Hinz&Kunzt Wohnhaus für obdachlose Menschen in Hamburg eingeweiht

Jeder Mensch hat ein Recht auf Wohnen
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Mauricio Bustamante

Herzlich willkommen - in Hamburg St. Georg steht das neue Wohn- und Redaktionshaus von Hinz&Kunzt

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In Hamburg wurde ein großartiges Haus eröffnet - Wohnungen für obdachlose Menschen und die Zeitungsredaktion von Hinz&Kunzt sind jetzt unter einem Dach.

Freiwillig obdachlos? Nein, über so eine Unterstellung kann Stephan Karrenbauer nicht mal mehr lächeln. Seit 27 Jahren ist der Sozialarbeiter jetzt bei Deutschlands ältester Straßenzeitung Hinz&Kunzt dabei und weiß längst: "Niemand ist freiwillig auf der Straße. Kein Mann, keine Frau, kein Jugendlicher." Obdachlosigkeit, so Karrenbauer, ist ein hartes Schicksal. 

Wie schlimm es obdachlosen Menschen in der Stadt an der Elbe oft geht, hatte ich schon mal in einem Blog-Beitrag beschrieben: Während viele von uns ihr eigenes Wohnglück immer weiter perfektionieren, haben andere gar kein Dach über dem Kopf.

In Hamburg ist das jetzt zumindest für eine kleine Anzahl von obdachlosen Menschen anders.

Einige sind schon eingezogen

Das Haus, das ich an diesem Morgen zusammen mit Stephan Karrenbauer besichtige hat einen großen freundlichen Eingang mit Empfangstresen und Kaffeeküche hinten. Die ersten Verkäuferinnen und Verkäufer stehen schon vor der Tür. Sie warten auf ihre Zeitungen, damit sie sie austragen, bzw. verkaufen können. Und ein paar von ihnen wohnen schon hier, oder werden bald einziehen, denn alle 24 Plätze in den Wohnetagen oben sind bereits vergeben.

Neben der Zeitungsredaktion im ersten Stock beherbergt der Neubau in Hamburg St. Georg insgesamt fünf Wohngemeinschaften und eine Familienwohnung. Auch die ist schon besetzt, wie Stephan Karrenbauer berichtet. Von einer Familie mit zwei kleinen Kindern, die seit Jahren von der Sozialbehörde von einem untragbaren Lebensort zum anderen geschoben wurde. Jetzt, so habe der Vater erzählt, würden die Kinder zum ersten Mal in ihrem Leben in einem angstfreien Umfeld leben. Stephan Karrenbauer ist glücklich über diese Entwicklung. Er steht mit allen Menschen, die hier einmal wohnen werden oder schon wohnen, im engen Kontakt. Genau das ist auch das Geheimnis der Erfolgs- oder wie er viel lieber sagt: "Nischenprojektes".

Hier werden Menschen einziehen, die nicht mehr allein leben wollen

"Was wir hier haben, ist auf uns zugeschnitten." Eine jahrzehntelange Erfahrung in praktischer Sozialarbeit und in direktem Kontakt mit obdachlosen Menschen hat das Team von Hinz&Kunzt zusammenwachsen lassen. Im Team entscheiden sie, wer hier einzieht, im Team haben sie die Wohnungen mit ihren Einzelzimmern entworfen, wohl wissend, dass es hier um Menschen geht, die vielleicht schon viele, viele Jahre völlig vereinzelt auf der Straßen gelebt haben.

"Wenn sie die auf einmal ohne Vorbereitung in eine Gemeinschaftswohnung mit einer Küche und einem Fernseher packen, dann gibt es Zoff", weiß Stephan Karrenbauer. Also haben alle Zimmer einen kleinen Kühlschrank zusätzlich zu dem in der Gemeinschaftsküche, und auch einen eigenen kleinen Fernseher im Zimmer. Aber die Hauptdevise heißt: "Jeder kann hier seine Individualität leben, aber ganz klar geht es auch um die Gemeinschaft", so Karrenbauer. In der Minenstraße 9 werden nur Menschen einziehen können, die grundsätzlich "nicht allein leben wollen".

Als "Wächter der Innenstadt" galt die Redaktion von Hinz&Kunzt seit Gründung der Zeitung im Jahr 1993. Die Redaktionsräume lagen direkt in der City, direkt neben der Mönckebergstraße, einer der wichtigsten Shoppingmeilen Hamburgs. Nun zog das Team nach St. Georg - und genau das ist zeitgemäß. Denn Obdachlosigkeit, so Karrenbauer, sei schon längst nicht mehr nur ein  Phänomen von Innenstädten in Hauptbahnhofnähe. Obdachlose Menschen gibt es längst auch in allen Stadtvierteln von allen Großstädten Deutschlands. So gesehen ist die Redaktion von Hinz&Kunzt jetzt genau da hingekommen, wo sie hingehört. In ein eng bewohntes Stadtviertel, umgeben von lauter "ganz normalen" Wohnhäuser. Glückwunsch liebe Menschen bei Hinz&Kunzt: Wie gut, dass es Euch gibt!

 

PS: Möglich wurde das ganze Projekt (natürlich) mal wieder durch viele engagierte Menschen, wie den Sozialinvestor Holger Cassens und die Amalie Sieveking Stiftung (auch sie haben wir schon mal in chrismon porträtiert.

 

 

 

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Dorothea Heintze lebt in einer Baugemeinschaft in Hamburg und weiß aus eigener Erfahrung: Das eigene Wohnglück finden ist gar nicht so einfach. Dabei gibt es tolle, neue Modelle. Aber viele kennen die nicht. Und die Politik hinkt der Entwicklung sowieso hinterher. Über all das schreibt sie hier.

Dorothea Heintze
Eine Landkommune war der Jugendtraum von Dorothea Heintze, geworden ist es eine glückliche Kleinfamilie in der Großstadt. Aktuelle Weiterentwicklung: Eine Baugemeinschaft. Wie findet man das eigene Wohnglück? Wer und was hilft? Wieso gibt es so wenig kreative Ideen in der Politik. Und warum gibt es so wenig Gemeinwohl im Wohnungsbau? Über all das geht es in diesem Blog. Sie haben eigene Ideen? Fragen? Schreiben Sie der Autorin.

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