Christian Kreiß: Zehn Thesen gegen Werbung

Werbung – nein danke: Zehn Thesen
Der Ökonom Christian Kreiß kritisiert in seinem neuen Buch die Werbung. Für chrismon.de hat er zehn Thesen und eine christliche Kernthese gegen Werbung formuliert und fordert die Auflösung des deutschen Werberats
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Illustration: Katharina Bourjau

Christliche Kernthese: Werbung unterminiert religiöse Empfindungen

Lutherische Wirtschaftsethik

Ein Kommentar von Christian Kreiß über die Sünden des Kapitalismus und eine neue Wirtschaftsethik

Durch das große Maß an Unehrlichkeit, Unaufrichtigkeit, Lügenhaftigkeit und die häufige Respektlosigkeit unterminiert kommerzielle Werbung ab der frühesten Kindheit religiöse Grundtugenden und schadet daher dem Christentum.

 

These 1: Werbung informiert nicht

Die große Masse kommerzieller Werbung enthält für uns Verbraucher keine einzige sinnvolle Information. Werbung soll auch gar nicht informieren. Sie soll verkaufen. Zum Beispiel „Trink Coca Cola“, „Freude am Fahren“, „Jetzt ein Pils“ usw.: Keine einzige sinnvolle Information ist darin enthalten, nicht einmal der Preis. Es sind rein emotionale Botschaften ohne jeglichen Informationsgehalt. Das zeigt auch die riesige Menge an völlig austauschbarer Werbung für Autos, Bier, Waschmittel, usw. Falls einmal ein Funke Information enthalten ist bekommen wir ihn hunderte Male eingebrannt, dann wird es spätestens bei der dritten Wiederholung zur Nicht-Information. Trotzdem glaubt fast die Hälfte der Bundesbürger, dass Fernsehwerbung informativ sei. Eine tragische, durch Werbung beeinflusste Fehlwahrnehmung, die nichts mit der Wirklichkeit zu tun hat.

These 2: Werbung führt in die Irre

Werbung ist immer einseitig, beleuchtet nur die Vorteile und unterschlägt die Nachteile. Was erfahren wir in der Bierwerbung über die Schattenseiten des Alkoholkonsums? Nichts. Werbung legt den beworbenen Produkten systematisch willkürliche, falsche und daher irreführende Eigenschaften bei. Beispiel Marlboro-Mann: Was hat Rauchen mit Reiten in der Wildnis und Freiheit zu tun? Nichts. Im Gegenteil: Rauchen macht abhängig statt frei.

These 3: Werbung lügt

Ein guter Teil kommerzieller Werbung beruht auf Lüge. Praktisch alle Fotos in der Kosmetikwerbung sind digital manipuliert, also verfälscht bzw. verlogen. In Chat-Foren werden bewusst Identitäten erfunden, die erlogene Aussagen machen. Pharmawerbung führt wegen Fehlaussagen strukturell zu Fehlbehandlungen. Lebensmittelkonzerne werben mit Pseudo-Krankenschwestern für künstliche Babynahrung. Der Zentralverband der deutschen Werbewirtschaft ZAW lügt, indem er die Ergebnisse einer wissenschaftlichen Studie fälscht.

These 4: Werbung schädigt unsere freie Marktwirtschaft

Weil kommerzielle Werbung uns Verbraucher systematisch nicht informiert, sondern desinformiert, in die Irre führt und häufig lügt, sorgt sie für intransparente Märkte und schädigt so die freie Marktwirtschaft. Wir Kunden bekommen dadurch die für uns schlechteren, aber für die Konzerne lukrativeren Produkte. Zum Beispiel stark beworbene teure Markenprodukte statt no-name-labels, obwohl es exakt die gleichen Produkte sind.

These 5: Werbung macht unsere Produkte teurer

Der allergrößte Teil der Werbung ist Kampf um Marktanteile. Gesamtwirtschaftlich ist das vollkommener Unsinn, reine Vergeudung von Ressourcen. Es gab einmal eine Hirschart, bei der die Männchen mit den größten Geweihen die Weibchen bekamen. Das führte dazu, dass die Geweihe der Hirsche immer größer wurden. Schließlich ist die Hirschart wegen zu großer Geweihe ausgestorben, weil sie nicht mehr schnell genug fliehen konnten. Denn die Riesengeweihe sind außer zur innerartlichen Selektion praktisch zu nichts nütze. Genauso ist es auch mit der Werbung. Jedes einzelne Unternehmen bildet immer größere Werbe-„Geweihe“, um im Marktkampf zu überleben: Ein vollkommen sinnloser Wettbewerb. Das sahen schon die klassischen Nationalökonomen so und forderten daher das Einstellen solcher Werbung. Zum Beispiel führt der Kampf um Marktanteile von Autos über Werbeschlachten lediglich zu einer Verteuerung der Autos, weil der Werbeaufwand auf den Produktpreis aufgeschlagen werden muss. Wir Verbraucher bekommen durch Werbung bunte Bilder und flotte Sprüche statt echte Produkte und Dienstleistungen – und zahlen dafür einen höheren Preis. Ein absurdes, aber stabiles System. Werbung für Werbung ist Idiotie in Reinform.

These 6: Werbung macht uns krank

Fußballstars werben für Cola, Burger, Süßes usw. Unsere Kinder himmeln ihre Stars an und glauben, dass sie dadurch auch einmal so sportlich, gesund und stark werden. Das ist aber eine Lüge. Fast alle Lebensmittelwerbung für Kinder, auch die unserer Stars, bewirbt ungesunde Ernährung, die unsere Kinder krank macht statt sportlich. Auch Pharmawerbung führt strukturell in die Irre und schädigt dadurch häufig die Patienten. Führende unabhängige Ärzte fordern daher seit langem ein totales Verbot von Pharmawerbung aller Art und von Kinderwerbung.

These 7: Werbung untergräbt in unseren Kindern den Sinn für Wahrheit

Von frühester Kindheit an sind wir 3000 bis 13000 Mal pro Tag den unehrlichen, einseitigen, irreführenden und verlogenen Werbebotschaften ausgesetzt. So wird unseren Kindern jeglicher Sinn für Ehrlichkeit, Wahrhaftigkeit und Wahrheit aberzogen. Ein Beispiel: Bei einem Schüler-Malwettbewerb mit etwa 40000 Kindern wählte etwa ein Drittel der Kinder zum Ausmalen von Kühen die Farbe Lila, wie sie in der Milka-Schokolade-Werbung verwendet wird. Auch die Eltern werden durch die massenweise auf unsere Kinder einhämmernde Werbung ständig unter Druck gesetzt. Dadurch werden Konflikte zwischen Kindern und Eltern geschürt. Bestes Beispiel sind die Süßigkeiten-Quengelprodukte auf Augenhöhe der Kinder an den Kassen der Supermärkte.

These 8: Werbung schadet der Pressefreiheit

Wess‘ Brot ich ess‘, dess‘ Lied ich sing. Gegen die Interessen der Werbegeldgeber zu schreiben ist für Journalisten häufig nicht einfach. Je mehr Werbung, desto einseitiger wird daher häufig die Berichterstattung in den betroffenen Medien. Unabhängige Studien belegen immer aufs Neue die Einflussnahme der Werbegeldgeber auf die Medienberichte. Werbung unterminiert daher unsere Pressefreiheit nach dem Motto: Die Hand die mich füttert, beiße ich nicht.

