Archiv in der arabischen Welt

"Jetzt wird arabische Geschichte aufgearbeitet"

Foto: Estefania Peñafiel Loaiza

Relikte aus der Vergangenheit - im ehemaligen Carlton Hotel in Beirut

Monika Borgmann führt im Libanon eines der ersten öffentlich zugänglichen Archive der arabischen Welt. Das „Umam Documentation and Research“ wurde 2004 in Beirut gegründet.

Wie sieht Ihre Arbeit für das „Umam Documentation and Research“ aus?

Monika Borgmann: Wir archivieren alles, was wir bekommen. Keine Geheimakten, manchmal sind es einfache Dinge: Die Krawatte, die man auf dem Begräbnis des ehemaligen Präsidenten Hariri bekam. Vor allem sind es aber alte Zeitungen, Bücher, Audio- und Videodateien oder Fotos.

Also ein ganz normales Archivieren?

Viele Dinge funktionieren hier anders. Wie man an Dokumente kommt zum Beispiel: Als eines der ältesten Hotels in Beirut abgerissen wurde, beobachtete mein Mann zufällig, wie ein mit Papier beladener Laster von der Baustelle fuhr. Der Lkw war bis oben hin voll mit Unterlagen. Alles sollte auf den Müll. Wir stoppten den Las­ter, ­gaben den Fahrern etwas Geld und ließen sechs Ladungen zu uns fahren. 

Was machen Sie damit?

Wir stellen viele der Dokumente online. Und wir ermöglichen Künstlern, mit dem Archiv zu arbeiten. Zum Beispiel hatten wir eine Ausstellung über die „Verschwundenen“ während der Bürgerkriegsjahre.

Ist Ihr Archiv Vorbild für andere arabische Staaten?

Mit den Revolutionen wird das Aufar­beiten hoffentlich beginnen. Ägypten war jahrzehntelang eine Militärdiktatur. Die Arbeit von Umam inspiriert dort sicher die Menschen, auch in Syrien. Doch sensible Dokumente werden meist vernichtet oder versteckt. Syrien hat zum Beispiel ein ­öffentliches Archiv, aber da ist mit Sicherheit kein einziges Dokument zu finden, in dem etwas über Folter steht.

Gibt es in der arabischen Welt eine andere Erinnerungskultur?

Es gibt eher eine mündliche Tradition, Geschichte zu erzählen, aber keine na­tionale Kultur der Geschichtsschreibung. Das heißt, wenn die Zeitzeugen schweigen, verliert ein ganzes Land seine Er­innerungen. Ein anderer Effekt der Oral History: Jeder erzählt seine Wahrheit so, wie sie für ihn hilfreich ist. In einem multi­ethnischen Land wie Libanon gibt es dann zig Versionen eines Ereignisses.

Woher kam Ihr Antrieb, in Beirut ein Archiv zu gründen?

Mit Sicherheit ist es das „deutsche Erbe“, das mich dazu brachte, ein Archiv zu ­gründen. Seit jeher habe ich als Journa­listin über Gewalt geschrieben. Dabei bin ich immer der Frage nachgegangen, wie Menschen so extrem brutal werden können, wie zum Beispiel hier im Libanon während des Bürgerkriegs.

Wie kann Ihr Archiv da helfen?

Vor unserem Archiv gab es kaum Möglichkeiten, zu überprüfen, was die Leute einem erzählten. Anstatt aufzuarbeiten, hat die Regierung nach dem Bürgerkrieg im Libanon eine Generalamnestie erlassen. Man hat sich entschieden, lieber zu vergessen und zu schweigen, als hinzusehen.

Vielleicht sehnten sich die Menschen nach einem Neuanfang?

Sicher. Wir haben unser Archiv aber aus der Überzeugung heraus gegründet: Kein Land kann auf Dauer den Prozess der Vergangenheitsbewältigung umgehen.

Ist das denn so wichtig?

Es ist die einzige Möglichkeit, um Gewalt zu verhindern. Das ist im Libanon nicht gelungen – immer wieder kam es zu Konflikten mit Israel oder unter den 17 Religionsgemeinschaften. Ein großer Teil der Libanesen ist immer noch trauma­tisiert. Mein Hausarzt sagt, 70 Prozent seiner Patienten kommen nicht wegen einer Erkältung zu ihm, sondern weil sie Antidepressiva wollen.
 

Weitere Informationen über das Archiv „Umam Documentation and Research“ in Beirut:
www.umam-dr.org

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Lesermeinungen

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Liebe Monika Borgmann,
ich habe auf dem Kirchentag in Hamburg die Performance "Der deutsche Stuhl" gesehen und war danach so fertig, dass ich es nicht mehr geschafft habe, mich zu Ihnen vorzuarbeiten.
Ich bin Pfarrerin in MAinz und war 2012 von September bis Dezember in Beirut und habe an der NEST einen Studienurlaub genossen.
Ich stamme aus der DDR, der Vater meiner Tochter wurde in Stasi-UHaft ermordet, nach tagelanger Folter und ich habe jahrelang in der "Gauckbehörde" gearbeitet, um die Aufarbeitung unserer Geschichte zu promoten.
Am 3.6. 2013 komme ich wieder nach Beirut (leider nur für eine Woche), wenn Sie da einen Moment Zeit für mich haben, würde ich Sie sehr gern treffen und über Möglichkeiten der Zusammenarbeit reden.
Ich wäre Ihnen dankbar für eine Antwort
und verbleibe mit besten Grüßen
und allen guten Wünschen für den Erfolg Ihrer Arbeit
Renate Ellmenreich