Warum Intensivschwestern gehen

Selbst Lotta kann nicht mehr
Warum Intensivschwestern gehen

Daniel Biskup/laif

Pflegerin in einer Corona-Intensivstation

Schwabmuenchen, Schwabmuenchen, Landkreis Augsburg, Corona Krankenhausampel in Bayern auf Rot, Intensivpflegerin bei einem Patientien auf der Coronastation der Wertachklinik
Deutschland, Europa, Augsburg, 09.11.2021

Meine Freundin Lotta liebte das Arbeiten auf der Intensivstation. Nun hat auch sie gekündigt.

Ich kenne Lotta schon seit dreißig Jahren. Wir haben Anfang der 1990er Jahren zusammen die Ausbildung zur Krankenschwester gemacht. Lotta, die in echt anders heißt, war damals frisch aus der gerade abgewickelten DDR nach Frankfurt gekommen. Mit knapp achtzehn und bereits ausgebildete Tierwirtin.
Heute ist sie 48, und anders als ich arbeitet sie noch in der Pflege. Seit acht Jahren ist sie auf einer Intensivstation für Beatmungspatient:innen eingesetzt. Während der Pandemie liegen dort überwiegend Covid-Kranke. Lotta war immer eine echte Herzblut-Krankenschwester und steckte immer voller Energie. Umso erstaunter war ich, zu hören, dass sie jetzt gekündigt hat. Am Telefon erzählt sie mir, warum.

 Lotta, wenn sie mal frei hatprivat

Ich: Warum gehst du weg von der Intensivstation?

Lotta: Ich wollte nicht warten, bis ich krank werde. Zum einen schlaucht der Schichtdienst, den ich seit dreißig Jahren mache. Frühdienste ab 6 Uhr, Nachmittags bis 21 Uhr, drei bis vier Nachtdienste im Monat. Jedes zweite Wochenende arbeiten. Zum anderen setzt mir der Stress zu. Ich habe andauernd ein schlechtes Gewissen. Wenn bei dem einen Patienten etwas Dringendes zu tun ist, muss ich einen anderen alleine lassen. Dann rattert es in meinem Kopf: Ich muss rüber, der andere braucht noch die Antibiotika oder muss unbedingt umgelagert werden.

Auf deiner Station pflegt Ihr seit fast zwei Jahren überwiegend Covid-Patienten. Spielt das auch eine Rolle?

Auf jeden Fall. Corona-Patienten sind anderes als andere. Man muss immer damit rechnen, dass etwas passiert. Plötzlich sind die Nierenwerte schlecht. Oder der Sauerstoffgehalt sinkt dramatisch. Oder die Füße werden schwarz, weil die kleinen Blutgefäße durch Embolien verstopft sind. Corona ist für mich keine Lungenkrankheit, sondern betrifft viele Organe. Nach einem Herzinfarkt geht es langsam aufwärts, die Lage stabilisiert sich. Bei Corona bleibt es sehr lange wackelig. Wir sind eigentlich immer auf der Hut. Das setzt einem zu.

Ist es auch körperlich anstrengender?

Ja, weil diese Patienten in der Regel übergewichtig sind, oft über hundert Kilo wiegen. Manchmal muss so jemand schnell in die Bauchlage gedreht werden, damit die Lunge besser belüftet wird. Dazu brauche ich mindestens drei weitere Kollegen. (Die dann übrigens in ihren Zimmern fehlen) Wenn wir Glück haben, schaffen wir das in einer halben Stunde. Schon nach fünf Minuten sind wir alle klatschnass bis auf die Unterwäsche. Unter der Schutzkleidung schwitzt man sofort. Duschen kann ich danach nicht, mich höchstens schnell umziehen, bevor es weiter geht. Die Pflege vor Corona war schon schwer, jetzt ist sie noch schwerer.

Wie ist die Stimmung unter deinen Kolleg:innen? Wollen die auch weg?

Viele spielen mit dem Gedanken. Und manche schauen sich auch aktiv um.

Hast du schon eine neue Stelle?

Ja. Ich werde in einem anderen Krankenhaus in der Endoskopie-Abteilung arbeiten. Dort liegen keine Patienten, sondern sie kommen nur zur Untersuchung her. Ich werde keinen Schichtdienst mehr machen, sondern Montags bis Freitags von 7:15 bis 15:30 arbeiten. Dafür gibt es weniger Geld, aber eben auch viel weniger Stress.

Freust du dich?

Ich bin gespannt und glaube, dass es die richtige Entscheidung ist. Aber ich habe die Intensivpflege schon sehr geliebt.

Du wolltest schon nach dem Examen auf die Intensivstation. Warum eigentlich?

Hier ist man sehr nah dran an den Menschen. Ich betreue zwei oder drei beatmete Patienten, bin meistens bei ihnen im Zimmer und kriege alles mit: Wie der Blutdruck sich stabilisiert, nachdem ich Medikamente gegeben habe. Ob sich der Brustkorb leicht oder mühsam hebt und senkt. Ich kann schnell reagieren, wenn es brenzlig wird. Muss es natürlich auch. Ich finde es faszinierend, was die hochtechnisierte Medizin alles kann.