These 9: Werbung verhindert sinnvolle Gesetze

Die Gewinninteressen der werbetreibenden Unternehmen werden dank unermüdlicher und finanzstarker Lobbyarbeit bei Gesetzesvorhaben häufig höher gestellt als der Schutz von Verbrauchern. Beispiel Tabakwerbeverbote: Obwohl auf europäischer Ebene längst ein Außenwerbeverbot beschlossen wurde, sind Deutschland und Bulgarien die letzten Länder der EU, die Außenwerbung für Tabak weiterhin erlauben. In Deutschland liegt das an den massiven Lobbyanstrengungen. Beispiel Lebensmittelkennzeichnung: Die Lebensmittelkonzerne verhinderten mit milliardenschweren Lobbyanstrengungen die Einführung einer sinnvollen Ampel-Kennzeichnungspflicht für Lebensmittel auf EU-Ebene. Gegen „Big Tobacco“ oder „Big Food“ ist schwer zu regieren.

These 10: Sofortige Auflösung des deutschen Werberates wegen Befangenheit

Es gibt in Deutschland keine der britischen Werbeaufsichtsbehörde Advertising Standards Authority vergleichbare Instanz, die das ständige Brechen der Selbstverpflichtungsstandards und Gesetze durch Werbung kontrolliert und sanktioniert. Der Deutsche Werberat, der den Anschein erweckt, dies bei uns zu tun, ist eine reine Farce. Der Deutsche Werberat ist in Wirklichkeit eine reine Interessenvertretung der werbetreibenden Unternehmen und des deutschen Werbeverbandes. Von einer neutralen, Verbraucherschutzinteressen vertretenden Konfliktregelung kann keine Rede sein. Man sollte den Deutschen Werberat daher wegen Befangenheit sofort auflösen und einen ehrlichen, neutralen Werberat einführen oder, noch besser, eine unabhängige Werbekontroll-Behörde nach britischem Vorbild.

Lesermeinungen

Das wahre Problem ist der Zinseszins der für einen permanenten Wachstumszwang mit all seinen negativen Auswirkungen auf Umwelt und Gesellschaft - auch die Werbung - sorgt. Das Geld würde ohne den Zins vollständig gehortet und damit dem Wirtschaftskreislauf entzogen. Das Zinsverbot in der Bibel war schon der richtige Weg. Es fehlte nur ein Mittel, um das Horten zu verhindern. Das hat Silvio Gesell mit seiner Idee des Schwundgeldes geliefert.

Hand aufs Herz, liebe evangelische Publizistik mal Datenjournalismus-Basics: Wieviele Werbeagenturen wurden beschäftigt? Wieviel content-marketing betrieben, wieviel Online-Werbung eingekauft? Und was wurde dadurch erreicht?
Und wann trennt sich die EKD von einem Ex-McKinsey als Führungskräfte-Einflüsterer mit Wachstums-Bekenntnis?
Besonders perfide: mit dieser vorgeschobenen Entrüstung wird Werbung für das Buch des Herrn Professors gemacht. Wie war das noch mit dem Splitter und dem Balken und...Wasser predigen und Wein trinken?

Die Reaktion der an der Werbewirtschaft profitierenden spricht sehr dafür, dass Prof. Kreiß mit seinen 10 Thesen den Nagel auf den Kopf getroffen hat.
Allein die Behauptung, unsere "Soziale Marktwirtschaft" könne ohne Werbung quasi nicht existieren ist eine, für die Werbebranche, typische Aussage.
Nach Jahrzehnte lang andauernder, teils sehr erfolgreicher, Aushöhlung der Sozialkomponenten dieser Marktwirtschaft, existiert letztendlich "Soziale Marktwirtschaft" nur noch eine Worthülse!
Belege dafür gewünscht? Bitte: Lohndumping, geringe Arbeitslosenzahlen durch statistische "Tricks" (wer in einer mehr oder weniger sinnvollen/sinnlosen Fortbildung steckt, taucht in der Arbeitslosen Statistik nicht mehr auf), Hartz 4, Altersarmut, Kinderarmut u.v.m.
Was? Wie? Wo soll es das bei uns bitte geben? In Deutschland kommt auf jeden Einwohner ein durchschnittliches Vermögen von 200.000€ und jeder Arbeitnehmer hat im Durchschnitt pro Jahr ein Bruttoeinkommen von 41.000€!
Nun ja, es ist natürlich sehr bequem, die Augen zu schließen und sich mit den beruhigenden Informationen der Werbung berieseln zu lassen, solange man nicht direkt betroffen ist.
Offenen Auges muss man zur Kenntnis nehmen, dass es angesichts der Preise für Werbung in den Medien für bestimmte Kreise sehr leicht möglich ist, die eigenen Interessen schädigende Informationen aus Zeitungen verschwinden zu lassen, indem mit der Kündigung der Werbeanzeigen gedroht wird. Prominentes Beispiel aus der Vergangenheit ist das Magazin Stern, der seine positive Berichterstattung über die erste Sozial-Liberale Koalition in der Bundesrepublik sehr schnell modifizierte, als dem Blatt von Großanzeigenkunden mit der Kündigung eben dieser Anzeigen gedroht wurde. Chrismon muss seine Auflage zum Teil ebenfalls mit Anzeigen finanzieren. Es bleibt zu hoffen, dass es in Chrismon weiterhin möglich sein wird, kritische Artikel, wie hier den von Prof. Kreis zu veröffentlichen.
Mit besten Grüßen an Prof. Kreis, den ich persönlich bei einem ausgezeichneten Vortrag in unserer Kirchengemeinde im Süden Münchens kennegelernt habe.
Franz Aßbichler

Sehr geehrter Herr Professor Kreiß,
ich gratuliere Ihnen zu Ihrem mutigen und richtigen Beitrag über die Sünden des globalisierten digitalisierten Wirtschaftsliberalismus vulgo Kapitalismus, zumal Sie auch einen Ausweg weisen - von mehreren möglichen - nämlich den Verzicht auf Werbung. Ich freue mich auf weitere kapitalismuskritische Beiträge aus Ihrem Lehrfach Finanzierung, gegen "Stuhlräuber" durch Lohndumping, Steuerhinterziehung, Preisbetrug, Schattenwirtschaft, Korruption, Schwarzhandel, Schwarzgeld, Geldwäsche und Auszehrung des Vollgeldes durch Buchgeld resp. entfesselte Banken und exorbitantes Geldmengenwachstum.
Vielleicht schaffen Sie es auch einmal in die F.A.Z.
Mit freundlichen Grüßen, Gernot Henseler

Bin auch für eine drastische Reduzierung von Werbung. Begründung: Durch die andauernde Beriselung, nein, eher das Bombardement mit Werbung, ganz besonders im Internet, werden vor allem Kinder zu einem Konsumverhalten genötigt, das in keinster Weise altersgercht ist. Das heißt: es werden Wünsche angeregt, die weder mit den finanziellen, noch mit den altergemäßen Voraussetzungen kompatibel sind. Es ist sehr schwer für Eltern hier gegenzusteuern. Ist das Kind groß, und kann sich nicht von den Einflüssen der Werbung lösen, so drohen Schulden und Privatinsolvenz in ganz jungen Jahren.

Ich habe mich sehr über diese aufklärenden Thesen gegen Werbung gefreut! Dass Werbung oft zu mehr unnötigem und umweltschädigendem Konsum verführt, kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen, am Beispiel meines Kleiderkonsums. Ich habe vor einiger Zeit beschlossen, weniger Kleidung zu kaufen. Dabei habe ich meine Gewohnheiten genauer unter die Lupe genommen und festgestellt, dass ich mich durch Werbekataloge oft verführen ließ. Ein Versandhaus verschickt ja nicht mehr nur zweimal im Jahr einen Katalog, sondern viel öfter inzwischen, weil die Mode schnelllebiger geworden ist. Das führt zu dem künstlichen Gefühl, dass was Neues zum Anziehen her muss, weil es ein neues Sortiment gibt... Ich habe dann einigen Versandhäusern geschrieben und sie gebeten, mir keinerlei Werbung mehr zu schicken. Seitdem kaufe ich viel weniger, dafür wirklich notwendige Kleidung. So geht es nämlich nicht mehr weiter, dass die Kleiderschränke überquellen und trotzdem weiter geshoppt wird - und in den Schwellenländer Näherinnen für einen Hungerlohn arbeiten.
Es gibt aber auch gute und transparente Werbung, die für ökologische und soziale Gerechtigkeit wirbt, siehe den Slogan "humanity in fashion" bei hessnatur. Sie versucht, die wahren Kosten eines Kleidungsstücks und auch dessen Herkunft so transparent wie möglich darzustellen.
Vielleicht brauchen wir jetzt doch mal Beispiele für wirklich gute Werbung - wenn man für vernünftige Produkte wirbt, ist Werbung eine gute Sache, zum Beispiel für Fahrräder, sparsame Autos, sauberen Strom, grüne Kleidung, gesundes und regionales Essen etc.

