Dorothea Heintze über Baugemeinschaftsrealität im Stuttgarter Tatort

Stadtoase oder Schlangengrube?
Wohnglueck- Blog Tatort

privat

Tatort Oase Ostfildern: Kommissare Lannert und Bootz am Leichenfund

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Baugemeinschaften sind im Alltag angekommen. Auf jeden Fall tauchen sie jetzt auch schon mal als Thema im Tatort vor. Das kann ganz schön lustig sein.

Nach dem kleinen Ausflug in der letzten Woche zum Thema Tiny House (danke für die Zusendung des Beitrages, liebe Anja Pausch aus dem Fichtelgebirge - ich freu mich über weitere Berichte und Erzählungen, schreibt mir gerne) geht es jetzt wieder um unser Monatsthema im März: Die Baugemeinschaft.

Wie schon erzählt, lebe ich selber in einer, und da ist es nicht verwunderlich, dass ich mich vor ein paar Wochen an einem Sonntagabend um 20.15 Uhr vor meinem Laptop wiederfand. Tatort gucken. In der Ankündigung hatte ich gelesen, dass die Geschichte in einer Baugruppe oder eben auch Baugemeinschaft spielt. Das musste ich mir ansehen.

Titel der Folge: „Das ist unser Haus“, ein Tatort aus Stuttgart. Natürlich gibt es eine Tote, dazu viele wirklich hart schwäbelnde Protagonist:innen aus der Baugemeinschaft „Die Oase – Ostfildern“ und zwei ebenfalls echt lustige Kommissare. Mietenwahnsinn und Stuhlkreise, Familienkräche, Esoterik-Geschwurbel und Seitensprünge - alles dabei. Eine "Realsatire mit Kammerspielcharakter" schrieb ein Kritiker.

Ich hab mich bei vielen Szenen köstlich amüsiert, das Ganze war mehr Satire denn real, die Gemeinschaft mehr Schlangengrube denn Oase. Im richtigen Leben, das kann ich aus eigener Erfahrung sagen, hätte es so eine Chaostruppe weder zum Kauf eines Grundstückes noch zum Bau eines Hauses gebracht. In der "Stadtoase" wollen die einen günstiges Eigentum für sich schaffen, die anderen die Welt retten. Wieder ein anderer will vor allem ökologisch bauen, was dem fünften im Bunde herzlich piepegal ist, denn er will einfach nur so schnell wie möglich einziehen, also bitte keine Ökodämmung – usw. usw.

Trotz Satire und Überzeichnung hab ich das eine oder andere im Ansatz wiedererkannt. Auch bei uns in der Gruppe gab es sehr unterschiedliche Interessen. Hatten wir das im Bauprozess wirklich ausreichend thematisiert? War uns vor unserem Einzug klar, wie verschiedenen die Interessenslage zum Mitmachen bei uns war? Ich glaube nicht.

Das Haus ist irgendwann fertig, die Gruppe entwickelt sich weiter

Ein Haus bauen ist das eine. Dafür hatten wir unsere Projektentwickler, Architekten und den Generalunternehmer. Das andere ist die Gruppenbildung. Dafür hatten wir keine professionelle Begleitung, weil wir vermutlich gedacht haben, das kommt schon von allein.

Stimmt so nicht. Zwar ist das Haus irgendwann fertig, doch die Gruppe entwickelt sich weiter. Ob mehr in Richtung auseinander, oder mehr in Richtung zusammen, das merkt man erst im Laufe der Jahre. Mit besserer Führung hätten wir mehr erreichen können. Doch das Schöne am Zusammenleben ist, dass ein Wachsen in viele Richtungen möglich ist. Ich könnte mir zum Beispiel vorstellen, dass wir in unserer Baugemeinschaft (nach Corona natürlich) noch mal einen neuen Anlauf nehmen, um mehr Gemeinsamkeiten zu schaffen. Gerade Corona hat gezeigt, was die Stärke so einer Gruppe ist, und damit meine ich nicht nur das obligatorische Singen vom Balkon. Sich gegenseitig in dieser wirklich harten Epidemiezeit zu stützen, das geht nur, wenn man sich vertraut und sich gut kennt. Das gilt für viele von uns

Zurück zum Tatort. Was denn eigentlich der Sinn so einer irgendwie auch total irren Baugruppe sei, fragt der eine Kommissar die Protagonistin Ulrike am Ende. Ulrike hält die Gruppe zusammen, gespielt wird sie von der großartigen Christiane Rösinger, im eigentlichen Leben Musikerin und Ex-Schlagzeugerin von "Ton Steine Scherben".

Ihr Fazit: "Weil es halt auch die einzig mögliche Art ist, mit Menschen zusammenzuleben. Menschen an sich sind halt schwierig und nervtötend und fehlerhaft. Aber wer das nicht will, der kann ja in so ein Reihenhaus ziehen und sich dann am Ende wundern, wenn er stirbt und keiner vermisst ihn. Hier hat man also die ständige Auseinandersetzung mit Leuten, die sich die Hälfte der Zeit aufführen wie egozentrische Kleinkinder. Aber die finden einen wenigstens, wenn man tot ist."

PS: Für alle, die sich gut auch noch ein paar mehr Gründe vorstellen könnten, eine Baugemeinschaft zu gründen, empfehle ich (neben Tatort-Gucken natürlich), sich zu informieren und sich helfen zu lassen. Zum Beispiel beim Bundesverband für Baugemeinschaften.

 

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Über diesen Blog

Dorothea Heintze lebt in einer Baugemeinschaft in Hamburg und weiß aus eigener Erfahrung: Das eigene Wohnglück finden ist gar nicht so einfach. Dabei gibt es tolle, neue Modelle. Aber viele kennen die nicht. Und die Politik hinkt der Entwicklung sowieso hinterher. Über all das schreibt sie hier.

Dorothea Heintze
Eine Landkommune war der Jugendtraum von Dorothea Heintze, geworden ist es eine glückliche Kleinfamilie in der Großstadt. Aktuelle Weiterentwicklung: Eine Baugemeinschaft. Wie findet man das eigene Wohnglück? Wer und was hilft? Wieso gibt es so wenig kreative Ideen in der Politik. Und warum gibt es so wenig Gemeinwohl im Wohnungsbau? Über all das geht es in diesem Blog. Sie haben eigene Ideen? Fragen? Schreiben Sie der Autorin.

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