellschaft dazu.
Herzliche Grüße
Christine Holch
Chefreporterin
Redaktion chrismon

Kirche und Gesellschaft praktizieren seit Jahrzehnten völlig unkritisch esoterisch geprägte sogenannte Sanfte Heilverfahren. Wenigen ist bekannt, welche Weltreligionen hinter diesen „Neuen Heilverfahren“ stehen.
Homöopathie – Begründer Samuel Hahnemann war geprägt von Konfuzius und Mesmerismus. Als engagierter Freimaurer sah er Lao-Tse`s Tao als eine Grundlage seiner Erkenntnisse: Die Idee der Materie (besonders bei Hochpotenzierung) wirkt im Gegenteil. Also Gleiches heilt Gleiches, das Simileprinzip im China der Chou Zeit.
Wenn bei manchmal sogar fehlenden Molekülen angeblich die Idee des Wirkstoffes im Gegenteil wirkt, liegt statt Wissenschaft reine Esoterik vor. Mancher zieht den Begriff Placebo vor.
Und die Antwort der Christenheit, bzw. der Kirchen? Der entmythologisierte Christus moderner Theologen versteht sich nur noch als Sinnbild. Gott darf nicht mehr Gott sein.
Der Glaube an Jesus Christus als Sohn Gottes und Erlöser ist dagegen die beste Erkenntnis, die mir begegnet ist. Kein anderer Religionsstifter hat die Feindesliebe gelehrt.

Wenn Sie Ihr Magazin so einstufen, dass es christliche Werte hoch hält, dann frage ich mich, warum dieses Interview gedruckt wurde.
Schon der Text auf der Umschlagseite: "Globuli oder Gummibärchen? Was an der Homöopathie wirksam ist - und was nicht" ist?? reisserisch.
Was wollte die Moderatorin Christine Holch mit diesem Interview erreichen, in dem 2 Ärzte über die Homöopathie herziehen? Ich fand den Zynismus kaum lesbar.
Häme und einseitige Berichterstattung ist jetzt auch bei Chrismon angekommen. In welcher Welt leben wir? Haben wir nicht genügend Beispiele in der Politik, wohin das führt?
Sollten wir nicht die Meinungsvielfalt hochhalten? Den Leser sachlich informieren, nicht einseitig unsachlich verunsichern? Es gibt genügend Ärzte und Heilpraktiker, die von dem Nutzen der Homöopathie überzeugt sind. Warum bemühte man sich nicht um einen Vertreter?

Sehr geehrte Frau Bobrik,

huch, das sind ja eine ganze Menge Vorwürfe, die Sie in Ihrer Leserzuschrift unterbringen: reißerisch, einseitig, hämisch, zynisch, unsachlich…

Wir hatten ganz bewusst keine/n VertreterIn der Homöopathie zu diesem Gespräch angefragt. Wir machen ja auch keine Interviews mit Menschen, die den Klimawandel leugnen. Es gibt nun mal keine den wissenschaftlichen Standards genügenden Nachweise, dass Homöopathika über Placebo hinaus wirken. Und ein Magazin ist nicht verpflichtet, etwas, das es für sinnlos hält, zu propagieren. Gilt umgekehrt übrigens genauso: Ein Medium, das Homöopathie vorstellt, ist nicht verpflichtet, die Gegenseite darzustellen.

Das Für und Wider haben wir im Übrigen ausreichend dargestellt. Das findet z.B. durch die Fragen der Interviewerin Eingang in den Text. Und kommt sogar in der Erzählung von Frau Grams vor: wie sie als junge, unfalltraumatisierte Frau bei einer Homöopathin Hilfe fand. Später ordnet sie das anders ein – dem kann man als Leserin folgen, muss es aber nicht.