Ich hasse Werbung wie die Pest.
Mehr noch; mir ist das ganze kapitalistische Wirtschaftssystem zuwider. Meine Frau und ich kaufen nur was wir wirklich brauchen. Den letzten Anzug habe ich mir vor mehr als 25 Jahren gekauft. Wir kaufen gebraucht wenn immer es geht.

Ich verfolge schon seit dem Erscheinen des Artikels von Dr. Christian Kreiß die Diskussion im Leserbrief Forum und möchte mich bei Dr. Kreiß bedanken, das er das Thema Werbung zum Inhalt seines neuen Buches gemacht hat und zolle ihm Respekt für seine mutigen Thesen.
Ich habe seit 32 Jahren eine mittelständische Firma, die seit 20 Jahren keine Werbung mehr macht. Werbung verteuert Produkte und informiert nicht wirklich. Gute Arbeit überzeugt mehr als Werbung.

Solange die Parteienfinanzierung ist, wie sie ist, werden Parteien auch Werbung für sich machen. Und solange sie das tun, können sie es anderen nicht verbieten. Der Fisch stinkt vom Kopf.

Mit Interesse, aber auch mit Amüsement habe ich Herrn Kreiß Beitrag „Werbung – nein danke: zehn Thesen“ gelesen. Amüsant ist, dass den 10 Thesen ein Verbraucherbild zugrunde liegt, das vor über 100 Jahren vielleicht seine Berechtigung hatte. Längst aber sprechen sämtliche Fakten  - auch in der Verbraucherforschung – davon, dass der Verbraucher mit Kenntnis und Werbekompetenz, die Werbung nicht nur richtig einzuordnen, sondern sie auch für sich zu nutzen weiß. Befremdlich ist nicht nur das anachronistische Verbraucherbild, sondern auch das Absprechen einer Meinung, die immerhin - wie in These 1 beiläufig erwähnt, die Hälfte der Bundesbürger vertritt nämlich, dass Fernsehwerbung informativ sei. Diese Meinung wird durch repräsentative Umfragen gestützt: Verbraucher nutzen werbliche Informationen und empfinden Werbung auch als unterhaltend. Das zeigen Daten der VerbraucherAnalyse 2012/ZAW. Wenden wir uns von der Seite des Verbrauchers der Seite des Marktes zu:

Der Autor scheint sich nicht dessen bewusst zu sein, dass sein redaktioneller Beitrag „Die Sünden des Kaptialismus“ in der chrismon Redaktion schnell unter den Tisch gefallen wäre, wenn diese Ausgabe nicht ausreichend genug Werbeanzeigen hätte schalten können - also wenn die Finanzierung wegen weniger Werbeanzeigen auch nur weniger Seiten redaktionellen Inhalts erlaubt hätte. Werbung fördert die Pressefreiheit. Kommerzielle Kommunikation ist unverzichtbar für die Finanzierung der Medien. Deren Netto-Einnahmen für die Schaltung von Werbung beliefen sich 2015 auf 15,21 Mrd. Euro.

„Werbung macht uns krank“ heißt eine besonders herausfordernde These von Herrn Kreiß. Leider wird sie nicht wissenschaftlich hergeleitet und untermauert. Wissenschaftlich kann man aber genau das Gegenteil belegen. So befasst sich eine Vielzahl von Studien mit dem

Einfluss von Werbung auf das Verhalten von Kindern. Bei zum Teil unterschiedlichen Untersuchungsergebnissen dominieren zwei Erkenntnisse: Prägende Faktoren im Rahmen

der Sozialisation von Kindern sind der Lebensstil der Familie und des weiteren Umfelds. Übergewicht ist vor allem auf mangelnde Bewegung zurückzuführen. Werbung spielt nach Meinung der Wissenschaftler – wenn überhaupt – nur eine untergeordnete Rolle für das Verhalten von Kindern. Auch ein Blick ins Ausland kann helfen: In der kanadischen Region Quebec ist Lebensmittelwerbung gegenüber Kindern seit 25 Jahren verboten. Der Anteil der übergewichtigen Kinder ist dort genauso hoch wie anderen Teilen Kanadas, in denen diese Werbung erlaubt ist. Werbeverbote sind ungeeignet, individuelle Verhaltensweisen in staatlich gewollte Bahnen zu lenken.

Wie jemand Kritik an der Werbebranche äußern und gleichzeitig die Abschaffung einer der effektivsten Selbstregulierungs-Kontrollsysteme in der Werbung fordern kann, bleibt mir ein Rätsel. Jeder Bürger kann sich an das Selbstkontrollorgan Deutscher Werberat wenden, wenn kommerzielle Kommunikation rechtlich zwar nicht zu beanstanden ist, aber aus anderen Gründen als inakzeptabel empfunden wird. Das Verfahren ist schnell, unkompliziert und für den Beschwerdeführer kostenfrei. Im Schnitt der vergangenen vier Jahrzehnte setzte sich das Gremium bei 95% seiner Beanstandungen durch. Die Unternehmen stellten die betroffene Werbung ein oder änderten sie entsprechend. Unbürokratische Verfahrens-strukturen sind unverzichtbar.

Es bleibt abschließend zu sagen: Werbung ist ein Kernelement der freien sozialen Marktwirtschaft und erzielt unverzichtbare Effekte für das Gemeinwesen.

Für Rückfragen stehe ich gerne zur Verfügung.

Mit freundlichen Grüßen

Patrick Tapp, Präsident des DDV

In seiner Stellungnahme vom 6.2.2017 führt Herr Tapp eine Fülle einseitiger, irreführender und zum guten Teil wissenschaftlich nicht haltbarer Behauptungen an. Herr Tapp behauptet, mein Verbraucherbild sei anachronistisch, der Verbraucher wisse mit Kenntnis und Werbekompetenz Werbung richtig einzuordnen und empfinde sie auch als unterhaltend. Er beruft sich dabei u.a. auf eine interessengeleitete, vom Werbeverband finanzierte Studie von 2012. Unabhängige moderne Verhaltensforschung und nicht durch Geldinteressen beeinflusste wissenschaftliche Studien kommen jedoch zu gegenteiligen Ergebnissen. Unter anderem zeigen sie immer aufs Neue, dass die große Mehrheit der Bevölkerung Werbung als nervend statt unterhaltsam empfindet.

Im zweiten Absatz behauptet Herr Tapp, Werbung fördere die Pressefreiheit. Zahllose unabhängige wissenschaftliche Untersuchungen zeigen jedoch den häufig starken Einfluss der Werbegeldgeber auf redaktionelle Inhalte. Viele Redaktionen wagen kaum kritische Berichterstattung über die Anzeigengeldgeber. Die Behauptung, kommerzielle Kommunikation sei unverzichtbar für die Finanzierung der Medien ist wissenschaftlich nicht haltbar. Es gibt eine Reihe funktionierender Gegenbeispiele, die diese Aussage widerlegen.

