Tschüss autogerechte Stadt - willkommen Gender Plus Stadtplanung

Lernen von Wien
Aufmacher zum Workshop "Wie wollen wir leben?" gendergerechtere Staedteplanung

DenkTräume/Janna Hickehier

Letzte Woche dürfte ich einen Online- Workshop zu Stadtplanung und Gender-Mainstraiming moderieren. Nun weiß ich, was ein Fairnesscheck ist - und dass Stadtplanung ein Thema ist, was wirklich viele interessiert.

Manchmal sind es die Dinge, die zunächst gar nicht soo wichtig erscheinen. Zum Beispiel öffentliche Toiletten in der Stadt. Warum gibt es davon so wenige? Warum sind sie in deutschen Städten so oft kostenpflichtig und wäre es nicht viel besser, es gäbe Uni-Sex-Toiletten, statt welche nach Männern und Frauen getrennt? Schließlich ist schon länger bekannt, dass es mehr Geschlechter als nur diese beiden gibt.

„Wie wollen wir leben – Geschlechtergerechte Stadt – neue Chancen durch die Pandemie“ hieß ein Online-Workshop, bei dem ich letzte Woche zwei Panels moderieren dürfte. Doch da Stadtplanung schon seit Jahren eines meiner Herzensthemen ist, war ich die auch „Teilnehmerin“ und hab mich über viele interessante Beiträge gefreut. Zugeschaltet aus Wien war beispielsweise die Stadtplanerin Eva Kail.

Eva Kail gehört in Europa zu den ersten Frauen, die maßgeblich eine der großen Hauptstädte mitgeplant und mitgestaltet hat und sich jahrelang in einer rein rein männlich besetzten Domäne beweisen musste. Sie steht damit ganz in der Tradition ihrer berühmten Vor-Streiterin für gute Städte, der US-Amerikanerin Jane Jacobs. Deren Buch „Tod und Leben großer amerikanischer Städte“ hat in den 1960er Jahren maßgeblich ein erstes Umdenken in der Stadtplanung bewirkt.

"Da springe ich den Mädchen einfach vor die Füße"

Eva Kail hat für Wien bewiesen, dass die autogerechte Stadt endgültig der Vergangenheit angehört und dass die grundsätzliche Trennung von Wohn- und Arbeitsvierteln nie eine gute Idee gewesen ist. Mit ihrem – meist weiblich besetzten Teams - hat sie Stadtviertel in Wien mitgeplant, in denen Frauen sich abends auf dem Heimweg nicht in der Dunkelheit fürchten müssen, in denen es Spielstraßen und gendersensible Parks und Plätze gibt.

Jungs oder Mädchen, diverse Menschen, Menschen mit Behinderungen, alte Menschen, kleine Kinder – alle haben unterschiedliche Bedürfnisse und unterschiedliche Ansprüche. Um die zu berücksichtigen hat Wien viel ausprobiert und in Richtlinien und Planungsempfehlungen niedergeschrieben. Fest etabliert ist beispielsweis der "Fairness-Check": Besondere Gruppen werden besonders berücksichtigt.

Doch wie erfahren die Stadtplanerinnen von diesen besonderen Ansprüchen? Bestimmt nicht, in dem sie stark formalisierte Beteiligungsformate organisieren, wo die immer gleichen Leute mit der immer gleichen Bestimmtheit etwas für ihre Gruppe einfordern.

In Wien geht das Beteiligungsteam auf die Straße, oder wie es Eva Kail erzählte: „Da springe ich einem Mädchen auch einfach mal vor die Füße und frag sie direkt: Komm, vote mit. Was genau brauchst Du auf diesem Platz?“ Die Resonanz eines älteren Migranten, so berichtete sie, war für sie sehr berührend: “Mich fragt Ihr? Ich werde gefragt?“ So im Sinne von „Ich spiel doch eigentlich keine Rolle… 

Der Chat lief voll

Im Workshop ging es jedoch nicht nur um Wien. Beispiele aus Hamburg, Berlin oder Brüssel, aus Vergangenheit und Gegenwart, aus Forschung und praktischer Arbeit wurden gehört und diskutiert. Zwischen 50 und oft sogar 80 Menschen waren dabei, von Donnerstagabend bis Freitag am späten Nachmittag. Ein Mammutprogramm, doch viele blieben dran. Der Chat im Zoom-Bildschirm lief über und wir vom Orga-Team kamen den vielen Fragen und Anregungen manchmal kaum hinterher.