Eigentlich verstehe ich Ihren Ärger gar nicht so recht, denn überaus deutlich wird in dem Text gesagt, dass Homöopathie wirkt, nur eben nicht über die Globuli. Die von Ihnen als „reißerisch“ gebrandmarkte Ankündigung auf der Titelseite ist geradezu ausgewogen: „… was an der Homöopathie wirkt und was nicht“. Wenn Menschen positive Erfahrungen mit HomöopathInnen oder mit Homöopathika gemacht haben, werden sie wegen eines solchen Gesprächs in chrismon nicht Abstand nehmen von der Homöopathie. Das glauben Sie doch nicht im Ernst!

Mit freundlichen Grüßen

Christine Holch/Redaktion

Sehr geehrte Damen und Herren der Redaktion des Magazins Chrismon,
voller Erschrecken habe ich das Interview von Dr. Grams und Dr. Gottschling in ihrem Magazin Chrismon gelesen. Ich konnte kaum glauben, dass sie als Magazin, das für christliche Werte und Themen steht, Frau Dr. Grams eine Plattform bieten. Die Ärztin Grams ist als Expertin für Homöopathie in allen Leitmedien ( Spiegel, Zeit, Süddeutsche, etc) im Dauereinsatz, dazu noch im Radio und Fernsehen aktiv. Vor allem ist sie in der GWUP ( Gesellschaft zur Untersuchung von parawissenschaftlichen Phänomenen) in leitender Funktion. GWUP kann naturgemäß mit Religionen nicht viel anfangen, denn hierfür fehlt ja komplett die von GWUP massivst geforderte wissenschaftliche Beweisbarkeit. Die Gesellschaft GWUP ist daher in ihrer ganzen Einstellung und Darstellung von Religion durch und durch abwertend und das auch in aggressivem Tonfall. Hier wäre eine gründliche Recherche über GWUP, die Religion per se verachtet, angebracht gewesen. Das beispielsweise "Der Spiegel", der christliche Religonen dauerhaft schlecht macht, keine Schwierigkeiten hat, mit GWUP zu arbeiten verwundert wenig, aber ihr Magazin hat doch sicher einen anderen Anspruch. In dem Interview gibt sich Frau Dr. Grams passend zu dem Magazin Chrismon sehr milde, betont die Opferrolle, die sie durch ihren Einsatz zur Aufklärung über Homöopathie erdulden musste. Ihre Äußerungen in den sozialen Medien zeigen eine Seite, in der sie Homöopathen, Heilpraktiker, etc. niedermacht und ins Lächerliche zieht. Die Opferrolle benötigt sie, um die Ärzte und Heilpraktiker, die Homöopathie einsetzen, als Bösewichte und Scharlatane zu brandmarken. Über Dr. Gottschling weiß ich nicht viel, außer dass er sich auch schon lange gegen Homöopathie stark macht. Die Verunglimpfung von Homöopathie, Alternativmedizin, Heilpraktikern ist die letzte Zeit enorm angestiegen und das ist vor allem der GWUP zu verdanken. Fast alle Experten, die in den Medien zu Wort kommen, sind wie Frau Grams mit der GWUP vernetzt. So
ist der Eindruck entstanden, die Kritik basiert auf den unterschiedlichsten Fachmeinungen. Eine wirklich gute Informationsplattform bietet dagegen die Carstens-Stiftung (www. naturundmedizin.de unter der Rubrik aktencheck).
Der Menschheit wird mit der Bekämpfung der Homöopathie und anderen alternativmedizinischen Methoden kein Gefallen getan. Ich bin seit 27 Jahren Physiotherapeutin und seit gut 10 Jahren zusätzlich Heilpraktikerin, ich stehe zu Homöopathie und Naturheilkunde aus voller Überzeugung. Das Interview hier mit den beiden Ärzten ist wieder eine Paradebeispiel, wie der Eindruck der absoluten Unseriosität von Homöopathie erweckt werden soll. Vernünftige und verantwortungsvolle Patienten lehnen diese Methode ab. Wer Homöopathie und Naturheilkunde anwendet, kann sich sogar in Lebensgefahr bringen,.... Steve Jobs muss erneut als Beispiel herhalten (offensichtlich ist seine Krankenakte allgemein bekannt und Krebspatienten sterben nur unter naturheilkundlicher Behandlung....?)
Ich habe natürlich zu dem Inhalt des Interviews eine gegensätzliche Meinung, doch damit bin ich ja allerorten konfrontiert. Entsetzt hat mich dagegen, dass ihr Magazin sich dafür verwendet, einer GWUP-Aktivistin die Möglichkeit zu bieten, die Homöopathie zum unzähligsten Mal zu diffamieren. Ich sagte es schon eingangs, die
christlichen Religionen stehen genau wie Homöopathie, Alternativmedizin, Heilpraktiker, etc. bei GWUP auf der Abschussliste. Das ist mir nicht gleichgültig, denn mein Herz hängt nicht nur an der Naturheilkunde, sondern auch an dem christlichen Glauben. Mit freundlichen Grüßen