Im dritten Absatz behauptet Herr Tapp, Werbung spiele für das Verhalten von Kindern und namentlich deren Übergewicht keine oder allenfalls eine untergeordnete Rolle. Er verweist dabei u.a. auf das seit 1980 bestehende Kinderwerbeverbot in Quebec. Dort sei der Anteil übergewichtiger Kinder genauso hoch wie in anderen Teilen Kanadas, in denen Kinderwerbung erlaubt sei. Herr Tapp will damit zeigen, dass Kinderwerbeverbote unwirksam sind und übernimmt hier wortwörtlich die Aussagen des Zentralverbandes der deutschen Werbewirtschaft ZAW e.V. Der ZAW lügt jedoch m.E. an dieser Stelle und verfälscht die Ergebnisse einer wissenschaftlichen Studie, auf die er sich beruft, ein wissenschaftlicher Aufsatz, der 2003 in der Zeitschrift Obesity Research erschienen ist. In diesem Aufsatz finden sich keinerlei Belege für die Unwirksamkeit des Kinderwerbeverbotes in Quebec. Der Aufsatz zeigt hingegen, dass der Anteil übergewichtiger Kinder in Quebec niedriger ist als in den Nachbarprovinzen und insbesondere dass nach Einführung des Kinderwerbeverbotes die Zuwachsrate übergewichtiger Kinder in Quebec sehr viel niedriger war als in den Nachbarprovinzen, in denen Kinderwerbung erlaubt ist. Mit anderen Worten: Das Kinderwerbeverbot hatte laut dieser Untersuchung durchaus, und zwar sehr positive, hemmende Auswirkungen auf die Fettleibigkeit der Kinder von Quebec. Dennoch behauptet der ZAW seit Jahren wiederholt bewusst das Gegenteil. Auch eine weitere wissenschaftliche Studie zu den Auswirkungen des Kinderwerbeverbotes in Quebec, die 2011 in der Zeitschrift Journal of Marketing Research erschienen ist, zeigt klar den negativen Effekt von Kindermarketing auf deren Essverhalten. Näheres dazu findet sich in meinem 2016 erschienenen Buch „Werbung nein danke“ S.150ff. Die Behauptung von Hr. Tapp, Werbeverbote seien „ungeeignet, individuelle Verhaltensweisen  in staatlich gewollte Bahnen zu lenken“ ist wissenschaftlich nicht haltbar. Am Rande sei bemerkt, dass 60% der Bevölkerung von Quebec das Kinderwerbeverbot unterstützen und sogar eine strengere Anwendung wünschen. Die interessengeleitete, abfällige Formulierung „in staatlich gewollte Bahnen“, um Werbeverbote pauschal zu diskreditieren, ist in Wirklichkeit eine Diffamierung der Mehrheit von freien kanadischen Bürgerinnen und Bürgern mit freiem Willen.

Zuletzt verteidigt und lobt Herr Tapp erwartungsgemäß das „Selbstkontrollorgan Deutscher Werberat“. Der Deutsche Werberat ist jedoch in Wirklichkeit eine praktisch reine Interessenvertretung der werbetreibenden Unternehmen und des deutschen Werbeverbandes. Der Deutsche Werberat ignoriert seit Jahren systematisch Rechtsverstöße durch die werbetreibende Industrie. Die Liste der Beispiele des Wegschauens und Schweigens ist lang. Von einer neutralen, Verbraucherschutzinteressen vertretenden Konfliktregelung kann keine Rede sein. Ich wiederhole daher meine These 10: Man sollte den Deutschen Werberat wegen Befangenheit sofort auflösen und einen ehrlichen, neutralen Werberat oder eine unabhängige Werbekontroll-Behörde nach britischem Vorbild gründen.

Es bleibt abschließend zu sagen: Werbung schädigt unsere freie Marktwirtschaft, weil sie uns Verbraucher systematisch nicht informiert, sondern desinformiert, in die Irre führt, häufig lügt und so für intransparente und damit ineffiziente Märkte sorgt. Für mich noch schlimmer: Durch das große Maß an Unehrlichkeit, Unaufrichtigkeit, Lügenhaftigkeit und die häufige Respektlosigkeit unterminiert kommerzielle Werbung ab der frühesten Kindheit religiöse Grundtugenden und schadet daher massiv dem Christentum.

Mit freundlichen Grüßen

Christian Kreiß

Den letzten Abschnitt Ihres Kommentars nehme ich nicht zur Kenntnis, weil er das vorhergehende ad Absurdum führt, und belegt, dass es sich hier lediglich um rechthaberische Querelen zweier gegensätzlicher Kontrahenten handelt. Außerdem vermittelt Herr Tapp mehr Glaubwürdigkeit, denn ich erwarte von der Werbung keine reine Wahrheit, sondern eine schön verpackte Information über ein Produkt. Daran lässt sich arbeiten, aber auf keinen Fall gehe ich davon aus, dass wir alle so offen und ehrlich und ach so gottgläubig und ohne Fehl und Tadel sind, und im Grunde nur arme Opfer einer verbrecherischen und lügnerischen Kaste der globalen Wirtschaft, hier Werbung, sind, als dass der Einzelne, als Familie, als Kollektiv, nicht auch ein Stück Verantwortung sowohl für den Umgang mit Konsum, mit Freizeit, mit seinen Gewohnheiten, etc. zu tragen imstande wäre !
Werbung versüßt das Leben, doch nur wenn man die Dinge bitter ernst nimmt, wird alles zur Qual.
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Die Arbeit des Werberates kenne ich nicht, kann mich demnach dazu auch gar nicht äußern.

Ich möchte Herrn Professor Dr. Christian Kreiß von Herzen danken für seine klaren Worte. Es geht ihm, wenn er gegen Werbung oder bestimmte Formen von Werbung Stellung bezieht, um "unsere freie Marktwirtschaft" und um das Christentum. Ich darf doch wohl ergänzen, um unser Christentum, unser marktwirtschaftliches Christentum.
Lisa Müller

Werbung hat Macht und enormen Einfluss auf Denken, entscheiden und vor allem das Unterbewusstsein. Ist schon spannend, als Christ zu überlegen, ob man sich einer solchen Machtt aussetzen will. Nicht aus christlicher Sicht vermeide ich alles an Werbung. Keine Fernsehsender mit Werbung, keine Prospekte und Kataloge (falls nicht nötig), keine Bonuskarten und sonderaktionen. Seinen Spamfilter kann man auch sehr fein einstellen. Dann bleibt noch wahrlich genug Werbung übrig. Da hilft bei jedem Kauf dann nur die ehrliche Frage: brauche ich das?

Ich denke, wir alle sind es gewohnt, uns nicht von eingeführten Begriffen freimachen zu können. So ist es auch mit der Werbung. Werbung klingt harmlos, ja geradezu natürlich, denken wir an die Werbung des weiblichen und männlichen Geschlechts.

Kommerzielle, unter Zuhilfenahme von Tiefenpsychologen kreiierte Manipulation, wie es richtigerweise heißen müsste, ist grundsätzlich etwas anderes: Stabil ist die Allgegenwart der Bilder, der inszenierten Bilder mit dem Motiv der Verkaufsförderung, gleich der Art der Mittel, derer sich bedient wird: Produkten eine "Eigenschaft" zu verleihen, die diese von sich aus nicht haben.

Diese Art von Manipulation ist von der natürlichen Werbung, aber auch von der gefällig verpackten Information soweit entfernt wie Erde und Mond.

Werbung ist moralisch weder gut noch schlecht. Unwahre Werbeaussagen sind verboten. Subtiler ist jedoch das pishing for fools, mittels Werbung. Hier ist jedoch weniger der Staat gefragt als vielmehr die Gesellschaft insgesamt.

