Schwanger mit behindertem Kind - ihr Mann verließ sie

"Ich will mein Kind behalten"
Anfänge - Ich will mein Kind behalten

Stefanie Giesder

"Sammy ist ein tolles Kind", sagt seine Mutter, Sabrina H., 47

Anfänge - Ich will mein Kind behalten

Sie war schwanger, als die Diagnose Downsyndrom kam. Da verließ ihr Mann die Familie

Sabrina H.:

Eigentlich war es nur eine Routineuntersuchung in der 19. Woche. Es war meine vierte Schwangerschaft. Aber dann sah ich beim Ultraschall weiße Punkte im Herzen meines Sohnes. Man empfahl uns eine Fruchtwasser­untersuchung. Noch am selben Tag hatte ich die Nadel im Bauch. Zwei Tage später rief mich die Ärztin an: Sie habe schlechte Nachrichten, unser Kind habe den Gendefekt Trisomie 21. Ich telefonierte mit meinem Mann. Er wollte sofort kommen. Aber er kam dann erst abends. Sonst rief er immer an, wenn es mal später wurde.

Ich schaute mir Videos an. Von Spätabtreibungen. Und von Familien mit Downsyndrom-Kindern. Das ist meine Art, mich den Dingen zu stellen. In der Woche darauf hatten wir mehrere Gespräche. Mit einem Humangenetiker, mit einer Beraterin von der psychosozialen Beratungsstelle und mit einer Ärztin für Pränataldiagnostik. Die schrieb in ihrem Abschlussbericht: "Ein Schwangerschaftsabbruch ist für sie zum jetzigen Zeitpunkt im Grunde nicht vorstellbar – in deutlichem Gegensatz zu ihrem Ehemann." Ich selbst konnte es da noch gar nicht so klar formulieren.

Wir schwiegen das Thema aus. Ich erkannte meinen Mann nicht wieder. Seine Reaktionen waren mir völlig fremd. Später habe ich erfahren, dass er am Tag der Diag­nose wohl bei seiner Mutter war. Sie hat ihm anscheinend von Leuten erzählt, die ein behindertes Kind haben und gar nicht mehr aus dem Haus kommen. Ich frage mich manchmal, was gewesen wäre, wenn er sich als Erstes mit jemandem unterhalten hätte, der positiv reagiert hätte. Es kam mir oft so vor, als lasse sich mein Mann sehr von den Meinungen anderer beeinflussen. Ich sagte mir: Das ist der Schock, er braucht Zeit, ihn zu verarbeiten.

Mein Mann sagte: "Entweder ich oder das Kind"

Irgendwann ist mir der Kragen geplatzt, denn wir ­mussten eine Entscheidung treffen. Ich war doch schon im fünften Monat! Ich erinnere mich, wie mein Mann sagte: "Du kennst meine Einstellung. Entweder ich oder das Kind." Am nächsten Tag war er weg. Er ließ ausrichten: "Ich komme wieder, wenn das Kind weg ist." Er kam nicht wieder.

Vor der Diagnose hatte er sich eigentlich auf das Kind gefreut und allen davon erzählt, wie bei meinen anderen Schwangerschaften auch. Wir waren seit 20 Jahren verheiratet – natürlich war unsere Ehe nicht immer harmonisch. Unsere Söhne waren damals 7, 18 und 20. Ich arbeitete als Tagesmutter und bei der Lebenshilfe als Schulassistentin. Wir waren in unserem Heimatdorf gut vernetzt.

Da stand ein solides Gerüst. Und nun brach das plötzlich zusammen. "Mach’s doch weg, dann ist alles wieder normal." Jeder hatte etwas zu dem Thema zu sagen. Aus dem weiteren Freundeskreis, aber auch von der Familie kamen Sätze wie: "Du nimmst deinen Kindern den Vater." Oder: "Muss das Kind jetzt unbedingt sein?" Ich hatte das Gefühl, von mir wurde eine Abtreibung erwartet.

Ich aber suchte Bestärkung für die Entscheidung, mein Kind zu behalten. Ich redete zum Beispiel mit Hebammen,  und ich bekam Zuspruch von wildfremden Leuten, deren Kontakt ich aus Foren oder von Beratungsstellen hatte. Auch enge Freundinnen standen mir bei: "Sabrina, das bist du nicht. Wenn du das Kind abtreibst, wirst du nicht mehr froh." Zu anderen brach ich den Kontakt ab.

Mittlerweile bin ich geschieden

Sammy ist jetzt sechs Jahre alt. In meinem Leben ist seit den Tagen der Diagnose nichts mehr so, wie es vorher war. Ich stand alleine da. Ich zog in eine andere Stadt. Und ich saß viel in Krankenhäusern, weil Sammy einen schweren Herzfehler hatte. Mittlerweile bin ich geschieden.