Organisiert hatte die Konferenz ein Dreiergespann aus: Die ver.di-Frauen Hamburg, die Heinrich Böll Stiftung Hamburg und das autonome Frauen*bildungsprojekt DENKtRÄUME.

Gender Plus-Beirat und ein autofreier Tag in Hamburg!

Neben den Podien gab es auch Workshops, denn es sollten Wünsche und Forderungen für das letzte Panel mit Hamburgs Stadtentwicklungssenatorin, Dr. Dorothee Stapelfeldt, Verkehrssenator Dr. Anjes Tjarks und der stellvertretenden ver.di Landesvorsitzenden von Hamburg, Siggi Frieß, gesammelt werden. Genau diese Wünsche konnten wir dann auch übermitteln – zwei davon lauten: einen behördenübergreifenden Gender-Plus Beirat in Hamburg und so bald wie möglich einen autofreien Tag in der Stadt! Toll, wenn etwas daraus werden würde.

Zurück zu den Toiletten: Wusstet Ihr, dass das Wort „Rest-Rooms“ daherkommt, weil in den USA die ersten öffentlichen Toiletten schon im 19. Jahrhundert eingerichtet wurden? Damals trug Frau ein enges Korsett und wenn sie, was den Herren der Geschäfte ein großes Anliegen war, stundenlang shoppen ging, dann musste sie zwischendurch mal die Korsage öffnen und Luft holen – in den Restrooms. Erzählt hat uns dies die Berliner Urbanistin Dr. Mary Dellenbaugh-Losse.

Und noch eine Info für alle Menschen in und um Hamburg: Das Forschungsteam vom CityScienceLab der Hafencity Universität Hamburg sucht Eltern, Pflegende und unbezahlte Sorgearbeiter:innen für eine konkrete Befragung ihrer Mobilitätsbedarfe, vom 06.12. bis 12.12.2021. Wenn Ihr zu dieser Gruppe gehört, und gerne erzählen wollt, wie Ihr Euch in Hamburg bewegt, dann schreibt eine Mail an Michael Ziehl oder ruft ihn an: Tel. +49 (0)40  42827-5621.
Wer weiß, vielleicht sind die Ergebnisse dann ja mal wieder Thema in diesem Blog.

Infobox

Infos:
Die gesamte Themen- und Teilnehmer*innenliste findet Ihr in diesem Flyer. Einige der Panels wurden aufgezeichnet und werden demnächst auf dem Youtube-Kanal der Böll-Stiftung Hamburg veröffentlicht. Wer mehr wissen möchte und Fragen zum Material hat, wendet sich bitte ebenfalls an die Böllstiftung und zwar direkt per Mail an Jörn Dobert.

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Über diesen Blog

Dorothea Heintze lebt in einer Baugemeinschaft in Hamburg und weiß aus eigener Erfahrung: Das eigene Wohnglück finden ist gar nicht so einfach. Dabei gibt es tolle, neue Modelle. Aber viele kennen die nicht. Und die Politik hinkt der Entwicklung sowieso hinterher. Über all das schreibt sie hier.

Dorothea Heintze
Eine Landkommune war der Jugendtraum von Dorothea Heintze, geworden ist es eine glückliche Kleinfamilie in der Großstadt. Aktuelle Weiterentwicklung: Eine Baugemeinschaft. Wie findet man das eigene Wohnglück? Wer und was hilft? Wieso gibt es so wenig kreative Ideen in der Politik. Und warum gibt es so wenig Gemeinwohl im Wohnungsbau? Über all das geht es in diesem Blog. Sie haben eigene Ideen? Fragen? Schreiben Sie der Autorin.

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