Sehr geehrter Herr Professor Kreiß,
es geht hier nicht nur um eine christliche Kernthese, sondern um ein politisches Statement an sich: unsere Gesellschaft, die der sozialen Marktwirtschaft, hat sich so eingerichtet, dass man mit der Werbung zu leben gelernt hat. Es gibt wohl niemanden, es sei denn er verfügte über ein an Null grenzendes Urteilsvermögen, der in unserer aufgeklärten Zeit nicht wüsste, dass ein Großteil des Inhalts der Werbung direkt dem Betrug gilt. Betrug durch Bild und Wort, mit dem Ziel der Gewinnmaximierung.
Natürlich hätte Luther diese Maxime verurteilt. Allerdings: hat er uns nicht auch aufgefordert selbstständig zu denken? Hat er uns damit nicht auch aufgetragen uns irren zu können, zu müssen oder zu dürfen? Ist Freiheit des Denkens nicht auch Freiheit zum Irrtum?
Mit dieser Freiheit umgehen zu lernen ist, meiner Ansicht nach, eben nicht nur eine christliche Kernthese, sondern auch ein politisch durchaus aktuelles Thema, dem sich die gesamte Gesellschaft zu widmen hat.
Freiheit ist eben nicht immer nur Gewissheit des Guten und Sicherheit; Freiheit ist auch die Tür für das Schlechte, das Böse und für Gewalt.
Der Preis für die Freiheit ist Ungewissheit. Und Werbung die lügt und betrügt! Trotzdem: es lebe die Freiheit!
Herzliche Grüße
Thomas Fiedler

Werbung gehört zur Marktwirtschaft; sie ist nicht so einseitig negativ zu sehen wie dargestellt. Letztendlich informiert sie potentielle Kunden. Die Alternative ist: Keine Marktwirtschaft. Die Resultate sahen wir im sog. Ostblock. Heute sind Nord-Korea, Kuba und neuerdings Venezuela ohne Marktwirtschaft; die Ergebnisse für die Menschen sind bekannt.
Leider wird im Christentum nur Armut und Barmherzigkeit als Ideal verehrt. Genau nach Jesu Worten: Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr als das ein Reicher in den Himmel kommt. All das hilft der Menschheit wenig. Für ein menschenwürdiges Leben ist nun mal ein gewisser Lebensstandard notwendig. Den kann nur Arbeitsteilung und damit Marktwirtschaft, gezähmt als Soziale Marktwirtschaft, erbringen. Nicht umsonst wollen die Menschen in den "Westen" wo Marktwirtschaft herrscht. Vor allem fanatische Religionen können nur das Paradis im Jenseits versprechen. Dies ist recht wenig.

Liebe Chrismon-Leserinnen und -Leser,
ich bin verblüfft, wie viel Resonanz die 10 Thesen gegen Werbung auslösen!
Nochmal auf den Punkt gebracht: Was würde Martin Luther zu unserer heutigen Werbeflut sagen? Vor allem zu den Dingen, die uns angepriesen werden: Trinkt mehr Alkohol, raucht mehr, fahrt dickere Autos und mehr in Urlaub usw. usw. Und vor allem: Was sagen die Evangelien dazu? Sind die in der Werbung angepriesenen Lebensstile wirklich im Sinne der Evangelien?? Ist die ganze Unehrlichkeit in der Werbung christlich? ist das der christliche Weg oder geht es nicht in Wirklichkeit um etwas GANZ anderes im Leben?
Ich bin mir ziemlich sicher, dass der von mir so sehr bewunderte Luther gegenüber der Werbung heute ziemlich poltern würde - ich finde mit Recht.
Herzliche Grüße
Christian Kreiß

Herr Kreiß, wenn Sie sich ausgerechnet auf Martin Luther berufen, entbehrt das nicht einer gewissen Komik, denn gerade durch dessen Zusammenarbeit mit Lucas Cranach und durch die Verbreitungsmöglichkeiten des neu aufgekommenen Buchdrucks seiner Zeit wurde die Bekanntmachung und Verbreitung der Reformation und ihrer Ideen erst ermöglicht und ihr Erfolg maßgeblich beeinflusst. Und gerade das ist es, was mich an Ihrer Argumentation gegen Werbung stört: Eigentlich soll Werbung ein Produkt ins Bewusstsein der Menschen rücken und im besten Fall ein positives Gefühl mit dem Produkt verbinden. Dass das nicht immer so ist und Werbung in die Irre führen und nerven kann, ist richtig. Aber ganz ohne Werbung kann man etwas Neues nicht am Markt etablieren und potentielle Kunden nicht informieren und ihr Vertrauen erwecken. Das sollten Sie bedenken.

Keine verlogene, keine nicht ernst genommen Werbung mehr?!
Dann gäbe es nur noch die persönliche Produkterfahrung, den guten Rat von Bekannten, die Veröffentlichung von tatsächlichen Fortschritten und den dauerhaften Erfolg von Qualität zu Lasten von Einbildung.

Vorteile: Es gäbe kaum noch eine unsinnige Mode, nur noch Kleidung die man tatsächlich braucht, keine unsinnigen technischen Neuerungen die lediglich was Neues vormachen, keine "neuen-alten" Arzneimittel aus der Kombination von Alten. Keine unsinnigen Lebensmittel. Ca. 50 % des Konsums wäre überflüssig, kein Kleidungskonkurrenzkampf der Frauen und Jugendlichen, der Werbeaufwand incl. unsinniger Verpackungen wäre vorbei, ein erheblicher Teil der monatlichen Ausgaben wäre obsolet. Hartz4 wäre etwas erträglicher .Die Liste wäre endlos.

Probleme: Was machen mit den freigesetzten Arbeitsplätzen? Wie kommt dann der Staat mit den geringeren Steuereinnahmen aus? Wir benötigend dann wesentlich weniger Produktion. Bei gleich bleibender Produktivität und einer geringeren Zahl von Arbeitskräften müsste auch die Arbeitszeit sinken.Daraus resultiert dann auch das größte Problem. Was werden die ganz oder teilweise Freigesetzen mit ihrer Zeit tun? Noch mehr essen? Alle mehr Sport?Mehr Ehrenamtlichkeit? Mehr Religion? Mehr Familienstreitereien? Mehr Sucht? Mehr Politik? Oder doch nur mehr Faulheit? Mehr Urlaub?

Urlaube beinhalten allerdings in der Masse noch mehr Faulheit und sich bedienen lassen und noch mehr Desinteresse an den Problemen der Daheimgebliebenen. In der verlängerten Abwesenheit ist dann noch weniger Leistung für den Staat möglich. Nur bei Krankheit und sonstigen Problemen ist dann wieder die Hilfe des Staates, der daheimgebliebenen "Dummen" gefragt.

Ideal wäre ein Versuchsgebiet, ein kleiner Staat weit weg vom Internet, um solch ein Modell auszuprobieren. Wäre das Modell positiv, würde trotzdem kaum jemand nacheifern wollen, denn wer will schon weniger statt mehr haben, auch wenn das MEHR vollständig unsinnig ist.

50% der Lebensmittel werden vernichtet. Neue Schränke müssen her, um die immer noch originalverpackte Ware zu speichern. Wer will auf seine „Stress- Lust- und Langeweilekäufe“ verzichten wollen? Wir beklagen die unsinnige Briefkastenwerbung, wollen aber unseren Konsumzwang nicht zügeln. Wie wäre es, wenn wir grundsätzlich nicht das kaufen, für das widersinnig, übermäßig und mit falschen und verlogenen Versprechungen geworben wird? Das wär zumindest ein Anfang, der leicht zu beginnen ist. Neben vielen anderen unsinnigen Trends und wäre dann auch der größte Teil der Kosmetik verschwunden.

Außerdem wäre eine strikte Wahrheitswerbung auch gerichtsfest. Das wäre dann auch die beste staatliche Volksfüfrsorge und der größte Erfolg gegen die Volksverdummung.