Mein Ex-Mann lebt in einer neuen Beziehung und zahlt Unterhalt – seine minimale Pflichterfüllung. Meine beiden ältesten Söhne wollen nichts mehr mit ihrem Vater zu tun haben, nur der 14-Jährige trifft sich mit ihm, vielleicht alle zwei Monate. Mein Ex-Mann und ich hatten nie ein klärendes Gespräch. Er hat den Konflikt nie an sich rangelassen und alles abgeblockt.

Ich bin überzeugt, dass ich für mich die richtige Entscheidung getroffen habe. Uns geht es gut. Sammy ist ein tolles Kind, er strahlt eine unglaubliche Herzlichkeit aus. Mein Umfeld ist jetzt ein völlig anderes als vor Sammys Geburt. Viele Kontakte, von denen ich mir damals Be­stärkung holte, bestehen noch heute. Klar, ich hatte ­extrem anstrengende Phasen und kann kaum in die Zukunft ­planen. Das Leben ändert sich völlig. Aber für mich ist es schöner geworden.

Protokoll: Elena Winterhalter

 

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Lesermeinungen

Liebe Sabrina,

das Foto mit Ihrem goldigen Sohn auf dem Rücken hat mich sehr berührt. Ich weiß, dass diese Kinder ein überaus sonniges Gemüt haben und die Gabe, einen fröhlich zu stimmen. Ich hoffe, dass Ihr Sohn niemals an Menschen gerät, die ihn nicht wertschätzen.
Alle guten Wünsche für Ihr weiteres Leben!

U. Schäfer

Ungeborene Menschen und besonders ungeborene Menschen mit einer Behinderung haben für uns nimmer viele ureigene Rechte, das finde ich sehr, sehr schade. Unbestritten gibt es Frauen, die in echten Notlagen sind! Deren ungeborene und geborene Kinder und sie als Mütter brauchen Hilfe! Die muss da sein! Wer abtreibt, der tötet einen kleinen Menschen. Das ist die Rechtssprechung in Deutschland - ohne Konsequenzen auf den praktizierten Schutz kleiner ungeborener Menschen mit oder ohne Behinderung. Wie können wir nur Menschen im Leib der eigenen Mutter töten? Muss unser Handeln nicht von Liebe bestimmt sein - und zwar zu drei Personen: 1.) Zum Kind bzw. zum Kind mit einem Handycap im Mutterleib 2.) Zur Mutter und 3.) zu den abtreibenden Ärzten??? Doch. Denn Gott ist die Liebe und er liebt sie alle 3. Wenn wir sie aber lieben? Dann werden wir sie nicht töten. Sondern lieben, helfen, beistehen, das Töten aller Menschen natürlich auch verbieten. Gesellschaftlich ist dieses Anliegen für die Schwächsten (Menschen) der Schwachen fast ohne jede Lobby. traurig. Thomas Thiele aus Spiegelau (Prädikant in der Ev.-Luth. Kirche in Bayern)

Es liegt mir fern, Einstellungen und Verhaltensweisen von Schwangeren zu beurteilen, gar zu kritisieren, erst recht nicht in problematischen Notfällen.
Mich faszinieren vor allem das zu dem Artikel veröffentlichte Photo von der Mutter und ihrem Kind mit dem Downsyndrom und ihre Aussage: „Sammy ist ein tolles Kind, er strahlt eine unglaubliche Herzlichkeit aus. Das Leben ändert sich völlig. Aber für mich ist es schöner geworden.“
Das Photo belegt geradezu die Authentizität des Gesagten.
Dieses positive Beispiel könnte Schule machen und Müttern mit zu erwartenden behinderten Säuglingen ermutigen, sie auf die Welt zu bringen. Einige Außenstehende werden nun wahrscheinlich nachdenklicher und vorsichtiger mit ach so wohlgemeinten Ratschlägen, das Kind doch abtreiben zu lassen.
Wenn Mütter abtreiben, haben sie oft ein ganzes Bündel an Beweggründen, die Sorge vor den Reaktionen der Mitmenschen, die Überforderung durch die schwierige Situation, möchten aber auch das Kind vor einem Leben mit ganz besonderen Schwierigkeiten bewahren pp.
Man sollte aber auch nicht vergessen, dass viele im Nachhinein – manchmal unterschwellig ein ganzes Leben lang - unter starken Schuldgefühlen leiden und bereuen, abgetrieben zu haben. Mit großer Wehmut blicken sie dann oft in fremde Kinderwagen.
Sammy und seiner Mutter alles Gute, Unterstützung und viele Schutzengel für ihre sicherlich nicht immer leichte Zukunft!

Sehr geehrte Frau H.,

herzlichen Dank für diesen ermutigenden Beitrag.

Ja, ermutigend, auch wenn ihnen traurigerweise der Ehemann dabei abhanden kam.

Ihre Entscheidung für das Leben ihres Kindes (trotz aller Schwirigkeiten, die sie zum Zeitpunkt der Enscheidung zumindest ahnten), war eine mutige Entscheidung.

Dass sie darüber in Chrismon berichten bereichert mich.

Viel Freude mit ihren 4 Kindern und viel Kraft für den Alltag wünsche ich ihnen