Kommt man denn überhaupt noch ran an die Kranken zwischen all den Apparaten?

Natürlich, das müssen wir ja auch. Einmal am Tag waschen wir die Patienten von Kopf bis Fuß. Alle zwei bis drei Stunden lagern wir sie um, damit sie sich nicht wundliegen. Wir putzen ihnen die Zähne und saugen die Atemwege mit einem Schlauch ab, wechseln Verbände. Und das ist nur die Basis. Man muss bei all dem aufpassen, dass die Schläuche und Kabel sich nicht lösen oder falsch liegen. Das macht es mühsam. Und es ist laut. Andauernd piepst es, an verschiedenen Geräten, dazu brummen die Beatmungsgeräte.

Weißt du, wer gegen Covid geimpft ist und wer nicht?

Ja, diese Information erhalten wir gleich bei der Aufnahme.

Spielt das eine Rolle für dich?

Ich behandele alle gleich. Aber wenn ich mich so abschufte, werde ich manchmal sauer und denke: Das ist so überflüssig! Warum schützen sich die Leute nicht!? Die Ungeimpften bilden die ganz große Mehrheit. Manche sind noch jünger als ich. Ein Mann steckte sich im Türkei-Urlaub an. Eine schwangere Frau reiste nach Rumänien, kam krank zurück und verlor ihr Baby. Ich habe bislang nur fünf Impfdurchbrüche erlebt. Und das waren alte Menschen mit Vorerkrankungen.

An welchen Covid-Fall erinnerst du dich besonders gut?

An meinen ersten. Das war im März 2020, als alles losging. Ein Mann Mitte fünfzig, er kam vom Skifahren in Österreich. Bei der Aufnahme war sein Sauerstoffgehalt im Blut extrem niedrig. Er musste beatmet werden, das bedeutet, dass wir ihn ins künstliche Koma legen müssen. Ich weiß noch, als ich ihm das Telefon ans Ohr hielt und er zu seiner Frau sagte: „Die bringen mich jetzt zum Einschlafen. Ich weiß nicht, wie ich da durch komme. Ich habe dich lieb.

Und wie ist er durchgekommen?

Er hat überlebt, zum Glück. Aber er lag fast zwei Wochen an der Beatmungsmaschine, und als er in die Reha entlassen wurde, fragte er mich bang: Meinen Sie, ich werde wieder laufen können? Im Sommer drauf, also 2021, hat er uns besucht. Ich habe mich so gefreut. Er hat immer noch mit Flashbacks an die Narkose-Zeit zu kämpfen, aber insgesamt ging es ihm gut.

Wie oft hast du erlebt, dass jemand an Corona stirbt?

Im Winter 2020/21 passierte das fast täglich. Zurzeit seltener. Was ich schlimm finde: Normalerweise decken wir die Verstorbenen mit einem weißen Laken zu, bevor wir sie in den Leichenkeller fahren. Die Corona-Toten müssen wir in einen Plastiksack legen. Hygieneregel. Den Reißverschluss über dem Gesicht eines Menschen zuzuziehen - das tut mir innerlich richtig weh.

Wirst du auf die Intensivstation zurückkehren, wenn die Pandemie vorbei ist?

Das ist nicht mein Plan, aber man weiß nie. Erstmal will ich mich auf das Neue einlassen.

 

PS: Abschied - auch bei mir

Ich bin gespannt, wie es Lotta gefallen wird und wünsche ihr alles Gute! Auch ich bin in Abschiedsstimmung. Ich werde mich beruflich verändern und diesen Blog deshalb erst einmal ruhen lassen. Die Pflege werde ich weiter im Blick behalten. Dass die Öffentlichkeit jetzt so interessiert auf diesen Beruf schaut, ist eine Chance. Die wir unbedingt nutzen müssen. Pflegende brauchen Arbeitsbedingungen, die ihnen Lust machen, im Beruf zu bleiben.

 

 

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Das ist alles unzumutbar und verständlich. Und die Alternative?
Keine andere Berufsausbildung. Und wenn doch, dann nicht mehr gefragt, weil nicht auf dem notwendigen Leistungslevel. Für alle andere anspruchsvollen Tätigkeiten ungeeignet, mit 50 noch eine neue Ausbildung beginnen? Mit dem Frust vom Regen in die Traufe? Wir sind alle mit Lotta in unserer eigenen Falle.

Über diesen Blog

Schwester, Schwester! Hanna Lucassen erzählt von Streiks, Spritzen und Sonntagsdiensten.

Hanna Lucassen
Hanna Lucassen ist heute Journalistin - aber sie hat auch mal einen ordentlichen Beruf erlernt: 1994 machte die Frankfurterin ihr Diplom als Krankenschwester. In der Corona-Pandemie arbeitete sie einmal die Woche als Coronatesterin in einem Altenheim.

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