Werbung wäre zu unterscheiden von der neutralen Information über real vorliegende Produkteigenschaften. Real vorliegende Produkteigenschaften hätte ich gerne, bevor ich ein Produkt kaufe. Wären diese positiv, wäre das Werbung für die gute Qualität eines Produkts. Das wäre in meinen Augen zulässig, ja im Sinn der Möglichkeit zur Urteilsbildung und zum Produktvergleich sogar erforderlich. Leider nur selten erhältlich.
Ansonsten: Beruht nicht die "Angst vor der Werbung" darauf, ihr nicht standhalten zu können? Angst vor der eigenen Verführbarkeit, Angst davor, "herein zu fallen" und damit Angst vor Kontrollverlust? Lassen wir sie doch werben, bis der Werbeetat verbraucht ist, wer zwingt uns denn, ein Produkt zu kaufen, nur weil es beworben wird? Konsumverzicht, zu überlegen, brauche ich dieses Produkt wirklich, ist immer noch die einfachste Möglichkeit, minderwertigen Produkten mit irreführender Werbung zu entgehen. Aber ich höre schon: ...die Arbeitsplätze... Wie wär`s dann mit Erziehung des Nachwuchses zur Fähigkeit kritischen Denkens? Zur Widerspenstigkeit gegenüber dem Mainstream, zum Mut gegen den Strom zu schwimmen? Solche Wesen fallen nicht auf dümmliche Werbung herein, meine ich, sondern durchschauen sie und halten ihr stand. Leider gehören diese Charaktereigenschaften nicht bevorzugt zum deutschen Erziehungsrepertoire, mit eben bisweilen fatalen Folgen.
Beste Grüße
Gertrud Rust

Ihr Beitrag, Frau Rust, spricht mir aus der Seele. Gegen sinnvolle, das heißt informative Werbung wäre nichts zu sagen. Nachdem die unsinnige, weil nur auf den Nutzen für die webende Firma und nicht auf den für die Verbraucher ausgerichtete Werbung maßlos überhand genommen hat, schaue oder höre ich mir Werbung seit vielen Jahren einfach gar nicht mehr an. Ich habe keine Angst vor Werbung, ich ärgere mich nur über sie und vermeide es daher strikt, Produkte zu kaufen, von denen ich trotz meiner generellen Nichtbeachtung von Werbung jeglicher Art noch mitbekomme, dass sie sehr viel Werbung machen. Ich möchte durch meinen Kauf auf keinen Fall die betreffende Firma unterstützen.

Ökonomische Werbung wird man nicht abschaffen können. Schon der Mensch wirbt für sich selbst, bietet sich an. Aber man könnte die Werbung spannender und ehrlicher machen. Es sollte verboten werden, mit Preisen oder Konditionen zu werben. Dann müsste man mit Argumenten für sein Produkt werben. Da dann den Werbenden bald die Superlative ausgehen, müssten sie eher früher als später mit realistischen Argumenten werben, um überhaupt noch wahrgenommen zu werden. Das wäre schon mal ein Ansatz.
J. Großmann

Ich wundere mich über das pharisäerhafte Verhalten. Zählen Sie doch bitte mal die hohe Anzahl der Werbeseiten in Chrismon und schauen Sie sich die Produkte an:
Rotwein, und natürlich ohne jeden Hinweis auf die Gefahren des Alkohols,
Kreuzreisen, ohne Hinweis auf die Energiebilanz,
Reisen , in zumindest nicht lupenreine Demokratien.

Auch der Transparenz fordernde Autor lächelt sympathisch (sehr subjektives Verhalten) und schreibt weder den stolzen Preis (fast € 25) und daß er dieses Buch bei Attac vorgestellt hat noch dazu daß seine Thesen seit mehr als 40 Jahren eine Mindermeinung sind.

Dann spricht man dann lieber von Angriffen der Werbung auf die Pressefreiheit , von Lüge und Irreführung als sich als Wolf im Schafspelz zu bekennen.

PS ich weiß, daß Sie den Artikel vorherprüfen, ich will mal sehen , wieviel Courage ihre Reaktion hat, mit Kritik an ihr selbst umzugehen, oder ob, sie nur ein Sprachrohr für Attac- Aktivisten für Kritiker der Marktwirtschaft, und des Freihandels ist.

Liebe Leut
Was ist das doch für ein alter Hut, sich gegen die Werbung so aufzulehnen. Vor 60 Jahren hat man schon in den Kirchen gegen die Werbung gewettert, heute Gott sei Dank nur noch vereinzelt. Man stellt Werbung als eine Chimäre hin, als ob davon die Welt unterginge. Hat man denn keine anderen Themen Herr Kreiß?
Dass der chtistliche Glaube wegen der Werbung in allen verfügbaren Medien und dessen Übertreibungen Schaden nehmen soll, ist nicht nur eine steile These, sondern ich empfinde sie als eine genauso verlogene Antiwerbung mit dem, ach so frommen, Hintergrund der Glaubensschädigung. So einen, mit Verlaub, Unsinn zu verbreiten, ist mir als gläubiger Christenmensch nicht nachvollziehbar. Es ist der gleiche (sic oben) Unsinn, wie die immer vor Sylvester gebetsmühlenartig verbreitete Äußerung: "Brot statt Böller" usw. Ebenso verhält es sich mit den vorweihnachtlichen Gottesdienstansprachen, die sich über den "übertriebenen Konsum zu Weihnachten" auslassen ect. Es ist sicher anerkennenswert, wenn einige, Gläubige oder Ungläubige, sich danach richten. Aber ändern tut sich an der Gesamtsituation sowieso nichts. Es sei denn, man verböte Werbung überhaupt. Und was dann? Diese Frage sollte man mal nach mehreren Seiten hin Durch-denken.
Dass aber die Kirchen über die Kirchensteuer von den Werbeeinnahmen der Werbewirtschaft, sie wird mit ca. 15,4 Milliarden beziffert, einige Milliönchen davon abbekommen, wird nicht erwähnt. Kurioserweise habe ich jetzt auf meinem Bildschirm neben dem Text 15 Werbeangebote, sogar eins von Chrismon. Darüber kann ich nur schmunzeln.
Ich betrachte die ganze Diskussion als oberlehrerhafte Ermahnung, von der man sowieso weiß, dass sie gar keine Auswirkungen haben wird, es sich aber unglaublich gut anfühlt, damit an die Öffentlichkeit gegangen zu sein; (wieder einmal) sie aber an tatsächlich zu bekämpfendem Wirtschaftshandeln überhaupt nicht rüttelt. Dazu nenne ich Beispiele: Waffenherstellung, Gewinnmaximierung um jeden Preis, Verkauf von Mogelpackungen, organisiertes Betrügen u. a, Coputerbetrügereien mit Erpressung, sogar in Betrieben, bis hin zum VW-Skandal.
Was haben wir uns schon vor 50 Jahren in den christlichen Jugendgruppen über Negatives in der Werbung den Mund fusselig geredet. Allein über die Tabakwerbung; ich erinnere nur an das sog. HB-Männchen, "Wer wird denn gleich in die Luft gehen ?".
Dazu eine Anmerkung: Das Rauchen ist nicht wegen der krassen und teilweise verbotenen TV-Werbung leicht zurückgegangen, sondern wegen der gesundheitsbewussten VORBILDER in Elternhaus, Schule, und Arbeitsplatz. Darin sollte man verstärkt Zeit und Geld aufwenden und nicht an so einem Neben"kriegs"schauplatz wie der Werbung.
Man kann doch nicht die allermeisten Menschen als so dusslig hinstellen, dass sie auf den Werbequatsch reinfallen. Christen schon gar nicht, und auch nicht die, die mal Christen werden sollen. Und wenn schon, gerade die enttäuschten Sinne werden dann gegen die Versprechnungen geschärft. Das ist auch ein wichtiger Lernzweig.
Bei allem Respekt vor den Bemühungen des Herrn Kreiß, aber die Bearbeitung dieses Themas ist für das Beabsichtigte nicht effizient.
Peter Kroll

Liebe Chrismon-Leser,

ich freue mich außerordentlich, dass die 10 Thesen und die christliche Zentralthese (Erziehung zu Unaufrichtigkeit und Unwahrhaftigkeit durch Werbung und daher Unterminierung von Religiosität - was wäre das Christentum ohne Wahrheit?) so rege diskutiert werden!! Natürlich können nicht alle einer Meinung sein, dazu dient ja gerade eine Diskussion.