Liebe Frau Fischer,
danke, dass Sie mir durch Ihren Leserbrief die Möglichkeit geben, ein paar Dinge deutlicher zu sagen, die vielleicht im Ungefähren geblieben sind.
Natürlich wussten wir schon vor der Anfrage an Frau Grams, dass sie bei den Skeptikern tätig ist. Denn natürlich hatte ich alle Ihre Verbindungen vorher recherchiert. Wir wollten aber nicht Frau Grams' Ansichten zu Glauben + Kirche hören, sondern wir fanden sie für eine Auseinandersetzung über Alternativmedizin interessant.
Frau Grams hat sich auch nicht "extra milde passend zu chrismon gegeben", sie IST einfach eine freundliche Person. Davon konnte ich mich mehrfach überzeugen. Übrigens ist der von ihr als sehr angenehm empfundene Kontakt mit chrismon sicher auch nicht spurlos geblieben.
Dass es aktuell öffentlich viel Diskussion um die Wissenschaftlichkeit der Homöopathie gibt, mag in Deutschland in der Tat auch von Frau Grams und der GWUP befördert worden sein, in anderen Ländern sieht das anders aus. In den USA werden homöopathische Mittel seit langem nicht als zulassungspflichtige Medikamente verkauft, sondern als Lebensmittel bzw. Drogerieartikel, in Großbritannien zahlt der National Health Service nicht mehr dafür, solche Beispiele gibt es viele.
Übrigens will niemand die Homöopathie verbieten, das ist auch nicht Frau Grams' Interesse. Aber die Anerkennung als Medikament und die Bezahlung durch die Krankenkassen, das sollte beendet werden. Natürlich können weiterhin die Menschen zu HeilpraktikerInnen gehen, zumal ihnen dort ja auch deutlich mehr Aufmerksamkeit zukommt, was sicherlich heilend wirken kann.
Ein bisschen erschrocken bin ich über Ihre Bemerkung, dass Frau Grams im Interview ihre Opferrolle betone. Vielmehr war es so, dass ICH sie nach den Beeinträchtigungen gefragt habe, sie selbst hätte von alleine nicht davon berichtet. Und, ehrlich gesagt: Mit Ermordung bedroht zu werden, ist nicht pillepalle, das kann einen, zumal als Familienmutter, wirklich fertig machen. Sehen Sie bestimmt auch so.
Liebe Frau Fischer, bleiben Sie uns - kritisch - gewogen
Herzliche Grüße
Christine Holch
Chefreporterin chrismon

 

Sehr geehrte Frau Holch,
ich würde es begrüßen, wenn Sie dieses Interview nicht alleine im Raum stehen lassen, sondern in zeitlicher Nähe ein zweites Interview veröffentlichen, das die Homöopathie aus einer anderen Perspektive beleuchtet. Dann hätte der Leser die Möglichkeit, sich selbst ein Bild zu machen. Im Moment bleibt die Darstellung einseitig und mutet damit manipulativ an.
Mit freundlichen Grüßen
Susanne Schimmer

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