Ursula Ott erledigt Werkstätten

Pizza, Tanz und Therapie – schöne neue Werkstatt
Je digitaler die Welt, desto mehr machen wir einen auf Handarbeit. So ein Schwindel!

Ich liebe Werkstätten. Mein Papa war gelernter Kraftfahrzeugmechaniker. Wenn wir als Kinder schulfrei hatten, durften wir rußverschmierte Karosserien von unten bestaunen, unter der Hebebühne. Ein mauliger Monteur im Blaumann scheuchte uns Kinder vom hydraulischen Werkstatt-Tor weg. Es roch nach Öl, und danach gab es ­diese grobkörnige Handwaschpaste, um sich die Finger sauber zu machen.

Ursula Ott

Ursula Ott ist Chefredakteurin von chrismon und Chefredakteurin von evangelisch.de. Sie studierte Diplom-Journalistik in München und Paris und besuchte die Deutsche Journalistenschule in München. Sie arbeitete als Gerichtsreporterin bei der "Frankfurter Rundschau", als Redakteurin bei "Emma", als Autorin und Kolumnistin bei der "Woche", bei der "Brigitte" und bei "Sonntag aktuell" sowie als freie Autorin für Radio und Fernsehen.
Foto: Lena UphoffUrsula Ott, chrismon Chefredakteurin

Das Einzige, was davon geblieben ist, ist der Geruch. Der Boden ist jetzt so sauber, dass man sofort Sushi davon essen könnte. Der Monteur raunzt nicht mehr, er heißt "Dialog-Annehmer", trägt ein gebügeltes Hemd und möchte "meine Wünsche direkt am Fahrzeug mit mir besprechen". So steht es auf seiner Homepage.Klingt, als ob mein Auto zur Psychotherapie müsste statt zum Ölwechsel.

Gar nicht so falsch. Zwar heißt das mit den Autos nicht mehr "Werkstatt". Aber fast alles andere. Therapeuten heißen "Traumwerkstatt", Werbeagenturen heißen "Gedankenwerkstatt" oder "Wortwerkstatt", Ballettschulen heißen Tanzwerkstatt. Und schnöde Kurierdienste heißen Pizzawerkstatt. Alle haben sie offenbar verstanden: Je digitaler und keimfreier die Welt wird, desto größer die Sehnsucht nach Ölschmiere und Sauerei.

Der Duden sagt, eine Werkstatt sei der ­Arbeitsraum eines Handwerkers. Hand­werker sind im Moment die Berufsgruppe mit dem größten Hypefaktor. Versuchen Sie mal, auf die Schnelle einen Klempner zu finden. Eben. Werber, Agenturfritzen und Tanzlehrerinnen hingegen können Sie relativ zeitnah buchen. Schon klar, dass die gern künstliche Ver­knappung spielen, indem sie sich das Handwerker-­Image ausleihen.

Und weil natürlich auch in unserem Haus viele Träume, Gedanken, Wörter und manchmal sogar Pizzen angefertigt werden, hätten wir um ein Haar eine neue Rubrik "Aus der Werkstatt" genannt. Wir wollen Ihnen künftig öfter erzählen, wie wir zu unseren Geschichten gekommen sind und was wir bei unseren Recherchen erlebt haben. Sie finden die Reihe auf chrismon.de. Der Titel: "Wie hast du das gemacht?".

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Lesermeinungen

Mit innerer Zustimmung, aber auch einem Schmunzeln, habe ich Ihren o.g. Beitrag gelesen.

Ja und was nicht Werkstatt heißt Manufaktur. Schokoladenmanufaktur, Kaffeemanufaktur, Matratzenmanufaktur, Schönheitsmanufaktur, Fahrradmanufaktur usw. usw.

Man könnte dieses Phänomen der Übertreibung einfach als Mode abtun. Ich glaube das wäre nicht richtig, denn es steckt doch mehr dahinter, was Ihnen wahrscheinlich auch bewusst ist.

Ich erlaube mir einen Literaturhinweis: “Die Gesellschaft der Singularitäten” von Andreas Reckwitz (2017). Reckwitz, ein Kultursoziologe, vertritt die These, dass sich eine neue Bevölkerungsschicht herausgebildet hat, eine neue Mittelschicht nämlich, für die alles etwas Besonderes sein muss, und dass diese Entwicklung zur (weiteren) Entsolidarisierung unserer Gesellschaft beiträgt.

So viel zu Ihrem Beitrag, der mir gefallen hat.