Lieber Kollege Appel: Wenn nicht aus den Hochschulen, wo man Zeit und Ressourcen hat, gründlich zu recherchieren, woher soll denn dann noch unabhängige, freie Kritik an unserer Wirtschaftsweise kommen?

Weitere Hintergründe finden sich unter www.werbung-nein-danke.com

Herzliche Grüße
Christian Kreiß

Denkt man an Werbung, fällt der erste Blick auf die klassische Werbung wie Außen-, Zeitungs- und Fernsehwerbung. Diese Werbung generell zu verbieten, ist fragwürdig, da es mit dem Recht auf freie Meinungsäußerung kollidiert. Nicht jede Werbung lässt sich per se als Lüge deklarieren. Weiterhin würde ein Werbeverbot wohl dazu führen, dass Werbung verstärkt in Publikationen versteckt platziert wird, wobei wir meines Erachtens zum Kernproblem kommen.
Wenn Amazon, Google & Co im Rahmen von big data - wenn nicht jetzt aber in naher Zukunft - mehr über den Nutzer wissen als er selbst und diese sich eine eigene Logistik schaffen, die sowohl den Warenverkehr als auch die Informationsversorgung steuert und damit den Nutzer einer gezielten Manipulation aussetzt, verwirklicht sich da nicht Huxleys "Schöne neue Welt"? Und der Konsument ist erstmal begeistert, weil alles so bequem und einfach ist.
Insofern halte ich im ersten Schritt die Stärkung der Bürgerechte wie Auskunftspflicht über Algorithmen und Profile und das Klagerecht für den notwendigen Ansatz. Dass dies nicht auf nationaler Ebene allein erfolgen kann, versteht sich von selbst.
Davon unbenommen ist gegen Lobbyismus, unlautere und diskriminierende Werbung vorzugehen und die Verbraucherverbände zu stärken.
Mit freundlichen Grüßen, Cord Thumel.

Es gäbe eine einfache Lösung: Werbungskosten können nicht mehr von der Steuer abgesetzt werden, sondern werden - im Gegenteil - mit 50 % - besteuert. Auf der Stelle würde sie verschwinden. Ebenso das Großkonzern-TV (RTL und Co), das allein von Werbeeinnahmen lebt. Ein Traum! ... und auch noch machbar!

Das wäre notwendig, aber nicht hinreichend. Werbung für Schadstoffe wie Cola und Burger ist vom Gesetzgeber zu verbieten. Tut er das nicht, verletzt er den Amtseid, Schaden vom deutschen Volk abzuwenden, und gehört vor Gericht-

These: Werbung ist Körperverletzung.
Also nicht die informative Werbung. Die gibt es aber nach These 1 und praktischen Erfahrungen sowieso kaum noch.
Aber die suggestive Werbung: Diese versucht, oft erfolgreich, die Entscheidungsprozesse von Menschen statt über Fakten über Emotionen, möglichst unbewusst, so einzustellen, dass diese Menschen beworbene Produkte bevorzugen oder überhaupt erst begehren, und dies in der Überzeugung, aus eigenem freiwilligem Antrieb zu entscheiden. Damit wird in Vorgänge eingegriffen, die im Gehirn der Menschen, also im Körperinneren ablaufen, oft zum Nachteil der Menschen, je nach Schwere der objektiv gesehenen Fehlentscheidungen. Jeder Eingriff in den menschlichen Körper gilt in unserem Land als Körperverletzung, strafbar, wenn er nicht, wie zum Beispiel bei medizinischen Eingriffen, durch ausdrückliches Einverständnis und einschlägige Aufklärung des Betroffenen legalisiert wird. Das ist aber bei suggestiver Werbung nicht der Fall. Ob die Rechtsprechung in unserem Land irgendwann einmal suggestive Werbung als strafbare Körperverletzung einordnen wird und die Menschen in unserem Land suggestive Werbung wie andere Körperverletzungen fürchten und davor Schutz suchen werden ? Ich jedenfalls versuche, dies schon jetzt zu tun.

Wunsch:
Da sind diese Unternehmen, einige mit inzwischen gigantischer Macht, deren Geschäftsmodell die suggestive Werbung und deren ständige Optimierung ist, und die dafür das eigentlich großartige Werkzeug Internet missbrauchen, verbunden mit der ebenfalls suggestiven Bindung von Menschen, die sie durch kleine, manchmal süchtig machende, Annehmlichkeiten dazu bringen, den Unternehmen das für das Geschäftsmodell notwendige Material in Form von Informationen über sich und andere Menschen kostenlos zu liefern - eifrig, beständig, sklavenhaft. Ich wünsche mir, dass alle ethisch verantwortungsvollen Menschen und Organisationen dieses Tun ächten, Alternativen abseits jeglicher Werbung schaffen, die die vielfältigen Möglichkeiten des Internets wirklich frei und menschenwürdig nutzbar machen, und insbesondere nicht - wie es heute leider schon fast selbstverständlich scheint - selber die fragwürdigen Dienste der "Datenkraken" nutzen, diese damit fördern, ihnen damit weitere "Sklaven" zuführen, sie damit ständig mächtiger machen. Dieser Wunsch geht zum Beispiel an öffentliche Einrichtungen, an Bildungseinrichtungen, an Kirchen, an seriöse Medien, auch an Chrismon.

Schon seit einigen Jahren behaupte ich "Werbung ist die Pest des zwanzigsten Jahrhunderts" und des Einundzwanzigsten wahrscheinlich erst recht.
Ich versuche Werbung, wo es nur geht zu übersehen und da es nicht immer geht hasse ich sie.
Man kommt ihr ja nirgends aus. NIRGENDWO! Wenn ich nur an die Kino-Reklame denke. Oder an die privaten Fernsehsender (die ich allerdings nie anschaue). Zeitungen, Zeitschriften aller Art. Werbung im öffentlichen Bereich, im Bahnhof, in den Zügen, U-Bahn, S-Bahn. Einfach auf der Straße, bravo Herr Litfaß.

Dudelmusik! in Geschäften ist auch eine Art von Werbung, da hilft Wegschauen nichts. Drum kauf ich bei Aldi ein (keine Musik) und nicht - nur als Beispiel - bei Tengelmann (war das jetzt Werbung von meiner Seite? Dann werb ich gleich noch für Wochemärkte: Prakisch keine Musik, wahrscheinlich in vielen Fällen die gesünderen Lebensmittel, viel vergnüglicheres Einkaufen).
Übrigens hab ich mir gerade das Buch "Werbung - nein danke: Zehn Thesen" bestellt.
Über Amazon, das gute alte zvab - Zentrales Verzeichnis antiquarischer Bücher - gibts ja nicht mehr wie ehedem, sondern das gehört jetzt auch zu Amazon...
Heißt das, dass ich auf versteckte Werbung in Chrismon hereingefallen bin?
Und ich möchte wohl Max Webers "Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus" endlich mal wiederlesen. Ich glaube, der hat da auch was dazu zu sagen. Na, das bestell ich mir nachher auch über Amazon...

Ansonsten frage ich mich, wie wir Verbraucher, die Menschen im Lande, es schaffen könnten uns zu emanzipieren - von der Werbung, von unserer Lust zum Warenerwerb, von der Neigung, unsere Umgebung mit materiellen Erungenschaften zu beeindrucken.

Jedenfalls freue ich mich dass ich endlich mal wieder in Chrismon hineingeschaut habe (das ich früher im Ethikuntericht gern verwendet habe) - neben dem Thema Werbung war ich u.a. sehr angetan von Frau Otts "Erledigt", von der Umfrage zum Inhalt von Schulunterricht, von Frau Käßmanns Plädoyer für eine Aussöhnung mit Rußland.

E. Beck

Zu den Büchern würde ich Ihnen raten, sie nicht bei Amazon, sondern in einem Bücherladen zu kaufen. In dem Dorf wo ich wohne gibt es noch einen, und damit das so bleibt kaufe ich Bücher praktisch nur dort.

Dem Artikel von Herrn Kreiß im Chrismon 02.2017 kann ich nur von Herzen
zustimmen.
Da ich meine, dass in der derzeitig üblichen Werbung keine zuverlässige Information steckt, vermeide ich diese, soweit möglich. Das heißt z.B kein Privatfernsehen schauen und wenn es sich doch nicht vermeiden läßt, weil Tennis nur bei Eurosport übertragen wird, dann temporär den Ton abstellen.
Ich finde, es ist auch eine Zumutung, Filme durch Werbung zu unterbrechen.
Beim Boxen z. B.
gehört eigentlich die Rundenpause mit übertragen, da nur
dann ersichtlich ist, wie es den Kontrahenten geht. So war es früher auch üblich, bei RTL aber kommt stattdessen- wie sollte es anders sein- Werbung.
Es geht also nicht nur um zweifelhafte Inhalte, sondern auch um ärgerliche Platzierung
Gottlob gibt es andere Möglichkeiten, wie z.B. Stftung Warentest, um sich über die Güte eines Produkt zu Informieren.
Vielleicht ist Werbung für die Wirtschaft nötig, mit den derzeitigen Inhalten jedoch zumindestens für den aufgeklärten und kritischen Konsumenten ohne Wert und zudem oft ein Ärgernis. Die Frage ist: wie das ändern ?
Schöne Grüße
Heinz Rauch

Ja, Werbung will mit skrupellosen Übertreibungen und Lügen verführen. Dass dies öffentlich toleriert wird, ist schlimm. Am schlimmsten ist die Wirkung auf Wachstum und gegen Nachhaltigkeit. Andererseits ist Werbung nur durch Zensur von Information abzugrenzen. Wer etwas herstellt, hat ein Recht, es auch öffentlich anzubieten - auch im Interesse sicherer Arbeitsplätze.
Das Dilemma ist nicht aufzulösen, aber zu mildern. Man müsste medien-spezifische Werbeverbote aussprechen, zb im Fernsehen. Dann würden zugleich auch die Trash-Sender verschwinden. Verbieten würde ich auch gerne die künstlichen Plakatwände.
Erlauben würde ich Werbung in Zeitungen und Postwurf-Werbung der Einzelhändler.

Gute Information und klare Thesen! - Werbung an sich jedoch lässt sich nicht verhindern, da es ein 'Naturprinzip' ist. Eine grundsätzliche 'Anti-Werbung-Haltung' ist deswegen uneffektiv, und Thesen, die nur kritisieren, machen wenig Sinn, - außer dass ich vielleicht versuchen kann mich von Werbung fernzuhalten...
Ich meine das ist die falsche Richtung. Richtiger und wichtiger wäre es den christlichen Geist zu stärken und damit positiv 'in die Welt' zu gehen! Wenn ich mich aus lauter Angst vor all den Viren und Gefahren der Welt nicht mehr traue aus dem Haus zu gehen, bin ich schon tot obwohl ich noch "lebe". - Das ist nicht was Jesus lehrt, nicht was Gott will und nicht wie Luther lebte. Wenn ich weiß wer ich bin brauch ich die Welt nicht fürchten, der Dreck um mich herum bringt mich nicht um, und ich kann sehr wohl 'in Sodom's üble Straßen gehn'. Leider versagen die christlichen Kirchen gerade diese Haltung Ihren Mitgliedern zu vermitteln und politisieren lieber mit dem Zeitgeist einher. - Gerade das würde Luther heute ändern wollen, - garantiert!

Sehr geehrter Herr Professor Kreiß,
ich teile weder Ihre Einschätzung, dass Werbung abzuschaffen wäre, noch die gezogenen Schlüsse, dass die Wirtschaft heute nicht mehr den Menschen dient. Die soziale Marktwirtschaft bringt gerade in Deutschland wunderbare Produkte hervor, bietet der weit überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung die Chance auf gute Einkommen, eine hohe soziale Absicherung und Bildung zum Nulltarif. Als Wirtschaftswissenschaftler sollten wir gerade angesichts der allgemeinen und arg verallgemeinernden Kritik an der Marktwirtschaft und am Freihandel die Errungenschaften verteidigen und erklären, anstatt sie aus dem sicheren Lehrstuhlsessel unter Feuer zu nehmen.
Gruß
Wolfgang Appel

Diskussionsbeitrag an Herrn Christian Kreiß
Sünden des Kapitalismus / Lutherische Wirtschaftsethik. Chrismon 02.2017 S. 40f.
Sehr geehrter Herr Kreiß,
natürlich ist das Luther-Jahr ein guter Anlass, an dem dicken Brett namens Kapitalismus zu bohren. Zumal diejenigen, die bohren, noch deutlich in der Minderzahl sind.
Indes halte ich moralische Appelle für ziemlich wirkungslos: Um etwas zu ändern, muss man 1. die Handelnden verstehen und 2. wissen, wo man ansetzten kann.
Konzerne handeln nicht moralisch, sondern effizient im Interesse ihrer Aktionäre. Auch im Interesse der institutionellen Anleger: Gerade haben der Staat und die Krankenkassen beschlossen, einen Teil ihrer Rücklagen in Aktien anzulegen, gewinnmaximierend, ohne ethische Einschränkungen.
Aktiengesellschaft heißt im Französischen nicht umsonst societé anonyme; je grösser die wirtschaftlichen Strukturen sind und je weniger Einfluss der einzelne Mitarbeiter hat, umso unmoralischer handeln die Beteiligten, wie Sozialpsychologen eindeutig festgestellt haben. „Es ist schwierig, einem Menschen etwas begreiflich zu machen, wenn sein Gehalt darauf beruht, es nicht zu begreifen“. Upton Sinclair.
Und mutige Whistleblower werden vor Gericht gezerrt.
Deshalb meine ich, dass es ein auf Ethik gegründetes Wirtschaften nur geben kann, wenn es eine auf Ethik gegründete Politik gibt. Und wenn die Politik sich gegen die Ökonomie durchsetzen kann. Nebenbei bemerkt gibt es schon eine Partei mit „christlich“ im Namen; teils sogar mit „christlich sozial“, ohne als besonders kapitalismuskritisch aufgefallen zu sein – die waren zu Zeiten des „Rheinischen Kapitalismus“ schon mal weiter.
Die säkulare Ethik des Dalai Lama ist ebenso kapitalismuskritisch wie die Ideen des britischen Ökonomen E. F. Schumacher, der vom Katholizismus inspiriert war. Im Islam kennt man das Zinsverbot. Christian Felber (z.B.: 50 Vorschläge für eine gerechte Welt; Geld) beruft sich auf Pachama, und der Professor für Volkswirtschaft, Dr. Karl-Heinz Brodbeck hat zu diesem Thema ein wichtiges Buch verfasst: Buddhistische Wirtschaftsethik. Eine Einführung.
Herzliche Grüße
Horst M. Heinrich

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